Ich widerspreche Martin Weigert ja nur ungern, aber er hat Unrecht, wenn er meint, dass das LSR und die Aktivitäten der Verlage im Netz und rum um digitale Innovationen sich widersprechen. Für die Verlage existiert da kein Unterschied, weil digitale Innovationen schon lange Teil des Geschäftsfeldes sind und in Zukunft auch weiter ausgebaut werden sollen. Die Verantwortlichen in den Verlagen sind ja nicht blind, was Investitionen angeht und sehen durchaus, dass sich in dem Bereich Geld verdienen lässt. Strategische Investitionen in Startups gibt es schon seit Langem, auch aus Inkubatoren heraus. Wenn es Geld bringt, warum nicht? Springer selber hat eine ganze Liste von bekannten Beteiligungen an Webunternehmen wie Stepstone, Immonet usw., dazu kommen Investitonen, die über Axel Springer Digital Classifieds oder AS Venture laufen. Man verdient schon gutes Geld im Netz.
Die andere Seite ist das LSR, dass im Grunde auch nur eine weitere Investition darstellt. Die soll dazu dienen, das Geschäftsmodell von der Werbung auf die Einnahme über Links und Zitate zu verlagern, bzw. die Verluste aus den fallenden Werbepreisen auszugleichen. Es ist nur konsequent, dass Verlage sich nett per DLD präsentieren, dort aber keine Diskussion über das LSR stattfindet, selbst wenn man Kritiker wie Jeff Jarvis und Katharina Borchert eingeladen hatte. Der gesamte Themenkomplex LSR oder wie sich Medien finanzieren sollen wird ja interessanterweise weg gelassen. Aber da sehe ich auch keinen Widerspruch zum DLD, der sowieso nur das Warm-up zu Davos ist und der noch nie was mit Innovationen, denn mehr mit „State of the internet“ zu tun hat. Der DLD ist die werbewirksame Plattform für „Schaut her, wir mögen das Internet doch, wenn man es vernünftig macht“.
Für die Verlage entscheidend ist die Frage, welche Form von Internet in Zukunft regieren soll. Das (momentan noch halbwegs) freie Netz, oder eine Art Internet, dass von den alten Medien (Verlage, Entertainmentfirmen etc.) über zentrale Schnittstellen, Firmen und Investitionen zumindest in Deutschland kontrolliert wird. Die letztere Option ist die vermutlich angenehmere für „old media“ und die Investition in das richtige Startup bietet eventuell weitere Möglichkeiten, Kontrolle zurückzugewinnen.
7 Kommentare zu „DLD vs. Internet“
„…und die Investition in das richtige Startup bietet eventuell weitere Möglichkeiten, Kontrolle zurückzugewinnen.“ – Genau da muss die netzaktivistische Szene in Zukunft besser hinschauen.
Die wirtschaftliche Innovationskraft des Netzes kann in verschiedene Richtungen ausschlagen. Wie auch die gesamte Wirtschaft eben einerseits einer Gesellschaft dienen kann oder diese zerstören, gibt es auch in der Art und in der Konzentration der „StartUps“ massive Unterschiede im Wertebild.
Der Deal der Telekom mit Spotify (welches zu großen Teilen in den Händen der alten Majors ist) ist ein klarer Angriff auf die Netzneutralität. Mit geschicktem Marketing und einer an „Drosselung“ gewohnten Userschaft wird hier das „Zahle für verschiedene Datenarten“-Modell etabliert. (siehe dazu auch http://jensbest.net/2012/08/31/telekom-verteilt-gleitcreme-auf-der-ifa-damit/ ) .
Das die ewig über den „unbezahlbaren“ Online-Qualitätsjournalismus lamentierenden Verleger, allen voran Springer mit den Nachfolgern des Kleinanzeigen-Geschäfts, den Plattformen für Job-, Immobilien- und Autoanzeigen, dreistellige Millionenbeträge verdienen, zeigt, dass es ihnen nie darum ging Journalismus wegen der Aufklärung zu betreiben. Journalismus wurde früher querfinanziert (auch) von diesen Kleinanzeigen – entscheidend ist aber, dass Verleger-Journalismus früher der Meinungsmacht diente. Denn darum geht es eigentlich im Kampf der Verleger gegen das Web.
Die StartUp-Szene ist durchsetzt mit geldgeilen Jungsponten, die dem Zahlen-Kult des Neoliberalen bereit sind zu dienen und damit „aufzusteigen“. DLD-Gurus definieren das beste Alter für Gründer zwischen 24-26 Jahren – gerade nicht mehr so frisch hinter den Ohren, um die dümmsten Lügen zu glauben, aber trotzdem bereit das Spiel weiter mitzuspielen.
