Die Sinnsuche der republica

Ich hab die republica erst einmal übers Wochenende sacken lassen und gelesen, was andere so darüber schreiben. Und dabei sind mir zwei Artikel aufgefallen. Einer in der Cicero, einer bei Carta. Beide unterscheiden sich inhaltlich, stellen aber im Prinzip eine ähnliche Frage: Wo liegt der tiefere Sinn der Konferenz? Wo ist die Leitkultur? Ich bin überrascht, ob dieser Erwartungshaltung.

Vor nicht allzu langer Zeit wurden Blogger und die Netzgemeinschaft im besten Falle beschimpft. Die Berichte über die ersten republicas (republicae?) hatten noch den spöttischen Unterton in Richtung “Schau mal, wie süß. Dicke Blogger und Nerds reden über das Netz”. Das hat sich offenbar geändert. Mittlerweile erwartet man von den auf der Konferenz versammelten Menschen und Speakern eine “ideologische Klammer” (Stephan Rosinski bei “carta”) und bei “Cicero” vermisst Christoph Seils, dass die versammelte Netzelite die Chance verpasst hat, das Netz auch jenen zu vermitteln, die sich damit nicht auskennen.

Beide liegen da völlig falsch. Seils, der in seinem Text auch mal wieder eher die Ängste (“Urheberrechtsverletzungen”, “digitaler Rufmord”) statt die Chancen anspricht, hat übersehen, dass die republica dafür (bisher) nie gedacht war. Natürlich sollte ein Signal von ihr ausgehen, natürlich haben sich die Teilnehmer, vor allem der ersten Ausgaben der Konferenz, auch zusammen gesetzt, um ihre Anliegen in Zukunft besser umsetzen zu können. Aber die republica ist nie die “Grüne Woche”, die “Cebit” oder die “IFA” gewesen und wollte es auch nie sein. Es ist eine Fachkonferenz, die versucht, die verschiedenen Strömungen im Netz für diejenigen fassbar zu machen, die sich dafür interessieren. Wollte man alles abdecken und noch mehr Publikum haben wollen, inkl. “Internet-Erklärbär-Sessions”, würde die Veranstaltung die Dimension der SXSW in den USA annehmen. Dort mag das Netz Teil der Post-Popkultur und für die Erosion der Post-Demokratie zuständig sein, hier ist das noch nicht Fall. Man kann auch kaum von einer dreitägigen Veranstaltung verlangen, dass sie halb Deutschland erklärt, wie das mit dem Netz funktionieren könnte.

Ein weiterer Grund, warum es keine “ideologische Klammer” geben kann und soll, liegt in der Fragmentierung des Netzes begründet. Ich bin während der Konferenz in fast jedem Interview, das ich für ein Medium gegeben habe, immer wieder auf “die Blogszene” angesprochen worden. Jedes Mal habe ich erklärt, dass es “die” Blogszene nicht gibt und auch nie geben wird. Selbst wenn man die Teilnehmer der Konferenz auf “die Netzaktivisten” reduzieren würde, läge man falsch (Thomas Euler hat etwas breiter ausformuliert). Wie kleinteilig das alles aufgestellt ist, sieht man alleine an der Diskussion um die Neugründung der “Digitalen Gesellschaft“.

Eine Konferenz ist kein “Parteitag”, deswegen gibt es auch keine ideologische Klammer. Da die republica auch kein Barcamp ist, gibt es nicht mal ein festes Thema, nur ein Motto, dass die Themen lose zusammenhält. Ich kann die Verwirrung mancher Beobachter ob der fehlenden Schwerpunkte und festgelegten Richtungsentscheidungen verstehen, aber das ist eben auch ein Teil der republica, das zeichnet sie auch aus. Wer eine Lehrveranstaltung sucht, auf der Handlungsanweisungen gibt, ist hier fehl am Platz, da eigenen sich tatsächlich Barcamps besser.

Erstaunlicherweise taucht die Kritik, dass es inhaltlich “dünn” gewesen sei, immer wieder auf. Auch wurde bemängelt, dass es keine dramatische Keynote gegeben habe, wie letztes Jahr durch Jeff Jarvis, oder durch den in diesem Jahr arg vermissten Peter Glaser. Das Problem ist nur, dass die meisten Besucher sich zwar freuen, Jeff Jarvis mal auf der Bühne zu sehen, aber im Grunde eh schon alles gelesen haben, was er so schreibt. Die fehlende Keynote ist auch Ausdruck dafür, dass die Konferenz andere Schwerpunkte setzt. Und die liegen eben vor allem darin, dass man sich trifft und die Vernetzungen weiter ausbaut. Und unter Vernetzung verstehen die meisten eben nicht den Austausch von Visitenkarten um vielleicht später mal ins Geschäft zu kommen, sondern halt eine lose Zusammenarbeit, einen Ideenaustausch, eine Verabredung zum saufen Essen gehen, ein Date oder einfach ein gutes, interessantes Gespräch in kleiner Runde. Vielleicht verwechseln viele der enttäuschten Agentur/PR/Marketingmenschen die republica mit einer Messe für Multi-Level-Marketing Aspiranten bei Xing.

Aber in einem Punkt haben alle Recht: Das geht nicht mehr in der Kalkscheune. Der Mittwoch tendierte teilweise im Bereich “unerträglich voll”, aber das Problem ist den Veranstaltern ja bekannt, der Umzug ist geplant. Das vor allem jene enttäuscht waren, die eine längere Anreise als die Berliner hatten, kann ich verstehen, allerdings war das Problem ja schon vorher bekannt, da hätte man nur mal die Berichte aus dem letzten Jahr lesen müssen. Was die Sache nicht besser macht. Ich kann auch verstehen, warum die Veranstalter an der Kalkscheune ein weiteres Jahr festgehalten haben, denn es gibt auch in Berlin kaum Veranstaltungsräume, die zentral liegen, Platz genug haben und keine Mondpreise verlangen, die die wiederum die Ticketpreise nach oben treiben. Und eine komplett durch gesponserte republica will man ja dann auch nicht haben. Man darf gespannt sein, ob es gelingen wird, die republica zu verpflanzen.

