Weltenkampf

Seit geraumer Zeit schlummern in mir mehrere unausgegorene Gedanken, die ich versuche miteinander zu verbinden. Man kennt das ja, irgendwas zwickt einen gedanklich an verschiedenen Stellen, man hat eine Ahnung, dass man die Punkte irgendwie miteinander verbinden kann, aber man weiß nicht so recht wie und auf welcher Ebene. Das Denken hat ja die unangenehme Eigenschaft an Emotionen gebunden zu sein, die nun wirklich nicht linear sind, was allen praktischen analogen Schlüssen einen Riegel vorschiebt.

Ein paar dieser Gedankenfetzen sehen so aus:

– Wir leben in Zeiten, in denen wir den Beginn eines langen Kulturkampf vor uns sehen, bzw. mittendrin stecken.
– Schirrmacher hat nicht mit allem Unrecht.
– Verlage haben den Journalismus zerstört, weil sie keine Verlage, sondern Wirtschaftsunternehmen wie eine Bank oder eine Mineralölgesellschaft sind. Der Journalismus ist nur das Feigenblatt für ungenierten Kapitalismus.
– Das Netz wird nicht freier, es findet gerade dank Apple und Facebook genau das Gegenteil statt.
– Das Netz der letzten 20 Jahre wird in der Form vermutlich nicht überleben. Wir sind alle Dinosaurier.
– Informationstechnologien, die einmal in die Welt gesetzt wurden, kann man nicht aufhalten.

Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur besteht innerhalb meinungsbildender Prozesse (unter Ausklammerung des Despotismus) vor allem darin, dass in einer Diktatur einer sagt, was gemacht wird und keine Alternativen zulässt, während in einer Demokratie alle Alternativen abgewogen werden, damit man sich am Ende auf einen Kompromiss einigt. Innerhalb der fragilen Entität seines eigenen Bewusstseins gibt es etwas wie eine „gute Diktatur“, weil wir selten wählen, sondern eher entscheiden. Müssten wir jedes Mal demokratisch abwägen, ob wir rechts oder links gehen sollen, ob wir Erdbeereis oder doch lieber Schokolade nehmen sollen, kämen wir vermutlich nicht wirklich weiter und würden immer noch auf Bäumen hocken (was nicht wenige im Nachhinein als durchaus bessere Alternative sehen). Jedenfalls glaubt man gerne, dass die eigenen Entscheidungen sich auf die anderer Menschen übertragen lassen, weil wir ja nur das „beste“ wollen. Das kann, solange es unpolitisch bleibt oder gesellschaftlich ohne Belang ist, einigermaßen klappen, das kann aber auch (siehe diverse Beispiele der Weltgeschichte) dramatisch in die Hose gehen.

Das Netz funktioniert ja mittlerweile ähnlich. War es bis vor wenigen Jahren ein loser Verbund von Webseiten, bündeln sich die Stränge der Kommunikation und des Handelns immer weiter, versuchen also eine Entität zu schaffen, die aus der Sicht des jeweiligen Programmierers oder Ideen-, bzw. Geldgebers stammt. So sehr man glaubt, das Netz ließe unbeschränkte Handlungs- und Informationsfreiheit zu, so sehr täuscht man sich schnell. Die Engpässe im Netz, die Stellen, wo man sich auf monopolistische (diktatorische) Strukturen verlässt, sind häufiger, als man denkt. Das fängt beim Handy/DSL-Provider an, die im Grunde alle im selben Boot sitzen, das geht weiter bei Amazon, iTunes, Paypal, Google, WordPress, Flickr, Twitter oder Facebook. Hat man bei der Buchbestellung oder der (legalen) Musikbeschaffung ja noch eine gewisse Auswahl im nationalen Bereich, sieht es bei den sozialen Medien komplett anders aus. Es gibt keine Alternative zu Twitter, es gibt keine Alternative zu Facebook (so man denn diese Form der Kommunikation wählen mag). Gerade Facebook schwingt sich zu einer Art „Telefonanschluss“ auf. Genauso, wie man in den 60er oder 70er Jahre Menschen erstaunt schaute, wenn sie kein Telefon hatten, wundert man sich heute, wenn man jemanden nicht bei Facebook findet. Nun kann man sagen „Pffff, Facebook, Twitter. Brauch ich nicht.“ Aber die Zahl derer, die aus beruflichen oder privaten Gründen auf soziale Netzwerke verzichten können oder wollen, wird auch immer kleiner und damit verschrobener.

