Internet

It’s the end of the world as we know it

Google hat ein merkwürdiges Abkommen mit dem US-Provider Verizon getroffen. Zwar will man für das bestehende, kabelgebundene Internet weiter die Netzneutralität beibehalten, aber das gilt a) nicht für neue Dienste, in diesem Netz auftauchen und b) nicht für das mobile Internet, also alle Daten, die nicht kabelgebunden durch den Raum schwirren (UMTS/HSDPA/LTE/WIMAX). Darüber kann man sich zu Recht aufregen, denn es teilt das Internet in zwei Klassen. Zum einen das freie Internet, so wie man es kennt, zum anderen das mobile Internet, das bisher zumindest teilweise frei war.

Dabei muss man allerdings sehen, dass das sogenannte „Peering“ im Mobilnetz schon lange existiert. Fremde Daten, vor allem von Providern, die keine Abkommen miteinander haben, werden langsamer übertragen, als die eigenen. Dazu kommt, dass die Provider das mobile Netz sowieso kastrieren. Dienste wie Skype oder Torrents, werden gesperrt, und sind wenn überhaupt und durch eine Zuzahlung zu bekommen. Man kann für die Provider ein gewisses Verständnis im mobilen Netz aufbringen. Die UMTS-Lizenzen waren teuer, die Netze sind schnell ausgelastet, also muss man schauen, dass alle einen Teil abgekommen und nicht Gigabyte große Downloads das Netz für jene verlangsamen, die nur ihre Mails abrufen wollen. Auch steigen die Innovationskosten. LTE (auch G4 genannt) wird der neue Standard, allerdings muss man dafür auch wieder die Infrastruktur teilweise komplett Neuaufbauen.

Der Sündenfall besteht also nicht in der Regulierung der Datenpakete, sondern darin, dass ein Content-Anbieter wie Google sich erstmals auf die Seite eines Providers stellt, und den Abbau der Netzneutraliät unterstützt. Die Priorisierung der Dienste kann dann zu merkwürdigen Dingen führen. So mag man last.fm auf seinem Rechner zu Hause ohne Einschränkungen hören können, auf dem Handy geht es aber nicht, bzw. nur in schlechter Qualität, weil last.fm die Mittel und die Lust fehlen für die Bevorzugung im Netz zu zahlen. Es geht aber noch weiter, denn es könnte ja sein, das last.fm einen Deal mit Vodafone schließt, mit O2 aber nicht handelseinig wird. Während Vodafone Kunden last.fm in HQ hören können, bekommen O2 Kunden dann nur eine Version, die nicht so gut funktioniert.

Der Deal zwischen Google und Verizon ist auf den ersten Blick nicht schädlich für den Konsumenten, weil die gar nicht finanziell belastet werden. Stattdessen werden die Content-Anbieter und vor allem Startups belastet, die ihre Dienste an den Mann bringen wollen. Wenn last.fm bei meinem Provider nicht verfügbar ist, muss ich entweder den Provider wechseln (was schwierig ist) oder den Dienst. Würde Spotify also einen Deal mit O2 haben, wäre mein Entschluss klar.

Warum Google diesen Schritt gewagt hat? Einerseits haben sie eine Menge Dienste, die das mobile Netz stark belasten. Android mit seinen Hintergrunddatenabgleich, Google Maps & Navigation und natürlich You Tube. Die in den Startlöchern stehenden Plattformen Google TV und Google Games sind zwei weitere wichtige Wachstumsfelder. Gleichzeitig sichert sich Google eine Monopolstellung auf dem Markt. Denn wenn, wie in der Presserklärung nebulös angedeutet, auch im Breitbandnetz neue Dienste oder Webseiten ab einem gewissen Traffic auch unter die Lupe genommen werden können, dann hätte ein YouTube Konkurrent keine Chance mehr. Es sein denn, Endverbraucher zahlt für dieses „Internet Plus“. Faktisch würde mir dem Deal das freie Internet eingefroren, um ein neues, in dem nicht die User, sondern die Content-Anbieter und ISPs das Sagen haben, einzuführen.

Zu dem setzt der Schritt eine weitere nationaliserung der Angebote in Kraft. Wegen der bekannten Probleme beim Urheberrecht ist es zum Beispiel nicht möglich (zumindest nicht ohne Tricks) Dienste wie hulu.com oder den BBC iPlayer aus Deutschland abzurufen. Geo-IP-Blocking lässt sich aber einigermaßen schnell umgehen und die Content-Anbieter kommen mit dem Blocken von VPNs und Proxys nicht hinterher. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Werden die Datenpakete, bzw. deren Abruf, vom Provider kontrolliert, sieht das wieder anders aus. Kann ich mich zum Beispiel nicht mit einer Verizon IP ausweisen, könnte mir der komplette Zugang zu Diensten verwehrt bleiben. Noch schlimmer wird es mit dem obengenannten Peering. Theoretisch könnte Verizon einen YouTube Konkurrenten aus Russland oder China blocken, bzw. verlangsamen, weil die keinen Deal mit dem Provider haben. Peering wäre also nicht nur ein Kontrollelement für Inhalte, es wäre auch ein Hebel, um den nationalen Markt zu „schützen“. Quasi moderne Zollabgaben.

Das einzige Zugeständnis, das Google und Verizon machen wollen, ist eine gewisse Transparenz, welche Dienste gedrosselt werden, und welche nicht. Das müssen sie allerdings auch machen, sonst hätte die FCC (US Aufsichtsbehörde) den ganzen Deal vermutlich einkassiert (was sie allerdings immer noch machen können).

Ein weiterer interessanter Punkt, ist die damit möglicherweise verbundene „AOLisierung“ des Internets. Das findet man schon innerhalb der Mobile Apps bei Apple, wo der Hardwarelieferant bestimmt, was für Programme auf meinem Handy laufen dürfen. Apple entscheidet, ob eine Applikation in der App-Store kommt, oder ob man sie zurückweist. Das ist gleichzeitig ein schönes Geschäftsmodell, denn Content-Anbieter (zum Beispiel Verlage) könnte man dafür zur Kasse bitten, wenn sie ihre Applikation online stellen wollen. Bei Android sieht das (noch) anders aus, aber auch hier gibt es erste Bestrebungen aus Qualitätsgründen (Malware, Trojaner etc.) den Markt stärker zu regulieren. Das bestehende Internet, in dem alle Daten gleichbehandelt wurden, ist also gleich von drei Seiten bedroht: den Providern, den Hardwarelieferanten und seit Neuestem auch durch monopolistische Content-Anbieter, die nationale wie internationale Konkurrenz aus dem Feld räumen wollen. Am Ende bleibt das uns bekannte Internet in seinen Grundzügen zwar bestehen, das „neue“ Internet Plus sieht allerdings komplett anders aus.

