Twitter Missverständnisse

Das grandiose Protokoll, in dem ein Teil der deutschen Hauptstadtjournalisten sich darüber empört, dass der Regierungssprecher jetzt twittert, ist nicht nur lustig zu lesen, es ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie man Twitter auch nach fünf Jahren immer noch falsch verstehen kann.

1. Twitter ist keine Agentur und kein gefilterter Nachrichtendienst, der mich mit zu 100% wahren und richtigen Informationen versorgt.
Das wird gerne anders gesehen. Nach dem Motto: „Wenn es irgendwo geschrieben steht, muss es wahr sein“ fällt es vielen schwer innerhalb des Twitterstreams zwischen „echt“ und „Lüge“ zu unterscheiden. Das ist, zugegebenermaßen, auch nicht immer einfach, wenn man nicht die Spielregeln kennt. Aber gerade Journalisten sollten die eigentlich kennen, denn einer der wichtigsten Regeln lautet: „Traue nie nur einer Quelle“. Es ist lächerlich, wenn man sich hinstellt und sagt, dass man Twitter nicht vertrauen könne, weil dort nur kopierte Unwahrheiten gesagt werden. Genauso gut kann ich mir am Bahnhof eine beliebige Frauenzeitung aus dem Regal zerren und auf den Mangel an Glaubwürdigkeit der gesamten Presse hinweisen. Genauso, wie man innerhalb des gesamten Presseangebotes gelernt hat, die Zeitungen zu finden, denen man vertrauen kann, lernt man auch bei Twitter Accounts zu folgen, die meist richtig informiert sind.

2. Aber auf Twitter werden oft Unwahrheiten verbreitet, das kann man nicht stoppen, weil sich jeder als „Bundeskanzlerin“ oder sonst wen ausgeben kann.
Natürlich werden Unwahrheiten auf Twitter verbreitet. Wie in jeder Kommunikation. Man muss jetzt auch nicht so tun, als würde man zum ersten Mal in seinem Leben damit konfrontiert. Man wird deswegen also kaum theatralisch zusammenbrechen und das Riechsalz verlangen müssen. Twitter bedeutet nicht nur eine uneingeschränkte Kommunikation mit all ihren Schwächen, sondern auch, dass ich meine eigenen Filter verbessern muss. Es ist eben kein vorgekautes, aufbereitetes Informationshäppchen, sondern ungefilterte Sprache und Information. Manchmal werden bewusst Spekulationen verbreitet, nicht mal um etwas Böses tun zu wollen, sondern um möglichst viele Informationsbits in einem Pool zu haben, um von dort aus zu sehen, was denn nun stimmt. Nicht der Sender ist allein verantwortlich für die Richtigkeit der Information, sondern auch der Empfänger, in dem er jede Information zumindest skeptisch betrachtet.

Damit liegt es dann in meiner Verantwortung, wie ich damit umgehe. Man kommt nicht drum herum, sich selber mit den Dingen zu beschäftigen und Informationen permanent zu hinterfragen. Stimmt es, dass XXXX Mengen an Radioaktivität in Japan gemessen wurden? Oder weniger, wie ein anderer Account behauptet? Ich muss versuchen es selber rauszufinden. Als Leser kann ich die Zahlen ignorieren, als Journalist muss ich halt was tun. Eine Variante wäre dann zum Beispiel, dass ich über die Twittersuche versuche zu filtern, ob andere Menschen in der Gegend etwas ähnliches twittern, oder ob die Aussage isoliert bleibt.

Twitter zwingt einen also, eigene Filtersysteme zu entwickeln, auch wenn man ein Laie ist. Der positive Nebeneffekt ist, dass man auch andere Nachrichtensysteme mit diesen neuen Filtern betrachten kann, was offenbar auch schon viele machen.

3. Microbloggingsysteme werden nicht mehr verschwinden.
Twitter mag irgendwann implodieren, Facebook, das im Prinzip nichts anderes als Twitter ist, nicht. Vielleicht kommt auch was komplett neues, wie color zum Beispiel, aber die Idee der schnellen, vernetzten und offenen Kommunikation wird nicht einfach wieder weg gehen.

Vermutlich empören sich viele Journalisten aus der Bundespressekonferenz aber auch weniger darüber, dass sie jetzt auch Twitter auf ihrem Nokia Handy installieren müssen, sondern mehr darüber, dass sie nicht mehr alleine Empfänger mancher Nachrichten sind.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Twitter ist, wie alle Bereicherungen einer Informationskultur, ein bisschen anstrengender bzw. bedarf einer Anfangsinvestition an Aufmerksamkeit, um zu funktionieren.

    Das ist doch der wunde Punkt (neben der verletzten elitären Exklusivität, die Du richtig beobachtest): Man muss investieren, um zu profitieren. Diesen Deal sind viele Menschen nicht bereit einzugehen. Auch Journalisten nicht. Entlarvend.

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  3. Selten so gelacht wie über diese Geschichte. Herrjeh, diese Befindlichkeiten. Dabei ist Twitter ein so hübsches Spielzeug und auch durchaus Nützling, irgendwo zwischen Puzzleteilchensucher, Zufallsgenerator, Anschubser, Gedankenfunkenentfacher, in 140 Zeichen für mehr als 140 Zeichen.
    Naja, man muss halt selbst denken, das scheint zunehmend schwierig zu werden. ;-)

  4. »Vermutlich empören sich viele Journalisten aus der Bundespressekonferenz … mehr darüber, dass sie nicht mehr alleine Empfänger mancher Nachrichten sind.«

    Genau das wird es sein. – Wunderbarer Artikel! Danke!

  5. Sehr schöner Artikel. Dass das mit der Beschaffung und Verifizierung von Informationen alles nicht so einfach ist, war mir schon klar. Aber dass »Hauptstadtjournalisten« auf derart verknöcherte Weise daran scheitern, hätte ich nicht gedacht.

    »Traurig. Und lustig. Und traurig. Aber auch lustig.«

    Lustig, aber eigentlich eher traurig.

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  9. In vielem gebe ich dir Recht und teile deine Ansichten doch eines ist meiner Meinung nach nicht richtig. Facebook ist nicht im Prinzip das gleiche wie Twitter. Facebook ist ein klassisches SocialNetwork – die meisten der „Freunde“ kennt man irgendwie – wenn auch nur flüchtig. Twitter ist da anders es ist ein Jedermann-Überall-Mickonachrichtenverteilnetzwerk Facebook hat zwar zum Teil ähnliche Funktionen ist jedoch im Prinzip etwas ganz Anderes.

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