Tagebuchbloggen KW14 – 2016

So geht das ja nicht weiter, dachte ich die Tage, als ich auf die traurigen Reste dieses einstmals triumphalen großartigen weltbesten … halbwegs bekannten Blogs schaute. Aber es ist auch so viel zu tun! Schreiben! Für andere, vor allem. Essen will gegessen werden, Getränke getrunken. Aber es fehlt mir schon, dieses kleine Blog, und irgendwie muss man die Krise in unserer immerhin schon 15 Jahre andauernden Beziehung langsam mal beenden. Ein Blogtherapeut würde vielleicht helfen.

Blog (mit vorwurfsvoller Stimme): Er ignoriert mich. Seit Monaten. Ach, was sag ich. Seit Jahren. Dabei habe ich gar nicht gemacht. Ich war immer da, habe immer auf ihn gewartet, während er sich woanders herum getrieben hat. Die Nachbarblogs haben schon getuschelt, aber ich habe immer zu ihm gehalten!
Ich (stotternd): Ich… ich… hatte tun …
Therapeut (Mit einer Elmar Gunsch Stimme): Aber ich sehe, da ist noch Liebe vorhanden…
Blog: *seufz*
Ich: *seufz*

Tagebuchbloggen soll ja helfen. Nicht nur wieder ins Bloggen reinzufinden, sondern auch mal wieder etwas aufmerksamer seine Umgebung zu beobachten. Den Kopf man auf was anderen zu konzentrieren. Also probieren wir das mal, zunächst wöchentlich.

Montag
Erster Arbeitstag, nachdem ich drei Wochen kaum im Büro war (Krank, New York, Urlaub). Was mich an dem Montag aber viel mehr erfreut – endlich wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit. Vor drei Wochen war es draussen noch zu kalt. Also mir. Ja, ich bin ein Schön-Wetter Radfahrer. Und ich schreie allen ins Gesicht: Ja, und? Ich bin alt genug mir auszusuchen, bei welchem Wetter ich mich auf meinem Drei-Gang Fahrrad am steilen Prenzlauer Berg von Rentnern in Jack Wolfskin Klamotten überholen lasse!

Dienstag
Diskussion in der Redaktion über die Panama Papers. Während mich die Erkenntnis, dass Geld in Offshore-Firmen versteckt wird, nicht sonderlich überrascht, sind die Kollegen begeistert über die Berichterstattung. Daten-Journalismus in Reinkultur. Der Hinweis darauf, dass die SZ mit ihren Bilder, die immer wieder Putin ins Zentrum rücken, obwohl der selber damit nichts tun hat, die Berichterstattung verfälscht, wird mit „Verkaufe“ entschuldigt. Immerhin ändere sich jetzt mal was in dieser Offshore-Welt. Vielleicht bin ich einfach zu zynisch geworden, aber ich teile weder die Euphorie, noch denke ich, dass sich grundsätzlich etwas ändern wird. Mag sein, dass ein, zwei Steuergesetze verändert werden, aber am Ende wird es immer Kanzleien geben, die einen neuen Trick anbieten. Die mit den Offshore-Firmen verbundenen Steuerprobleme zu lösen wäre einfach: Es müsste ein weltweit geltendes Steuermodell geben, vor allem für Unternehmenssteuern. Wird es aber nicht.

Mittwoch
Vortrag bei EIT Digital zum Thema „PR-Strategie für Startups“ Volles Haus mit locker 50 bis 60 Zuhörern, die viele, viele Fragen hatten. Erstaunlich, wie groß bei machen die Angst ist, einen Journalisten zu kontaktieren. Danach schöner Spaziergang durch meinen Kiez mit einem Stück Pizza als Abendessen. Zufrieden ins Bett geplumpst.

Donnerstag
Ich sitze im Moment an drei größeren Geschichten gleichzeitig und dann kam heute noch eine rein, die Montag fertig sein muss. Dank der Unterstützung einiger Presseabteilungen, die mich mit Zitaten und Material versorgt haben, passt das dann auch. Abends Linsensuppe

Freitag
Ok. Böhmermann. Ich finde den sowieso meist nur so mittelwitzig, aber gut. Warum man sich aber über ein Schmähgedicht, dazu noch ein sehr schlechtes, eine ganze Woche unterhalten muss, ist mir Rätsel. Hatte eigentlich den Eindruck, dass es wichtigeres gibt, so in der Welt jetzt. Und außerdem denke ich mir, dass man auch schlechte Satire aushalten muss. Weil schlechte Satire sich halt sowieso selbst abschafft . Und es gilt bis heute der Spruch von Karl Krauss „Satiren, die der Zensoren versteht, gehören zu Recht verboten.“ Mag sein, dass das auf der Humorebene von 12jährigen 4chan User verfasste Dings irgendeine Metaebene hat, weil Böhmermann ja nicht doof ist, aber das sich runterbeugen auf dieses Niveau hat halt irgendwann keine Metaebene mehr, sondern ist einfach schlicht doof.

