Musikindustrie

Mehr Jazz I

Als ich 26 war saß ich mit einem der großem A&R der damaligen Zeit zusammen. Einer der Angestellten der Musikindustrie, die alles, wirklich alles mit gemacht hatten. Ein Mensch, der in den 60ern mit den Beatles, den Rolling Stones und den Doors groß geworden war war, einer der wenigen, die den Aufstieg von Led Zepplin und Roxy Music hautnah, weil im Business beschäftigt, erlebt hatten. Er war damals bei einem leider schon lange untergegangenen Label angestellt und seine Vinyl-Sammlung war legendär. Es hieß, dass er alle B-Seiten, alle Sonderdrucke und alle, der damals sehr seltenen Radio-Edits seiner Zeit gesammelt hatte. Seine LP-Sammlung war angeblich so groß, dass das Haus, in dem er damals lebte, dem Einsturz nahe war, weil er die schweren Vinyls alle im ersten Stock sammelte. Nach dem das Haus Risse zeigte, empfahl ihm ein Statiker seine Sammlung teilweise auszulagern, was er dann schweren Herzens in einer angemieteten Garage tat.

Ich hatte das Vergnügen einmal bei ihn zu Besuch zu sein, das war nachdem er die Garage schon gemietet hatte, und nur noch seine größten Schätze im Haus waren. Wir sprachen viel über die Doors, Richie Blackmoore und andere Größen, aber irgendwann meinte er, völlig unvermittelt, dass man nichts, aber auch gar nichts, von Musik verstehen würde, wenn man nicht Miles Davis, John Coltrane oder Art Blackey gehört habe.

Für mich war damals Jazz, egal welcher Epoche, ein unhörbares, langweiliges, teilweise schreckliche atonales Gespiele. Unhörbar, unempfindbar und völlig unpassend in mein damaliges Musikgefühl. Es stand überhaupt nicht zur Debatte, dass ich mich jemals, auch nur annähernd mit dem Thema Jazz auseinandersetzen würde. Deutscher Schlager, Easy Listening, Jazz. Das war für mich damals ein und dasselbe.

Aber wenn man wirklich ein Ohr für die Musik hat, wenn man immer wieder neue Künstler sucht, die genau das ausdrücken, was man empfindet, und die das viel besser ausdrücken als all die Popstars, die die Industrie so hervor bringt – wenn man vermeintlich alles gehört hat, wenn man durch die Epochen gesprungen ist, wenn man Pink Floyd, Beirut, Kaiser Chiefs, Blumfeld, Genesis, Kings of Leon, Led Zeppelin, Calexico, Jimi Hendrix, die Doors, die Pixies, Beatles, Guru, Tom Waits, Air, Bauhaus und durchaus auch Coldplay gehört hat, dann stellt man fest, dass dahinter eine Leere bleibt, Es wiederholt sich, in modernisierten Zyklen alles, was man so kennt. Und wenn auf den Grund gehen möchte, wenn man verstehen möchte, was all die großen Menschen, die die Popkultur geprägt haben, einmal angetrieben hat, wenn man die Wurzeln entdecken möchte, dann landet man bei Jazz der 50er und frühen 60er Jahre. Bebop ist so ein Schlagwort, im wahrsten Sinne des Beats, das viele angetrieben hat. Und schon ist man bei Miles Davis, John Coltrane, Thelonius Monk, Dave Brubeck oder Sonny Rollins. Es gibt viele Namen aus der Zeit, viele davon sind in Vergessenheit geraten, aber sie alle waren und sind dafür verantwortlich, dass wir heute R&B, Blues, Rock und Pop hören.

Der A&R hat am Ende Recht behalten. Ich bin irgendwann beim Jazz gelandet. Nicht weil er mich interessiert hat, sondern weil ich wissen wollte, wo die Musik her kommt, die ich heute höre. Man findet Jazz Anleihen im Pop, im Country, im Techno und in vielen anderen Bereichen der Musik. Man muss den „puren“ Jazz nicht mögen, aber er ist da, man hört ihn überall, gerne und viel auch im Rap. Aber einer der Punkte, die mich zum Jazz gebracht haben war, dass die Musiker wirklich Musiker waren. Sie beherrschten damals ihre Instrumente perfekt. Egal ob man Davis, Monk, Brubeck, Coltrane, Hancock, Tjader oder anderen zuschaut, es ist ein unfassbar großer Schritt, den man beobachtet. Sie alle haben ein Instrument klassisch gelernt, das heißt auf Grund der Vorlagen der klassischen Musik – aber was haben sie selber, aus eigenem Antrieb daraus abstrahiert, wie schwer muss gewesen sein, die Improvisation zur Kunst zu erheben.

