Döpfner vs. Google

Mathias Döpfner hat also Angst vor Google. Apple wollte er dagegen noch auf Knien danken. Aber seine Argumente sind teilweise nicht von der Hand zu weisen. In der Tat konzentriert sich die Macht von Google in derartig vielen Bereichen, dass es immer schwieriger wird, dem Konzern aus dem Weg zu gehen. Nun kann man argumentieren, dass der Springer Konzern sich im Grunde auch über den eigenen Machtverlust beklagt, vor allem im Bereich der Werbung. Da ist sicher auch was dran. So wie die Regionalfürsten im 19. Jahrhundert die aufstrebende Macht Preußens fürchteten und sich bemühten, Bismark auszubremsen, so stehen jetzt auch Unternehmen wie Springer vor dem Problem, dass sie in einer globalisierten und zunehmend technisierten Ökonomie kaum eine Chance gegen einen Großkonzern wie Google haben. Die Warnung von Döpfner, dass Google in immer mehr Bereichen des täglichen Lebens Macht gewinnt, ist aber gerechtfertigt. Selbst notorische Google-Vermeider werden es in den nächsten Jahren schwer finden, der Firma ausweichen zu können.

Das ist allerdings ein Gefängnis, dass man sich selbst gewählt. Und mit “man” meine ich alle Internetnutzer. Es geht nicht (nur) um Gmail oder Android, das ist noch etwas anderes. Es geht um etwas mehr Grundsätzliches: die Suche.

Ich erinnere mich noch sehr gut an das erste “Boaaaah” Erlebnis, als ich Ende der 90er Jahre Google das erste Mal nutzte. Während alle anderen Anbieter bestenfalls von betrunkenen Waschbären ausgewürfelte Suchergebnisse schafften, die sich bei jeder neuen Anfrage auch wieder änderten, gelang es Google von Anfang an meist das zu liefern, was man auch wirklich suchte. Oder es war zumindest weniger unscharf, als die Konkurrenz. Nachdem ich lange Suchmaschinen wie “Altavista” genutzt hatte, dauerte der Wechsel zu Google nur ein paar Stunden.

So dürfte es jedem gegangen sein, denn sonst wäre Google kaum in wenigen Monaten so erfolgreich geworden. Und es gab auch keine Konkurrenz. Alle Suchmaschinen, egal von wem, waren über Jahre immer schlechter.

Google nutzte diese Position schon früh aus, in dem sie die User aufforderten, ihre Webseiten und Artikel so zu gestalten, dass sie klarere Suchergebnisse auswarfen. Das Argument lautet noch immer “Wenn Du auf den ersten drei Seiten der Suche auftauchen möchtest, dann muss Du uns helfen.” Es gibt seitenlange Beschreibungen, wie man seine Inhalte für den Google Bot besser aufbereiten kann und es hat sich eine milliardenschwere SEO-Industrie entwickelt, die teils mit echten Hilfen, teils mit manipulativen Techniken die Suchergebnisse beeinflussen möchte. Aber am Ende bleibt die Tatsache, dass Google das Internet und seine User dazu erzogen hat, für Google zu arbeiten.

Schön sichtbar ist das bei Artikeln und deren Überschriften. Man hat sich daran gewöhnt, dass sie nach einem bestimmten Schema aufgebaut sind, dass man auf jeden Fall in Headline und Beschreibung die Keywörter platziert und diese auch schön immer wieder im Text verteilt. Die Konzentration auf die Googlesuche ist komplett, was dazu führt, dass man überhaupt nicht mehr darüber nachdenkt, dass es auch andere Suchmaschinen gibt (Bing, DuckGoGo).

Das Ignorieren der Konkurrenz eröffnet einen Teufelskreis, denn weil man nur für Google arbeitet, sind die Ergebnisse woanders schlechter, was dazu führt, dass von dort weniger Besucher kommen. Die Konkurrenz ist deswegen gezwungen, die Technologie von Google zu kopieren, was nicht funktionieren kann, da sich die Suchergebnisse bei Google auch aus anderen Dingen als nur der reinen Suche speisen. Die Konkurrenz bleibt schlechter und somit alle bei Google. Ein Win-Win-Win Situation für Google.

Am Ende landet man dann in der bekannten “Filterbubble”, bestehend aus Cookies, Suchwortspeicherung, behaviour related search und für Google optimierten Einträgen. Das ist für bestimmte Recherchen so schlimm geworden, dass Google selber dazu rät bestimmte Suchen in einem “privat tab” auszuführen, damit man wieder ungefilterte Ergebnisse hat.

Im Grunde tragen wie also alle mit dazu bei, dass Google seine Macht weiter ausbaut, weil die User willfährig alles machen, was Google von verlangt, nur damit die eigene Seite in den Suchergebnissen möglichst weit vorne auftaucht.

