Leistungsschutzrechte vs. Google vs. ARD/ZDF

Bei Carta gibt es einen laaaangen Artikel von Burda-Rechtsvorstand Robert Schweizer, der versucht den gedanklichen Ansatz der Leistungsschutzrechte zu erklären. Dafür muss man schon mal dankbar sein, denn bisher konnte man ja nur rätseln, wofür die Verlage diese Rechte überhaupt benötigen.

Im Grunde macht er klar, dass es einen Unterschied zwischen den Leistungsschutzrechten und dem Copyright gibt. Letzteres, so der Justitiar, bezieht sich auf den Schutz des Urhebers eines Textes, das Schutzrecht auf die Verbreitung. Und dies sei ungeschützt. So führt er unter anderem auf, was alles nicht abgesichert ist:

– kreativ Redaktionen mit Netzwerken zielgruppengerecht aufbauen, finanzieren und erhalten,

– jedes Heft und jeden Auftritt im Rahmen eines Ganzen mit einer bestimmten Tendenz gestalten,

– Mitarbeiter betreuen,

– Themen suchen, kreieren, auswählen und sonst initiieren sowie mit möglichst guten Mitarbeitern die Beiträge erarbeiten und aufbereiten,

– verwalten, steuern und sonst organisieren,

– Rechte erwerben und insgesamt vielfältig juristisch in allen Bereichen agieren,

– die Produkte technisch herstellen,

– werben und sonst für eine möglichst gute Verbreitung sorgen.

Diese Dinge verursachen Kosten, die Einnahmen sein dadurch gefährdet, dass man die Verbreitung von Texten im Netz nicht kontrollieren könnte. Noch schlimmer: Aggregatoren sorgen dafür, dass der Content aus dem eigenen Umfeld heraus gerissen wird. Aggregatoren (oder User, die Inhalte komplett kopieren) schalten eigene Werbung um die Texte und nehmen so mit dem Content Geld ein, der ihnen nicht gehört. Die Werbeeinnahmen gehen dem Verlag flöten.

Das ist nachvollziehbar, auch wenn die Liste eher Dinge nennt, die unter das normale unternehmerische Risiko fallen. Ich könnte ja auch so eine Liste aufmachen, mit Miete, Internetkosten usw. und dann fordern, der Staat solle eine rechtliche Regelung finden, die diese Kosten absichert. Das Problem der Verlage ist nicht die Erstellung und Pflege der Inhalte, sondern deren ungehinderte Verbreitung. Während man früher eine Zeitung oder ein Magazin kaufen musste (z.B. Der Stern-Titel mit Barschel) wenn man etwas sehen und lesen wollte, tauchen die Artikel und Fotos heute innerhalb von Minuten als Kopien im Netz auf. Die Exklusivität ist hin, damit auch ein Teil des bisherigen Erlösmodells.

Als einzelner Urheber mag die ungezügelte Verbreitung hilfreich sein. Wenn ich einen oder mehrere gute Artikel schreibe, und die im Netz, auch als Volltext verbreitet werden, hilft das meiner Popularität. Die sorgt dann wieder dafür, dass ich Aufträge bekommen, meine Preise erhöhen kann usw. Ich bediene ich mehr oder weniger bei den Großen. Genau das können Verlage aber nicht, weil es niemanden mehr über ihnen gibt, bei denen sie sich bedienen können, wenn man mal vom Staat absieht. Es ist nicht bewiesen, dass es eine freie Verbreitung von Inhalten den Verlagen mehr Einnahmen garantiert, weil viele Klicks eben nicht gleich bedeutend sind mit einem Mehr an Werbeeinnahmen. Wobei Mario Sixtus neulich zur mir meinte, dass die Preise für Printwerbung einfach überzogen seien, weil sie immer danach berechnet würden, dass nicht nur eine, sondern mehrere Personen eine Zeitung/ein Magazin lesen würden. Bei Banner, mit ihrer Klickverfolgung, würde man erst mal sehen, was Werbung eigentlich tatsächlich bringen würden. Der “pay per lead” sieht dann, weil er nachvollziehbar ist, eben ganz anders aus.