Ich will niemanden bekehren. Jazz ist am Ende wie eine Religion, von der man weiß, dass man sie nicht erklären kann, sondern dass man sie für sich selbst entdecken muss. In der Überschrift steht eine Zahl, vielleicht wird aus dem Artikel eine Reihe, mal sehen. Erst einmal zwei Stücke, die einen guten Einstieg bieten.

Miles Davis – All Blues – 1964

September 1964 in Los Angeles

Miles Davis – trumpet
Wayne Shorter – tenor sax
Herbie Hancock – piano
Ron Carter – bass
Tony Williams – drums

Thelonious Monk: Blue Monk

Oslo, April 1966

Thelonious Monk – Piano
Charlie Rouse – Tenor Sax
Larry Gales – Bass
Ben Riley – Drums.

Wirtschaft vs. Zensur

[Es folgt eine lose Gedankensammlung, ohne großartige Zahlen, der Eintrag ist also eher als offene Diskussion zu verstehen]

War ja klar, dass ausgerechnet Dieter Gorny in die Kerbe haut, wie man bei Nerdcore lesen kann:

Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, hakte sich sogleich bei der Ministerin ein: „Der Vorstoß der Familienministerin zum Verbot von Kinderpornografie im Internet ist ein richtiges Signal. Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums.“ Das ist die mühsam verklausulierte Forderung, unliebsame P2P-Linkseiten auf die Sperrliste zu hieven.

Logisch, dass die Urheberrechte-Industrie gerne eine Filterliste für ihre Zwecke haben möchte. Ist doch praktisch, wenn man plötzlich p2p-Netzwerke oder auch mal You Tube mittels einer Filterung unter Druck setzen kann. Aber kann sich so etwas die deutsche Wirtschaft auf Dauer erlauben?

Denn immerhin handelt es sich beim Internet auch noch um eine Investitionslandschaft. Da die Exportabhängige deutsche Wirtschaft gerade massiv schwächelt und das Modell einer reinen auf Außenhandel spezialisierten Wirtschaft nicht immer funktioniert, wird das Netz in den nächsten Jahren zu einem wirklich sehr großem Wirtschaftszweig. p2p, Open Source und Seiten wie You Tube (oder vergleichbare Seiten aus Deutschland wie sevenload) zu gängeln, könnte aber kontraproduktiv sein.

Nun hat China auch keine wirtschaftlichen Probleme, obwohl man massiv das Netz filtert. Aber China ist ein Markt, der mehr als 1.2 Milliarden potenieller Kunden umfasst. In Deutschland gibt es gerade mal 80 Millionen.

Im Moment ist der im Netz generierte Umsatz verglichen mit den Einnahmen aus den klassischen Wirtschaftsbereichen noch nicht so wichtig, aber das wird sich ändern und die Frage wird sein, wie weit man sich eine gesetzliche Filterung in Deutschland noch leisten kann und will.

zensurDie Pornobranche ist vielleicht ein merkwürdiges, aber in dem Zusammenhang kein schlechtes Beispiel. Während in Deutschland eines der strengsten Jugendschutzgesetze der Welt hat, das den Zugang zu deutschsprachigen Seiten massiv erschwert und vor allem verteuert, haben es andere Länder leichter. Die Umsätze werden in den USA gemacht, obwohl man sich ja zumindest durchaus vorstellen könnte, dass eine deutsche Sex-Industrie durchaus vergleichbare …ähmmm… Qualität abliefern könnte. Nicht zuletzt hat die Branche ja in den 80er und 90er Jahren in Deutschland floriert, als jeder einigermaßen erwachsen aussehende Mensch die jeweiligen Ecken der Videoverleiher besuchen konnte. Hätte man damals eine elektronische Zugangskontrolle an jeder Videothek angebracht, das Geld wäre vermutlich weniger üppig geflossen. Das hat nicht nur was damit zu tun, dass 16jährige Teenager nun mal Pornos konsumieren, sondern viel mehr damit, dass Erwachsene jetzt auch ungern ihren Porno-Konsum mittels PostIdent-Verfahren und ID-USB-Stick kontrolliert sehen wollen. Wie tief der Frust in der Branche gegenüber den laxen Jugendschutzgesetzen in den USA ist, hat man im letzten Jahr gesehen, als einige Hersteller Anbieter wie „You Porn“ aus dem deutschen Netz per Gerichtsbeschluss filtern wollten. Nicht wenige Anbieter aus diesem Segment haben ihre Inhalte mittlerweile ins Ausland verlegt. Arbeitsplätze, Steuern und sonstige Einnahmen fließen also woanders hin.