Und hier greift dann auch meine Kritik wieder an Mathias Döpfner und den deutschen Verlagen. Man kann über das Leistungsschutzrecht eine Menge Schlechtes sagen, aber im Endeffekt bot es den Verlagen eine Chance, entweder mit einer Zuwendung zu anderen Suchmaschinen oder im Aufbau einer eigenen, regionalen Lösung, Alternativen zu schaffen. Die Verlage haben nun ihr LSR, nutzen es aber nicht, weil es ihnen nur als Instrument diente, von Google etwas mehr Geld zu kassieren. Auch wenn der Wunsch vielleicht da gewesen sein mag, die Abhängigkeit von Google zu verringern, man hat ihn nicht weitergedacht. Im Gegenteil – weil man sich von Google nun bezahlen lässt, ist die Abhängigkeit von Google nur noch größer geworden. An der Feststellung “Die Verlage brauchen Google, Google aber nicht der Verlage” hat sich nichts verändert. Was auch wieder damit zu tun hat, dass Google wegen der breiten Unterstützung durch seine User, genügend Alternativen hat.

Die Warnung von Döpfner vor Google hat also durchaus seine Berechtigung, ist allerdings auch ein wenig schizophren, weil die Verlage in ihrer eigenen Suchmaschinenpolitik und Optimierung nichts verändert haben. Döpfner beklagt die Macht von Google, sein Konzern füttert das US-Unternehmen aber weiter fleißig mit. Gleichzeitig sollte sich jeder User aber mal an die eigene Nase fassen und sich fragen, ob man weiter in der Tretmühle der Googlesuchmaschine stecken möchte. Und welche Alternativen man hat.

Passwortverwaltung – Variante Dahlmann

Jaja, Heartblöd. Also Passwörter ändern. Das sollte man ja eh öfter machen und jedes Passwort sollte anders sein, weil die Kombination Mail + PW schnell mal geknackt wird. Und wenn man ehrlich ist, das nutzt man ja doch ein PW und eine Mailadresse für all die Seiten, bei denen man denkt: “Ach, nicht so wichtig.” Oder man nimmt halt gerade das Übliche PW für eine Seite und denkt: „Das ändere ich dann mal später.” Und im Grunde schleppt man so fünf bis acht Varianten des PWs mit sich rum. Wie unsicher das ist, habe ich selber mal erfahren, als mein Twitter Password, das jetzt auch nicht so einfach war, gehackt wurde.

Was bisher geschah
Ganz, ganz früher hatte ich nur ein Passwort. Das war toll, aber ich kannte noch keine Wordlists. Als Ende der 90er mir mal jemand zeigte, was man mit einer Wordlist und einem BruteForce-Programm anstellen kann, habe ich dann ein paar mehr genommen. Bisher hatte ich 12 oder 15 verschiedene PWs, von denen es wiederum weitere Varianten gab (Mit Unterstrich, Prozentzeichen usw). Für deren Verwaltung nutze ich seit einiger Zeit Lastpass, das mich auch regelmäßig anmeckert, wenn es entdeckt, dass ich auf verschiedenen Seiten das gleiche PW nutze. (“Geh weg, das ändere ich später”).

Ab sofort
Ich habe nun einen Teil der PWs durch solche ersetzt, die Lastpass generiert hat. 12 Zeichen. Vermutlich auch zu kurz, aber schön mit Sonderzeichen und dem ganzen Quatsch. Ich werde das auch konsequent für alle Seiten machen, auf denen LastPass mich anmeckert. Das Problem an der Sache: Ich werde mir die Passwörter, die alle ungefähr so aussehen “U8%dl2s0!_ri”, nicht merken können. Niemals. Vielleicht zwei oder drei, aber beim Rest werde ich komplett von LastPass abhängig sein.

Was im Grunde nicht problematisch ist, auf den Rechnern erledigt LassPass sowieso alles automatisch für mich. Nerviger wird es da schon den mobilen Endgeräten. Die PWs werden meist innerhalb der Apps gespeichert, dagegen kann man sich in den meisten Fällen nicht mal wehren. Ergo kann man da nur hoffen, dass die PWs nicht unverschlüsselt übermittelt werden. Ein anderes Problem sind Webseiten, die man nur selten ansurft. Man kann die PWs im Browser speichern, aber dann kann man sie vermutlich auch gleich per Beamer an eine Wand werfen. Da ich meine nun teilweise nicht mehr weiß, muss ich die PWs aus der LastPass App holen, kopieren und im Browser einfügen. Das ist unbequem, aber vertretbar. Manche Seiten lassen sich auch mit dem internen Browser von LastPass ansurfen.

