Gebt den Künstler das Kommando

Johnny hat das mehrfach mit sehr <a href="http://www.spreeblick.com/2012/04/14/ich-heb-dann-mal-ur/">unaufgeregten Worten</a> festgestellt: Das Urheberrecht ist gar nicht schlimm, überraschenderweise hilft es den Urhebern hier und da sogar, dass sie von etwas leben können. In meiner kleinen, mit Efeu umrankten, romantischen Vorstellung der Welt, sehe ich das Urheberrecht nicht zwingend als etwas, dass der Beezlebub heimlich vor 200 Jahren auf die Welt geschmuggelt hat. Vielmehr hat es unter anderem auch dazu geführt, das Künstler, die etwas Geld und Zeit hatten, sehr schöne Sachen hergestellt haben, anstatt als Sitzredakteur (http://de.wikipedia.org/wiki/Sitzredakteur) regelmäßig gefeuert zu werden, damit sie ihre 9köpfige Familie aushalten konnten. Ich höre gerne Musik von Menschen, die aus lauter Langeweile und/oder Künsterldrang mir ein paar schöne Momente zaubern. Und völlig neidlos freue ich mich, dass sie davon dann auch sehr bis mittelgut leben können. Bei Swell (http://psychospecificmusic.com/html/swell.html) habe ich den ganzen Laden leer gekauft, weil sie mich hier und da sehr glücklich machen.

Das Urheberrecht als solches ist weder böse noch schlecht. Wie bei den meisten Gesetzen und Regeln ist es eher die Frage, wie es ausgelegt wird. Von Verschärfungen des Urheberrechts in den letzten Jahren profizierten die Künstler nur zweitrangig. Die Verwerterindustrie war und ist es, die davon lebt. Wie schief die Sichtweise mittlerweile da mittlerweile geworden ist, sieht man an angedachten Leistungsschutzrecht der Verlage. Die betonen, dass auch die Autoren was davon abhaben bekommen, gerne über eine weitere Verwertungsgesellschaft. Viel netter wäre es jedoch, wenn die Verlage auf die mittlerweile üblich gewordenen "Total buyout" Verträge verzichten würden, in denen die Autoren schlichtweg betrogen werden. Schliesse ich einen solchen Vertrag, um bei einen Verlag einen Text für ein Magazin zu veröffentlichen, bekomme ich den auch nur einmal bezahlt. Alle weiteren Nutzungs- und Veröffentlichungsrechte gehen an der Verlag, der damit dann bis zum St. Nimmerleinstags damit machen kann, was er will. Was hilft den Urhebern ein Recht, dass ihnen gar nicht dient, weil schon vorher, von dem was die Verlage zahlen, nicht leben können?

Die automatisierte Kriminalisierung der gesamten Bevölkerung in Sachen "Raubkopie" ist auch so eine Sache. Man kann das so machen, weil das Gesetz diese Möglichkeit vorsieht, man muss es aber nicht. Man macht, das vermute ich mal völlig unbelegt und subjetiv, weil man damit mittlerweile mehr Geld verdient, als mit dem Verkauf von Plastik-Popstars, die man einem dieser Privat-Sender jedes Jahr neu züchtet. Mittlerweile haben die Bemühungen mancher Rechte-Lobby quasi hysterische Züge erreicht. Die komplette Überwachung aller Internet-Anschlüsse durch die Provider käme manchen gerade recht und zeugt davon, in welchen Sphären sich die Damen und Herren gerne bewegen würden. Das sich auf dieser wirre Seite der Macht in den letzten Wochen auch einige Künstler geschlagen haben, ist dann schon eher überraschend. Der Gerichtigkeit genüge getan wäre nach Prof. Dieter Gorny vermutlich erst, wenn alle Deutschen regelmäßig per se abgemahnt werden, weil sie ja eh die gesamte, jeweils erschaffene Kunst auf der ganzen Welt permanent und wiederholt runterladen.

Das ist natürlich alles Quatsch, auch der Ruf, das Urheberrecht doch bitte gleich ganz an den Nagel zu hängen. Das Urheberrecht hat nämlich auch die recht praktische Seite, dass ich es zum Beispiel als Musiker einer Partei untersagen kann, einfach meine Musik in einem Werbespot zu benutzen. Oder dass ich damit so viel Geld verdiene, dass ich anderen Menschen schöne Stunden bereiten kann, was ja eine durchaus schätzenswerte Qualität im Leben darstellt. Oder dass ich aus Langeweile was neues, revolutionäres schaffe, was in 300 Jahren dann eine hübsche Fußnote bei Wikipedia ist.

Es ist eine Frage, wie eine Gesellschaft mit der Kultur (und was sie dafür hält) umgehen mag. Wie viel ist sie ihr Wert? Ist sie es Wert, alle Freiheitsrechte einzuschränken, damit Künstler in ihrer Kemmenate über ihr verkorkstes Liebesleben schreiben können? Und was gehört überhaupt zur Kunst? Ist eine Abmahnung wegen des Downloads eines DSDS-Bohlen Songs nicht sogar eine gerechte Strafe? Die andere Frage ist, und wie ich finde viel wichtigere Frage ist, wie eine Gesellschaft mit ihren Künstlern umgehen möchte.

Mein Vorschlag: Gebt den Urhebern wieder mehr Rechte, nicht den Rechterverwertern. Verbietet Verträge, mit Laufzeiten, die so lange sind, dass man nie mehr raus kommt und man sich so bescheuerte Namen wie "The Artist formaly known as Prince" zu legen muss. Gebt den Künstlern die Möglichkeit des Widerspruchs, wenn Rechteverwerter in ihrem Namen das halbe Internet abmahnen. Soll doch jeder Musiker selber entscheiden, ob seine Musik quer durchs Netz gebittorrentet wird. Erhöht die Hürden für die bescheuerte Abmahnindustrie.

tl,dr:
Lass den Urheber zu jeder Zeit entscheiden, was mit seinen Sachen passiert und nicht die Verwerter.

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Ich heb dann mal ur | Spreeblick
Es ist offenbar nicht mehr möglich, PRO Urheberrecht zu sein (was ich bin), ohne sich mit Artikeln gemein zu machen, die entweder pure Propaganda oder

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. In 300 Jahren, gutes Stichwort. So alt ist das Urheberrecht ja nicht. Shakespear und Mozart wären heute so nicht möglich, beide schlimme “Plagiatoren”. Musiker leben übrigens fast nie vom Urheberrecht, das ist eine riesen Ausnahme. Die meisten sind Musiklehrer und ein paar verdienen noch was mit Auftritten. Und die paar, die mit Urheberrecht ordentlich verdienen sind kaum die mit den revolutionären Ideen. Und schützbar sind im wesentlichen Text und Melodie, nicht z.B. Sound und Rhythmus. Mag andere Gründe haben, aber die musikalische Entwicklung hat seit langer Zeit vor allem in diesen nicht schützbaren Bereichen statt gefunden.

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