Nun kann man die Filterung, bzw. den erschwerten Zugang, zu diesen Angeboten ja noch nachvollziehen, es zeigt aber auch, was mit einem Industriezweig passieren kann, wenn man ihn zu sehr gängelt.

Der garantiert freie Zugang zu Webseiten ist also auch deswegen wichtig, weil das Netz eine gigantische Werbe- und PR-Maschine ist. Wenn zum Beispiel Google feststellt, dass der eigene Bewegungsspielraum in Deutschland zu eng wird, könnte die Firma theoretisch ihre Investitionen hier zurückschrauben und sich auf andere Märkte konzentrieren. Sicher, erneut das Beispiel China, wo Google sich sehr wohl den Zensurmaßnahmen anpasst, aber, wie gesagt, China ist zu groß, als dass man auf den Markt verzichten könnte. Deutschland ist das unter Umständen nicht, oder wäre es nur dann, wenn alle Filtermaßnahmen im europäischen Kernland identisch wären.

Die Theorie des Kapitalismus und der Gedanke des „Freien Markt“ umfasst auch die Idee, dass seine Ausbreitung für mehr Demokratie sorgt. Die Forderungen der Politik gegenüber Staaten, die andere Systeme pflegen, lautet ja immer: „Führt freie Wahlen ein, öffnet die Märkte, schützt den freien Handel“. Diese Forderungen gelten auch für neue Wirtschaftssysteme wie die Open Source Kultur. Zu dem sucht die Werbe- und PR-Wirtschaft immer die Lücken, die bisher frei von Werbung waren. Das p2p-Börsen der Musikindustrie schaden ist unbestritten (der Umfang des Schadens aber aber wohl), aber man sieht durch aus auch den Nutzen, die diese Börsen, You Tube, MySpace, Last.fm etc. mit sich bringen. Die Musikindustrie bekämpft mittlerweile ja nicht die p2p-Börsen wegen der illegalen Verbreitung, sondern weil sie mittlerweile die Wichtigkeit des Distributionsweges erkannt hat und diesen für sich monetarisieren will. Letztlich versucht man das alte Logistiksystem nur in einem neuen Kleid zu präsentieren. Das funktioniert aber nicht mehr, weil die Stars und Nachwuchsbands anfangen, sich selbst zu vermarkten, sich also eigene Wege suchen und dafür auch bewusst p2p Börsen nutzen. Wenn Gorny also fordert, dass solche Börsen gefiltert werden sollen, dann kastriert er sein eigenes Vertriebssystem und schadet dem Wirtschaftsstandort Deutschland.

Der Treppenwitz wäre, dass der Kapitalismus dafür sorgt, dass Filtersysteme nicht durchsetzbar sind.

Doofe Frage I

Vielleicht sollte ich das ja wissen, wo ich ja auch was mit Medien mache, aber ich weiß es nun mal nicht.

Es geht um einen Satz, den ich gestern bei Turi gelesen habe:

Die Gesamtreichweite der erfassten Titel steigt sogar minimal an – von 60,7 auf 60,8 Mio Leser. Der simple Grund: Die Leser kaufen in finanzschwachen Zeiten zwar weniger Magazine, tauschen diese aber vermehrt untereinander aus, so Michael Walter, Vorstand Zeitschriften der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AG.MA).

Anders ausgedrückt: Obwohl die Auflagen aller Zeitungen laut IVW um 0,65 Millionen in einem Jahr gefallen ist, es also 650.000 Leser weniger gibt, steigt die Reichweite um 100.000 Leser.

Meine doofen Fragen hierzu:

1. Wer misst denn die angebliche Tauscherei? Ist das so ne Umfrage, wie die, die man auf Shampooflaschen sieht?
2. Ist das jetzt in der Verlagsbranche so wie in der Musikindustrie, wo man seit 10 Jahren behauptet, dass man ja eigentlich nicht weniger verkauft, die Leute nur illegalerweise mehr tauschen?
3. Wird das Weitergeben von Zeitungen illegal?