Was tun im Urlaub?
Zu einem richtigen Problem wird die Sache erst, wenn man an einem fremden Rechner, Smartphone usw. sitzt, zum Beispiel im Urlaub in einem Hotel. Dann müsste ich etwas machen, was extrem unsicher und nervig ist. Das Masterpasswort für LastPass (was ich mir hoffentlich gemerkt habe) auf einem fremden Rechner eingeben. Logischerweise muss ich das Masterpasswort sofort wieder ändern (das aus einem unsinnigen Satz besteht), sonst macht das keinen Sinn. Eine andere Variante ist, eine Liste mit wichtigen PWs an einer sicheren Stelle zu hinterlegen. (Was man eh machen sollte, man weiß ja nie, ob der Passwortmanager nicht mal unerreichbar ist). In diesem Fall liegt meine Liste an zwei Orten, gezippt und mit einem PW versehen.

Natürlich muss diese Liste auch dann wieder aktualisiert werden, wenn die PWs sich ändern, was man regelmäßig machen sollte. Weil das alles sehr unpraktisch ist, habe ich meine PWs in verschiedene Kategorien unterteilt:

1. Wirklich total wichtig
- Facebook, Google, Twitter, Amazon usw.
2. Wichtig
- Seiten, die ich regelmäßig besuche, aber die nicht unwichtig sind wie Flickr,
3. Unwichtiger
- Seiten, die ich selten besuche, die keine wichtige Funktion haben.

PWs der Seiten der Kategorie Eins werden jetzt alle drei bis sechs Monate geändert, der zweiten Kategorie jährlich, der dritten dann wie es gerade passt.

Das wäre alles in der Handhabung deutlich einfacher, wenn man ein System hätte, dass die PWs automatisch alle drei bis sechs Monate ändern würde und dabei eine Liste als Text-File zur Verfügung stellt. Diese Liste könnte man dann einfach halt wieder auf seine geheimen Geheimplätze werfen.

Das ist alles zu kompliziert? Das eigene Leben wird schon nicht einem Hacker anheimfallen? Dachte ich auch, bis mein Twitteraccount geknackt wurde. Und es war unschön, wieder an meinen Account zu kommen.

Warum ich keine Zwei-Wege-Authentifizierung nutze
Man könnte zusätzlich auch noch bei einigen Accounts die Zwei-Wege-Authentifizierung aktivieren, also dass man bei fast jedem Login einen weiteren Code aufs Handy gesendet bekommt. Ich mache das nicht. Das Problem ist bei dieser Art der Authentifizierung entsteht bei einem Verlust des Smartphones. Vertragskunden bekommen ihre alte Nummer wieder, Prepaid-Kunden, und das ist die Mehrheit in Deutschland, schauen meist in die Röhre und bekommen eine neue Nummer. Zwar gibt es ausdruckbare Backup Codes (Google z.B.) aber die hat man vermutlich gerade nicht dabei, wenn das Smartphone weg ist. Im Urlaub zum Beispiel. Theoretisch kann man die Backup-Codes natürlich mitnehmen, aber viel Spaß, wenn die Tasche mit Handy UND Backups-Codes gestohlen wird. Ich verzichte daher auf die Zwei-Wege-Authentifizierung und verlasse mich auf starke Passwörter.

VDS verboten! Was nun passieren wird

- Der rechte Flügel der CDU drückt sein Bedauern aus.

- Die Junge Union warnt vor nicht mehr zu kontrollierenden Dingen im Internet und davor, dass die EU Deutschland schadet.

- Jemand von BKA warnt davor, dass man nun völlig hilflos sei und quasi keine Handhabe mehr gegen gar nichts habe.

- Jemand von einer Polizeigewerkschaft beschreibt Sodom & Gomorra ab genau jetzt und das alles noch viel schlimmer wird.

- Ein Abgeordneter der CDU aus Reihe 53 stellt die Frage, ob das EuGH überhaupt für das deutsche Recht zuständig ist.

- Ein Sprecher des AfD stimmt zu und sagt: „Das haben wir ja immer gesagt.“

- Der Justizminister widerspricht allen, ohne Namen zu nennen und sagt: „Wir müssen das in Ruhe prüfen”

- Der Innenminister wird mit den Worten “Das Urteil interessiert mich nicht” zitiert, streitet gegenüber dpa den Satz aber ab und sagt, dass nun erst mal die Gremien tagen müssen, und dass man den Bürger nicht alleine lassen würde mit der ganzen Terrorgefahr.

- Die “Welt” warnt vor marodierender Internetkriminalität und beschreibt das EuGH in einem Kommentar als “realitätsferne Richter, die den Lauf der Welt nicht mehr verstehen”.

- Udo Vetter wirft ein, dass die VDS im kleinen ja sowieso schon legal betrieben wird und das sich das auch nicht ändern wird, im Gegenteil.

- Sascha Lobo schreibt beim Spiegel, dass das Urteil zwar schön ist, aber im Endeffekt nur Augenwischerei sei, weil es eigentlich um ganz andere Dinge gehe, über die man noch gar nicht gesprochen habe.

- Fefe schreibt einen länglichen Eintrag, in dem er zunächst triumphierend die VDS-Befürworter auslacht um gegen Ende dann doch wieder deprimiert festzustellen, dass “die da oben” sicher einen anderen Weg finden werden.