Interessanterweise findet gleichzeitig eine Simplifizierung der Bedienelemente des Netzes statt. Eine meiner Kernthesen seit Ende der 90er Jahre lautet: „Das Netz wird sich erst dann wirklich durchsetzen, wenn es so leicht wie ein Fernseher zu bedienen ist.“ Anschalten, auswählen, konsumieren oder, in seltenen, Fällen produzieren.“ Da muss man ehrlich sein – bisher ist das Netz eigentlich nur was für Nerds, die die Zeit und Muse haben, sich mit Technik, abstürzenden Browsern, störrigen APIs, Programmiersprachen und Ähnlichem zu beschäftigen. Anders gesagt: Die meisten Nutzer scheitern nicht an der Frage, wie man zum Beispiel einen Counter auf eine Webseite einbaut, sondern an der Frage, was ein Counter überhaupt ist. 50 Jahre TV haben die meisten Menschen etwas träge gemacht, was den Umgang mit Technik angeht. Das mag aus Sicht derjenigen lächerlich klingen, die das Netz seit Jahren kennen und mit aufgebaut haben. Auf der anderen Seite: Wenn ich ein Flugzeug steige, will ich nur, dass es fliegt. Wie es das genau schafft mich ohne Absturz und Kollision an mein Ziel zu bringen interessiert mich herzlich wenig. Ich muss kein Flugzeugingenieur sein um eine simple Urlaubsreise in Angriff zu nehmen. Anderes Beispiel: Müsste man, jedes Mal, wenn man im TV das Programm wechseln will, eine Adress- oder Kommandozeile eingeben, würde das Fernsehen im Medienkonsum wohl eine kleinere Rolle spielen. Und so geht es den meisten Menschen mit dem Netz und dem, was sie darin suchen.

Das Netz richtet sich schon lange nicht mehr nur an die versierten User. Die sind langweilig, eine schlechte Zielgruppe und geben zu dem zu wenig Geld aus. Will man Geld, also richtig viel Geld verdienen, muss man die „Masse“ ran. Und denen darf man nicht zumuten, dass sie erst mal eine Sprache lernen müssen, um an die Dinge zu kommen, die sie interessieren. Denen darf man auch nicht mit langen URLs, 345 Passwörtern und komplizierten Dingen wie VPNs oder Proxys kommen. Die Lösung ist also eine Simplifizierung, die, aus Sicht mancher Netzaktivisten, einer Bevormundung gleichkommt.

Diese Simplifizierung ist schon seit Langem im vollen Gange. Twitter und Facebook bieten mit OAuth ein Protokoll an, dass es jedem, der bei diesen Diensten angemeldet ist, erlaubt sich auf beliebigen anderen Seiten anmelden zu können. Google hat das integrierte System der Nutzerbindung schon lange verinnerlicht und verzichtet seit Neustem bei Chrome auf das „http://“ weil man wohl glaubt, dass sich die Masse nicht die komplizierte Zeichenabfolge merken kann. Und statt Webseitenaufrufe bietet Apple eine vorsortierte, gefilterte Welt von Applikationen an, die meist nichts anderes darstellen, als Webseiten. Nur sind sie leichter aufzurufen und zu bedienen.

[Einschub: Ein schönes Beispiel für das Verschwinden des http sind T-Shirts und Visitenkarten. Machte man sich früher die Mühe die ganze Adresse auf zudrucken, folgte später nur das www. das man mittlerweile zu einem url.de/url.com abgekürzt hat]

Das ist dann auch die Welt, in der viele Politiker und andere, wenig Netz-affine Menschen sich wohler fühlen. Nicht weil es mehr oder weniger gefiltert ist, sondern weil es leicht zu bedienen ist. Das man damit auch die Auswahlmöglichkeiten einschränkt, dass man das Netz, so wie wir es kennen, auf diese Weise zerstört, interessiert nicht, weil die Menschen das Netz in der Form weder kennen, noch bedienen können. Es entsteht, aus dieser Sicht, also kein Verlust, sondern ein Gewinn. Die AOLisierung führt nämlich erst dazu, dass das Netz für eine große Schicht an Usern (Kunden) interessant wird, bzw. überhaupt eine Rolle im täglichen Medienkonsum spielt. Man sollte sich weniger die Frage stellen „Was würde Google tun?“ sondern mehr „Was versteht meine Mutter davon?“