Allerdings hat das Netz eine solche Transformation schon einmal mitgemacht. Das Usenet der 80er Jahre unabhängig, unkontrolliert und frei. Als das „neue“ http-Netz aufkam, übernahmen kurzzeitig Firmen wie AOL und Compuserve das Ruder, die einem nicht das Netz anboten, sondern kasernierte Contentangebote auf den eigene Plattformen. Das hat sich allerdings auf Dauer nicht halten können, wie die Geschichte gezeigt hat. Es waren ausgerechnet Dienste wie die von Google, die dem AOL-Netz den Todesstoß versetzt haben. Der Unterschied zu heute ist allerdings, dass die Provider damals in der ganzen Sache keine Rolle gespielt haben. Ob das Netz, sollte es zu weiteren Übereinkommen wie zwischen Google und Verizon kommen, stark genug ist, um sich gegen die Provider durchsetzen zu können, ist dann wieder eine andere Frage. Die ISP sind, dank ihrer Infrastruktur, das Nadelöhr des Netz. Es gibt da nur einen Weg, wie man das offene Netz retten kann. Die Politik setzt die Netzneutralität unter allen Umständen und für alle Netze (Kabel und Mobil) per Gesetz fest. Doch selbst das reicht nicht, wenn dieser Entschluss auf einer nationalen Ebene fällt, da andere Länder es anders sehen können.

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das Ende des Netz, so wie ich es kenne, nur eine Frage der Zeit ist. Zu viele wirtschaftliche und politische Interessen hängen mittlerweile am Netz, als dass man es seiner Unabhängigkeit überlassen würde. Die Liste derjenigen, die am Netz rumregulieren, ist lang und sie wird mit jedem Tag länger. Ob das die GEMA ist, die Landesmedienanstalten, die Politiker mit dem neuen Jugendschutzgesetz, die ISPs mit dem Verlangen mehr Geld zu verdienen oder Content-Anbieter, die der Konkurrenz einen Schritt voraus sein wollen. Ich sehe im Moment nicht, wie die User sich gegen auf Dauer gegen diesen Beschuss wehren können.

Die Angst vor der Moderne

Frank Schirrmacher hat einen erstaunlich weitsichtigen Text in der FAZ veröffentlicht, in dem er sich sehr differenziert über Google und die komplexen Algorithmen der Echtzeitwelt äußert. Der Text liest sich geschliffen und ist mit viel Weitsicht geschrieben. Zwischendurch hatte ich schon den Verdacht, dass er sich einen Ghostwriter zugelegt hat. Aber Schirrmacher ist selbstverständlich ein sehr kluger Mensch und sein Buch „Payback“, in dem er eine Art Brandrede gegen die Überfrachtung durch Information hält, ist (was ich bisher gelesen habe) auch besser, als der Ruf, den das Buch in der Netzszene hat. Denn, da muss man schon ehrlich sein, ein wenig wird jedem schon mal anders, wenn er an all die Informationen denkt, die gelesen und verarbeitet werden wollen.

Es braucht also, so Schirrmacher, Algorithmen, die Informationen sortieren und in einen Bezug setzen. Doch das führt dann seiner Meinung nach dazu:

Es geht hier im Kern um Systeme, die menschliche Kommunikation industrialisieren, extrahieren und ausbeuten. Es geht um das Geschenk der freien Meinungsäußerung für alle und jeden. Und es geht darum, wie die Inhalte dieser Meinungsäußerungen in Systemen perfektioniert werden, die menschliches Verhalten aufzeichnen, auswerten und für industrielle Zwecke verwerten. Niemand kennt Googles Algorithmus – und erst recht nicht diejenigen all der kleinen Googles, die in Unternehmen exakt auf die Bedürfnisse des Personalmanagements zugeschnitten werden –, aber es ist eindeutig, dass dieser „Verarbeitungsprozess“ in Wahrheit eine moderne Form der Bürokratie ist.

Das ist eine sehr düstere Einschätzung. Genauso düster wie der Gedanke, dass man von all den Informationen erschlagen wird. Ich halte das für falsch und zugleich für ein typisches deutsches Denken.

Natürlich versuchen Algorithmen manche Dinge zu vereinfachen. Sie simplifizieren, versuchen vorausschauend zu denken und dringen klammheimlich in unser Leben ein. Sie übernehmen hier und da auch die Kontrolle über das, was wir tun wollen. Der simple Mechanismus bei Amazon, der uns sagt, was uns interessieren könnte und gleichzeitig viele Dinge weg lässt, die einen vielleicht wirklich interessieren könnten, ist nur ein Beispiel. Und gleichzeitig ein Beispiel dafür, dass er versagt. Wenn ich nur einmal für etwas für einen Freund suche, der einen komplett anderen Geschmack hat, bekomme ich wochenlang nur Schrott geliefert.

Schirrmacher (und viele andere) formulieren die althergebrachte Angst, dass Maschinen unser selbst bestimmtes Denken übernehmen werden. Das ist so alt, wie es Sience Fiction gibt. Dass die Maschinen die Macht übernehmen, uns die Fantasie klauen und wir im Grunde irgendwann Sklave unserer eigenen Bequemlichkeit werden. Ich glaube nicht daran.

Der menschliche Geist ist eben keine mathematische Formel. Er wird von anderen Dingen gesteuert, zu denen auch die Entwicklung gehört. Wir verändern uns, die Systeme, die die Veränderungen auslösen, sind komplex und nicht verstanden. Es können genetische Faktoren sein (Dawkins) es können spirituelle Dinge sein (Religion) es können menschliche Faktoren wie Krankheit oder die Geburt eines Kindes sein. Es kann auch sein, dass wir uns einfach verändern, weil wir älter werden und die Begegnung mit einem einzelnen Menschen kann unser Leben auf den Kopf stellen. Kein System, nicht mal unserer Eigenes, kann das voraussehen. Die Variablen, die unsere Gehirne und unsere Seelen verbergen, sind so komplex, dass wir sie nicht mal selber verstehen, geschweige denn vorhersehen können. Aber das ist die Angst, die Schirrmacher in seinem Buch und in dem Text formuliert. Dass wir insgeheim gesteuert werden, ohne dass wir es merken.