- Die SPD sucht weiter nach Formulierungen für ein Statement, in dem sie “Wollten wir ja eh nie haben, die VDS” schreiben können. Dafür muss man aber zur Sicherheit alle Reden und Interviews von Sigmar Gabriel lesen, was ein wenig dauert.

- Der gelangweilte Redakteur einer Lokalzeitung in Niedersachsen entdeckt am Abend als Erster die Pressemitteilung der FDP zum Thema und schiebt sie in den Ordner “Saure Gurken Zeit”.

- Franz-Josef Wagner schreibt in seiner “Bild” Kolumne “Du schönes, starkes Gericht. Jetzt hast Du es der Politik gezeigt. Ja, das Recht ist eine Frau, eine gütige Frau, eine starke Frau, die ihre Kinder, also uns, immer gleich behandeln will. Aber auch starke Frauen haben schwache Momente. In denen alles zu viel wird. Wie meine Großmutter, die war eine starke Frau. Und doch habe ich sie weinen sehen. Muss ich jetzt Angst vor den Terroristen haben, die ihr nächstes Flugzeug im Internet kapern? Ich will keine Angst haben. Ich will eine starke Frau. Nudelsuppe.”

Twitter ist nicht kaputt – jedenfalls nicht komplett

Der “European” schreibt, Twitter sei angeschlagen. Holger Schmidt vom “Focus” belegt mit Zahlen, das Twitter ein User/Reichweitenproblem hat. Zumindest in Deutschland. Und aus dem Freundeskreis höre ich öfter “Ach, Twitter, das war früher mal.” Man konzentriert sich jetzt auf Facebook, Instagram oder lässt es gleich ganz.

Auch andere Zahlen belegen, das Twitter vor allem bei der Schaffung von Reichweiten schlicht und ergreifend nichts bringt. Ein paar Beispiele: Mein Racingblog habe ich von Anfang an bei Twitter angemeldet und mich auch auf die Kommunikation dort konzentriert. Facebook habe ich jahrelang ignoriert (auch aus Zeitgründen). Seit Anfang des Jahres machen wir auf Facebook deutlich mehr, das Haupttool für News usw. bleibt aber Twitter. Dort haben wir 1200 Follower auf FB 450. Und in Sachen Traffic sieht dass laut similarweb.com so aus:
twitter1

Allerdings wirft mir Piwik etwas andere Ergebnisse aus:
twitter2

Die Blogrebellen haben vor kurzem festgestellt, dass viele erfolgreiche Webseiten an der schmutzigen Nadel von Facebook hängen. Buzzfeed, Schlecky usw bekommen rund 50% ihres Traffics con Facebook. Twitter spielt überhaupt keine Rolle.

Keine Reichweite, kaum Feedback, wenig User – lohnt sich Twitter überhaupt?

Ich habe das Gefühl, das Twitter einem mittelgroßen Missverständnis aufsitzt. Mit 140 Zeichen ist das mit der Markenbildung schwer, aber es geht. NeinQuarterly ist so ein Beispiel. Aber warum passiert das zumindest in Deutschland so selten? Die Antwort: Weil der Account mit demjenigen steht und fällt, der ihn betreibt und damit stehen die meisten Unternehmen schon vor einem großen Problem. Natürlich lassen sich Profis finden, die eine Marke witzig, gut, interessant, spannend usw. über Twitter repräsentieren. Wenn man sie denn lässt und nicht in ein Korsett aus Guidelines und Compliance steckt. Aber was passiert mit dem Account, wenn der Mitarbeiter die Firma verlässt? Es hat schon einige Firmen gegeben, die unter dem Weggang des Twitter-Experten gelitten haben. Während man bei Facebook die Inhalte relativ formatiert lassen kann, die Autoren also nicht sichtbar werden, ist man bei Twitter aufgrund der Beschränkung auf 140 Zeichen gezwungen anders zu agieren. Entweder man trifft den Ton, oder eben nicht. Da 95% der Unternehmen den Ton nicht treffen, behelfen sie sich mit Links (“Schaut mal, was wir hier haben..”) oder langweiligen “Call-to-Action” Sachen, weil eine Agentur mal gesagt hat, dass die Leser das lieben. (“Bla, bla… was denkt ihr?”)

Twitter funktioniert aber anders und ist vor allem in drei Dingen gut.

- Schnelle Informationsverbreitung
- Soziale Interaktion in kleinen Gruppen
- Private Kommunikation

Twitter ist bei den meisten Usern eine Mischung aus geschlossenem Freundeskreis und Informationshub. Das bedeutet aber nicht, dass es deswegen auch zu Interaktion kommt. Retweets funktionieren erfahrungsgemäß nur bei zwei Dingen:

- Ein aktuelles Ereignis (Erdbeben, tote Promis, Skandale)
- Lustige Tweets

Selbst wenn die Freundeskreise auf Twitter und Facebook gleich sind, ist die Interaktionsrate auf FB höher. Was allein daran liegt, dass Mitteilungen/Postings als eigener, halboffener Raum funktionieren. Die Kommunikation läuft über die Kommentare unter einem Posting, nicht quer durch eine Timeline, in der sich permanent neue Mitteilungen dazwischen schieben. Deswegen gilt ja auch “Hier kein Chat” auf Twitter, während das auf FB funktioniert.