Es gibt also eine Kluft zwischen den Menschen, die das Netz seit 20 Jahren nutzen (und geprägt haben) und jenen, die erst jetzt so langsam dank Smartphones und anderen Dingen ins Netz gezogen werden. Genau diese unterschiedliche Medienkompetenz sorgt aber für eine Art innig verzahnten Kulturkampf. Die aus der alten Ordnung (Verlage, Musikkonzerne) vermissen ihre alten Geschäftsmodelle und versuchen sie mittels juristischer Winkelzüge und Lobbyismus aufrecht zu erhalten. Die andere Seite kämpft bekanntlich mit den Mitteln der neuen Aufklärung (Twitter, Blogs, Links im Allgemeinen) dagegen. Das Schlachtfeld wird keine Seite als Sieger verlassen. Und vermutlich ist das auch beiden Seiten klar. Die Konzerne, weil sie gegen die Intelligenz des sich permanent bewegenden Netzes und der vernetzten Intelligenz, nicht wehren können, die andere Seite, weil sie zu wenig Einfluss auf die Politik hat, da ihr ausgerechnet dort die Vernetzung fehlt. Es dauert noch mindestens 15 Jahre, bis die digital natives da sind, wo sie Einfluss ausüben können. Und bis dahin wird das Netz (2025!) technisch und inhaltlich völlig anders aussehen.

Ein Paradebeispiel für die Zerrissenheit mancher kluger Menschen, was die Bedienung und Interpretation des Netzes angeht, ist Frank Schirrmacher. Ix hat es gerade in einem Artikel perfekt zusammengefasst:

das überzeugendste bild das er zeichnet, ist dass ingenieure nicht erzählen, obwohl sie (derzeit) „den roman des lebens schreiben“. er fordert, dass wir die werke der ingenieure und programmierer, die algorithmen die die zunehmend digital geprägte welt steuern, in narration übersetzen oder in bilder fassen müssen.

Wir sind es, wie oben erwähnt, gewohnt in Entitäten zu denken. Oder uns zumindest selbst glauben zu machen, dass eine Entität existiert. Die early adopter/digital natives haben sich daran gewöhnt, dass es unfassbar viele Entitäten gibt, die erstaunlicherweise irgendwie dann doch zueinander finden (Foren, Blogs, wikipedia, soziale Gruppen). Das ist Menschen wie Schirrmacher suspekt. Teilweise zurecht, denn wer kann entscheiden, hinter welcher Entität ein durch und durch guter Gedanke steckt? Gleichzeitig versteht er nicht, warum ein sich selbstorganisierendes System nicht im totalen Chaos endet, weil er einem fürsorglichem Obrigkeitssystem verhaftet ist. Er hat ein durchaus sympathisches Misstrauen, weil er einerseits bisher bekannte Kontrollmechanismen vermisst, und ihm andererseits eine Visualisierung fehlt, mit dem er das System einordnen könnte. Im Zweifel ist ihm da ein simplifiziertes Netz lieber, nicht weil es weniger Wahlmöglichkeiten lässt, sondern im Gegenteil mehr Möglichkeiten eröffnet, weil sie den Zugang zu Informationen erleichtern. Statt sich mit Algorithmen wie „http://“ auseinandersetzen zu müssen, ist eine vorsortierte Welt besser, auch wenn er gleichzeitig weiß, dass die Algorithmen wichtig sind. Er will sie nur in einen anderen, leichter zu verstehenden Zustand bringen.

Die Simplifizierung, so wie sie Schirrmacher gerne hätte, und so wie sie Apple und Facebook voran treiben hat nur das Problem, dass der Produzent in ihren Gedanken keine Rolle mehr spielt. Es gibt nur noch Konsumenten, die mittels Apps, „Like“ Button und OAuth wenigen Quellen mitteilen, was sie so im Netz treiben, was sie gerne lesen, damit sie eingeordnet, gezählt und mit personalisierter Werbung bestückt werden können. Gleichzeitig muss man sich aber auch fragen, ob die Idee, das alle Produzenten sind, nicht so genauso abwegig ist, wie jene der 68er, dass wir alle in Kommunen wohnen und quer durch selbige vögeln, weil es keine Besitzansprüche mehr gibt. Im Endeffekt würde das halt den durchaus logischen Schluss beinhalten, dass die Menge der Produzenten zwar dank des Netzes insgesamt zugenommen haben mag, diese aber gegenüber der Masse der User weiterhin deutlich in der Unterzahl sind. Vielleicht ist die Idee des produzierenden und anarchischen Netzes eine Utopie, weil sie gesellschaftlich nicht bestehen kann, da auch zum einen die Finanzierungsmodelle fehlen, zum anderen die der Produktion vermutlich innewohnende Aufklärung auch nicht in allen Kastensystem auf ungeteilte Gegenliebe stoßen.

