Ich kann es nicht mehr hören

Neulich nuschelte mir jemand, den ich nicht kannte, auf einer Veranstaltung, auf der ich nicht sein wollte, ins Ohr: „Dieses Blogger gegen Journalisten Ding, das macht ihr doch nur, weil euch sonst keiner liest.“ Mit „ihr“ waren wohl „die Blogger“ gemeint, nehme ich an. Ich habe nicht geantwortet, sondern, weil ich böswillig war, gesagt „Geh zum Buffet, solange noch was für dich da ist.“

Ich kann dieses Blogger vs. Journalisten Getue nicht mehr tragen. Die Diskussion war 2007 mal interessant, 2008 war sie schon etwas zäh, 2009 war schon so, als ob man ein totes Pferd schlägt und 2010 wird sie hoffentlich ebenso beendet sein, wie die Diskussion, dass eine zu schnelle Fahrt mit einem Zug das Hirn schädigt.

Und hier dann für alle noch mal ein paar Argumente zusammengefasst:

1. Blogger kämpfen gegen Journalisten

Es hat nie einen solchen Kampf gegeben. Weil es immer nur eine Auseinandersetzung zwischen Journalisten und Journalisten war. Ein Blick in die Top 20 der meist verlinkten und zitierten Blogs zeigt, dass sehr viele von Menschen geschrieben werden, die entweder selber schon immer Journalisten waren, oder die aus dem Umfeld des Mediums kommen. Es war (und ist es noch in dem Punkt) nur eine Auseinandersetzung der unterschiedlichen Vertriebskanäle. Also „Print“ vs. „Internet“.

2. Blogger wollen den Journalismus abfackeln und sterben sehen
Siehe oben. Eigentlich. Uneigentlich hat die Mumifizierung des Journalismus durch die Massenentlassungen der Verlage den Schaden erst hervor gehoben. Bloggende Journalisten haben nur die monströs große Lücke, die der monothematische Verlagsjournalismus hinterlassen hat, versucht aufzufüllen, versucht, die zuckenden Reste des sich selbst mal sehr wichtig nehmenden deutschen Journalismus neu zu beleben. Impulse zu setzen. Genau wie die vielen kleinen Magazine, die im Selbstverlag erscheinen und die von Menschen gemacht werden, die an Print glauben, und die es leid sind, den Alltagsfraß der Verlage kauen zu müssen.

3. Ohne die Arbeit der Verlage würdet ihr doch nur über euch selber schreiben.

Stimmt! Davon abgesehen machen das Blogger sowieso viel lieber. Es hat auch nie einer behauptet, dass Blogger die Agenturen, Verlage und großen Onlineportale ersetzen können. Oder gar das Geschäftsmodell zerstören wollen. Bisher wollte das auch keiner. Und musste es auch nicht, zumal die Verlage weiter fröhlich daran arbeiten, sich selbst zu zersetzen. Das ist im Übrigen nichts, was man gerne sieht, denn im Grunde ist es viel zu anstrengend, einen Ersatz aufzutreiben. Man twittert und trinkt ja lieber. Zudem: Die deutsche Blogsphäre ist viel zu dünn besetzt, als dass sie auch nur ansatzweise etwas ähnliches wie die „Huffington Post“ auf die Beine bekommt. Man bräuchte so zwei bis acht bloggende Prantls, dazu noch ca. vier Michael Sprengs als Whistle Blower und noch ein paar weitere gute Journalisten, die in ihren Redaktionen hocken und den Frust mit Rotwein runter spülen. Dann bräuchte man noch jemanden, der eine Millionen Euro in den Ring wirft und sagt: „Mich kotzt der deutsche Journalismus an, macht es mal besser.“
Aber warum sollen Blogger eine Arbeit machen, die Verlage dank ihrer finanziellen und juristischen Ausrüstung viel, viel besser können? Mittlerweile versuchen es ein paar mutige Blogger, aber ein Ersatz für einen unabhängigen, von einem starken und mutigen Verlag finanzierten Journalismus, dessen Chefredakteure nicht samt Verlagsgeschäftsführer mit Lobbys und/oder Politkern schmusen, ist das nicht. Aber, ich wiederhole mich da gerne – das sollte es eigentlich auch nicht sein.