Interessanterweise läuft die Interaktion auf Instagram anders, obwohl sie eigentlich noch eingeschränkter ist. Dort kann für für Katzenfotos, dem Abendessen und Füße jede Menge Likes einsammeln, die Likes stehen dann wiederum für eine Reichweite. Likes heißen bei Twitter “Favoriten”, aber Favs werden bei weitem nicht so oft und leicht vergeben, wie Likes auf ein Bild. Was vermutlich daran liegt, dass die gesamte Kommunikationsebene auf Twitter deutlich persönlicher ist. Gleichzeitig hat es Twitter es nie verstanden hat, die Favoriten stärker in den Vordergrund zu stellen. Es musste erst ein Drittanbieter kommen, der Favlisten erstellte und der es auch möglich machte, dass man auch international nach Favs von Leuten suchen kann, denen man nicht folgt (Bis heute der größte Pool in Sachen Contentklau).

Twitter kann die Welt ändern – ab und zu

Twitter funktioniert als ständiger Informationsfluss, weswegen es für Nachrichtenmedien auch fantastisch funktioniert. Kein System ist schneller, wenn es um die weltweite Verbreitung von “EIL” Meldungen geht. Wie wichtig Twitter für die Informationsverbreitung ist, sieht man auch oft daran, wie oft es in bestimmten Ländern und Situationen gesperrt wird. Im arabischen Frühling, im Iran, in der Türkei – wenn es kracht, ist Twitter eines der wichtigsten Instrumente um Nachrichten weiter zu geben und flugs verboten wird. Aber auch hier gibt es eine Diskrepanz zwischen “aktiven” und “passiven” Nutzern. Die Quote zwischen aktiven und passiven Nutzern dürfte nicht anders sein, als bei Blogs, also ungefähr 10:1. Anders ausgedrückt, neun von zehn Lesern/Usern konsumieren nur. Das schwächt die Zahlen von Twitter, der Userbasis eh schon nicht so groß ist.

Auf der anderen Seite geht es im Bereich Social Media ja nicht nur um die Menge an Followern, sondern auch um deren “Qualität”, was allerdings schwerer messbar ist. Super-Influencer können immer noch mit einem Retweet eine Welle in Bewegung setzen, die dann über alle anderen Kanäle schwappt. Es gibt leider keine Zahlen oder Angaben, ob Influencer eher auf Twitter oder Facebook setzen, aber wenn man nur die Medienaccounts nimmt, dürfte die Zahl der Influencer auf Twitter höher sein. Die bekommt man aber nur selten mit viralen Kampagnen aktiviert. Was wiederum das Problem der kurzfristigen Markenbildung verdeutlicht.

Fehlentscheidungen im Management

Die momentanen Probleme von Twitter (Reichweite, stagnierende Userzahlen) basieren auf etlichen Fehlentscheidungen des Managements. Wenn ich Drittanbieter nutzen muss um eine wackelige, von niemanden überprüfbare Userliste, die nach Interessen sortiert ist, zu bekommen, dann ist das schon mal schlecht. Twitter hat es auch vermieden, wichtige Bestandteile der Seite weiter zu entwickeln. Zum Beispiel die Direktnachrichten. Statt die zu einem privaten Chat auszubauen, wo es keine Begrenzung auf 140 Zeichen gibt, wo man Bilder und Links einfügen kann, oder wo man kleine Gruppenchats erstellt, hat man die Funktionalitäten der DMs immer weiter beschränkt. WhatsApp wäre vermutlich nie so schnell so groß geworden, wenn Twitter sich etwas klüger angestellt hätte. Denn fast alle Funktionalitäten, die WhatsApp hat, hat man auch mit DMs. Und das schon seit acht Jahren. Man hätte es nur ausbauen müssen, die Userbasis wäre ja zudem schon da gewesen. Influencer hätten dafür gesorgt, dass viele folgen.

Auch Bilder sind so eine Sache. Zunächst konnte man gar keine Bilder senden, dann übernahmen Dienste wie Twitpic die Aufgabe. Spätestens, nachdem das Flugzeug in den Hudson River stürzte und das Bild einmal rund um die Welt ging, hätten bei Twitter die Alarmlichter angehen sollen. Statt selber Fav-Listen zu erstellen, statt aktiv mit der Userbasis zu kommunizieren, hat man die Arbeit anderen Seiten überlassen. Und dann ist da noch das Problem mit den Entwicklern, gegen die Twitter lange einen regelrechten Krieg geführt hat. API Beschränkungen und der Tod von fast allen Desktop-Applikationen in den letzten Jahren sind ein schönes Beispiel für eine geradezu dumme Produktpolitik.