Auf der anderen Seite wollte man (die Kirchen, die Obrigkeit) den Buchdruck nach seinen ersten Erfolgen auch eindämmen. Damals fand ein ähnlicher Kulturkampf statt, der vor allem, wen wunderts, von den Kirchen angeschoben wurde. Die Kirche sah sich schnell mit jeder Menge „Eigeninterpretationen“ der Bibel konfrontiert, was ihr Machtgefüge arg ins Schwanken brachte. Man war, aus deren Sicht sehr schnell und sehr klug genug, die vergleichsweise mikroskopischen seimischen Erschütterungen auf regionaler Ebene zu verstehen. Folgerichtig band man den Buchdruck an Lizenzen, die, Überraschung, von den Städten, Fürstentümern etc. ausgegeben wurden. So versuchte man zum einen die Menge an illegalen Raubdrucken und „falschen“ Interpretationen einzudämmen, zum anderen das Geschäfts- und Informationshoheitsmodell zu wahren. Genutzt hat es im Endeffekt wenig, denn die durch die Technologie des Buchdrucks überhaupt erst erfolgreiche gewordene Luther-Bibel stand Mitte des 16. Jhd. in schätzungsweise 40% aller Haushalte. Das könnte aussagen, dass die Eindämmung von neuen Technologien mittels Filtersystemen und Gesetzen am Ende immer wieder scheitern muss, weil neue Informationstechnologien gleichzeitig auch das Bedürfnis nach der Erlernung der Bedienung einfordern. Danals war es die Alphabetisierung und das Bedürfnis, selber lesen zu können, heute ist es die Erlernung des Wissens, wie man Filtertechniken umgeht. Die Frage ist halt nur, wann die Masse sich soweit fortgebildet hat, und welche Kämpfe man vorher austragen muss.

Das ist jetzt erst einmal das Ende meiner losen Gedankenkette. Der Gedanken mit den Verlagen und des Journalismus bastel ich dann demnächst mal mit rein.


13 Gedanken zu “Weltenkampf

  1. „Müssten wir jedes Mal demokratisch abwägen, ob wir rechts oder links gehen sollen, ob wir Erdbeereis oder doch lieber Schokolade nehmen sollen, kämen wir vermutlich nicht wirklich weiter und würden immer noch auf Bäumen hocken (was nicht wenige im Nachhinein als durchaus bessere Alternative sehen)“

    Nicht nur das. Die enorm wachsende Wahlmöglichkeiten macht uns Lebewesen richtigen Kummer. Dazu empfehle ich Barry Schwartz Forschung auf diesem gebiet: http://www.ted.com/talks/barry_schwartz_on_the_paradox_of_choice.html

    Simplifizierung muss aber nicht unbedingt die Einschränkung des gesamten Angebots bedeuten. Simplifizierung ist für mich in erster Linie das Interface, also die Art und Weise, die Mechanik, die Oberfläche, wie ich am besten und schnellsten an meine Informationen komme. RSS-Technologie ist dafür ein wundervolles Beispiel. Ich muss mich als Nutzer nicht mehr durch zig verschiedene Designs quälen, sondern bekomme die Informationen auf einen Blick. Auf de anderen Seite würde visuelle Menschen aufstöhnen, dafür gibt es aber etliche Websites, die mir schöne Webdesigns präsentieren – wenn ich darauf Lust habe.

    Und da sind wir schon beim Punkt. Es geht darum den Menschen ihren Neigungen entsprechend Inhalte so aufzubereiten, dass sie es für sich am einfachsten nutzen können. Wir alle wissen, dass es grundverschiedene Typen von Menschen gibt. Es gibt die auditiven, visuellen, haptischen usw. Jeder von uns nimmt Inhalte ganz individuell wahr und teilt sie aber auch ganz individuell. Nicht jeder kann gut schreiben, dafür hat derjenige vielleicht eine tolle Radiostimme. Nicht jeder kann gut malen, aber dafür kann er vielleicht gut zuhören usw.