Eigentlich ist das eine wichtige Einsicht, wenn Schirrmacher & Co sie nicht nur auf das Internet und Google beziehen würden. Eine Frage zu stellen, Dingen nicht mehr zu vertrauen, gehört zu den Grundvoraussetzungen einer philosophischen Ausbildung. Was ist das, was uns umgibt? Wie frei sind meine Entscheidungen wirklich? Rousseau hat geschrieben „Der Mensch wird nicht in Ketten geboren“. Er meinte das in einem verfassungsrechtlichen Sinne, aber im Grunde trifft das auch auf unser gesamtes Denken zu. Nietzsche war da anderer Meinung, ebenso Freud. Die Frage, wie frei der menschliche Geist wirklich ist, ist die Königsdisziplin der Philosophie.

Schirrrmacher erweckt in seinem Text den Eindruck, dass wir gerade Ketten angelegt bekommen. Die Maschinen, die auf Maximierung der Wirtschaftlichkeit angelegten Algorithmen schläfern das Hirn und den freien Willen ein und sorgen dafür, dass wir uns in Watte verpacken lassen. Systeme sagen uns, welche Nachrichten für uns wichtig sind, und nicht mehr ein fühlender Mensch, der jenseits dessen reagiert, was für den einzelnen Leser wichtig sein könnte.

Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Abschaffung eines Redakteurs, der unter einem wirtschaftlichen Zwang steht, der angewiesen wird von Chefredakteuren, Verlagsgeschäftsführern und wirtschaftlichen Erwägungen ist ein Einschnitt, gut ist, weil er uns darauf aufmerksam macht, dass wir auch bei den Nachrichten für uns selbst verantwortlich sind. Die Trennung des Vertrauensmechanismus hat schon längst statt gefunden. Das persönliche Empfehlungssystem ist an die Stelle des anonymen Redaktionssystems getreten. Das ist neu und bedarf einer neuen Medienkompentenz.

Wir betrachten Informationen persönlicher. Wer bringt sie uns? Welche Reputation hat der Übermittler in unserem inneren Wertesystem? Genauso, wie wir uns vom Empfehlungssystem der Eltern losgelöst haben, definieren wir auch die mehr oder weniger anonymen Quellen, die uns Nachrichten übermitteln. Robot-Systeme wie Google News machen keine Nachrichten, sie übermitteln sie nur. Dahinter stehen immer noch von Menschen gemachten Texte, die wir in unsere Systeme einnorden müssen. Ein System, das, wie oben beschrieben, komplex ist, weil es spontanen Mutationen unterworfen ist, die kein sich selbst reproduzierender Algorithmus vorhersehen kann. Der Ball liegt in unserem Spielfeld – und die Spielfelder sehen bei jedem Menschen anders aus.

Der Text von Schirrmacher strotzt nur so vor der Angst, eigene Entscheidungen treffen zu müssen. Er basiert auf der Annahme, dass es ein übergeordnetes System gibt, das jenseits der Vorschläge uns sagt, was für uns wichtig sein könnte. Er spricht von einem Informations-Overload, der nur noch durch Maschinen kontrolliert werden kann und uns komplett überfordern würde. Aber das haben wir schon seit mehr als 100 Jahren. Das Wissen der (westlichen) Welt passte Mitte des 19. Jahrhunderts noch zwischen zwei Buchdeckel. Seit vielen Generationen ist es nicht mehr möglich, dass ein Mensch alles weiß. Und genauso wenig, wie wir den Inhalt einer Bibliothek auswendig lernen und verstehen können, ist es möglich, das Wissen des Internets zu erfassen. Das ist aber auch gar nicht der Sinn.

Die Algorithmen, vor denen Schirrmacher so Angst hat, erleichtern uns nichts. Sie ändern auch nicht unsere Interessen, verborgenen Sehnsüchte oder Ängste. Am Ende sind sie nur Karteikarten, die Systeme ordnen. Wenn ich in einer Bibliothek nur die abgegriffenen Karten aus dem Interessengebiet wähle, welches mich interessiert, dann bekomme ich auch nur das, was die Masse für interessant hält.

Die Abneigung von Schirrmacher und anderern gegenüber fremdbestimmten Systemen ist ja nicht gänzlich falsch. Aber sie erscheint mir zu totalitär. Sie basiert auf der Idee, dass Technik wenig Gutes bringen kann, weil sie nicht in das bisher gelebte System passt. Und diese Ansicht an sich ist dann wieder totalitär, weil sie das Gute im Neuen komplett negiert. Eine Art Zukunftspanik, die davon getrieben ist, dass man die gewohnte Kontrolle über das eigene Wertesystem verliert. Statt sich das Neue anzusehen und zu prüfen, ob es einen Mehrwert bringt, ob es die Fehler im bisherigen System nicht offen legt, wird mit Angst behaftet und negiert. „Ausbeutung des menschlichen Systems“ heißt das in der Schirrmacher-Sprache.

Das ist nicht verachtenswert, weil es eine Warnung an jeden ist, dass man Systeme hinterfragen sollte. Sowohl die Technischen, als auch jene, die uns bisher mit Informationen versorgt haben. Dahinter steckt die Frage nach der Wahrheit, welche Form der Nachrichtenübermittlung uns wirklich „wahre“ Nachrichten übermittelt. Die Frage wird man nicht beantworten können, wenn man ausschließlich davon ausgeht, dass neue Ordnungs-Algorithmen schlechter sind, als die Alten. Man muss sich bewusst auf sie einlassen, sie ausprobieren und dabei immer wieder in Frage stellen. Sie zu verdammen, eine von Maschinen hervor gerufene Apokalypse zu beschwören, hilft da nicht weiter.

Ich kann es nicht mehr hören

Neulich nuschelte mir jemand, den ich nicht kannte, auf einer Veranstaltung, auf der ich nicht sein wollte, ins Ohr: „Dieses Blogger gegen Journalisten Ding, das macht ihr doch nur, weil euch sonst keiner liest.“ Mit „ihr“ waren wohl „die Blogger“ gemeint, nehme ich an. Ich habe nicht geantwortet, sondern, weil ich böswillig war, gesagt „Geh zum Buffet, solange noch was für dich da ist.“

Ich kann dieses Blogger vs. Journalisten Getue nicht mehr tragen. Die Diskussion war 2007 mal interessant, 2008 war sie schon etwas zäh, 2009 war schon so, als ob man ein totes Pferd schlägt und 2010 wird sie hoffentlich ebenso beendet sein, wie die Diskussion, dass eine zu schnelle Fahrt mit einem Zug das Hirn schädigt.