Oder besser: Es gibt halt einfältige Satire und es gibt gute Satire:
https://www.youtube.com/watch?v=y7NTyOa_fgg

Was macht der Dahlmann eigentlich?

In den letzten Jahren habe ich mich viel mit dem Thema „Startups“ beschäftigt und gerade in meiner Zeit bei „Allryder“ (heute „ally“) auch mit der Disruption im Mobilitätssektor. Gleichzeitig bin ich seit einigen Jahren mit der Autoindustrie verzahnt. Ich habe also mit zwei Geschäftsmodellen zu tun. Einerseits dem klassischen Geschäft der Hersteller, andererseits mit den neuen Ideen von Softwareherstellern. Dass sich die beiden Dinge überlappen, dass Autos immer mehr zu Datenzentralen werden und Apps die Mobilität u.a. mittels Data-Mining verändern, war mir schon länger klar. Gegen Ende 2014 wurde mir aber deutlich, dass sich hier gerade einerseits eine „alte“ Industrie komplett verändert, während gleichzeitig das gesamte Konzept der individuellen Mobilität neu gedacht und von vielen Seiten befeuert wird.

Um ein Beispiel für diese Veränderung zu finden, musste ich gar nicht weit schauen. Der Spiegel reichte. Ich hatte im Jahr zu vor mein Auto verkauft, einfach aus dem Grund, weil es nur noch rumstand. Der Entschluss, den Wagen abzuschaffen, ist mir nicht leicht gefallen. Vor allem die Angst vor dem Verlust der „Freiheit“, der Entscheidung, mal eben spontan an die Ostsee zu fahren, machte mir Sorgen. Nach vier Wochen hatte sich der Verlust in einen Gewinn verwandelt. Ich musste keinen Parkplatz mehr suchen, mich nicht um die Pflege des Wagens kümmern usw. Stattdessen bastelte ich mir ein multimodales Verkehrskonzept, bestehend aus Carsharing, Fahrrad, ÖPNV und Taxi. Damit komme ich bis heute deutlich besser klar, als nur auf das Auto zu setzen. Und ans Meer kommt man auch mit dem Zug.

Je mehr ich mich mit dem Thema „Mobilität“ beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, dass da draussen an einer Revolution gearbeitet wird. Und zwar nicht nur von ein paar wenigen Entwicklern, Liegeradfahrern und Autohassern, sondern von Konzernen wie Daimler, Google, BMW, Apple, Uber und anderen. Dazu die Apps und Entwickler, die in den Bereichen Smart Mobility, Smart Cities usw. unterwegs sind. Ich erkannte: da mag vieles noch außerhalb der Sichtweite stattfinden, aber es findet statt und es wird eine gesamte Industrie verändern und neu starten. Die digitale Disruption, die bisher, grob gesagt, sich auf die Unterhaltungsindustrie beschränkt hatte, schwappt langsam aber sicher in Industriebereiche, die seit Jahrhunderten existieren.

Der Wunsch keimte auf, darüber zu schreiben, was ich 2014 dann auch schon tat. Für Heise, für Mobilegeeks und andere. Ich entwickelte die Idee, das Thema journalistisch enger zu begleiten und dachte über ein eigenes Blog nach und schilderte die Idee ein paar Freunden und Bekannten. Um drei Ecken ergab sich dann ein Kontakt zur Gründerszene. Deren Geschäftsführer Mark Hoffmann und der Chefredakteur Frank Schmiechen zeigten sich nicht nur sehr offen für das Thema, sondern wollten das auch umsetzen. Und so bin ich seit Juli 2015 bei der Gründerszene und leite dort den Bereich „Automotive & Mobility“.

Seit August 2015 ist der Kanal online, also nicht mal sechs Monate. Um so überraschender war dann die Reaktion der „alten“ und neuen Industrie. Die fiel überaus positiv aus. So positiv, dass wir zusammen mit der Wired Ende November sogar eine erste Konferenz zum Thema „Future of Mobility“ auf die Beine stellen konnten. Und ich hatte derartig viel zu tun, dass ich nicht mal dazu gekommen bin mein eigenes Blog zu führen.