    Die Simplifizierung wird also erst dann erfolgreich sein, wenn wir nicht erneut wieder alles über einen Kamm scheren, sondern zunächst einmal die Bedürfnisse der Menschen abfragen und dann entsprechende Lösungen anbieten.

    Oder anders gesagt: Es geht nicht mehr darum möglichst viele Informationen auf einmal zu zeigen, sondern Informationen so miteinander zu vernetzen, dass ich Schritt für Schritt, Klick für Klick mich herantasten, es „freispielen“ kann. Das macht wesentlich mehr Spaß als sich in der Überflutung das individuell relevante rauszuziehen.

    Noch ein paar Sätze zum Kulturkampf: Dieser wird dann entschärft sobald beide Seiten auf die jeweiligen Interessen eingehen. Der Umbruch findet statt. Keine Frage. Die einen kämpfen darum neue Felder zu besetzen, die anderen versuchen ihr Weltbild/Geschäftsmodell zu konservieren. Wenn es also möglich wäre, dass die neue Welt der alten Welt zeigt wie sie ihre Grundinteressen auch in der neuen Welt bewahren können, und auf der anderen Seite die alte Welt der neuen Welt zuhört, dann wäre da schon viel gewonnen. Was nix bringt ist jedenfalls dieses: Das Internet/Holzmedium ist böse/falsch/tot.

  2. Das Eigentumsrecht an „Deinen“ „unausgegorenen Gedanken“ spreche ich dir jetzt einfach mal ab ;-) weil ich unterstelle, daß die meisten davon so oder ähnlich in jedem „Mitglied“ dieser „Internetgemeinde“, so man sich dieses Ghettobegriffs bedienen will, herumgären.

    Die Auffassung, daß ein Nichtteilnehmen an „Twitter“ oder „Facebook“ einem sozialen oder wirtschaftlichen Tod nahekommt, teile ich indes überhaupt nicht. Es gibt genug alternative Möglichkeiten, die Rückkopplungs- und Interaktionsvorteile des Netzes als Ganzes zu nutzen, ohne sich dabei dem Anbieter eines proprietären oder quasimonopolistischen Dienstes zu unterwerfen. Freilich ist das eine Frage des Anspruchs; wer von anderen (Freunden/Kunden/Geschäftspartnern) erwartet, sie online mit gläsernem Profil jederzeit beim Tun und Treiben beobachten zu können, wird natürlich zwangsläufig auch (nur noch) Freunde/Kunden/Geschäftspartner haben, die es umgekehrt genau so halten.

    Ich habe in meinen 15 Netzjahren so manchen vermeintlichen Zugzwang ignoriert – und friste mein Dasein dennoch weder als totholzlesender Vergangenheitsglorifikator, noch als desozialisierter Einsiedler ohne jeden Kontakt zur Welt. Und obwohl ich „Twitter“ bisweilen unterhaltsam finde und selbst ab und zu belanglosen Senf dort abgebe, gibt es Tage, ja Wochen, in denen mir auch ohne das so gar nichts fehlt. Ganz anders übrigens mit meinem RSS-Leser, der sich eben nicht bei Monopolisten bedient, sondern bei lauter „Sonderlingen“ wie Dir oder mir mit ihren ganz individuellen eigenen Angeboten und zugleich auf meinen Geschmack zugeschnitten (vgl. Kommentar 2).

    Na und die (teilweise nur vermeintlich) anarchischen Züge des (Ur-)Netzes mit zügellosem Sexkommunismus auf eine Bodenmatraze zu legen, ist ja doch durchaus mutig. Die von jeder potentiellen Aufklärung ausgehende Gefahr für Kasten jeder Art hingegen ist natürlich Tatsache und Grund für viele aktuelle Entwicklungen.

    Ich denke, wir können gespannt und müssen wachsam, dürfen aber auch nicht fatalistisch oder resigniert der Dinge harren, die da noch kommen werden. (Und sollten gleichwohl weiterhin tunlichst selbst an ihnen mitwirken.)

  3. Schöner Text, dem ich in vielen Punkten gerne zustimmen mag. Doch bei einer Sache muss ich intervenieren: Deine Interpretation Schirrmachers geht in die vollkommen entgegengesetzte Richtung dessen, was er meint.

