Studien sind nicht nur kleine Fingerübungen für Konzerne, sondern liefern einen Ausblick auf das, was man sich im Konzern unter der Zukunft vorstellt. Bisher zeigten die meisten Studien nur das Thema Design. Die letzten 50 Jahren hat viele Studien hervorgebracht, die mal mehr mal weniger, einen sinnvollen Ausblick auf die Zukunft geliefert haben. Mit dem Wandel der Mobilität haben auch die Studien einen anderen Schwerpunkt bekommen. Nicht mehr das Design, sondern die Technologie ist wichtiger geworden. Dabei geht es vor allem darum, dass man Technologien zeigt, die einsatzfähig sind oder bald sein werden. Die viel beachtete F105 Studie von Daimler war so ein erster Schritt.
Aber die 2015 vorgestellte Studie hatte am Ende dann doch den einen Zweck, Menschen von A nach B zu bewegen. Dies dann zwar vollautonom und mit einem neu gestalteten Innenraum, aber der Einsatzzweck war limitiert. Die jetzt von Mercedes Vans vorgestellte Studie „Vision Urbanetic“ setzt auf einer multifunktionalen Idee auf. Im Grunde handelt es sich um ein Basisfahrzeug, das mittels verschiedener Aufbauten verschiedene Aufgaben erledigen. Die Idee an sich ist nicht neu, wohl aber, dass man den Aufbau innerhalb von Minuten austauschen kann. Alle Sensoren, der Akku, der Antrieb und alle anderen Aggregate sind in der Basis versteckt, der von Daimler so getauften „Surfboard“.
Daimler stellte bei der Präsentation in Kopenhagen zwei mögliche Einsatzmöglichkeiten des elektrischen, vollautonomen Level 5 Transporters vor. Zum einen gibt es einen Aufsatz für das Ridesharing/Pooling, zum anderen einen Aufsatz, in den zehn bis zwölf Europaletten rein passen. Tagsüber, so Daimler, kann das System Leute durch die Gegend transportieren . In der Nacht tauscht das Auto selbstständig den Aufsatz aus und kann dann beladen werden. So kann ein Auto mehrere Funktionen erfüllen. Dies soll dazu führen, dass gleichzeitig auch weniger Fahrzeuge auf der Straße unterwegs sind. Man benötigt nicht mehr zwei Fahrzeuge sondern nur noch eins mit verschiedenen Aufsätzen.
Das Interessante an der Studie sind nicht alleine seine technischen Möglichkeiten. Spannend ist, dass die Studie einen Paradigmenwechsel in der Industrie darstellt. Denn ein Van wie dieser wird nicht mehr an Privatpersonen verkauft, sondern nur noch an Mobilitätsdienstleister, deren Geschäftsmodell vom Ridesharing bis hin zur Logistik reicht. Dabei wird das Fahrzeug nicht mehr verkauft, sondern geht nur ins Leasing. Oder in eigenen Diensten eingesetzt. Daimler stellte in Kopenhagen erneut die eigene Ridesharing Plattform „Via“ vor. Das von Daimler vor einiger Zeit aufgekaufte US-Startup Via bietet auch White-Label Lösungen für andere Anbieter an. Zum Beispiel in Berlin das letzte Woche gestartete „Berlkönig“ Ridepooling Programm der BVG. Das Geschäftsmodell teilt sich dann für einen Hersteller in drei Ebenen ein:
- Herstellung und dem Verkauf/Leasing eines Vans
- Fleet Operator, also der Betreiber der gesamten Plattform, inklusive der Software
- Service Provider, also der Dienstleister, der die Fahrzeuge zum Beispiel in einer White Label Lösung einsetzt.
Der Vision Urbanetic ist also mehr, als nur eine neue wilde Designstudie. Es zeigt auch, wie weit sich die Geschäftsmodelle für einen Hersteller ändern. Die Bereitstellung des Fahrzeugs und der Module ist eine Sache, die mit dem Fahrzeug verbundene Software, ist die viel wichtigere andere Sachen. Denn das Auto wird sich logischerweise nicht ohne die Software nutzen lassen. Und so ist die Software im Grunde das, was die Fahrzeuge und die Geschäftsmodelle antreibt. Damit ist dann auch der notwendige Wandel in der Industrie eingeleitet. Das Pressen von Blech ist nur noch ein Geschäftsbereich eines Herstellers. Der Umsatz wird in Zukunft vor allem von Service Dienstleistungen und der damit verbundenen Software gesteigert. Der Plattformkapitalismus hält also auch in der Autoindustrie Einzug.
Bilder: Daimler AG