Eine weitere Baustelle ist die Startseite. Die sieht nämlich, wenn man nicht eingeloggt ist, so aus:
twitter3

Gut, Facebook sieht auch langweilig aus, aber die können sich das erlauben. Warum nutzt man die Startseite nicht um neuen Nutzern zu zeigen, was sie verpassen. “Da, ein Shakira Foto”, “Schau hier, ein lustiger Tweet”,. “Hier, ne Eil-Meldung und umsonst SMS zu Deinen Freunden schreiben kannst Du auch.”….”Kannst Du alles haben, wenn Du Dich anmeldest.” Die redaktionelle Aufarbeitung war noch die Stärke von Twitter, was den Mangel an kreativen Umgang mit den eigenen Möglichkeiten nur unterstreicht. Auch wird nicht erklärt, was Twitter alles kann, wie es funktioniert, wie man Freunde findet usw. Das kommt alles erst nach der Anmeldung.

Hat Twitter eine Chance, oder ist es das nächste Myspace? Ich will Letzteres nicht ausschließen, weil ich nicht sehen kann, dass das Management die Stärken von Twitter nutzt. Die Aufsplitterung der Aufmerksamkeit der User auf Facebook, G+, Instagram, WhatsApp, Snapchat usw. ist ein weiteres Problem für Twitter. Aber die Basis bei Twitter stimmt immer noch. Die Userzahlen wachsen moderat, die Tools sind da. Man müsste nur mal den nächsten Schritt machen.

tl;dr: Twitter ist toll, leider ist das Management auch ein wenig doof und hat Chancen nicht wahrgenommen.

Vor 10 Jahren – Teil 1

Ich blogge ja schon ein wenig länger (so seit 2001), da sammelt sich das ein oder andere an. Warum nicht ein wenig alte Texte entstauben, dachte ich heute in meinem (mittelprächtig verkaterten) Kopf. 10 Jahre, das ist im Internetzeitgefühl quasi Gurkenglas ganz unten. Also gibt es jetzt in ab und an einen Blick in die Vergangenheit.

Eine der merkwürdigsten Frauen, die ich jemals kennengelernt habe, war eine Frau aus Ostfriesland. Also, ich glaube, dass sie aus Ostfriesland war. Muss auf einer Sause in der “Daniela Bar” in Hamburg gewesen sein. Auf jeden Fall tanzte sie irgendwann barfuß auf der Theke und kickte mit ihrem großen rechten Zeh, der wirklich sehr groß und lang war, die Aschenbecher runter. Der riesige Zeh stand in überhaupt keinem proportionalen Zusammenhang zu den anderen Zehen, die daneben verkümmert wirkten. Aber ich finde solche kleinen Fehler der Natur ja erotisch.

Die Thekenmannschaft nahm alles begeistert zu Kenntnis, und die drei Sinti mit dicken Bäuchen, die gerade was Ungarisches spielten auch. Sie sägten sich den Teufel aus dem Leib und sie da oben machte das Gleiche, nur tanzend. Ich war völlig fasziniert von diesen beiden riesigen großen Zehen, die vor mir auf der Theke tapsten. Wir kamen ins Gespräch, mir war nach mehr, ihr nicht. Küsschen links, Küsschen rechts, gute Nacht.

Zwei Abende später tanzte sie mit dem Besitzer einer Sofakneipe zu Aznavour und Gainsbourg und bei “Bönnie änd Kleide” ließ sie ihren Pullover über den Kopf kreisen. So exaltiert sie schien: Reden war nicht so ihr Ding. Sie saß/stand lieber rum, saugte an einem halben Liter Jever, beobachtete über den Bierflaschenhals die Leute, strich sich eine Strähne hinters Ohr, keckerte plötzlich los, verschwand an die Bar, oder zog sich die Schuhe aus, um zu tanzen. Wir trafen uns immer nur in den Läden, nie davor. Wenn wir uns sahen, sagten wir “Hallo”, “N Bier?”, “Super hier” und “Noch n Bier?” Wenn sie betrunken wurde, sagte sie in einem Anfall von Wortschatzfund “Boah, muss nach Hause. Sehen wir uns morgen? Oder SMS, ja? Schüss.”

Deswegen hab ich mich nie getraut mir ihr Essen zu gehen. Ich hatte immer Angst, dass kein Gespräch entstehen, und ich mich vor lauter Fremd- und Eigenscham um Kopf und Kragen reden würde. So hab ich leider verschiedene Dinge nie rausbekommen: zum Beispiel ihren Nachnamen. Oder wie alt sie eigentlich war. Oder was sie so im Leben machte. Oder warum sie sich mit mir dauernd im Mojo traf. Gut, manche Menschen finden andere Menschen bei sich im Bett wieder, von denen wissen sie noch viel weniger. Noch nicht mal die Handynummer.

