Das Googleversum

Was ist eigentlich bei Google los? Vor einem Jahr habe ich noch bedenkenlos Google gegen die meisten Angriffe verteidigt. Ein Hauptargument war dabei immer: "Google interessiert sich für depersonalisierte, anonyme Daten, nicht für mich persönlich. Man sammelt Daten, um Services zu verbessern, aber sie wollen nicht meine Seele." Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Am interessantesten finde ich gerade, wie Google mit der eigenen Suche umgeht. Die "Filter Bubble" ist in den letzten Jahren sowieso zu einem immer größer werdenden Problem geworden. Darunter versteht man, dass Google die Sucheergebnisse, bisher mehr oder weniger heimlich per Cookies, individualisiert. Man bekommt also nicht mehr ein Suchergebnis, sondern ein "persönliches Suchergebnis", dass sich u.a. an den vorhergenenden Suchen und daran, auf was man geklickt hat, ausrichtet. Das ist, vor allem für Journalisten, schlecht. Was die aber meist nicht wissen. In den meisten Schulungen ernte ich erstaunte Gesichter, wenn ich die Teilnahmer an ihren eigenen Laptops Suche ausführen lasse und sie dann bitte, das Ergebnis mit dem Nachbarn zu vergleichen. Auch unbekannt ist meist, dass man die IP-basierte Zwangsumleitung auf google.de leicht um gehen kann, wenn man google.com/ncr eingibt. (Das Google Länderindexe hat, wissen die meisten auch nicht, aber das nur am Rand). Immerhin kann man die personalisierte Suche damit umgehen, in dem man ein "privat tab" aufmacht.

In den USA kann man die Suche jetzt mit "Google +" verknüpfen. Bedeutet – die Inhalte, die ich bei G+ anklicke, teile oder mit mir geshared werden, fliessen in mein gewünschtes Suchergebnis mit ein. Das ist zum einen Kartellrechtlich bedenklich, weil Facebook und Twitter außen vor bleiben, zum anderen deutet es halt darauf hin, was man eigentlich gerade bei Google angeblich nicht wollte: Man fängt an, die persönlichen Daten über verschiedene Plattformen hinweg zu verknüpfen und auszuwerten. Und das macht mir dann doch Sorgen.

Die Grenze zu "Don't be evil" ist damit zwar nicht überschritten, aber man balanciert haarscharf am Rand entlang. Bisher habe ich, wie vermutlich die meisten User auch, die verschiedenen Dienste getrennt betrachtet und mein Eindruck war, dass Google dies selbst auch so handhaben wollte. Der Zwang zu einem gemeinsamen Login (You Tube, Apps) war allerdings schon deutliches und unangenehmes Zeichen dafür, dass diese Politik sich dem Ende näherte. Das machen Microsoft und Yahoo zwar auch, aber genau das war auch genau eines der Argumente gegen beide Anbieter. Jetzt wird man nicht nur zu einem Login gezwungen (Was besonders bei Enterprise Apps nervig ist), Google fängt auch offen damit an, die Daten quer durch alle Netzwerke zu schieben. Die Verfälschung der Suchergebnisse ist dabei allerdings sehr schwerwiegend und ich frage mich, ob Google damit nicht der Konkurrenz Tür und Tor öffnet.

Eine der mich wichtigsten Aspekte der Google-Suche war bisher, dass sie (scheinbar) neutral war. Dass man nicht mehr ohne Tricks an neutrale und nicht durch Cookies verseuchte Suchergebnisse kam, war schon schlecht genug. Sie jetzt komplett zu de-neutralisieren macht die Google Suche vor allem eins: Unglaubwürdig und unbrauchbar.

Felix (http://wirres.net) frage sich neulich (Stelle nicht gefunden) schon, ob Google den Mitarbeiter für totale Inkompetenz erfolgreich von Yahoo abgeworben hätte, und scheinbar hat man ihn noch nicht gefeuert. Ich bezweifel, dass die meisten User ein personalisiertes Internet, bzw. Suchergebnisse haben wollen. Meiner Erfahrung, auch bei nicht so internet-affinen Menschen, wollen die meisten genau das nicht.