2016 dürfte es nicht weniger Arbeit werden. Der diesjährige Besuch der CES in Las Vegas vor ein paar Tagen erbrachte die Erkenntnis, dass niemand aus der „alten“ Industrie der Autohersteller daran zweifelt. dass da eine Revolution auf sie und damit auch auf die Käufer zu rollt. Es geht nicht mehr um die Frage, ob das autonome Fahren kommt, es geht nicht darum, ob die Fahrzeuge komplett vernetzt werden und Daten per Cloud auch untereinander austauschen und Städte sich vernetzen. Es geht nicht mal mehr darum, ob der Verbrennungsmotor abgeschafft wird – es geht nur noch darum, wann das alles kommt und wer sich am besten darauf einstellt. Und dabei geht es vor allem aus deutscher Sicht um die Frage, ob und wie die deutsche Industrie in diesen Fragen mit der internationalen Konkurrenz mithalten kann. Denn die Autoindustrie ist so wichtig, wie kaum eine andere für Deutschland.

Mich erinnert die Disruption in der Mobilitätsbranche, die sich im Moment zusammenbraut, an die Jahre im die Jahrtausendwende. Die nächsten zehn Jahre werden einiges auf den Kopf stellen. Um einen Vergleich zu machen: Die Mobilitätsbranche wird gerade einer digitalen Welle erfasst, die vor 15 Jahren die Musikindustrie und den Journalismus auf den Kopf gestellt hat.

Diese Themen, und die Frage, was sonst noch so kommt, werden mich in diesem Jahr (und vermutlich länger) weiter beschäftigen. Ich werde weiter viel reisen, denn die neuen Technologien in den Fahrzeugen wollen ja auch ausprobiert werden, dazu kommen jetzt auch noch die ganzen großen Automessen in Genf, Peking, Paris und L.A. in diesem Jahr. Zusätzlich: Konferenzen und andere Veranstaltungen zu dem Thema. Darauf freue mich schon sehr. Und vor allem darauf, die wichtigsten Themen aus dem diesem Bereich zu identifizieren und den Lesern aufbereiten zu können. Die Disruption zu entflechten und die neuen Chancen zu beschreiben – das ist nicht nur spannend, sondern macht mir gerade auch jede Menge Spaß.

2015

Beste Entscheidung: Auf der CES in Las Vegas eine Idee zu haben. Vier Monate pitchen. Das Angebot der Gründerszene anzunehmen.
Schlechteste Entscheidung: Dehydriert In einen Bus zu steigen in dem ca. 50 Grad herrschten (Umgefallen, Krankenhaus)

Beste Anschaffung: Das Huwei Ascend G7. Bis auf eine schwache Kamera bei schlechtem Licht eins der besten Smartphones, das ich je hatte.
Dämlichste Anschaffung: Wieder mal keine gemacht. Das wird langsam zur Routine hier.

Schönster Absturz: Am Küchentisch zu Hause.
Schlimmster Absturz: Keinen gehabt.

Bestes Getränk: Good old Gin Tonic ohne Firlefanz.
Ekelerregendes Getränk: Jägermeister auf dem Sommerausflug der Firma.

Bestes Essen: Meine Bolognese. Mein Bœuf Stroganoff.
Schlimmstes Essen: Diverse Mahlzeiten in Flugzeugen. Ich entsinne mich an ein widerliches Stück Fleisch in der Business von Lufthansa, deren Essen sowieso teilweise so schlimm geworden ist, dass ich schon über Proviantpakete nachgedacht habe.

Beste Musik: Huuuh. Schwierig. “La Femme – Psycho Tropical Berlin“ lief oft. Ebenso „Jamie xx – In Colour“. Aber auch einige einzelne Titel von “Aphrodite’s Child“ immer wieder gehört. Ach, die Playlist von Spotify erinnert mich noch an das 20 Minuten Stück „Again“ von Archive.
Schlimmstes Gejaule: Ich habe die Fähigkeit entwickelt, mir fast alles vom Hals zu halten. Was super geht, weil ich kein Radio mehr höre, sondern ausschließlich Streams oder Deutschlandfunk.

Eigene, schönste musikalische Wiederentdeckung: Aphrodite’s Child. Diverse Krautrock Sachen.
Peinlichster musikalischer Faux-Pas: Diverse 80er Sachen ;)

Beste Idee/Frage: „Deal?”
Dämlichste Idee/Frage: Dieeeessse Flascheee Weein drinke ich noch

Beste Lektüre: „Straight White Male“ von John Niven. Sehr gelacht. Sehr erschrocken festgstellt, dass es diverse Charakterzüge des Protagonisten gibt, die mir durchaus ähnlich sind. Inklusive der Konsequenzen.
Langweiligste Lektüre: Meistens der „Stern” im Flugzeug.