Die Verlage hätten also gerne mehr Kontrolle über die publizierten Inhalte und die Möglichkeit, Geld zu verdienen, sollte jemand gegen das Leistungsschutzrecht verstoßen. Gleichzeitig will man sehen, wie man Inhalte zum Beispiel der Wissenschaft, kostenlos zur Verfügung stellen kann.

Soweit, so nachvollziehbar, auch wenn die ganze Sache immer noch den Beigeschmack hat, dass man an althergebrachten Einnahmequellen weiter fest klebt. Es erinnert allerdings auch daran, dass kurz nach der Erfindung des Buchdrucks die Kirchen mit einem ähnlichem Problem belastet waren. Denn plötzlich tauchten in allen deutschsprachigen Gebieten “Raubkopien” der Bibel auf. Das war der Kirche aus zwei Gründen nicht geheuer: zum einen belastete es die Einnahmen, zum anderen verlor man die Kontrolle über den Inhalt. Jeder konnte in der Bibel streichen und ergänzen, wie er wollte. Man löste das Problem, in dem man die Städte dazu zwang Druckereien nur noch dann zu zu lassen, wenn ein von der Kirche vorliegende Lizenz vorliegen würde. Gegen Geld, versteht sich.

Was ähnliches machen die Verlage nun auch. Die Kirche hat damals zum ersten Mal eine Art Copyright durch gesetzt, die Verlage erweitern das bekannte Copyright um das Verteilungsrecht. Dabei sind Verlage selber eigentlich nichts anderes als Aggregatoren. Sie sammeln und sichten Meldungen auf Papier, andere Seiten machen das halt automatisch im Netz.

Es gibt mindestens zwei Punkte, die problematisch sind: zum einen die Kontrolle, zum anderen kommen die Einnahmen den Verlagen, nicht aber den eigentlichen Urhebern zu Gute. Die Verlage kassieren im Prinzip doppelt. Einerseits durch die “total buyout” Verträge, die dazu führen, dass ein Autor/Fotograf nicht mehr pro Veröffentlichung sondern pauschal bezahlt wird, der Verlag also über Jahrzehnte Texte und Fotos profitabel in verschiedenen Publikationen einsetzen kann, ohne dass der Autor zusätzlich etwas verdient. Zum anderen bringt das Leistungsschutzrecht die Verlage in die Position selber als Urheber auftreten zu können.

Es gibt eine Menge Gerede, dass mit einem Leistungsschutzrecht Links und Zitate kostenpflichtig werden. Robert Schweizer verneint das in seinem Artikel mehrfach:

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Schon mehrfach wurde in diesem Referat dargelegt, dass mit dem Leistungsschutzrecht keine Erlaubnispflicht verbunden sein soll. Am ehesten kommt in Betracht, dass jemand der gewerblich aus der Leistung der Verlage Nutzen zieht, von seinem Nutzen teilweise etwas abgeben muss. Mit einer Erlaubnispflicht und dem Ende des Internet hat ein solches “fair share” nichts zu tun.

Allerdings: es ist Sache der Verlage, diese Ausnahmen zu bestimmen. Sie könnten auch zurück gezogen werden.

Das klingt alles sehr nebulös, vor allem weil nicht klar ist, wen die Verlage da eigentlich zur Kasse bitten wollen. Gemeint sind, vermutlich, vor allem Aggregatoren wie Google News und andere Seiten, die Texte von Verlagen im Volltext oder als Auszug einstellen. Wer die Texte nutzt, vor allem gewerblich, also wenn eine Anzeige daneben steht, der soll dafür zahlen.

Da gibt es viele Fragen

– Wie wollen die Verlage ihre Rechte gegenüber einem Aggregator aus Burkina Faso durchsetzen? Wenn sie nicht mehr wollen, dass die Texte raus gehen, müssten sie den RSS-Feed abstellen. Und selbst das würde nichts bringen, weil man sich mit Yahoo Pipes einfach selber einen basteln kann. Die Lösung wäre ein zweiter Schritt nach der Einführung des Leistungsschutzrechtes: Paid Content.