4. Weil Ihr alles umsonst macht, geht der Qualitätsjournalismus vor die Hunde.
Man muss sich schon entscheiden. Entweder schreiben Blogger nur unidentifizierbaren Sondermüll, der den Nestor-gleichen deutschen Journalismus beschmutzt und im Leben nicht an dessen Qualität heran reicht. Dann müsste der „Qualitätsjournalismus“ ja nichts zu befürchten haben und könnte die Konkurrenz aus dem Netz so ernst nehmen wie eine Schülerzeitung. Oder die Sachen aus dem Netz sind nicht nur umsonst sondern auch qualitativ besser als das, was aus den Verlagsredaktionen quillt. Dann würde das aber mit dem Wort „Qualität“ irgendwie nicht so richtig hinhauen, oder? Ich warte da noch auf eine Antwort.

5. Ihr haltet euch nicht an die journalistischen Standards!
Welche sind da gemeint? Die von diversen Yellow Press Blättern? Jene, die vom Bildblog gerne mal beschrieben werden? Wir können uns gerne mal in einer Bahnhofsbuchhandlung treffen und die journalistischen Standards suchen. Aber hey – jeder hat seine schwarzen Schafe, auch die Blogszene, keine Frage. Das aber kein Grund, alles über einen Kamm zu scheren. Würde ich jemanden, der nur hochwertige Online-Magazine liest und noch nie eine Zeitung in der Hand hatte, das ein oder andere Print-Erzeugnis in die Hand drücken, wäre er vermutlich entsetzt. Will sagen: Alle Kreter lügen.

Den Kampf „der“ Blogger gegen „die“ Journalisten hat es nie gegeben. Es war und ist eine Auseinandersetzung über die Wahl des Publikations- und Distributionskanals („….aber die Haptik!“). Und ein Versuch der Verlage, von denen eigenen Schwierigkeiten beim Shift des Geschäftsmodelles abzulenken. Die Verlage haben sich schon von eBay das Kleinanzeigengeschäft klauen lassen und von immoscout24 den Wohnungsmarkt. Und zwar wehrlos, weil man nicht in der Lage war, ein eigenes System auf die Beine stellen. Weil man vermutlich dachte, dass sich das Internet eh nicht durchsetzen würde. Und jetzt hat man Probleme, die exorbitant überteuerten Werbepreise ins Netz rüber zu retten. Ich sehe das ehrlich mit Sorge, denn ich weiß, dass die zerfaserte deutsche Blogszene den deutschen Journalismus alleine auch nicht wird retten können. Aber, zum x-ten Mal: das wollte sie nie, das war nie ihre Aufgabe.

Und darum geht es ja am Ende. Um guten, packenden, spannenden, ehrlichen, unabhängigen Journalismus. Egal, auf welcher Seite man steht.

17 Gedanken zu “Ich kann es nicht mehr hören

  1. Ich unterschreibe das mal als Blogger, der mit dem ganzen Journalistenkram nichts am Hut hat.

    Bei Thomas habe ich es wie folgt ausgedrückt:

    Vorweg, weil es den Bloggern, obwohl es den Blogger nicht gibt, immer vorgeworfen wird: Kein Blogger sieht sich als Ersatz des Journalismus. Niemand möchte, dass die Vierte Gewalt von den Bloggern übernommen wird. Das ist von den Ressourcen her schon gar nicht möglich – und wäre für unsere Demokratie genauso schädlich wie Ihr Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit mit dem Leistungsschutzrecht. Es kann nur ein Miteinander geben. Ich kann nur von mir sprechen, ich denke aber, viele Kollegen denken ähnlich: Wir lieben es, zu schreiben, zu kommunizieren, mit unseren Lesern gemeinsam nachzudenken, zu lachen, sich gemeinsam zu ärgern, Spaß zu haben. Doch niemand will in irgend einer Art und Weise den Journalismus ersetzen. Blogger sind Blogger und Journalisten sind Journalisten.