Bester, dreckigster, geilster Sex: Mit anderen.
Langweiligster Sex: Mit mir alleine

Schönster Moment: : Am See.
Schlimmster Moment: : Der Moment, in dem ich realisierte, dass Karla weg ist. Und für Wochen jede Nacht der Moment, an dem ich nach stundenlanger Suche nach Hause gehen musste, ohne sie gefunden zu haben.

Zugenommen oder abgenommen?
7 kg abgenommen.

Haare länger oder kürzer?
Wie immer.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Kurzsichtiger, laut Augenarzt. Hat mich auch überrascht.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Teile der Technik, die man so braucht, musste ausgetauscht werden.

Der hirnrissigste Plan?
Den 50 Grad heißen Bus statt das klimatisierte Taxi zu nehmen.

Die gefährlichste Unternehmung?
Einmal mit dem Flugzeug durch gestartet, nachdem wir schon aufgesetzt hatten. Da denkt man dann schon einen Moment „Hoppla“.

Der beste Sex?
Durchaus gehabt.

Die teuerste Anschaffung?
Nichts weltbewegendes. Ich habe mir Herbst eine Nikon P610 (Bridgekamera) gekauft. Ich war es leid 3 Kilo Kamera mit mir rum zu schleppen, wenn man eh zu 90% Bilder im Hellen macht und fürs Netz. Da reicht die Nikon, wie ich entzückt festgestellt habe.

Das leckerste selbst gemachte Essen?
Kalbsleber mit Äpfeln, Zwiebeln und Kartoffelstampf. Der Trick dabei: den Bratenansatz der Leber mit Calvados ablöschen, kurz einkochen lassen, etwas Sahne dazu, weiter einkochen lassen, dann die vorher fertig gebratenen Zwiebel/Äpfel in der Soße noch mal erhitzen.

Das beeindruckenste Buch?
Siehe oben.

Der ergreifendste Film/Serie?
Sense8 hat mir sehr gut gefallen. Dazu endlich mal geschafft „Cloud Atlas“ gesehen und mich verblüfft gefragt, warum der Film derartig abgestraft wurde.

Die beste CD?
Ich weiß gar nicht, wann ich die letzte CD gekauft habe. Kann man die noch kaufen? Beim Nachdenken gerade erstaunt festgestellt, dass ich dieses Jahr glaube ich nicht mal digital etwas gekauft habe. Musste zuviel alte Sachen auf Spotify hören.

Das schönste Konzert?
Auf keinem gewesen. Allerdings ein sehr schönes Set auf der Fusion so gegen Mitternacht auf dem Goa-Floor gehört.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Karla und Momo. Und seit Mitte November: Jenna, die als Ersatz für Karla ihren Weg aus dem Tierheim zu mir gefunden hat.

Die schönste Zeit verbracht wo…?
Kein Urlaub in diesem Jahr, nicht mal eine Städtereise. Was sich am Ende des Jahrs auch bemerkbar gemacht hat. Aber natürlich viel unterwegs gewesen. Am meisten Eindruck hat mal wieder Shanghai hinterlassen, auch wenn ich nur knapp 30 Stunden vor Ort war. Dazu ein paar Ausflüge ans Meer nach Malaga.

Vorherrschendes Gefühl 2015?
Jetzt geht es los.

2015 zum ersten Mal getan?
Nachts in Hinterhöfen rumgehangen um eine Katze zu finden.

2014 nach langer Zeit wieder getan?
Das Gefühl gehabt, dass die Dinge an ihren Platz fallen und alles richtig ist.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Der Verlust von Karla.
Im Krankenhaus zu landen.
Der versuchte Einbruch in meiner Wohnung.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Das man den Dingen manchmal auch Zeit geben muss.

2015 war mit 1 Wort … ?
Erfolgreich.

Vorsatz für 2016
Mal wieder mehr bloggen hier.

2014
2013
2012
2011
2010
2009
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2007
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2004
2003
2002

Was man über die Welt wissen muss

Die FIFA überprüft einen möglichen Korruptionsfall beim DFB. Der ultimative Witz, der alles zum verstummen bringt, weil daraus niemand mehr einen Witz machen kann. Und am Ende steht in den Nachrichten…

And the Germans killed the Jews
And the Jews killed the Arabs
And the Arabs killed the hostages
And that is the news

Roger Waters, Amused to Death

Wie ein Trending Topic entsteht

Donnerstag, 02.14 Uhr, Berlin

Der bekannte 21jährige Blogger und YouTuber R.S sitzt mit der vierten Flasche Bier vor dem Rechner und scrollt durch seine Facebook Timeline. „Nichts los…“ murmelt er enttäuscht und dreht sich dabei eine Zigarette aus „Pueblo“ Tabak. Ein weiterer Schluck auf der Flasche, ein tiefer Zug, erneut F5 gedrückt. Nichts. „Früher war mehr los…“ denkt er und schreibt in seine Timeline „Früher war hier auf FB um die Uhrzeit auch mehr los, ihr Luschen“. Gelangweilt wechselt er zu YouTube.