– Von wem genau wollen die Verlage Geld? Den Suchmaschinen? Den Providern, die die Technologie bereit stellen? Den Usern?

– Wie sollen die Autoren beteiligt werden? Selbst wenn die Verlage ihr Leistungsschutzrecht bekommen, sehen die Autoren keinen Cent mehr, die rechtliche Position des Autors wird sogar noch weiter geschwächt, weil der Verlag selber als Urheber (der Verteilung) auftritt.

– In welchem Zusammenhang steht die Idee des Leistungsschutzrechtes mit den ACTA-Verhandlungen und der weiteren Verschärfung des Schutzes für Rechteinhaber?

– Würde das neu geschaffene Recht wirklich so viele neue Einnahmen generieren? Die Verlage haben es bisher versäumt auch nur eine Zahl auf den Tisch zu legen. Also wie viel Geld ihnen pro Jahr durch die Lappen geht, weil ihre Inhalte unkontrolliert verbreitet werden.

Ich habe den Eindruck, dass die Verlage zweierlei im Sinn haben. Zum einen wird an einem ehemals funktionierendem Geschäftsmodell fest gehalten, zum anderen versucht man das Gatekeeping-Modell zu reaktivieren.

Tatsächlich ist es ja weiterhin so, Twitter hin, Blogs her, dass zumindest in Deutschland die Verbreitung von Nachrichten und Analysen immer noch zu über 95% den großen Portalen obliegt. Die User setzen nur Links oder retweeten etwas, wenn es bei Sponline, Stern oder Focus zu lesen ist. Der Leitmedien-Index von Rivva zeigt zwar viele Blogs in den Top Ten, aber zum einen erfasst Rivva nicht alle Blogs und schon gar nicht die Aggregatoren-Blogs die nur aus einem eingelesenem RSS-Feed bestehen, zum anderen sieht das bei Twitter wieder anders aus. Und zum dritten sollte man nicht vergessen, dass die digital citizens sich gerne mal untereinander verlinken, aber keineswegs repräsentativ sind.

Der Kanal, durch den die Nachrichten laufen ist weiterhin sehr eng. Ein handvoll Agenturen weltweit, eine handvoll Verlage in Deutschland. Die Verlage wollen diesen engen Kanal gerne beibehalten, in dem sie einer freien Verteilung von Texten einen Riegel vorschieben. Erst kommen die Schutzrechte, dann der paid content. Wer deutschsprachige Nachrichten lesen möchte, der soll dafür zahlen, eine Verbreitung ist nicht mehr nötig, weil die User gezwungen sind zu bezahlen.

Das alles funktioniert aber alles nur so lange, wie Google und andere Aggregatoren nicht direkte Deals mit den Agenturen schließen. Yahoo hat das ja schon gemacht. Gerade Google könnte eine deutsche Nachrichtenseite nebst Redaktion vermutlich aus der Portokasse bezahlen. Das ist zwar nicht gerade die Kernkompetenz von Google, aber bei Android und anderen Dingen hat man ja schon gezeigt, dass man zur Not die Sache eben selber in die Hand nimmt, wenn man glaubt, dass man aus einem Geschäftsfeld raus gedrängt wird.

Das zweite Problem der Verlage sind die Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten. Die haben einerseits die Redaktionen, andererseits aber auch die Verteilungsmacht (Reichweite). Wenn ich meine Nachrichten nicht mehr bei der Welt, beim Focus oder sonst wo bekommen, dann wandere ich halt zu tageschau.de oder sonst wohin ab. Dazu kommt, dass durch die regionalen Landesmedienanstalten sogar eine gute Lokalberichterstattung gewährleistet werden kann.

