Ich bin in den vergangenen zwei Wochen viel Zug gefahren. Sehr viel Zug gefahren.
Berlin – Amsterdam (661 km)
Amsterdam – Köln (262 km)
Köln – Paris (498 km)
Paris – Turin (773 km)
Turin – Vipiteno (Südtirol) (483 km)
Vipiteno – München (212 km)
München – Berlin (585 km)
Das sind 3.474 Kilometer. Insgesamt habe ich dafür acht unterschiedliche Züge benötigt und hatte folgende Zugtypen: EC, ICE, Thalys, Trenitalia Frecciarossa, RE (Italien). Zugticket Kosten (1. Klasse, BC25): rund 900 Euro.
Der beste Zug war der Thalys. Auch wenn schon sichtbar etwas in die Jahre gekommen, war die ganze Fahrt ein gutes Erlebnis. Breite, sehr bequeme Sessel und es gab sogar ein Abendessen (umsonst). Das ähnelte zwar einem Essen aus der Business Class bei Lufthansa auf Kurzstrecken, war aber genießbar. Oder ich hatte sehr viel Hunger, was auch sein kann.

Schlechtester Zug war der EC der ÖBB vom Brenner nach München. Auch wenn der EC offensichtlich renoviert war, empfand ich die Fahrt als schwierig. Es gab nur Abteile (was ich nicht mag). Bei der Reservierung über die Webseite der Deutschen Bahn konnte ich keinen Sitzplatz auswählen und endete im Mittelsitz in einem vollen Abteil, was sehr ungemütlich war. Die knapp drei Stunden dauerten gefühlt länger, als die absurden sieben Stunden von Berlin nach Amsterdam. Da war es ein modernisierter EC der DB, der sehr gut ausgestattet war.
Der Frecciarossa nach Turin war voll, Platz war aber ok. Insgesamt aber nichts Besonderes und nicht so angenehm wie der Thalys. Rumpelte auch deutlich mehr in langsamen Passagen hin und her. Auf der positiven Seite: Super bequeme Sitze, einen bisschen besser als die im ICE.
Und nun zum Highlight: Verspätungen. Ich hatte die Buchungen so gelegt, dass ich möglichst wenig umsteigen musste (deswegen u.a. auch der Trip über Paris). Ich hatte keine Lust Anschlusszüge zu verpassen, um dann irgendwo zu stranden. Aber: die maximale Verspätung belief sich auf rund 10 Minuten. (EC nach Amsterdam, Thalys [Stau bei der Anfahrt in Köln]). Alle Züge waren pünktlich und standen oft weit vor der eigentlichen Abfahrtszeit am Gleis bereit.
Das war auch beim Frecciarossa in Paris am Gare du Lyon so. Aber dort gibt es das merkwürdigste Boarding für einen Zug, dass ich je erlebt habe. Man kann den Bahnsteig nicht einfach betreten. Vor dem Bahnsteig sind Self-Check-In-Automaten bei denen man sein Ticket scannen muss. Die gingen aber nicht. Stattdessen standen da zwei Mitarbeiter, die jedes Ticket der rund 400 Zuggäste kontrollierten. Ich war froh, dass ich nicht wie sonst erst 5 Minuten vor der Abfahrt am Bahnsteig war.
Warum bin ich überhaupt die ganze Strecke mit dem Zug gefahren? Ich hätte ja auch fliegen können. Zum einen durfte ich nach einer OP (Gallenblase raus) nicht fliegen. Der Druckunterschied im Flugzeug könnte die Wunden im Bauch öffnen, sagte man mir. Zum anderen lohnten sich die Flüge kaum. Von Berlin nach Amsterdam wäre es schneller gewesen, aber alle anderen Strecken waren mit Zug schneller und bequemer. Paris-Turin dauerte zwar 5,5 Stunden, aber ein Flug hätte wenig Zeitgewinn gebracht und mich zudem der schönen Aussichten bei der Fahrt durch die Alpen beraubt.

Dazu kommt noch etwas anderes. Das war natürlich kein Urlaub, sondern ich war für Dreharbeiten unterwegs. Die Zeit zwischen den Locations im Zug zu verbringen (plus ein Tag Pause in Paris, was ja auch nicht schlecht ist) war deutlich angenehmer, als zu fliegen. Ich konnte meine Texte schreiben, aus dem Fenster schauen, schlafen, Musik hören, Filme schauen oder lesen, anstatt mich mit Flughäfen, der Security, langwierigen On- und Off-Boarding usw. herumschlagen zu müssen. Ja, das Zugfahren dauert manchmal länger, aber dafür ist das Stresslevel sehr viel niedriger. Und man sieht auch was von den Gegenden. Die Alpen von oben zu betrachten ist schön, aber mit dem Zug durch die Täler zu fahren ist genauso toll.
Zugfahren, auch auf längeren Strecken ist entspannender als zu fliegen. Auch, weil man seine Reise anders plant. Wenn man keine Lust hat 12 Stunden im Zug zu sitzen, plant man halt eine Zwischenstation ein. Man besucht andere Städte, man geht dort was essen, man erlebt mehr. Der Weg ist halt das Ziel und der Weg kann genauso viel Spaß machen.
Zwei Dinge muss man aber erwähnen. Es ist teuer. Zu den Zugtickets kommen, wenn man es bequem haben will und Zwischenstopps einlegt, dann auch Hotel- und Gastronomiekosten. Das summiert sich schnell auf 100 bis 200 Euro extra pro Stopp. Zweitens: das macht im Winter keinen Spaß. Es ist eine Freude, im Sommer einen Tag durch Paris zu laufen. Bei 3 Grad und grauen Himmel will man das eher nicht.
Ich nutze innerhalb von Deutschland ausschließlich den Zug aber die Reise hat mir gezeigt, dass ich, wenn es irgendwie geht, dem Zug auch auf der Mittelstrecke im Europa den Vorzug geben werde. Es macht einfach mehr Spaß und ist entspannter (vor allem, wenn man das deutsche Schienennetz hinter sich gelassen hat). Ende Juli geht es nach Warschau, da nehme ich den Zug und ich überlege nächstes Jahr im Februar zum Mobile World Congress in Barcelona einfach mal den Zug auszuprobieren. Da kann ich dann wieder eine Nacht in Paris verbringen, wo ich gerade ein ganz wunderbares Restaurant gefunden habe.