    That’s it. Blogger sind Blogger und Journalisten sind Journalisten.

  2. Sehr gut, damit wird das Thema endlich vom Kopf auf die Füße gestellt.

    Gerade gestern habe ich mich gefragt, wie ich die konzertierte Aktion von Passig, mit dem Beitrag „Standardsituationen der Technologiekritik“ und Lobos Spiegel-Auftritt vs. Schirrmachers „Payback“ bewerten soll.

    Beide, Passig und Lobo, werden zudem in Form von Product-Placements in den Tweeds von Sixtus sehr gut promotet – so wäscht in der Twittercommunity eine Hand die nächste. In dieser Debatte also, die nicht zündet, wird eine nicht ganz neue Erkenntnis zu einem Popanz aufgeblasen. Dass das Medium die Botschaft ist, das ist ein ganz alter, wenn auch unwiderlegter Hut. Und Schirrmacher fügt dieser Erkenntnis nicht viel Neues hinzu. Seine Hinrichtung als Kulturpessimist wäre also nur gerechtfertigt, würde man auch Marshall McLuhan, Günther Anders, Ivan Illich und – nicht zuletzt – den von Lobo falsch interpretierten Platon, mit dem Brandmal des Kulturpessimismus kennzeichnen. Denn wie McLuhan, beschreibt Schirrmacher lediglich, welchen Effekt Medientechnologien auf die Organisation der menschlichen Wahrnehmung haben. Damit Lobos Replik funktionieren kann, benutzt dieser einen alten, erprobten und perfiden Trick: Er setzt sich nicht mit den wirklichen Inhalten auseinander, sondern richtet sie sich her, verkürzt, interpretiert und deutet um, damit daraus der Strick wird, an dem er seinen Kontrahenten aufhängen kann. Den im Spiegel veröffentlichten Beitrag finde ich persönlich sehr hochnäsig, arrogant, oberflächlich und entlarvend.

    Indem Sascha Lobo Frank Schirrmacher unterstellt den Machterhalt des Journalismus zu betreiben, macht er seine eigene Intension deutlich – er will selbst an die Fleischtöpfe der Macht und will die Deutungshoheit in der medialen Abbildung der Wirklichkeit. Was wir hier als gelangweilte Zeugen erleben, ist eine Debatte unter, nennen wir sie Edelfedern, Alphatieren, Alphabloggern, Machtmenschen, Deutungsmonopolisieren etc. die nichts mit Blogger vs. Journalist zu tun hat. Schirrmacher hat am Ende aber beträchtlich mehr von meiner Sympathie, da er der geistreichere ist: Er weiß, es geht nur um Payback-Punkte. Sascha Lobo hat die günstige Gelegenheit ergriffen sein Punktekonto aufzubessern und hofft darauf, dass keiner seine Intension bemerkt. Für seinen Angriff auf Schirrmacher bekommt er Aufmerksamkeit, die seinen Marktwert steigert – und irgendwann muss er seine Kopf nicht mehr für Vodafon hinhalten, sondern kann ihn, für den Erhalt der Deutungshoheit der FAZ vermieten – Soweit meine „Deutung“ der unnützen Debatte und meine Einschätzung der Karrierechancen von Sascha Lobo.

  3. Upps, hab noch einen Satzfehler entdeckt: „Intension“ meint natürlich „Intention“ – wieder ein Beispiel, warum Blogger keine Qualitätsjournalisten sein können. Bin zerknirscht.

  4. „Oder die Sachen aus dem Netz sind nicht nur umsonst sondern auch qualitativ besser als das, was aus den Verlagsredaktionen quillt.“

    Das ist doch etwas zu viel des Guten. Kostenlose Inhalte muessen nicht qualitativ besser sein, um bevorzugt zu werden, das ist meist eine PreisLeistungsRechnung, in der ein kostenloses Medium immer einen Vorteil haben wird. Wenn die Qualitaet auch nur aehnlich ist, werden viele Menschen die kostenlose Alternative bevorzugen. Sofern also die BloggerInnen ueber BILD Niveau kommen, was sich meines Erachtens nicht als sonderlich schwierig erweisen sollten, gewinnt das kostenlose Medium diesen Wettstreit.