Und hier dann für alle noch mal ein paar Argumente zusammengefasst:

1. Blogger kämpfen gegen Journalisten

Es hat nie einen solchen Kampf gegeben. Weil es immer nur eine Auseinandersetzung zwischen Journalisten und Journalisten war. Ein Blick in die Top 20 der meist verlinkten und zitierten Blogs zeigt, dass sehr viele von Menschen geschrieben werden, die entweder selber schon immer Journalisten waren, oder die aus dem Umfeld des Mediums kommen. Es war (und ist es noch in dem Punkt) nur eine Auseinandersetzung der unterschiedlichen Vertriebskanäle. Also „Print“ vs. „Internet“.

2. Blogger wollen den Journalismus abfackeln und sterben sehen
Siehe oben. Eigentlich. Uneigentlich hat die Mumifizierung des Journalismus durch die Massenentlassungen der Verlage den Schaden erst hervor gehoben. Bloggende Journalisten haben nur die monströs große Lücke, die der monothematische Verlagsjournalismus hinterlassen hat, versucht aufzufüllen, versucht, die zuckenden Reste des sich selbst mal sehr wichtig nehmenden deutschen Journalismus neu zu beleben. Impulse zu setzen. Genau wie die vielen kleinen Magazine, die im Selbstverlag erscheinen und die von Menschen gemacht werden, die an Print glauben, und die es leid sind, den Alltagsfraß der Verlage kauen zu müssen.

3. Ohne die Arbeit der Verlage würdet ihr doch nur über euch selber schreiben.

Stimmt! Davon abgesehen machen das Blogger sowieso viel lieber. Es hat auch nie einer behauptet, dass Blogger die Agenturen, Verlage und großen Onlineportale ersetzen können. Oder gar das Geschäftsmodell zerstören wollen. Bisher wollte das auch keiner. Und musste es auch nicht, zumal die Verlage weiter fröhlich daran arbeiten, sich selbst zu zersetzen. Das ist im Übrigen nichts, was man gerne sieht, denn im Grunde ist es viel zu anstrengend, einen Ersatz aufzutreiben. Man twittert und trinkt ja lieber. Zudem: Die deutsche Blogsphäre ist viel zu dünn besetzt, als dass sie auch nur ansatzweise etwas ähnliches wie die „Huffington Post“ auf die Beine bekommt. Man bräuchte so zwei bis acht bloggende Prantls, dazu noch ca. vier Michael Sprengs als Whistle Blower und noch ein paar weitere gute Journalisten, die in ihren Redaktionen hocken und den Frust mit Rotwein runter spülen. Dann bräuchte man noch jemanden, der eine Millionen Euro in den Ring wirft und sagt: „Mich kotzt der deutsche Journalismus an, macht es mal besser.“
Aber warum sollen Blogger eine Arbeit machen, die Verlage dank ihrer finanziellen und juristischen Ausrüstung viel, viel besser können? Mittlerweile versuchen es ein paar mutige Blogger, aber ein Ersatz für einen unabhängigen, von einem starken und mutigen Verlag finanzierten Journalismus, dessen Chefredakteure nicht samt Verlagsgeschäftsführer mit Lobbys und/oder Politkern schmusen, ist das nicht. Aber, ich wiederhole mich da gerne – das sollte es eigentlich auch nicht sein.

4. Weil Ihr alles umsonst macht, geht der Qualitätsjournalismus vor die Hunde.
Man muss sich schon entscheiden. Entweder schreiben Blogger nur unidentifizierbaren Sondermüll, der den Nestor-gleichen deutschen Journalismus beschmutzt und im Leben nicht an dessen Qualität heran reicht. Dann müsste der „Qualitätsjournalismus“ ja nichts zu befürchten haben und könnte die Konkurrenz aus dem Netz so ernst nehmen wie eine Schülerzeitung. Oder die Sachen aus dem Netz sind nicht nur umsonst sondern auch qualitativ besser als das, was aus den Verlagsredaktionen quillt. Dann würde das aber mit dem Wort „Qualität“ irgendwie nicht so richtig hinhauen, oder? Ich warte da noch auf eine Antwort.

5. Ihr haltet euch nicht an die journalistischen Standards!
Welche sind da gemeint? Die von diversen Yellow Press Blättern? Jene, die vom Bildblog gerne mal beschrieben werden? Wir können uns gerne mal in einer Bahnhofsbuchhandlung treffen und die journalistischen Standards suchen. Aber hey – jeder hat seine schwarzen Schafe, auch die Blogszene, keine Frage. Das aber kein Grund, alles über einen Kamm zu scheren. Würde ich jemanden, der nur hochwertige Online-Magazine liest und noch nie eine Zeitung in der Hand hatte, das ein oder andere Print-Erzeugnis in die Hand drücken, wäre er vermutlich entsetzt. Will sagen: Alle Kreter lügen.

Den Kampf „der“ Blogger gegen „die“ Journalisten hat es nie gegeben. Es war und ist eine Auseinandersetzung über die Wahl des Publikations- und Distributionskanals („….aber die Haptik!“). Und ein Versuch der Verlage, von denen eigenen Schwierigkeiten beim Shift des Geschäftsmodelles abzulenken. Die Verlage haben sich schon von eBay das Kleinanzeigengeschäft klauen lassen und von immoscout24 den Wohnungsmarkt. Und zwar wehrlos, weil man nicht in der Lage war, ein eigenes System auf die Beine stellen. Weil man vermutlich dachte, dass sich das Internet eh nicht durchsetzen würde. Und jetzt hat man Probleme, die exorbitant überteuerten Werbepreise ins Netz rüber zu retten. Ich sehe das ehrlich mit Sorge, denn ich weiß, dass die zerfaserte deutsche Blogszene den deutschen Journalismus alleine auch nicht wird retten können. Aber, zum x-ten Mal: das wollte sie nie, das war nie ihre Aufgabe.

Und darum geht es ja am Ende. Um guten, packenden, spannenden, ehrlichen, unabhängigen Journalismus. Egal, auf welcher Seite man steht.

Wirtschaft vs. Zensur

[Es folgt eine lose Gedankensammlung, ohne großartige Zahlen, der Eintrag ist also eher als offene Diskussion zu verstehen]

War ja klar, dass ausgerechnet Dieter Gorny in die Kerbe haut, wie man bei Nerdcore lesen kann:

Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, hakte sich sogleich bei der Ministerin ein: „Der Vorstoß der Familienministerin zum Verbot von Kinderpornografie im Internet ist ein richtiges Signal. Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums.“ Das ist die mühsam verklausulierte Forderung, unliebsame P2P-Linkseiten auf die Sperrliste zu hieven.