Donnerstag, 06.34 Uhr, Hamburg

Social Media Managerin K.L. bereitet liest die Mails aus der Nacht und überprüft nebenbei, was sich in ihrer „Influencer“ Liste auf Facebook getan hat. Sie findet das Posting von R.S. und stutzt. Schnell kommentiert sie „Hast Recht, ich merke das auch in meiner Timeline. Aber wir werden ja auch alle nicht jünger und müssen früher ins Bett (Zwinkersmiley)”

Donnerstag, 06.59 Uhr, in der Nähe von Frankfurt

Social Media Berater D.F. sitzt nach seiner ersten Joggingrunde noch leicht außer Atmen in der Küche und checkt Facebook. Er sieht den Kommentar von K.L. mit der er vor Monaten auf einem Barcamp mal eine Affäre hatte und überlegt. Hatte er neulich, vor ein paar Monaten oder so, mal bei Pocket einen Artikel eines ehemaligen, offenbar frustrierten Facebook Mitarbeiters gespeichert, der meinte, dass Facebook vor einem Problem stehen würde, weil Jugendliche in Zukunft, wenn es andere Angebote gibt, lieber andere Dienste nutzen? Eine kurze Suche und schon ist der Artikel gefunden. Eine schnelle Google-Suche mit den Stichworten „Facebook Teenager Usage“ erbringt, dass verschiedene Aggregatoren den Blogartikel ebenfalls aufgegriffen hatten. Er packt den Link und den Link zum Status von R.S. in eine Mail an einen Kollegen.

„Guten Morgen, eben gefunden. Könnte Dich interessieren. D.”

Donnerstag, 07.23 Uhr, München

Das Handy von Agenturberater T.O. plingt. T. schaut und sieht eine Mail von D.F. Auf dem Weg zur Arbeit liest den Artikel und die Eintrag von R.S. „Könnte ein schönes Argument für einen Kunden sein mehr zu investieren, damit wir vielleicht ne Instagram Kampagne machen können“. Im Büro angekommen beauftragt er sofort seine Praktikantin S.P. per Mail mit der Ausarbeitung eines Artikels mit dem Titel „Jugendliche nicht mehr an Facebook interessiert – Zahlen und Fakten“.

Donnerstag, 08.55 Uhr, München

S.P. beginnt mit der Arbeit an dem gewünschten Artikel. 2 Stunden später hat sie ihn fertig, inkl. ausgedachter Infografik, die belegt, dass Jugendlich heute Multitasker sind, die sich nicht lange auf eine Marke festlegen lassen, es sei denn, die Marke erfindet sich ständig neu. Sie schickt ihn ihrem Chef T.O.

Donnerstag, 11.29 Uhr, München

T.O. ist zufrieden und schickt den Artikel an seinem Bekannten U.G., der bei einem reichweitenstarken Newsportal arbeitet „Hey U, ihr sucht doch immer neue Trends. Ich habe in den letzten Wochen eine Taskforce geleitet, die an Zukunftstrends arbeitet. Wir sind noch in der Analyse, aber das hier haben wir schon. Würde ich Dir gerne exklusiv geben für die ersten zwei Stunden, geht offiziell erst gegen 15.00 Uhr bei uns raus. Demnächst mal wieder Biergarten? T.O.”

Donnerstag, 11.34 Uhr, München

U.G öffnet die Mail und antwortet „Danke, geht gleich raus, ich mache nur ne andere Headline. Biergarten gerne! U.“ Er kürzt den Text um 90% und nimmt als Überschrift „Facebook auf der Verliererstrasse – Jugendliche laufen in Scharen zu anderen Diensten“. Danach veröffentlicht er den Artikel im Portal und teilt ihn bei Facebook, Twitter, Google+.

Donnerstag, 11.38 Uhr, Deutschland

In verschiedenen Newsredaktionen wird der Artikel gelesen. Ressortleiter weisen ihre Mitarbeiter an, der Sache nach zu gehen. Der sechs Monate alte Artikel des frustrierten, ehemaligen Facebook Mitarbeiters wird hundertfach angeklickt. Mehrere Seiten greifen das Thema auf und titeln „Facebook ohne Jugend“ oder „Die Krise des Giganten“. Dazu gibt es Klickstrecken mit dem Titel „Die 10 besten Alternativen für Facebook“.

