SUV brechen alle Verkaufsrekorde, sind aber höchst umstritten. Sollen die Fahrzeuge verboten werden?
Der schreckliche Unfall in Berlin hat die Diskussion um den Sinn und den Unsinn von SUV weiter angefacht. Einerseits brechen SUV gerade Verkaufsrekorde. Ihr Anteil (inkl. Geländewagen) im Fahrzeugbestand beträgt rund 13 Prozent, Tendenz stark wachsend. Immerhin sind 20 Prozent aller Neuwagen ein SUV. Die Vorteile des Fahrzeugstyps sind klar. Die hohe Sitzposition bringt etwas mehr Übersicht, das Platzangebot ist meist gut bis sehr gut und Sicherheit hervorragend. Die Nachteile sind auch bekannt. SUV verbrauchen deutlich mehr Sprit und treiben die CO2-Emissionen weiter nach oben. Zudem nehmen sie viel Platz weg und sind ein Ärgernis im Straßenverkehr.
Ein kritischer Punkt sind Unfälle. Das hohe Gewicht der SUV sorgt bei Unfällen für eine erhöhte Aufprallenergie, die vor allem zulasten des Unfallgegners gehen kann. Richtig schlecht sieht es für Fußgänger und Fahrradfahrer aus. Durch die hohe Stirnfläche vorne, werden vor allem Fußgänger nicht mehr auf Höhe der Oberschenkel getroffen, sondern im Oberkörperbereich. Das führt zusätzlich zu schweren inneren Verletzungen. Kinder werden direkt am Kopf getroffen, wie dieser Tweet eindrucksvoll zeigt.
Tatsächlich kann man sich fragen, warum man in der Stadt ein 2.5 Tonnen schweres, über 2 Meter breites und ebenso hohes Fahrzeug bewegen muss. Man kann seine 80 Kilo Lebendgewicht auch deutlich nachhaltiger durch die Gegend bewegen. Wenn man parallel liest, dass die Deutschen auch noch 53 Prozent aller Ultrakurzstrecken (1 bis 2 Kilometer) mit dem Auto zurücklegen, muss man sich schon die Frage stellen, ob das alles so richtig ist mit dem SUV.
Deutschland ???????? ist vollkommen irre. 53% der Wege 1-2 km fahren wir mit dem ????! Unsere Nachbarn weniger als die Hälfte. Wenn wir es nicht schaffen, für diese Mini-Strecken Alternativen attraktiv zu machen, dann wird das nix mit #Klimaschutz im Verkehr! #MehrPlatzFürsRad pic.twitter.com/feYIUnNzBo
— Stephanie Krone (@FrauKrone) September 4, 2019
Das Argument der Befürworter von SUV lautet oft, dass diese Fahrzeugklasse nun mal die beschrieben Vorteile bieten würde und der Markt das schon entscheiden würde. Und dass es schließlich auch schon immer große Limousinen wie die S-Klasse geben würde.
Das Argument mit der S-Klasse ist allerdings nicht stichhaltig, denn die Luxusklasse erreicht kaum Verkaufszahlen um die 30 Prozent und taucht dementsprechend selten im Straßenverkehr auf. Es geht auch gar nicht um die SUV oder Geländewagen, die zum Beispiel Förster dringend benötigen. Viel mehr geht es um die schiere Zahl an SUV, die im Moment auf sowieso überfüllte Innenstädte trifft.
Auch das Argument mit dem Markt halte ich für wenig überzeugend. Die aggressive Werbung der Autoindustrie in Sachen SUV und deren Preisgestaltung sorgt dafür, dass die Fahrzeuge in diesem Mengen in den Markt gedrückt werden. Wenn man die Wahl zwischen einem Tiguan und einem Golf hat, die bei vergleichbarer Ausstattung sich preislich kaum unterscheiden, fällt vielen die Entscheidung leicht. Das weiß ich auch aus eigener familiärer Erfahrung.