Ich weiss, dass Ethik nur bedingt ein Antrieb sein kann, um ein erfolgreiches Geschäft zu gründen. Darum geht es auch nicht, aber es geht um Haltung. Um eine Haltung gegenüber den Kunden, den Mitarbeitern und der Gesellschaft. Viele „erfolgreiche“ StartUps, ich sage nur Klingeltöne, Online-Coupons usw. leben von der blinden Gier und Dummheit, sind unverantwortliche Geschäfte, die das Internet zu einer gut geölten Maschine für die Ausbeutung pseudo-individueller Konsumenten machen. Natürlich mit einem „Backchannel auf Facebook“ um die Shitstorms möglichst wirkungsfrei entsorgen zu können.
DLD ist der Hochzirkus um das wild emanzipierte Internet einzufangen und zu kontrollieren. DLD ist das Fratzenfest des machtgeilen Kapitalisten 2.0 – Eine andere Wirtschaft ist möglich, aber nicht an solchen Orten.
Ich muss widersprechen. Auf dem DLD fand eine Diskussion statt, wenn auch nur kurz. Jeff Jarvis hatte extra das deutsche Wort Leistungsschutzrecht gelernt und selbiges kritisiert. Katharina Borchert ging drauf ein. Hatte den Eindruck, dass der US-amerikanische Moderator nicht wusste, worum es ging. So ging das Thema in den üblichen Gemeinplätzen vom Journalist als Marke usw. unter.
Ja, das ist wirklich ein Witz. Einerseits verdient man mit den Kleinanzeigen in Scout24, Immonet, meinestadt usw. richtig viel Geld, andererseits nutzt man das nicht mehr zur Querfinanzierung der Tageszeitungen und Onlineredaktionen. Die sollen jetzt sehen, wie sie klar kommen. Der Nachteil, wenn man alles in „Profitcenter“ ausgliedert.
Was die Startups angeht: Klar, gerade in den Inkubatoren sitzen viele, die nur Geld machen wollen. Man kommt ja auch nur so rein. Aber wer auf Venture verzichtet und einen Business Angel findet, kann mehr spielen, wenn auch auf kleinerer Flamme. Aber genug Menschen, die einfach eine gute Idee haben und die umsetzen, gibt es schon. Man darf nicht nur das sehen, was bei start-ups.de vorgestellt wird.
Das Grundproblem ist, dass Konfernzen wie die vom CCC oder die republica usw. immer noch in den Medien als „Hacker-“ bzw. „Bloggertrefffen“ marginalisiert werden, während der DLD usw. plötzlich Aushängeschilder der deutsche Internetwirtschaft sind. Und das, obwohl die Speaker beim CCC nicht weniger bekannt oder vernetzt sind. Die klassischen Medien propagieren immer noch ein Bild der Netzaktivisten, das irgendwo zwischen ruhmsüchtigen, aber leider zu kurz gekommenen Blogger mit Schreibschwäche und leicht fettigen Piraten-Unterstützer, der alles umsonst haben will liegt. Und wenn ich sehe, wie gerade entlassene Journalisten in ihren frisch eröffneten Blogs darüber schreiben, dass das Internet usw. , glaube ich auch nicht, dass sich das so schnell ändern wird.
@Detlef: Danke für den Hinweis. Das Panel, auf dem beide saßen, hatte ja Autoren zum Inhalt. Das Jeff Jarvis den Schlenker hinbekommen hat, finde ich wieder lustig. Weniger überraschend, dass das Thema ansonsten tot geschwiegen wird.
Klar, aus unternehmerischer Sicht und aus der Perspektive der Verlage mögen beide Initiativen erstrebenswert erscheinen. Doch die Außenwirkung ist anders. Und ich würde mir von der Branche, die einhellig gegen das LSR ist, da mehr Konsequenz und einen kritischeren Blick wünschen.
@Martin Weigert Die StartUp-Szene ist (öffentlich) gegen LSR? Davon habe ich hier nichts mitbekommen. Den einzigen politischen Urschrei habe ich bis jetzt gehört als die gestagete Kampagne gegen für das achso wichtige Schachtelprivileg lief. (auch wenn einige der vernünftigeren Gründer und VCs mir in persönlichen Gesprächen sagten, wie affig sie diese Kampagne fanden, die im Endeffekt nur einigen Holdings mit ihren drittklassigen DatingSites, Online-Flohmärkten und special-interest-shopping-portalen helfen, das Auto weiterhin über die Holding abzurechnen. – Politisches Bewusstsein, gar reflektiertes politisches Bewusstsein – damit ist’s in der StartUp-Szene bis jetzt Fehlanzeige.
Stimmt, einen öffentlichen Schulterschluss gibt es nicht (in der Tat schade). Aber auf individiueller Basis sehe ich wenig Unterstützung für das LSR innerhalb der Webbranche. Jeder Gründer, Investor und jedes Startup-Mitglied weiß, dass Internetregulierung zugunsten der Aufrechterhaltung alter Strukturen im Endeffekt allen Akteuren schadet. Zumindest habe ich nichts anderes mitbekommen.