Logisch, dass die Urheberrechte-Industrie gerne eine Filterliste für ihre Zwecke haben möchte. Ist doch praktisch, wenn man plötzlich p2p-Netzwerke oder auch mal You Tube mittels einer Filterung unter Druck setzen kann. Aber kann sich so etwas die deutsche Wirtschaft auf Dauer erlauben?

Denn immerhin handelt es sich beim Internet auch noch um eine Investitionslandschaft. Da die Exportabhängige deutsche Wirtschaft gerade massiv schwächelt und das Modell einer reinen auf Außenhandel spezialisierten Wirtschaft nicht immer funktioniert, wird das Netz in den nächsten Jahren zu einem wirklich sehr großem Wirtschaftszweig. p2p, Open Source und Seiten wie You Tube (oder vergleichbare Seiten aus Deutschland wie sevenload) zu gängeln, könnte aber kontraproduktiv sein.

Nun hat China auch keine wirtschaftlichen Probleme, obwohl man massiv das Netz filtert. Aber China ist ein Markt, der mehr als 1.2 Milliarden potenieller Kunden umfasst. In Deutschland gibt es gerade mal 80 Millionen.

Im Moment ist der im Netz generierte Umsatz verglichen mit den Einnahmen aus den klassischen Wirtschaftsbereichen noch nicht so wichtig, aber das wird sich ändern und die Frage wird sein, wie weit man sich eine gesetzliche Filterung in Deutschland noch leisten kann und will.

zensurDie Pornobranche ist vielleicht ein merkwürdiges, aber in dem Zusammenhang kein schlechtes Beispiel. Während in Deutschland eines der strengsten Jugendschutzgesetze der Welt hat, das den Zugang zu deutschsprachigen Seiten massiv erschwert und vor allem verteuert, haben es andere Länder leichter. Die Umsätze werden in den USA gemacht, obwohl man sich ja zumindest durchaus vorstellen könnte, dass eine deutsche Sex-Industrie durchaus vergleichbare …ähmmm… Qualität abliefern könnte. Nicht zuletzt hat die Branche ja in den 80er und 90er Jahren in Deutschland floriert, als jeder einigermaßen erwachsen aussehende Mensch die jeweiligen Ecken der Videoverleiher besuchen konnte. Hätte man damals eine elektronische Zugangskontrolle an jeder Videothek angebracht, das Geld wäre vermutlich weniger üppig geflossen. Das hat nicht nur was damit zu tun, dass 16jährige Teenager nun mal Pornos konsumieren, sondern viel mehr damit, dass Erwachsene jetzt auch ungern ihren Porno-Konsum mittels PostIdent-Verfahren und ID-USB-Stick kontrolliert sehen wollen. Wie tief der Frust in der Branche gegenüber den laxen Jugendschutzgesetzen in den USA ist, hat man im letzten Jahr gesehen, als einige Hersteller Anbieter wie „You Porn“ aus dem deutschen Netz per Gerichtsbeschluss filtern wollten. Nicht wenige Anbieter aus diesem Segment haben ihre Inhalte mittlerweile ins Ausland verlegt. Arbeitsplätze, Steuern und sonstige Einnahmen fließen also woanders hin.

Nun kann man die Filterung, bzw. den erschwerten Zugang, zu diesen Angeboten ja noch nachvollziehen, es zeigt aber auch, was mit einem Industriezweig passieren kann, wenn man ihn zu sehr gängelt.

Der garantiert freie Zugang zu Webseiten ist also auch deswegen wichtig, weil das Netz eine gigantische Werbe- und PR-Maschine ist. Wenn zum Beispiel Google feststellt, dass der eigene Bewegungsspielraum in Deutschland zu eng wird, könnte die Firma theoretisch ihre Investitionen hier zurückschrauben und sich auf andere Märkte konzentrieren. Sicher, erneut das Beispiel China, wo Google sich sehr wohl den Zensurmaßnahmen anpasst, aber, wie gesagt, China ist zu groß, als dass man auf den Markt verzichten könnte. Deutschland ist das unter Umständen nicht, oder wäre es nur dann, wenn alle Filtermaßnahmen im europäischen Kernland identisch wären.

Die Theorie des Kapitalismus und der Gedanke des „Freien Markt“ umfasst auch die Idee, dass seine Ausbreitung für mehr Demokratie sorgt. Die Forderungen der Politik gegenüber Staaten, die andere Systeme pflegen, lautet ja immer: „Führt freie Wahlen ein, öffnet die Märkte, schützt den freien Handel“. Diese Forderungen gelten auch für neue Wirtschaftssysteme wie die Open Source Kultur. Zu dem sucht die Werbe- und PR-Wirtschaft immer die Lücken, die bisher frei von Werbung waren. Das p2p-Börsen der Musikindustrie schaden ist unbestritten (der Umfang des Schadens aber aber wohl), aber man sieht durch aus auch den Nutzen, die diese Börsen, You Tube, MySpace, Last.fm etc. mit sich bringen. Die Musikindustrie bekämpft mittlerweile ja nicht die p2p-Börsen wegen der illegalen Verbreitung, sondern weil sie mittlerweile die Wichtigkeit des Distributionsweges erkannt hat und diesen für sich monetarisieren will. Letztlich versucht man das alte Logistiksystem nur in einem neuen Kleid zu präsentieren. Das funktioniert aber nicht mehr, weil die Stars und Nachwuchsbands anfangen, sich selbst zu vermarkten, sich also eigene Wege suchen und dafür auch bewusst p2p Börsen nutzen. Wenn Gorny also fordert, dass solche Börsen gefiltert werden sollen, dann kastriert er sein eigenes Vertriebssystem und schadet dem Wirtschaftsstandort Deutschland.

Der Treppenwitz wäre, dass der Kapitalismus dafür sorgt, dass Filtersysteme nicht durchsetzbar sind.