Eine andere Frage ist, ob man auch alles nutzen muss, was technologisch möglich ist. Befürworter von SUV definieren diese Klasse als letzte Errungenschaft in der automobilen Evolution, deren Nutzung also quasi naturgegeben ist. Aber ich vergleiche Autos gerne mit Essen. Man braucht es unbedingt und es gibt verschiedene Möglichkeiten Essen zu nutzen. Mache Leute haben es nicht so damit und sind dann mit einem Brötchen zufrieden. Manche wollen Kaviar auf dem Toast. Aber fast allen Menschen ist gemein, dass man es mit dem Essen nicht übertreiben sollte. Man kann nur drei Mal am Tag warm essen und jeden Tag mit Käse überbackene Pasta zu essen ist halt nicht gesund.
Nur weil es also etwas gibt, heißt dass noch lange nicht, dass man es auch völlig ausnutzt. Wir haben auch gelernt, dass Schildkrötensuppe eventuell ganz lecker sein kann, ökologisch aber eine Sauerei ist. Es ist also durchaus nicht so, dass die Menschheit sich nicht mit weniger bescheiden kann, wenn sie den Sinn dahinter einsieht. Diese Differenzierung scheint den Befürwortern von SUV völlig zu fehlen.
Was wir auf der Straße eigentlich benötigen sind mehr Fahrzeuge wie der Renault Zoe oder der Smart Fortwo. Was wir bekommen sind SUV, die gegenüber herkömmlichen Kombis keinen Vorteil bringen und nur mehr Energie verbrauchen.
Wie man damit umgeht, ist schwer zu sagen. Die Idee einer SUV-Steuer ist nicht schlecht. Es würde, vor allem in der Mittelklasse, den Trend zum SUV vermutlich ausbremsen, wenn man die Steuer richtig gestaltet. In der Luxusklasse wird die Steuer nichts oder nur wenig bringen. Wobei es dann wieder genau diese Fahrzeuge (Porsche Macan, Cayenne, VW Touareg, Audi Q7, Q8, BMW X5, X6, X7 usw.) die besonders absurd groß geraten sind.
Eine zweigeteilte Besteuerung wäre angebracht. Zum einen eine Steuer, die direkt beim Verkauf erhoben wird, zum anderen einen weitere über die Kfz-Steuer. Dazu sollten die Gemeinden für SUV Parkbeschränkungen und erhöhte Parkgebühren erheben. Eine andere Variante wäre ein Innenstadtverbot für Privatfahrzeuge, die mehr als 2 Tonnen wiegen. Vermutlich würde sich dann das Problem langsam von alleine erledigen.

6 Kommentare zu „SUV Diskussion: Es muss was passieren“
Eine kleine Korrektur: Das mit der Schildkrötensuppe ist ein Mythos. Tatsächlich hast Du höchstens in Japan oder China mal eine solche gegessen. Was Du gehabt hast, war Mock Turtle Soup. Hast Du Dich schon mal gefragt, was für eine Sorte Schildkröte eine Mock Turtle ist? DIe taucht auch in „Alice im Wunderland“ auf – und hat einen Rinderkopf. Aus dem nämlich wurde seit dem 19. Jahrhundert Schildkrötensuppe hergestellt.
Das habe ich selbst erst in diesem Sommer erfahren, als ich in der The Fat Duck Restaurant essen war. Mehr dazu bei Völlerei und Leberschmerz:
https://www.voellereiundleberschmerz.de/episode-16-wie-isst-man-eigentlich-eine-uhr-urlaubspostkarten-aus-uk-kreta-kentucky/
Lustiger Nebenschauplatz, aber der Kommentar zur Mockturtle ist doch Quatsch… Don schreibt doch nicht von seinen Suppenerfahrungen, sondern vom Verhalten der Menschheit. Und da gab es eben über lange Zeit eine Delikatesse namens Schildkrötensuppe aus – you name it – Suppenschildkröte. Bis diese dann vor einigen Jahrzehnten unter Artenschutz gestellt wurde. Die Mockturtle hat sich parallel als Arme-Leute-Essen entwickelt, für Leute, die Schildkrötensuppe essen wollen, sich aber keine Kröte leisten konnten.