Sollte ein global player wie Google oder Microsoft auf diese Idee kommen, und die Sachen auch unter eine CC-Lizenz stellen, sollten ARD und ZDF ihr Angebot verbessern, dürfte bei den deutschen Verlagen eine Art Götterdämmerung einsetzen. Das Leistungsschutzrecht bringt den deutschen Verlegern also nichts.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die beste Zusammenfassung , die ich bisher dazu gelesen habe. Dazu die besten Fragen, die dazu bisher gestellt wurden. Vielen Dank!

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  4. Dass Google eine eigene deutsche Nachrichtenseite nebst Redaktion baut, ist nicht so weit hergeholt.

    Schon beim Book Settlement haben die deutschen Neinsager Google nicht vom geplanten Weg abbringen können, sondern nur ein formidables Eigentor erzielt. Und Kris Koehntopp hat aufgezeigt, dass Google externe Abhängkeiten prinzipiell umroutet, wenn sie ein wesentliches Hindernis für dne Erfolg eines Produkts sind.

  5. Ich habe den Carta-Artikel nicht ganz gelesen, aber Don, deine Zusammenfassung und selbst deine Zweifel weisen ebenfalls wieder einmal dieselben Denkfehler auf, die die Verlage immer wieder zu Argumenten verleiten, die keine sind:

    1. Die großen Aggretatoren kopieren keine vollständigen Texte, sondern nur Anrisse, und verlinken somit auf die entsprechende News-Seite. Damit machen sie de facto Werbung für die Originalseite und könnten eigentlich umgekehrt Geld dafür verlangen. Ich verstehe nicht, warum die Verleger immer wieder behaupten, dass da ihre Inhalte kopiert würden. Das ist NICHT der Fall und damit auch WEDER mit Urheber- NOCH mit dem Leistungsrecht anfechtbar.
    2. Wenn jemand im Netz einen kompletten Text übernehmen würde, dann ist das Urheberrecht vollkommen ausreichend, um rechtliche Schritte seitens der Verlage einzuleiten.
    3. Wenn jemand einen vollständigen RSS-Feed einbettet, gilt Punkt 2, aber dann bedeutet das auch, dass die Verlage diesen zur Verfügung stellen und ihn mit zwei Mausklicks unternehmensweit auf einen Abriss verkürzen könnten – und damit das “Problem” erledigt wäre.

    Ich sehe auch in deinem Beitrag keine Erklärung dafür, wo ein Leistungsschutzrecht greifen würde.

    Der einzige Fall wäre vielleicht der Versuch, die “Story” zu schützen, also abgewandelte Abschriften, aber selbst das ist Humbug, denn dann müssten die Zeitungsverlage sich vor allem gegenseitig verklagen.

  6. Nachtrag:

    Ziel ist wahrscheinlich eher ein GEZ-Modell, bei dem nur eindeutig als “Verlag” ausgewiesene Unternehmen beteiligt werden – also eine Art “öffentlich-rechtliches” Internet. Das würde bedeuten, das alle Internetbenutzer zusätzliche Gebühren bezahlen müssten, die dann an die Verlage je nach Umfang ihrer Veröffentlichung gehen.

    Autoren, Urheber, Blogger würden bei so einem Modell leer ausgehen.

    Sollte das realisiert werden, wäre das ein Schlag gegen die Demokratisierung durch das Netz. Dann müssten Blogger eigene Verlage gründen, um am Kuchen beteiligt zu werden.

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  10. Sehr schön analysiert. Mir stellt sich allerdings die Frage, warum das Modell Verlag überhaupt überleben muss? Wenn ich mir das aus Autorensicht anschaue, sind die Autoren die welche die Leistung erbringen – und am Ende die Gelackmeierten. Es wird Zeit für neue Modelle, und es ist auch, denke ich, an den Autoren solche Modelle zu entwickeln (zum Teil passiert das ja schon, nicht immer freudig). Wie auch im Musikgeschäft sind die Verwerter die grossen Absahner, die sich jetzt gegen den Wegfall ihrer Einnahmen wehren – aber die Produzenten des Content sind diejenigen, die sich andere Vermarktungsstrukturen erstreiten sollten…

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