Systemkämpfe

 

„Information ist die Währung der Demokratie.“ Thomas Jefferson

 

Ich finde ja, das fefe ab und an etwas übertreibt. Manchmal ist er so eine Art „linke“ Bild-Zeitung. immer recht laut, sehr plakativ. Vermutlich ist das aber auch im positiven Sinne richtig, weil sonst keiner zuhört. Eben wirft mein RSS-Feed einen neuen Rant aus, der mich daran erinnert, dass ich seit einer Stunde den von ihm verlinkten Heise-Artikel lesen wollte. In dem wird klar gestellt, dass es mitnichten bei den anonymen Stoppseiten der Filterliste bleiben soll. Stattdessen, so Heise:

Einbezogen werden sollen zudem nicht nur kinderpornographische Darstellungen an sich, sondern auch Webseiten, „deren Zweck darin besteht, auf derartige Telemedienangebote zu verweisen“. […]

Hierzu sollen die Diensteanbieter eine [anonyme] Aufstellung anfertigen, in der die Anzahl der Zugriffsversuche jeweils bezogen auf einen einzelnen Eintrag der Sperrliste zusammengefasst über jede Stunde der zurückliegenden Woche angegeben wird. Die Aufstellung wird einmal pro Woche dem BKA zu übermitteln sein.

fefe dazu:

In der ersten Runde etablieren sie Zensur, die nicht funktioniert, aber gerade noch so von den üblichen Mitläufern als vertretbar angesehen wird, und in der zweiten Runde werden sie dann richtige Zensur etablieren, und dann ist es zu spät, grundsätzlich dagegen zu sein, weil wir ja schon Zensur haben.

Gut. Kann man so sehen. Es macht aber keinen Sinn diesen „Wir gegen die“ Nummer auf Ebene der Filterlisten durch zu ziehen. Aber vielleicht sollte man den Blick mal etwas über den Tellerrand heben.

Das Internet ist eine soziale Utopie. Ein Raum, in dem jeder für sich machen das kann, was er will, so lange er andere, auch über Umwege, damit nicht belangt. Mein Computer is my castle. Gleichzeitig stellt es ein Art neuronales und soziales Netz dar. Man denkt mit dem Internet, man lebt und liebt mit dem Netz. Soziale Bindungen, die durch das Netz entstehen, können ebenso intensiv sein, wie im „wahren Leben“ und allein die Trennung zwischen „wahrem Leben“ und „Internet“ findet bei den vielen Nutzern nicht mehr statt. Das Netz ist die Verlängerung meiner Gedanken, eine Art Sphäre in die ich mich projezieren kann und die so lange da ist, bis sie Google vergisst.

Das Problem ist nur, dass die Gesellschaft in mehrere Teile gespalten ist, wenn es um das Netz geht. Da sind diejenigen, die sich im Netz seit Jahren bewegen und jede neue Entwicklung verfolgen, da sind die, die nur StudiVZ und You Tube besuchen und da sind die, die bestenfalls zweimal die Woche ihre Mails abrufen. Zwischen diesen Gruppen besteht ein erheblicher Verständnisunterschied, wenn es um das Internet geht. Wie stark der zugespitzt ist, sieht man exemplarisch durchaus an der Diskussion Print vs. Online, die zum einen das Unverständnis der Early Adopter gegen über einem althergebrachten System zeigt, zum anderen aber auch die Angst zum Ausdruck bringt, mit die Vertreter des „alten“ System auf die neuen Ideen reagieren.

Die Sache ist, dass die Auseinandersetzung zwischen der Philosphie des Netz und der Welt außerhalb nicht nur an einer Front geführt. Die Liste der Schlachtfelder ist ellenlang. Nur mal ein paar Beispiele:

  • CC-Lizenz vs. klassischen Urheberrecht
  • Print vs. Online
  • Liberale Bürger-Demokratie vs. Rechtsstaatsglauben
  • Überzeugungspolitk vs. Fraktionszwang
  • Mehrheitswahl vs. Parteilistensystem
  • Mitspracherecht vs. Managementkultur
  • Freie Verbreitung von Information vs. kontrollierte Freigabe von Information und Gatekeeping

Natürlich ist die Vorstellung, dass eine Behörde eine Filterliste verwaltet, ohne dass es eine Vorabkontrolle durch eine unabhängige, nicht staatliche Stelle gibt, schon sehr alarmierend. Aber sie passt genauso in die Auseinandersetzung der Systeme, wie die Idee der Nachrichtenagentur AP, alle zu verklagen, die ihre Texte, auch in Zitatform, unautorisiert verbreiten.

Letzlich fussen alle Beschimpfungen, Versuche einer, meist hilflosen, gesetzlichen Regelung und anwaltliche Drohungen auf der Angst vor einem unkontrollierbaren Netz. Dabei sollte man aber nicht davon ausgehen, dass es sich hier um eine oberflächliche oder hilflose Angst vor veränderten Umständen handelt. Ich habe das Gefühl, dass die Angst vor dem Netz und dem was darin passiert, letztlich den gleichen Antrieb hat, wie meine Neugier – das Gefühl, dass mit dem Einzug einer neuen Technologie, eine grundsätzliche Veränderung nicht nur der oberflächlichen Lebensumstände einher geht, sondern auch die sozialen und politischen Systeme massiv verändert werden. Während die einen dies als willkommene Veränderung begrüßen, ist es für die anderen eine komplette Unterwanderung des eigenen Lebens- und Wertesystems. Und das stellt eine massive, zumindest gefühlte, Bedrohung dar.

Denn das Netz ist nicht nur ein Shopping-Paradies, ist eben auch die Quelle mehrerer unabhängig voneinander entwickelten, weitreichender Ideen (Open Source, CC-Lizenz, Wikileaks), die aber interessanterweise alle die gleiche Zielrichtung haben und eine Abkehr von verschiedenen, bisher gültigen, Systemen darstellt. Das betrifft die Vorstellung einer aktiv gestaltbaren Politik, aber auch die Art und Weise, wie Geld verdient und verteilt wird. Es ist eben auch noch die soziale Utopie, von der ich weiter oben geschrieben habe, die den bisherigen Gedankengut fundamental gegenüber steht.

Wenn man es sehr spitz formulieren möchte, dann sieht man gerade den Beginn einer neuen Auseinandersetzung zweier mächtigen Systeme, die gerade am Rand der reinen philosophischen Auseinandersetzung taumeln. [Die mich, aber dies nur am Rande, sehr an die Auseinandersetzung zwischen Monarchie und Republik erinnert] Der Streit um die Filterliste und die Zuständigkeiten in Sachen Verwaltung wäre eigentlich nur ein Randthema in der ganzen Auseinandersetzung, wenn sie nicht eine völlig neue Komponente bereit halten würde: denn zum ersten Mal werden Regelungen ohne Gesetz geschaffen und man entzieht sie jedweder Kontrolle durch den Bürger, stellt also eine Behörde, zumindest für einen Moment, außerhalb aller demokratischer Eingriffsmöglichkeiten. Nur die Jurisdiktion oder eine Anordnung des Innenministers kann die Filterung stoppen oder die Art der Kontrolle, bzw. ihre Überwachung, verändern. Folgt man dem Gedanken von fefe, schaut man auf die Argumente der anderen Gegner der Filterliste, die sagen, dass man Server mit kriminellen Inhalt relativ einfach stilllegen kann, dann handelt sich um den Versuch, einer prophylaktischen Sperreinrichtung, die deswegen besonders gut funktioniert, weil sich das „alte“ System unter Hinweis auf Kinderpornographie oder den windelweichen §129a jederzeit seiner Möglichkeiten bedienen kann. Das perfide ist zudem, dass ich, sollte ich von einer Sperre betroffen sein, erst einmal nachweisen muss, dass mir Unrecht angetan wurde.