Donnerstag, 12.14 Uhr, Berlin

Der freiberufliche Social Media Berater W.L. sieht bei Facebook den von U.G. geschriebenen Artikel und teilt ihn. Er kommentiert „Das sage ich meinen Kunden schon seit Monaten, Facebook ist eine Sackgasse. Ich habe im übrigen noch Kapazitäten frei, gerne RT.“ Mehrere Freunde teilen seinen geteilten Beitrag.

Donnerstag, 14.39 Uhr, München

M.L. liest mehrere Artikel zum Thema und verfasst einen länglichen Facebook Eintrag zum Thema „Warum Content Marketing wichtiger ist als Facebook“. Innerhalb von einer Stunde erhält der Eintrag 67 Kommentare, in denen diskutiert wird, ob Facebook nicht sowieso Content-Marketing ist und das Jugendliche sowieso eine volatile Zielgruppe seien, weil die Early Adopter unter ihnen nur wenig Einfluss auf die late majority haben. Jemand schreibt etwas über Chemtrials.

Donnerstag, 15.24 Uhr, Fürth

Der „Postillion“ veröffentlicht einen Artikel mit dem Titel „Facebook vor dem Aus – Teenager wollen lieber Seilspringen“. Der Artikel wird binnen Sekunden 29652mal auf Facebook und Twitter geteilt.

Donnerstag, 15.45 Uhr, München

J.U, Inhaber einer Beratungsagentur veröffentlicht hektisch ein Facebook Posting. „Wie sie die Krise bei Facebook meistern – wir helfen ihnen gerne“.

Donnerstag, 15.47 Uhr, Deutschland

Unzählige andere Beratungsagenturen schreiben ebenfalls gleichlautende Einträge.

Donnerstag, 15.51 Uhr, Hamburg

Seit einer knappen Stunde kann sich die Pressestelle bei Facebook nicht vor Anfragen zum Thema „Facebook & Jugendliche“ retten. Man überlegt eine eigene Pressemeldung heraus zu geben. Zuvor schreibt Facebook Mitarbeiter H.H. auf Facebook „Och, Kinners…”

Donnerstag, 16.12 Uhr, Deutschland

In hunderten Mailaccounts findet sich das Schreiben einer PR-Agentur aus Köln. „Facebook mag tot sein, aber wir haben die Lösung“. In Text findet sich ein Hinweis auf das Produkt eines Hochdruckreinigers. „Vergessen sie Facebook, der Garten wartet auf sie.“

Donnerstag, 16.35 Uhr, Berlin

Buzzfeed Deutschland veröffentlicht ein Listical „15 Dinge die wir an Facebook vermissen werden. In Gifs.“

Donnerstag, 16.46 Uhr, Berlin

Der einzige Mitarbeiter einer völlig unbekannten Dating-App schreibt auf Twitter „Facebook ist tot? Klar, die Leute wollen eh nur ficken, das können sie besser bei uns [Link zur App]“. Der ehemalige Politiker C.L. retweetet es, die App wird innerhalb von Sekunden 28903mal runter geladen.

Donnerstag, 17.34 Uhr, Hamburg

Die Pressemitteilung von Facebook erscheint per Mail. Man habe keine signifikanten Rückgänge bei den Nutzerzahlen von Jugendlichen. Im Gegenteil, in Schwellenländern sei man da ganz weit vorne. Die Klickrate der Mail liegt bei 0.03%.

Donnerstag, 18.12 Uhr, Hamburg

Berater N.L. kündigt per Twitter an „Morgen in meiner Bild-Kolumne: Warum Facebook nicht tot ist und Deutschland mehr Facebook braucht.”

Donnerstag 18.13 Uhr, München

FAZ Autor D.A. veröffentlicht eine Kolumne, in der er beschreibt, dass die Anwohner des Tegernsees wegen der schönen Landschaft und zeitaufwändigen Vermögensverwaltung eh keine Zeit für Facebook haben.

Donnerstag, 18.15 Uhr, Düsseldorf

T.K. veröffentlich einen Artikel, in dem er darüber schreibt, dass ihm Verlagsmitarbeiter schon vor Jahren gesagt hätten, dass Facebook untergehen wird. Das wird aber nicht der Fall sein weil…. tl;dr

Donnerstag, 23.43 Uhr, München

Der Journalist R.G. veröffentlicht einen Google Hangout in dem er mit dem US-Medienexperten J.J. über die Zukunft von Facebook spricht und die Frage stellt, ob Apple da nicht wieder richtigen Riecher hatte Social Media zu ignorieren.

