Die IAA hat gezeigt, dass die Autoindustrie vor einem gewaltigen Wandel steht. Der wird ohne Hilfe der Digitalindustrie nicht zu schaffen sein.
Jeder, der regelmäßig mit dem Auto unterwegs, schimpft. Über fehlende Parkplätze, über Staus und darüber, dass die Stimmung auf der Straße aggressiver geworden ist. Das ist auch kein Wunder. Allein in den letzten vier Jahren ist die Zahl der Autos auf den Straßen um 2.6 Millionen Stück gestiegen. Die sind nicht alle in den Städten unterwegs, aber gut die Hälfte davon schon. Dazu kommt der gestiegene Warenverkehr, der sich in den zahllosen Lieferwagen niederschlägt. Kann das so weiter gehen? Will man noch mehr Autos in die Innenstädte quetschen?
Wir sind nicht nur beim Auto an einer Grenze angekommen. Dass die Menschheit, vor allem in den Industrienationen, seit vielen Jahrzehnten über ihre ökologischen Verhältnisse lebt, ist keine Neuigkeit. Und doch tun wir so, als gäbe es dafür keine Lösung. Die Arbeitsplätze, heißt es immer wieder, und natürlich ist das ein valides Argument. Das wird auch von den Befürwortern des bedingungslosen Wachstums der klassischen Autoindustrie gerne hervorgehoben. Warum sollte man eine Schlüsselindustrie angreifen, die den Wohlstand zumindest mitträgt?
Dass sogenannte Schlüsselindustrien verschwinden, ist nicht neu. Die Kohle- und Stahlindustrie war mal das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie ist heute nicht mehr existent, weil sich die Produktion nicht mehr lohnt. Stattdessen sind andere Industriezweige gewachsen und habe ihre Stelle eingenommen. Darunter war bisher auch die klassische Autoindustrie, auf deren Erfolg man in Deutschland zurecht Stolz sein kann.
Ohne das Auto wäre der wirtschaftliche Aufschwung über die vielen Jahrzehnte nicht möglich gewesen. Aber gleichzeitig ist die schiere Zahl der Autos nun zu einem Problem geworden. Dazu kommt, dass vor allem in den letzten 20 Jahren neue Technologien entstanden sind, die das Auto komplett neu definieren. Dank des Carsharing benötigt man in Städten eigentlich kein Auto mehr, Ridesharing und Ridehailing Angebote sorgen für einen schnellen Transport. Und dann gibt es da auch noch das Taxi. In den Innenstädten ließen problemlos 70 Prozent der momentan privat eingesetzten Autos ersetzen.
Der Trend wird sich fortsetzen, auch, und das ist in der Argumentation wichtig, gerade die Autoindustrie daran arbeitet. Vor allem die deutschen Hersteller haben erkannt, dass sie sich in den meisten Ländern in gesättigten Märkten bewegen. Die Gewinne der letzten Jahre wurden zu großen Teilen in Asien erwirtschaftet, nicht in Europa. Aber gerade China ist ein Beispiel dafür, dass das Auto an seine Grenzen stößt. Daimler und Co haben verstanden, dass sie sich ändern müssen, wenn sie überleben wollen.
Der Umbau der Konzerne zu einem Softwareunternehmen ist im vollen Gange. Natürlich werden die Hersteller auch noch weiter Autos bauen. Aber der fehlende Umsatz aus dem Fahrzeugvertrieb wird aus anderen Bereichen kommen. Und es wird vermutlich keine zehn Jahre dauern, bis der erste Hersteller verkündet, dass man mehr Umsatz mit digitalen Diensten als mit dem Verkauf von Autos gemacht hat.
Das wird auch bedeuten, dass in der Übergangsphase sehr viele Arbeitsplätze wegfallen. Nicht, weil die „Grünen“ das Auto loswerden wollen, sondern weil die Industrie selber den Umbau vorantreiben wird. Aber gleichzeitig werden, wenn es denn gut läuft, auch neue Arbeitsplätze entstehen. Vor allem im Bereich Programmierung und bei den Dienstleistungen.
Was man nun braucht, ist die Entwicklung neuer Schlüsselindustrien in Deutschland und Europa. Das Rennen um Dienstleistungsangebote im Netz (Suche, Mail usw.) ist gelaufen, ebenso das Rennen beim E-Commerce. Aber beim Thema Mobilität sieht die Sache anders aus. Gerade weil wir eine starke Autoindustrie haben, weil es hier erfolgreiche Startups aus dem Bereich gibt, hat Deutschland gute Chancen auf lange Sicht diesen Wirtschaftszweig zu beherrschen.
Dafür bedarf es allerdings einer Kraftanstrengung. Zu lange hat man das Thema Digitalisierung vernachlässigt, zu lange haben große Teile der Industrie verächtlich auf die digitalen Unternehmen geschaut. Daher ist es wichtig, dass nun alle, Politik, Industrie und erfolgreiche Startups schnell gemeinsame Lösungen für die Mobilität der Zukunft erarbeiten.
Wie jeder Wandel wird auch dieser nicht ohne schmerzhafte Einschnitte gehen. Arbeitsplätze werden verloren gehen, Standorte von Fabriken werden geschlossen werden. Aber wenn sich die Autoindustrie nicht neu erfindet, wenn sie den Wandel nicht hinbekommt, werden die Konsequenzen noch dramatischer sein.
Bild: Don Dahlmann