Das Sprengpotential des Netzes bzgl. der Veränderung gesellschaftlicher, politischer und demokratischer Normen scheint mir allerdings bisher nur von der Seite begriffen worden zu sein, die sich im Moment bedroht fühlt. Sie versucht, aus ihrer Sicht durchaus nachvollziehbar, alles zu tun, damit die Erosion gestoppt wird. Dass dazu auch Begriffe genutzt werden, die per se mit Angst und Abscheu besetzt sind, ist da nur eine logische Konsequenz. Wenn sich Legislative und Exekutive zusammenschliessen, bzw. die Legislative einer weiteren Gewalt, alle Rechte in die Hand drückt, kann man vielleicht einen Eindruck erlangen, wie sehr man sich bedroht fühlt.

Die Frage wäre für die Anhänger des System „Netz“, wie man angemessen darauf reagiert. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass die programmatischen Unterschiede zwischen beiden System so groß sind, dass es ohne eine heftige, aber gewaltlose bitteschön, Auseinandersetzung nicht gehen wird. Ich denke, dass man früher oder später nicht darum herum kommt, sich eine politische Plattform zu schaffen. Die muss nicht unbedingt nach dem Vorbild der „Grünen“ in den 80er Jahren erfolgen, sondern kann genausogut über Facebook, WKW oder Twitter organisiert werden. Dazu würde sich auch das dezentrale System der Barcamps eignen, wenn es sich denn mal nicht nur mit seinem eigenen Nerdtum beschäftigen würde, sondern auch das Thema Aufklärung in den Vordergrund stellen könnte. Ich habe in meinen Beruf (Schulungen etc.) festgestellt, dass schon die simple Erläuterung einiger Begriffe und Funktionen des Netzes für einen erheblich erweiterten Horizont sorgen können. Denn nur mit Information wird Veränderung getragen.

Es gibt keinen Online-Journalismus

Bin ich eigentlich wahnsinnig, dass ich so einen Überschrift wähle, wo ich doch gerade mal wieder einen Kurs für Online-Journalismus gebe? Nein, bin ich nicht. Ich bin nur die ewige Streiterei zwischen „Online“ und „Print“ leid. Denn so wie ich das sehe, dreht sich der Streit mittlerweile mehr darum, welche Publikationsform man wählt, und nicht, ob der Journalismus vor die Hunde geht.

Allein die Argumente (Links aus den letzten fünf Jahren selber suchen) der „Online-Gegner“, von wegen Klowände, Dreck, der durch den Gulli nach oben drückt usw. geben schon eine gewisse Hilflosigkeit wieder. Und dann auch die mehr oder weniger unverholen formulierte Angst, der Journalismus in seiner Gesamtheit würde vor die Hunde gehen, wenn diese Blogger und Onliner weiterhin und überhaupt…

Dabei sollte man, zumindest am Rande, vielleicht auch mal feststellen, dass dieses Online-Dings zumindest bis vor fünf Jahren überhaupt nicht in der Form existierte, und der Journalismus seit Beginn der 90er Jahre von eben jenen an die Wand gefahren wurde, die jetzt alles in Richtung Internet schieben. In welch teilweise unfassbaren Spähren der Selbstentrückung einige Journalisten leben, hat Stefan Niggemeier in seinem Blog bzgl. der Kritik der an der Berichterstattung über Winnenden dargelegt.

Dass der Journalismus überhaupt vor sich hineiert, bzw. in den letzten Zügen liegt, stimmt so auch nicht. Dummerweise sind nur beide Protagonisten des Streits jeweils auf einem Auge blind. Die „Printler“, weil sie sich im Überangebot des Netzes nicht zurecht finden und die „guten“ Blogs und Angebote übersehen, bzw. nicht wahrnehmen, die „Onliner“ weil sie in ihrer Fixierung auf Online oft übersehen, dass jeden Tag in irgendeiner Zeitung oder einem Magazin eine ganze Menge guter Geschichte auftauchen. Zum Beispiel ist es die klassische Presse, die im Fall des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs für den nötigen Druck sorgt, dass in der Stadt auch Konsequenzen gezogen werden. Auf der anderen Seite sind es die Blogs, die sich mit Themen wie den friedlichen Protesten zum G20 Gipfel beschäftigen. Ohne diese würde man vielleicht denken, dass die Proteste nur aus den Chaoten bestanden hätten.

Print- und Online-Journalismus ergänzt sich also ganz hervorragend, nur merken es die wenigsten. Die Verlage schotten sich, bis auf wenige Ausnahmen, weiterhin ab, und versenken ihr Geld in unnütze Portale, in denen man versucht, mit Print-Gedanken ein Onlinemagazin zu erstellen. Die Blogger, weil sie dazu neigen, sich gegenseitig zu zerfleischen. Allein die (teilweise richtige und nötige) Kritik an der re:publica09 zeigt, dass der Gedanke, bei Bloggern könne es sich um eine Sekte handeln, die gerade in diversen Flügelkämpfen verstrickt ist, durchaus nachvollziehbar ist.

Um den Journalismus scheint dabei allerdings niemanden zu gehen.

Vielleicht habe ich ja utopische oder romantische Vorstellungen vom Journalismus, aber ich denke immer noch, dass der Journalismus als Grundidee vor allem auch eine Opposition zur Politik darstellt. Dass er nicht Sprachrohr für die PR-Strategen und nicht nachvollziehbaren Agenturmeldungen ist, sondern ein aktiver Bestandteil einer bürgerlichen Gesellschaft, die den Staat als etwas nötiges betrachtet, aber nicht als etwas, was bis in die kleinsten Lebensbereiche hinein reichen sollte. Der von Gerhard Schröder überlieferte Satz, zum regieren brauche er nur „Bild, BamS und die Glotze“ sagt eigentlich alles über den Stand des Journalismus und die Etage aus, von der er instrumentalisiert wird.