Manchmal schrieb sie nachts eine SMS, die ging dann so:

Sie: Noch wach?
Ich: Ja. Alles gut bei Dir?

Antwort bekam man selten. Sie wollte nur wissen, ob man es einem gut geht. Dass einem gut ging, leitete sie wohl aus der Tatsache ab, dass man antwortete. Wenn man nachmittags eine SMS bekam, dann waren das immer Anweisungen. “Heute Mojo 11″. Telefonieren hatte ich bei ihr nach zwei Versuchen aufgegeben.

Nach einem langem Mojoabend passierte dann mal was. Sommer, die Sonne war auch schon da. Mit Bier bewaffnet saßen wir auf einer Mauer über dem Hafen nebeneinander und sagten Sachen wie “Guma, Schiff” oder “Geil son morgen”. Das erschien mir insgesamt der richtige Zeitpunkt unsere Kommunikation mal auf ein höheres Niveau einzupegeln. Nach vier oder fünf gemeinsam durchfeierten Nächten und mindestens zwei Kisten Jever hatte ich das Gefühl, dass man die Zeit, die man miteinander verbringt und in der man nicht miteinander redet, vielleicht auch knutschend verbringen könnte.

Aber nach ein paar weiteren Gedanken habe ich alle Ambitionen fallen gelassen. Weil mir auffiel, wie angenehm sich das anfühlte, mit ihr, die ebenso schräg wie still war, durch die Gegend zu ziehen. Kein belangloses Reden, kein “Schau mal, was ich alles gemacht habe” Gehabe. Jeder emotionale Vorstoß schien mir völlig unangebracht, und so, als ob ich etwas sehr Zerbrechliches kaputtmachen würde. Diese stille Sitzen auf der Mauer, das langsame, gemeinsame Abkühlen, das Knirschen der Bierflaschenböden, wenn man sie auf dem Mauerrand absetzte, das Schnappen des Feuerzeugs – all das war ein wundervoller, einzigartiger Moment. Ich hätte sie nicht küssen können, geschweige denn sie anfassen. Ihre Nicht-Kommunikation barg ein Geheimnis und ich war nicht gewillt es zu lüften. Aus Angst etwas zu zerstören vielleicht, oder aus Furcht, dahinter verberge sich am Ende doch nur etwas banales. Ich hab sie lieber noch zur S-Bahn gebracht und gewartet, bis ihre Bahn losfuhr, um dann langsam zu Fuß nach Hause zu gehen.

Wir sind über ein halbes Jahr immer mal wieder ausgegangen und irgendwann, als wir mal wieder völlig verschwitzt aus dem Mojo kamen, sagte sie “Ich zieh nächste Woche nach Bremen”. Pause. Dann: “Warst der netteste Kerl, den ich hier kennengelernt hab.” Pause. “Schade”. Küsschen links, Küsschen rechts. Eine sehr lange, feste Umarmung. Und ward nicht mehr gesehen.

Enzensberger und die Weltrevolution

(Note: Ich hatte den Text als Kritik unter eine Kritik von Jürgen Kuri auf G+ gesetzt. Für diesen Artikel aber erweitert und bearbeitet. Während Jürgen die Sache differenziert angeht, greift mit der Tenor, vor allem auf Facebook mit diesen, “Haha, Enzensberger will das Handy verbieten, wie doof ist der denn” Einwürfen einfach viel zu kurz. Es ist die typische Reaktion aus dem Netz, wenn einer mal was gegen das Netz und andere Technologien sagt.)

Jetzt fallen also alle über Enzensberger her, der sich die Freiheit genommen hat zu sagen, man sollte sein Smartphone wegwerfen. Rückwärtsgewand sei das, war noch die freundlichste Beschreibung für den Text. Das “Wehrt Euch” in der Überschrift wird als Technologiekritik verstanden, Enzensberger fordert eine Rückkehr zur Schreibmaschine und zur guten alten Briefpost.

Ja, das Ding von Enzensberger liest sich im ersten Moment, als sei Karl Kraus kurz mal durchs 21. Jahrhundert gehüpft. Ja, da steht auch provokativer Quatsch drin, der knapp am Trollen vorbeischrammt, aber es ist ja auch nicht das erste Mal, dass er zu diesem Stilmittel greift. Und so ganz unrecht hat er auch nicht. Dafür muss man seinen empörten “Der will mir mein Handy wegnehmen” Blick vielleicht für einen Moment mal erheben und selbigen über den Tellerrand schweben lassen. Dazu gehört auch die Frage, aus welchem gedanklichen Umfeld so Überlegungen kommen könnten, immerhin ist Enzensberger ja kein weltfremder Vollidiot.

Enzensberger sieht in der Technologie (Smartphone) eine Kontroll- und Repressionsapparatur, die den klassischen Freiheitsbegriff des liberalen Bürgertums untergräbt. Dass nämlich weder ein Unternehmen noch der Staat im Leben der Menschen etwas zu suchen hat, bzw. seine Freiheitsrechte gefährden darf.