    Wenn er fordert, dass die Coder der Algorithmen ihre Werke übersetzen, fordert er nicht simplere Interfaces, sondern das komplette Gegenteil: Aufklärung. Er ist überzeugt, dass die Algorithmen bereits heute einen Großteil unseres Lebens und Zusammenlebens beeinflussen und im Hintergrund regeln. Darüber handelt sein Buch. Das ist ihm – verständlicher Weise – nicht ganz geheuer. Was er will ist also verstehen. Er will ganz genau wissen, was dort passiert.

    Meines Erachtens überschätzt er die Macht der Algorithmen und die Komplexität der Analysemöglichkeiten. Dennoch finde ich es richtig, ein Recht auf das Verständnis dieser Prozesse zu fordern, denn wir alle sind in den diversen Datenbanken und deren Analysten oft genug ziemlich ausgeliefert. Siehe Schufa und Krams.

  4. Als „Produzenten“ haben Blogger wie Sie versagt, Herr Dahlmann. Mehrere Jahre Zeit, die Massen für sich zu gewinnen. Stattdessen bin ich entsetzt, was für einen langweiligen Kram ich regelmäßig in den Top-Blogs lese. Spiegel.de klein kopiert plus Technikkrams und Interna der Blogosphäre. Unterhaltsam wie ein Männerwohnheim.
    Mir geht es hier nicht um Funvideos. Mir geht es um Texte, die Menschen berühren. Das Referat einer umschwärmten 16-jährigen über „Siddhartha“ war als Jugendlicher mein Schlüsselerlebnis, mit wie wenig man wie viel erreichen kann.

  5. Das sind viele Gedanke. Nur ein paar ganz kurze von mir dazu.

    1. Die oben verwendete Interpretation von Demokratie finde ich ein wenig sehr auf die Fragestellung fokussiert und die Demokratie scheint mir inzwischen eine Art umgedrehtes „Godwinsches Gesetz“ zu sein. Wer sich darauf beruft, hat recht und darf nicht weiter hinterfragt werden. Deswegen würde ich dazu tendieren, sie gänzlich außen vor zu lassen. Aber das ist nur eine Vermutung.

    2. Schön, dass Du Facebook und AOL in einem Artikel verwendest. Ist das Erstere doch das Letztere des Web 2.0. Ich sehe die Relevanz von Facebook und Twitter nämlich deutlich anders. Ich glaube, wir werden diese Portale auch wieder fallen sehen und zwar in nicht allzuferner Zukunft. Man muss sich nur die Frage stellen, wie AOL, die wirklich alles erreich hatten, was man zu ihrer Zeit im Netz erreichen konnte, doch fallen konnten. Ich sag’s mal so: Wenn AOL nicht in der Lage war, den Bedarf zu decken, den Facebook jetzt deckt, dann ist das kein technisches Problem sondern ein systemisches, ein Problem das entweder in der Art liegt, wie solche Großunternehmen geführt werden, oder wie Nutzer sich zu solchen Unternehmen verhalten. Beide Gründe lassen wenig Hoffnung für Facebook.

    3. Der „Running Gag“ mit dem „http://“ verstehe ich nicht. Wenn ich mich nicht irre verhalten sich schon seit Jahren alle gängigen Browser so, dass man kein http:// in die Adressleiste eintippen muss. Und Sir Tim hat sich ja sogar schon dafür entschuldigt. Ich glaube, das ist wirklich ein schwaches Argument für die technischen Hürden des Netzes.

    4. Was die Simplizität angeht sehe ich hier zwei Punkte. Zum einen Computer sind nun einmal keine Fernseher. Programme und Webseite sind kompliziert, weil die Nutzer sie so kompliziert haben wollen und weil es machbar ist. Der Computer ist ein freiprogrammierbares Medium. DAS ist seine Stärke gegenüber den anderen Medien. Paradebeispiel dafür ist Word. Wir sind uns alle einig, dass es ein Usability-Super-GAU ist. Umfragen von Microsoft nach den Funktionen die sich die User meisten wünschen haben gezeigt, das 90% dieser Funktionen schon in Word drin sind, dass sie die User nur nicht finden. Aber es zeigt eben auch, das die User diese Funktionen haben wollen. Ich glaube, dass das für ziemlich alle Anwendungen gilt, die wir als komplex wahrnehmen.

    Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass wir (und hier spreche ich als Redaktionssystem-Entwickler) noch einiges verbessern können. Gerade was Web-Anwendungen angeht. Mit Scrivener verwende ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine Offline-Anwendung zur Textproduktion und bin verblüfft, wie geschmeidig das geht.

  6. Welche Revolution hat Gutenberg denn ausgelöst? Er hat die Grundlagen für eine neue Industrie erschaffen. Selber publizieren war noch bis in die 80er Jahre ein ziemliches Unterfangen. Matrizendrucker, do you remember? Ich habe als Student noch gelernt, Karteikarten anzulegen, mich durch Schlagwortkataloge zu wühlen und viel Geduld, bei Fernleihdauern von 3-5 Wochen. Telefon? War noch vor 30 Jahren eine sehr teure Angelegenheit.

    Wenn man das als Vergleich nimmt, bot Kommunikationstechnik wie Fax, Kopierer, Datenübertragung, Mobilfunk und das Internet das Potential für echte Revolution. Nur was ist daraus geworden? Statt Revolution wieder nur eine neue Industrie. Statt selber die neuen Informations- und Publikationsfreiheiten zu nutzen, beschäftigen sich selbst „Content-Erzeuger“ wie blogger mit dem „Kulturkampf“, der lediglich ein Kampf der Industrien und des Geldes ist. Verlage gegen Google, Telkos gegen Internettelefonie, Musikindustrie gegen Apple. Da geht es nur um die Verteilung der Gewinne, nicht um die Verteilung der Diskursherrschaft, wie viele meinen. Das produzierende Netz hat die Hoheit über Meinungen gegen die neuen Internetkonzerne schon längst verloren. Wir blogger werden in 10 Jahren uns noch mit Wehmut an die Zeit des anarchischen Internets zwischen 1996 und 2010 erinnern und den vergebenen Chancen nachtrauern.

  7. Interessant, daß man jetzt schon merkt, daß Schirrmacher (der mir übrigens noch nie sonderlich angenehm war) nicht so völlig unrecht hat. Das klang auf allen Kanälen im Netz noch vor Wochen gänzlich anders.

    Und mindestens ebenso interessant, daß man nach Jahren nun bemerkt, daß das „freie Netz“ ein idealisierter Traum ist. Fast möchte sich entschuldigen, wer schon vor Jahr und Tag auf den häretischen Gedanken verfallen war, daß das Netz so frei nicht sein kann, wenn es lauter Großkonzernen mit Überwachungsinteressen „gehört“ und viele ausschließlich unlautere Regierungen mit Überwachungsinteressen darin herumrühren.

    Aber nichts für ungut, wenn jemandem Irrtümer auffallen, sollte man nicht über den Zeitpunkt schimpfen.

  8. In einem Punkt irren Sie sich m. E. sehr. Ich kenne wirklich keinen einzigen Menschen, der gezwungen ist, aus beruflichen (!) und/oder privaten Gründen Facebook und Konsorten zu nutzen. Vielleicht glauben die Mitglieder der Piratenpartei so etwas von sich – sollen sie. (Es glauben ja auch viele Leute ernstlich, sie müßten unbedingt ein Mobiltelefon besitzen, obwohl sie ständig nur allerbanalstes Zeug von sich geben – ich kann über solchen Irrglauben nur lachen.)

    Nach Zahlen hat Facebook in D sicherlich nicht gerade die Mehrheit der Bevölkerung als Mitglieder. Und es ist unschwer vorauszusagen, daß die Leute sich nach und nach aus Facebook und Konsorten wieder zurückziehen werden, wenn vielleicht auch in großem Umfang erst in einer Reihe von Jahren. Das halte ich zumindest nicht gerade für unwahrscheinlich. (Kein Hype im Netz hält lange an.)

  9. Warum sollte es die Aufgabe eines Programmieres sein der Welt zu erklären, wie sein Code funktioniert?! Seine primäre Aufgabe ist es, DASS der Code funktioniert. Wenn Herr Schirmacher sich so brennend für Informatik interessiert, kann er sich doch gerne einarbeiten und entsprechende allgemeinverständliche Übersetzungen schreiben, statt solche merkwürdige Forderungen an die Ingenieurszunft zu stellen. Davon abgesehen ist es sowie Ziel in der Informatik Code so lesbar wie möglich zu gestalten. Man vergleiche nur mal ein Lochkarten/Maschinencode/Computerprogramm aus den 70er Jahren mit dem Code einer modernen Hochsprache.

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