Google baut sich gerade ein "Googleversum", das deutlich größer ist, als das von Facebook oder Apple, da beide keine Internetsuche anbieten. Die Suche ist aber das Rückgrat des Internets, ohne sie kommt man nirgendwo mehr hin. Apple und Facebook können nur Daten sammeln, nachdem eine Entscheidung schon gefallen ist, Google schaut schon vorher hin. In Zusammenhang mit dem zur Zeit grasierenden Datamining über alle Plattformen, kann einem das schon Sorgen machen.

Daher fordere ich mal keck: Google soll einen Button auf Suchseite einbauen, der eine cookielose, nicht an einem regionalen Index gebundene Suche ermöglicht, die auch nicht gespeichert wird.

Embedded Link

wirres.net, fachblog für irrelevanz
ansonsten habe ich ein paar kleine änderungen in die site eingebaut: bisher habe ich die anzahl der reaktionen auf einen artikel bei einem mouseover mit den jquery tools tooltips dargestellt. das war …

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21 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Idee mit dem "Entpersonalisierte-Suche-Knopf" finde ich gut. Das Entscheidende ist ja, dass man die Wahl hat, welche Filter man bei der Suche zuschalten möchte.

    P.S. fett klappt mit Sternchen vor und nach dem Text, kursiv mit… finde ich gerade nicht.

  2. Ich schlage vor, die Forderung umzukehren: sinnvoll wäre nur ein Knopf, der eine personalisierte Suche auslöst – Standard müßte die "neutrale" sein. Und gespeichert werden sollte auch nur die persönliche.

  3. ja, das mit der de-personalisierten suche ist eine gute idee.

    nur mal so vor mich hingedacht: was macht google eigentlich mit den daten, die ueber die (hoechst personalisierte) nutzung von android-handys eintrudeln?

  4. Mir geht's genau anders herum: endlich hat das Leid mit den getrennten Diensten ein Ende – und endlich wird man als Google Apps Benutzer nicht mehr diskriminiert.

    Und ja: ich will personalisierte Suchergebnisse. Unbedingt!

  5. Rechts oben gibts wohl einen kleinen Globus, der die Standardsuche wiederherstellt. Die ist natürlich keineswegs völlig entpersonalisiert, aber immerhin die massive Verknüpfung mit G+ ist dadurch wieder raus.

  6. Ctrl-Shift-N in Chrome ist eine der wenigen bverbliebenen Möglichkeiten eine nicht personalisierte Suche zu sehen.

    Was ist denn der Unterschied zwischen „ich klicke auf google.de auf den google.com Link“ und dem Google.com/ncr? Gibt es einen Unterschied?

  7. Pingback: Stardust lyrics » Post Topic » Das Googleversum

  8. Na?! dann ist man zwar nur Google-Misstrauer aber im folgenden nicht konsequent im mündigen Sich-Im-Netzbewegen – man kann ja mal zu Beginn über Google sich kundig machen bezügl. alternativen Suchmaschinen und sich in guten Foren kundig machen und dann entscheiden… solche Schritte sollte man auch als Durchschnitts-Netzuser schon drauf haben, oder meinst du nicht?!

  9. Pingback: pbis Blog » Blog Archive » Google und Pfirsich-Mango-Joghurt

  10. Ich frage mich schon lange, wann es das Twitter unter den Suchmaschinen gibt.

    Etwas, das sich weder durch SEO-Hokuspokus beeinflussen lässt, noch mir vorgelutschten Wein aus meiner Freunde Schläuche anbietet.

  11. Ich finde, vor allem muss man sich das klarmachen, dass man keinesfalls "neutrale" Suchergebnisse bekommt.

    Auf die Dauer kennt man ja nichts anderes und es fällt nicht mehr auf, dass die Ergebnisse personalisiert und lokalisiert sind. Da sind die notorischen Google-Misstrauer klar im Vorteil, den "normalen" Usern wird das nicht so präsent sein.

    Einem Button für oder gegen eine personalisierte Suche würde ich allerdings auch nicht wirklich trauen. Der naturgemäß supergeheime, sich häufig ändernde Algorithmus bei Google ist doch die reinste Glaskugel, das kennen wir doch, Stichwort SEO.

    Und was das Nutzen alternativer Suchmaschinen angeht, ok hier kann ich persönlich vielleicht andere Ergebnisse bekommen. Aber im Netz, vor allem für Networker und Webdesigner, ist doch das maßgeblich, was die Masse nutzt.

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