Die nächsten sechs Wochen, Deutschland

Social Media Mitarbeiter erhalten eine Mail: „Hier, dachte der Link könnte Dich interessieren. Hab ja immer gesagt, mach was vernünftiges! Mami”

30 Stunden Shanghai (Bilder)

Von allen, eher in die Kategorie “Bescheuert” einzuordnenden Reisen, belegt mein Trip über Pfingsten nach Shanghai im Moment locker Platz 1. 4 Flüge, insgesamt (von Haustür zu Haustür, inkl. Wartezeiten an den Flughäfen) 30 Stunden Reisezeit, 30 Stunden vor Ort. Aber nun gut, man kommt ja nicht jeden Tag nach China und nach meiner letzten Reise vor vier Jahren wollte ich unbedingt noch mal nach Shanghai. Selbst wenn es nur sehr kurz war. Anlass war die CES Asia und eine Einladung von Audi dorthin, also Arbeit. Zur CES Asia schreibe ich dann an anderer Stelle noch was, aber schon mal so viel: da wartet noch viel Arbeit auf die Veranstalter.

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Fuck off, wenn Du nicht meiner Meinung bist

“Es gibt eine Vertrollung des Umgangs miteinander, so scheint mir: Der Ton wird schärfer, die Äxte sind dauerhaft gewetzt und werden schneller rausgeholt, es wird lauter und böser und unversöhnlicher. Wenn Auskotzen denn wenigstens bedeuten würde, dass man danach keine Kotze mehr im Leib hat … Aber die scheint sich eher zu potenzieren – mit dem Ergebnis, dass jetzt auch die leisen, klugen Leute anfangen, Blödsinn zu brüllen, nur damit sie überhaupt gehört werden.”

Meike Winnemuth schreibt ungefähr das, was mir seit ein paar Monaten, spätestens seit dem letzte Bahnstreik, im Kopf rumgeht. Sie nennt es “aushalten” ich nenne es eine “Entsolidarisierung vom Allgemeinen”. Gerade beim Streik der GdL kann man schön beobachten, wie eigentlich sonst eher im linken Spektrum angesiedelte Zeitgenossen zu geifernden Neo-Liberalen werden, die die Gewerkschaft als solche und vor allem deren Vertreter am liebsten abgeschafft sehen wollen usw. “Auf dem Rücken der Gesellschaft…” profiliere sich dort eine Gewerkschaft, die doch schon längst alles haben könne. Das die GdL auch gegen die Einführung von Einheitsgewerkschaften streikt (so wie sie die SPD unter Nahles gerne hätte) weil die GdL befürchtet, dass Einheitsgewerkschaften vielleicht nicht ganz so eine dolle Idee sind, wird dabei gerne außer Acht gelassen. Weil “Ich (in Versalien) komme jetzt nicht da hin, wo hin ich gerade will, fuck off…”

Es ist ein wenig traurig mit anzusehen, dass man sich allen Orten entsolidarisiert. Früher haben sich andere Gewerkschaften angeschlossen, wenn irgendwo ein Streik war, um die Wünsche der Kollegen zu unterstützen. Selbst Roland Tichy, der ja nun wirklich nicht in Verdacht steht ein linker Gewerkschaftler zu sein, warnt vor den Folgen eben jener Einheitsgewerkschaft. Aber das hört keiner, die langfristigen Konsequenzen will auch keiner sehen. Ich komme ja ausgerechnet heute nicht von A nach B.

Im Grunde verhält es auch so mit dem Ruf nach Verboten, zum Beispiel dem Wunsch den oftmals fassungslos machenden Frant Josef Wagner die Kolumne zu entziehen. Ich teile die Meinung von Meike Winnemuth, dass man so was halt aushalten muss. Nicht nur aushalten, sondern auch für die Freiheit, so einen Schwachsinn zu schreiben zu dürfen, muss man auch noch einstehen. Ebenso, wie man aushalten muss, dass andere Menschen eben anderer Meinung sind. Aber es ist ja ein Trend geworden, dass man jeden, der auch nur entfernt etwas anderes denkt, meint, sagt oder schreibt, sofort aus der eigenen Timeline und dem Leben entfernt.

Natürlich ist auch das Recht eines jeden, nur das zu lesen oder zu hören, was man gerne hören möchte. Und natürlich gibt es Grenzen dessen, was ich lesen oder hören mag. Aber es scheint mir ein Trend zu sein, dass man “Fremde” das “Andere” oder die grundsätzlich andere Meinung nicht mehr zu tolerieren weiß. Dass man eher weiter Bestätigung in seiner Meinung sucht und sich nicht mehr die Frage stellt, ob in der anderen Meinung nicht hier und da doch das cum grano salis, das Körnchen Wahrheit steckt.