Beide Seiten haben sich rauszuhalten, der Staat ist dafür da, Übergriffe auf die Freiheit seiner Bürger abzuwehren, in dem er sich auf die Seite der Bürger stellt. Stattdessen, und das beklagt er ja nicht zu Unrecht, geschieht das Gegenteil, der Bürger wird alleine gelassen, soll zustimmen, aushalten und der Erosion der Bürgerrechte still zu sehen. Enzensberger vertritt die Sichtweise aus den 50er und 60er Jahren (Habermas u.a.) gemischt mit ein wenig 68er-Folklore, und alles ist auch aus dem Idealbild des Liberalismus des frühen 20. Jahrhunderts abgeleitet. (Es ist eine Form des egalitären Liberalismus, die er vertritt.) Der Mensch ist grundsätzlich frei und vor allem kann er über seine Wahlstimme kontrollieren, welchen Weg der Staat einschlagen soll.

Enzensberger scheint davon auszugehen, dass die Postdemokratie schon längst gesiegt hat. Dass also wirtschaftliche Interessen und Unternehmen den politischen Entscheidungsprozess dominieren. Die individuelle Freiheit ganzer Teile der Gesellschaft muss hinter diesen Interessen nachstehen. Er geht so weit, dass auch die Kontrolle über die wirtschaftliche Freiheit nicht mehr gewährt ist. Zum einen, weil Unternehmen mittlerweile mehr wollen, als nur unser Geld (Daten) zum anderen, weil sich Unternehmen mehr und mehr einer nationalen Kontrolle entziehen (Google, Apple usw.). Durch das Netz, so seine Kritik, schaufelt sich der Liberalismus sein eigenes Grab, weil er den Unternehmen und der Totalüberwachung (kritisiert er ja auch) quasi kampflos den Weg freiräumt.

Er verteufelt gar nicht die Technologie an sich, nur das, was andere damit anstellen, bzw. wie diese Technologie dazu genutzt wird, dass er seine Bürgerrechte nach und nach verliert. Er formuliert die Angst vor einer postdemokratischen Technokratie, in denen “seine” Freiheitsrechte nichts mehr gelten, weil sie sich der Überwachung und dem wirtschaftlichen Fortschritt unterordnen müssen. Er wehrt sich gegen die Banken, die ihr Überleben und die Geldvermehrung über das Wohl ganzer Gesellschaften stellen und die mehr Kontrolle und Macht haben, als es ihm in seinem Verständnis von Bürgerrechten lieb ist. Er beklagt den Verlust von Kontrolle über sein Leben, seine Freiheit und sein Geld. (Parallel beklagt er auch die Doofheit der Menschen, die für “Umsonst” Angebote sämtliche Freiheiten aufgeben.)

Er weiß wohl, dass derartige Rechte, sind sie einmal verschwunden, sich nicht so leicht wiederherstellen lassen. Der Artikel ist nicht zwingend der eines misanthropischen Technologie Verächters. Auch wenn er es sich ein wenig einfach macht, wenn er die Schuld nur bei Technik sieht und nicht bei den Menschen, die sie nutzen.

Und da setzt dann auch Kritik an dem Text an. Er macht es sich ein wenig einfach, wenn er die Schuld bei der Technologie sucht und nicht etwa im Versagen der Politik bzw. des Liberalismus, der Sozialdemokratie (damit meine ich nicht die Partei) und der ethischen Verantwortung der Wirtschaft. Er könnte auf Parteien, Wahlsysteme usw. einprügeln, aber er hat sich die Technologie ausgesucht.

Der Verzicht auf Technologie ändert aber nichts am Status quo, auch wenn er das gerne hätte. Er glaubt, dass man durch den Verzicht die Angriffe auf Bürgerrechte und die Postdemokratie trocken legen kann (“Pleite gehen lassen”), versäumt aber den Blick etwas weiter zurückzuwerfen. Denn die Geburt der Probleme liegt nicht in den 2000er, sondern im Zusammenbruch des Kommunismus zu Beginn der 90er. Seit dem hat der Kapitalismus kein Gegengewicht in Form eines anderen Systems hat, hat er sich gewandelt und der Postdemokratie Tür und Tor geöffnet. Deswegen greifen die “Regeln” von Enzensberger auch zu kurz, Sie sind ein trauriger Versuch, die Notbremse zu ziehen, um bestimmte Symptome zu bekämpfen, verbunden mit der Hoffnung, dass das “System” dann schon wieder zur Vernunft kommen würde.

Das Bedauerliche an dem Text ist eigentlich, dass er so hilflos wirkt. Wenn selbst jemand wie Enzensberger nur noch zu symbolischen Mitteln auffordert, wenn ihm nicht mal mehr ein Angriff auf die Staatsphilosophie gelingt, wenn ihm keine andere Lösung einfällt, als die Technologie zu verbannen, dann ist das schon eine kleine Bankrotterklärung.