Don Alphonso sagte im recht guten Interview auf Meedia auch treffend:

Medien sind eine Pudelzucht. Die heutigen Journalisten sind Schosshündchen, sehen alle schick aus und sind gut dressiert. Die Leser wollen aber Wölfe anstatt Pudel.

Dem kann man nur zustimmen, wenn man sieht, mit welch müdem Widerstand (wenn überhaupt) die Politik seitens der Presse begleitet wird. Da helfen auch nicht Autoren wie Heribert Prantl, die weniger Aushängeschilder denn mehr Feigenblätter zu sein scheinen, mit denen ein ganzer Berufsstand seine Unfähigkeit bedecken will.

Online und Print brauchen einander. Auf beiden Seiten sitzen hervorragende Journalisten, die, wenn man sie nur lassen würde, den Berufsstand aus seinem injiziertem Dornröschenschlaf holen könnte. Und es gibt auch keinen Unterschied, zwischen Online- und Printjournalismus. Es gibt nur einen zwischen schlechten, miesen, abnickenden und kritischem, scharfen und selbstbewussten Journalismus. Die Publikationsform spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Gerade in einem Wahljahr, gerade in einer Zeit der wirtschaftlichen- und politischen Unsicherheit täten beide Seiten gut daran, mehr und besser miteinander zu kommunizieren. Es geht nicht um Eitelkeiten, es geht darum die sogenannte „vierte Macht“ zu mehr Unabhängigkeit und Mut zu verhelfen. Wenn Politik und Wirtschaft die Bevölkerung für eine, im Sinne Canettis, formbare Masse hält, muss man Grenzen und Reibungspunkte setzen können. Andernfalls, so meine Vermutung und Angst, wird die Demokratie früher oder später einer Diktatur der Hinterzimmerabsprachen weichen.

Warum wikileaks blöd ist

Im Lawblog von Udo Vetter, der die Verteidigung des betroffenen Domaininhabers von wikileaks.de übernommen hat, las ich dann heute, dass es nun eine Begründung für die Durchsuchung gibt. Udo schreibt:

Theodor R. wird vorgeworfen, Beihilfe zum Vertreiben von kinderpornografischen Schriften zu leisten. Und zwar dadurch, dass er seine Domain wikileaks.de schlicht und einfach auf die Internetseite wikileaks.org umleitet.

Nun ja, die Diskussion um die eigene Haftbarkeit bei Links hatten wir ja nun schon ein paar Mal. Wenn ich einen Link in meiner Blogroll habe, und jemand, der vorher nur Blümchenbilder veröffentlicht hat, plötzlich schreibt, dass er die Regierung stürzen usw. wird man mir kaum die Bude auf den Kopf stellen. Wenn ich aber in einem Bericht, bzw. Eintrag bewusst auf eine Seite verlinke und sage „Da gibt es unvorstellbaren Dreck“, sieht die Sache halt anders aus. Das ist spätestens bekannt, seit man nicht mehr direkt auf Software verweisen darf, die einen Kopierschutz aushebeln können.

Der Fall ärgert mich aber nicht nur wegen der fadenscheinigen Begründung für eine Hausdurchsuchung, sondern weil sich eine Seite, die gerade dabei ist/war, ein durchaus wichtiger Teil der Mediendemokratie zu werden, selber schädigt.
Ich halte aber die Veröffentlichung der ungeschwärzten Filterlisten, auf denen sich Links zu Kinderpornographie befinden, zumindest für selten dämlich. Ja, ich finde Filterlisten nutzlos. Ja, ich sehe ich auch, dass Filterlisten ein grober Keil sind, der Begehrlichkeiten von anderen Seiten schafft. Als nächstes kommt die VG Wort und verlangt das Google Books ausgesperrt wird, weil dort deutsche Bücher zu lesen sind, die nicht vergütet werden und am Ende steht die Gefahr, dass eine zukünftige, wenig kritikfreundliche Regierung Seiten sperrt, die nach irgendeinem schwammig formulieren Paragraphen den Staat und seine Ordnung gefährden. Aber man dokumentiert den Unsinn einer Filterliste nicht dadurch, dass man KP-Links offen zeigt. Es geht eben nicht um Kinderpornographie, sondern um die anderen Links die sich auf der australischen Liste befinden und die dokumentieren, wie leicht man sich selber „aus Versehen“ auf so einer Liste wiederfinden kann. Demnächst gibt es dann wieder eine staatliche „Zensurstelle“ bei der man Webseiten anmelden muss, bevor sie vom Provider freigeschaltet werden können.

Man kann die aber KP-Links unkenntlich machen, ohne dass man sich einen Zacken aus der Krone bricht, oder die Sache, um die es eigentlich geht, verwässert. Das Gegenteil ist der Fall. Die Veröffentlichung der KP-Links sind in diesem Zusammenhang mehr als kontraproduktiv.

Dennoch hoffe ich, dass ein Gericht die Rechtmäßigkeit der Hausdurchsuchung nachträglich verneint. Wenn man in Zukunft wegen eines Links, der auf einen Link verweist, der auf eine Seite mit Links verweist mitten in der Nacht die Wohnung durchsucht bekommt, kann man praktisch halb Deutschland durchsuchen. Und mit jeder noch so dünnen Argumentationskette im Sinne von „zu eigen machen“ und „Gefahr im Verzuge“ praktisch jeden Bürger unter einen Generalverdacht stellen. Was ja offensichtlich gerade Mode ist.

[Nachtrag] Kollege plomlompom wirft per Twitter ein:

Zensieren der KiPo-Links = durch Reproduktion zumindest eines Teils der Zensur wenigstens dessen Angemessenheit unterschreiben.

Uhhhh – schwieriges Argument, vor allem wenn es um Darstellungen geht, die die körperliche und seelische Zerstörung von Kindern darstellen. Unterschreibe ich einen Teil der Zensur, wenn ich die Links soweit unkenntlich mache, dass sie nicht mehr klickbar sind? Oder mache ich damit zum Teil genau des Systems, dass ich gerade versuche umzustimmen?

Ich sehe das weiterhin anders, denn es geht eben nicht nur um Kinderpornographie, sondern um Filterliste. KP wird, ähnlich wie Terrorismus, immer wieder gerne als Argument genommen, wenn es um Sperrungen, Überwachung etc. geht. Das Nichtschwärzen der Links führt in meinen Augen eben auch dahin, dass ich die KP zu etwas instrumentalisiere, was nicht so nicht sein sollte. Zudem reduziere ich die Sichtbreite auf dieses eine Thema. Es aber geht darum Filterlisten als sinnlos zu entlarven, nicht um KP. Dafür ich muss keinen klickbaren Link ins Netz stellen.