Es gab in den letzten paar Jahren viele Beispiele für eine Lagerbildung. Feminismus, Homöopathie, Flüchtlinge, Islam, Streiks sind nur ein paar Beispiele. Aber die Homöopathie ist eigentlich ein recht gutes Beispiel. Ja, da gibt es eine Menge Quatsch bis hin zu Impfgegner. Aber da muss man aufklären, sich selber mal zurück nehmen, jemanden anderen da abholen, wo er oder sie sich befindet. Nicht schreien, nicht an den Pranger stellen, nicht rufen “Du Idiot”. Sondern sich selbst mal zurück nehmen, die eigenen, vermeintlich so klugen und über allem schwebenden Argumente für sich behalten. Das eigene Ego mal einbremsen und vielleicht die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es für Meinungen viele Gründe geben kann, die man nicht kennt. Dieses Ausblenden des eigenen Egos hat David Foster Wallace in seinem bekannten Vortrag mal schön zusammen gefasst.

“The thing is that, of course, there are totally different ways to think about these kinds of situations. In this traffic, all these vehicles stopped and idling in my way, it’s not impossible that some of these people in SUV’s have been in horrible auto accidents in the past, and now find driving so terrifying that their therapist has all but ordered them to get a huge, heavy SUV so they can feel safe enough to drive. Or that the Hummer that just cut me off is maybe being driven by a father whose little child is hurt or sick in the seat next to him, and he’s trying to get this kid to the hospital, and he’s in a bigger, more legitimate hurry than I am: it is actually I who am in HIS way.”

Vielleicht ist da also jemand, der die Schulmedizin rauf und runter gespielt hat, dem man nicht helfen konnte, aber ein paar Globuli tun es dann doch. Wer bin ich, darüber zu urteilen? Ich kann das gar nicht, schon gar nicht in Social Media Plattformen, in denen Gedanken und Leben auf winzige Splitter reduziert werden. Und das gilt für die Gegner von etwas ebenso, wie für deren Befürworter.

Als noch unangenehmer empfinde ich den hier und da auftauchenden Trend der Sippenhaft. Ansagen wie “Wenn Du XY retweetest oder auf Facebook teilst, entfolge ich dich” sind an sich schon traurig genug, weil sie (ausgerechnet) auf dem, zum Beispiel auch von George W. Bush gesagten, Satz “Bist Du nicht für uns, dann bist du gegen uns” basiert. Und weil sie darauf schließen lassen, dass da jemand mit seinem argumentativen Latein am Ende ist. Dass man selber bestimmte Dinge in seiner Timeline nicht sehen oder lesen will – ok. Dass man andere aber ohne Diskussion dafür in Sippenhaft nimmt, hat etwas Totalitäres. Statt Fronten aufzulösen, baut man welche auf. Man teilt die Welt in Lager, in Schwarz und Weiß und verbarrikadiert sich hinter seinen Gedankentürmen, von denen man annimmt, dass nur man selber in der Lage ist, die reine Wahrheit zu erkennen. Das hat etwas religiöses, fällt mir, jetzt wo ich es schreibe, so auf. Religion hat aber etwas anmaßendes, weil sie einem vorschreibt, wie man zu denken und zu handeln hat. Und doch sind oft jene, die die eine Relegion verdammen, weil sie unfrei ist, weil sie das freie Denken behindert, ausgerechnet jene, die selber mit religiösen Eifer ihre Meinung, oder das, was sie dafür halten, mit allen Mitteln verteidigen und Abtrünnige ihres eigenen Denkens mit einer Art Acht belegen.

Mein inneres Harmoniebedürfnis ist das eine, was sich dem entgegen stemmt, das andere ist die Befürchtung, dass all das Geifern, Toben, Ausschließen, Ausgrenzen und Galle spucken zu einer Art Normalität im Netz geworden ist, eine Krankheit, die langsam aber sicher ins analoge Leben übergreift. Was erschreckend ist. Nicht nur, weil die Bildung verschiedener in sich geschlossener Zirkel bisher selten zu etwas vernünftigen geführt hat. Viel mehr hege ich die Befürchtung, dass all die klugen, empfindsameren, auf Ausgewogenheit bedachten Menschen sich nach und nach zurückziehen. Weil sie nicht so laut sein können und/oder wollen. Weil sie vielleicht den Konflikt mit Menschen scheuen, die sonst sehr mögen. Übrig bleiben am Ende nur noch sich hasserfüllt gegenüber stehende Gruppen, die nur übereinander, aber nicht mehr miteinander reden und sich gegenseitig am liebsten verbieten wollen. Besser noch: Umerziehen.

Eine Antwort auf die hier zwischen den Zeilen gestellten Fragen, kenne ich nicht. Außer vielleicht: Mehr Gelassenheit wagen. Oder um Wallace noch mal zu zitieren:

“The really important kind of freedom involves attention and awareness and discipline, and being able truly to care about other people and to sacrifice for them over and over in myriad petty, unsexy ways every day.”