Abgesehen davon bin ich beim Artikel auch bei Don, ich würde bloß vielleicht nicht sagen, dass Autos so essentiell sind wie Essen.
[…] beraten, sich um Angebote zu kümmern, die die Bürger mitnehmen. Mit Verboten oder auch der von Don Dahlmann befürworteten Strafsteuer klappt das sicher […]
Das Schlimmste Wissen ist Halbwissen – ich fahre seit 3 Jahren einen SUV und habe mein Fahrverhalten komplett verändert – soll heissen, ich fahre weniger aggressiv als zuvor mit einem entsprechend motorisiertem Kombi. Meine Kaufentscheidung war die Sicherheit im SUV bei Unfällen für mich und meine 2 Kinder als Insassen – was ist daran falsch?
Und abgesehen davon, dass es bei 50 km/h sowieso egal ist, ob ein Fussgänger von einem SUV oder einem beispielsweise Smart überfahren wird, kann ich, selbst wenn ich es wollte, weder einen Fussgänger noch ein ähnlich aussehendes Lebewesen überfahren, da mein SUV mit Sicherheitstechnik ausgestattet ist, die selbstständig eine Vollbremsung einleiten würde, sollte ein ‚Hindernis‘ zu erkennen sein. So auch beim Ausparken/Rückwärtsfahren usw. Sogar im Stau. Demnach müsste jeder Verkehrsteilnehmer im Grunde froh sein, einem SUV zu begegnen.
So ist das Thema mal wieder Dank der zahlreichen Social-Media-Plattformen, bei denen sich jeder Halbwissende auslassen kann und dies auch nutzt, ziemlich lächerlich. Die Konsequenz: falls SUV’s bald mehr kosten sollten, weil sie SUV’s sind, kaufe ich einen ökologisch unauffälligen Kleinwagen, bei dem im Falle eines Unfalls der Fussgänger direkt in der Windschutzscheibe landet aufgrund fehlender Sicherheitsvorkehrungen. Und der stirbt dann – was ja auch einen gewissen positiven Effekt auf den Kohlendioxid-Ausstoss hat – sind dann alle froh?
Ein kleines Detail dazu: Der Wagen (ein moderner SUV), mit dem in Berlin gerade vier Menschen, darunter ein Dreijähriger, getötet wurden, „zeigt Schwächen beim Fußgängerschutz und bei der aktiven Sicherheit“, so der ADAC im Fazit eines Crashtests dieses Fahrzeugmodells.
Darüber hinaus scheint das Verletzungsrisiko für Unfallopfer tatsächlich eher von der Geschwindigkeit des unfallverursachenden Fahrzeuges abzuhängen als davon, ob es ein SUV, ein normaler PKW oder ein Sportwagen ist.
Allerdings ist das Risiko lebensgefährlicher Verletzungen von Unfallopfern bei der Kollision mit einem SUV (im Vergleich zu anderen PKW-Typen) höher. Man muss kein Unfallchirurg sein, um zu erkennen, dass ich bei einem Aufprall meines Oberkörpers (oder, wenn ich Kind bin, meines Kopfes) auf das Profil eines höhergebauten SUV in der Regel schlimmere Verletzungen erleide, als wenn mich ein (idR auch noch masseärmeres) niedriger gebautes Fahrzeug mit der gleichen Geschwindigkeit am Oberschenkel erwischt.
@susanne
Normale Autos sind übrigens auch mit Sicherheitstechnik ausgestattet. Das sind Serienausstattungen bzw. zukaufbare Optionen und haben gar nichts damit zu tun, ob man einen SUV kauft oder nicht.
Wenn sie mit einem normalen Kombi aggressiver fahren als mit einem SUV, dann sagt das nichts über das Auto aus, aber über ihr Fahrverhalten.