Und zum Thema WLAN: Das ist Folklore, das gehört jedes Jahr so :)

Eine persönliche Anmerkung zu Schluss: Ich hab mich sehr gefreut, dass so viele am Freitag beim “Alt-Blogger Panel” anwesend waren und unsere “Ich weiß auch nicht, was ich da eigentlich mache” Diskussion niemanden aus dem Saal getrieben hat. Danke an Anke, Jörg und Felix. Für nächstes Jahr plane ich dann die Session “Wie man mit Blogs Geld verdient”.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schön jesagt. Ja, einige Kritiken fußen tatsächlich rein auf das Nichtwissen der neuen Teilnehmer über die Historie der re:publica.

  2. Ich eure Session sehr genossen. Entspannt übers bloggen reden, abseits von Weltveränderung, Zukunftsvisionen und Gegenwartsproblemen.

    Und nächstes Jahr sage ich mal Hallo und bleibe zum kurzen plaudern stehen.

  3. #hach

    Was ich lese ist ein Abbild der Struktur des Netzes und ihrer dazu passenden Konferenz. Vielfältig, sympathisch, vernetzt.

    Ist das die Antwort auf die Sinnsuche?

  4. Ich gestehe: ich war noch auf keiner re:publica und werde vielleicht auch nie eine sehen. Dennoch kann ich mich mit diesem Bericht anfreunden. Was mich generell an der (Aussen-) Wahrnehmung der re:publica stört ist das: hier trifft sich “die” Netzkultur, “die Blogelite” oder wie immer man das definieren mag. Die Blogosphäre ist eben sehr viel vielschichtiger als die re:publica, auf der sich trifft wer nunmal andere treffen möchte. Davon auszugehen dass der Drang zum Rudeltreffen bloggerinhärent ist, ist eine der Fehlannahmen zu dieser und anderen Konferenzen / barcamps.

    Von der re:publica habe ich hauptsächlich über meine Twitter-Contacts mitbekommen – und ein paar Blogartikel, und mir zwei Streams angesehen. Daran hat mich eher das Gegenteil des oben Beschriebenen erschreckt (namentlich der Urheberrechtsvirtrag von irights,info) – der Drang, für alles den Erklärbär machen zu müssen und netzideologische Buzzwords um sich zu werfen, wo doch das Ganze tendenziell eher preaching to the choir war, wo die meisten Zuhörenden in der Debatte sehr viel tiefer drin steckten (argumentiere ich jetzt mal ganz frech) als der Vortragenden antizipiert hat, und das ist dann *gähn*.

    Vielleicht ist es eher die Diskrepanz, dass die re:publica so nichts halbes und nichts ganzes ist – weder eine erklärte Fachkonferenz (wie es etwa ein CCC Treffen wäre) noch eine social hassenichgesehen Messe – die sie so schwer greifbar macht. Die Ansprüche allerdings, die dann von aussen an so einen Event herangetragen werden (Grüße aus Absurdistan: kostenloses Essen, kein Englisch, erm, wtf?) lassen mich doch ernstlich am Intellekt mancher Teilnehmer zweifeln. Muss die re:publica irgendwas sein?

    Warum kann so ein Event nicht einfach sein oeen dass jeder da etwas hineindeuteln muss? Ich glaube das ist ein typisch deutsches Problem. Im enlgischsprachigen Ausland geht man zu so einer Veranstaltung, hatSspass – und betreibt Networking, ohne das überanalysieren zu müssen.

  5. “Für nächstes Jahr plane ich dann die Session “Wie man mit Blogs Geld verdient”” – Super! Endlich! Dann versuche ich, das nächste mal auch mal zu kommen! :-)

  6. Pingback: Die re:publica 2011 und ihre Trolle « Happy Schnitzel

  7. “dass die Konferenz andere Schwerpunkte setzt. Und die liegen eben vor allem darin, dass man sich trifft und die Vernetzungen weiter ausbaut.”

    Weniger Sessions mehr Pausen (jeweils eine Stunde), da bleibt genug Zeit zum Wechseln und hängenbleiben und wenns kein Wlan gibt sucht man sich wen zum Reden oder schaut sich die schönen Stände an. Da es nur halb soviele Sessions geben wird, eine Vorrunde für die Auswahl im Dezember -> Damit ist die Vorstellung der Sessions frühzeitig und noch ausführlicher (wer letztes Jahr seine Sachen onlinegestellt und brav verlinkt hat, wird diesesmal besser gewertet).

    Je nach Zuspruch gibts dann die besten Termine und Räume.

  8. Pingback: re:publica XI: Die Nachberichte – eine mehr oder weniger vollständige Liste | offensichtlich

  9. Pingback: Rückblick re:publica XI und ein Ausblick | Fakeblog

  10. Pingback: Auf der re:publica XI | textnets

  11. Pingback: links for 2011-04-19 > delicious-links > lifestyle, musik, photos, design, kunst, kultur, entertainment, selbstdarstellung, bier

  12. Pingback: WG010: Digital Media Initiative Göttingen | Wikigeeks - Podcast über gesellschaftliche Netzthemen

  13. Pingback: Rückblick auf die re:publica 2011 | stieber-stefan.de

  14. Pingback: re:publica XI: Was andere Blogs darüber schreiben | warndorf.KOMMUNIKATION

Schreibe einen Kommentar