Ein bisschen Geld hier, ein paar Pilotprojekte dort. Die Verzögerungen in der Verkehrswende werden Deutschland teuer zu stehen kommen.
Jahrzehntelang war die Mobilität leicht zu steuern. Einfach mehr Geld in die Infrastruktur packen, die Straßen, auch innerstädtisch, zwei- oder dreispurig ausbauen und schon war wieder mehr Platz für noch mehr Autos. Doch mittlerweile sind die Innenstädte an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Zu Stoßzeiten bewegt sich nichts und Parkplätze sind rar. Doch mehr Platz lässt sich in den Innenstädten nicht schaffen. Es sei denn, man reißt Häuser ab, aber dagegen spricht dann irgendwie der Wohnungsmangel.
Die E-Offensive der Bundesregierung ist sicher richtig. Der massive Ausbau der Ladeinfrastruktur im gesamten Bundesgebiet ist wichtig und bitter nötig. Aber es kann auch keine Lösung sein, wenn man in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren einfach alle Verbrenner mit einem E-Auto austauscht. Dann ist der Stau zwar leiser und CO2-neutraler, aber der Platz ist weiter Mangelware. So wird man nicht weiter kommen.
Die Verkehrs- und Mobilitätswende ist komplex. Will man die Zahl der Fahrzeuge in einer Stadt reduzieren, müssen viele unterschiedliche Dinge geplant und umgesetzt werden. Der ÖPNV muss ausgebaut und die Taktung verkürzt werden. Und zwar vor allem in den Randgebieten, also dort wo besonders viele Menschen bisher auf das Auto angewiesen sind, um zu Arbeit zu kommen. Doch der Ausbau ist teuer und umstritten.
Gleichzeitig müssen bessere Fahrradwege und Fahrradschnellstraßen her. In Berlin plant man diese Straßen, aber die Umsetzung dauert. Bis die Planungen umgesetzt sind und der Bau starten kann, wird es 2022 sein. Fertig ist der erste Weg dann 2024, der Rest der geplanten Routen ist noch später fertig. Tatsächlich stehen die Verwaltungen vor Mammutaufgaben. Jede einzelne Verbreiterung eines Fahrweges muss geplant, genehmigt und umgesetzt werden. Bei einem Straßennetz von 5452 km Länge, kann man sich vorstellen, wie lange das dauert.
Doch auch das wird nicht reichen. Die Städte benötigen ebenso ein modernes Personenbeförderungsgesetz. Anbieter wie Moia oder der Berlkönig sind mit einer zeitlich begrenzten Ausnahmegenehmigung unterwegs. Der Markt muss also geöffnet werden, auch gegen den erheblichen Widerstand der Taxilobby.
Es warten also viele Aufgaben auf Bund und Ländern und es ist natürlich wichtig, dass die Umstellung den Verkehr nicht unnötig behindert. Angesicht dieser Mammutaufgabe, die weder von den Kommunen noch von einem Bundesministerium alleine zu bewältigen ist, wäre es Zeit für einen nationalen Verkehrstisch. Dort sollten Experten von Bund, Ländern, Interessengruppen aller Verkehrsteilnehmer und Investoren aus der Industrie sitzen.
Ohne diese Investoren wird die Verkehrswende nicht zu schaffen sein. Es würde deutlich mehr Sinn machen, wenn diese Anbieter, deren Angebote dabei helfen, den Verkehr zu reduzieren, mehr in den Fokus gestellt werden. Ein Flugtaxi mag hübsch aussehen, der Verkehrsinfarkt in den Innenstädten Deutschland werden diese Angebote aber nicht verhindern.
Bilder: Daimler AG, Don Dahlmann