  5. Nur kurz, aber …

    a) es gab da schon den ein oder anderen Blogger, der meinte, die Revolution sei gekomen, Journalisten wären nun überflüssig und er/wir/sie/es würden nun die Weltherrschaft übernehmen. Natürlich sind/waren das vor allem (Meta-)Schwätzer, die bis heute nicht geliefert hatten. Wenn man von der – auf Seiten der verkannten Edelfedern – dankbar angenommenen Vergiftung der Diskussion mal absieht.

    b) „von eBay das Kleinanzeigengeschäft klauen lassen und von immoscout24 den Wohnungsmarkt.“ – Die Diskussion gab’s letztens erst wieder im jonet(.org). Schau bei Gelegenheit mal, wem die relevanten Portale in Deutschland gehören. Du wirst überrascht sein. Interessant wird das spätestens bei der Frage, warum die Verlage zwar die Gewinne der Portale mitnehmen, auf der anderen Seite aber nicht in journalistische Produkte investieren. Da beissen sich Unternehmer- und Verlegertum. Letzteres scheint weitgehend ausgestorben.

  6. Ein großes Ärgernis, das hier nicht thematisiert wird, ist das dreiste Abschreiben ohne Angaben von Quellen – von welcher Seite auch immer. Hier schmücken sich nicht wenige kostenlos mit fremden Federn, in zunehmenden Maße.

  7. Ich finde, dieses Kokettieren mit dem Überdruss („Ich kann es nicht mehr hören“) greift zu kurz. Hier hat eine neue Öffentlichkeit eine alte angegriffen. a) weil es technisch und ökonomisch ging und b) weil die alte Öffentlichkeit über die Jahre gewisse Angriffsflächen bot.
    Man mag die Qualität der Debatte kritisieren oder die Eitelkeiten der Protagonisten auf beiden Seiten, aber die Notwendigkeit der Auseinandersetzung zu bestreiten wäre Unsinn. Denn man kann heute bei jedem anderen Thema ebenso aufstöhnen: z.B. Ich kann das Wort Klimawandel nicht mehr hören. Oder Afghanistan. Oder was weiß ich. Dieses Kopf-in-den-Sand-stecken wird nicht funktionieren, so lange der zugrunde liegende Konflikt existiert.
    Man kann in diesem Streit die neue Öffentlichkeit (noch) nicht mit den gleichen Maßstäben messen wie die alte – es gibt einfach zu unterschiedliche materielle Bedingungen. Kurz:Der Streit bleibt aktuell, und wen das stört, der kann ja weghören.

  8. Die Debatte Blogger versus XXX scheint inzwischen andere Berufsfelder übergeschwappt zu sein, u.a. in die Wissenschaft. Mir trug neulich auf einer Tagung jemand ernsthaft die Behauptung zu, das Internet sei schuld daran, dass die Studierenden nicht mehr lesen. Darauf habe ich geantwortet, dass nicht das Internet, sondern andere Ursachen für die Lesebereitschaft der Studierenden ursächlich sind (z.B. Bologna, Gebühren, Studienbedingungen) und dass mir völlig gleichgültig ist, ob die Studierenden mit oder ohne Bildschirmtechnologie lesen oder eben nicht. Wie der letzte Kommentator vermute auch ich, dass die Auseinandersetzung weiter geht, weil immer mehr Leute in Wissensberufen bemerken, dass sie von der Entwicklungsdynamik dieses vermeintlich trivialen Internet persönlich betroffen sind und dass sie ihre Position und/oder wirtschaftliche Grundlage verlieren könnten, weil sie die Entwicklung unterschätzt bzw. verpasst haben.

  9. Pingback: 22. Dezember 2009
  10. Da mein Mail immer wieder zurück kommt, auf diesem Weg die Info:
    Dieser Artikel erscheint am Sonntag in
    blogbibliothek.ch
    Freundliche Grüsse
    Kurt

    und danke für diesen markigen, aber nicht rüpelmässigen Korrekturversuch abstruser Wahrnehmungen. Ob’s hilft?

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