Get out of your fucking Filterbubble

„Ja, aber wieso…“ und dann bricht der Satz meistens ab und endet in einem Fragezeichen. Das war die Reaktion auf den Brexit, auf die Wahlerfolge der AfD und nun auf den Wahlsieg von Trump. Und jetzt kommen die Analysen. Vom „angry white man“ zum Beispiel, der zu 64% Trump gewählt hat. Von Rechtsradikalen, von Sexisten und „dummen Menschen“, die einfach nicht verstehen, was los ist.

Ja, aber was ist denn los?

Eine Fehleinschätzung ist los, die vor allem getrieben wird aus den europäischen Metropolen. Eine zwischen Yoga-Klasse, Starbucks, Wegbier, Agenturen, MacBook, Carsharing, und Burgern lebende, sich dem Neoliberalismus verschriebene Meritokratie versteht nicht mehr, was sich außerhalb ihrer Lebenswelt abspielt. Ich nehme mich da überhaupt nicht raus. In den letzten 30 Jahren sind zwei Parallelgesellschaften entstanden, die sich jetzt unversöhnlich gegenüber stehen. Und das nicht nur in England, den USA und Deutschland, sondern fast überall in der westlichen Welt.

Während man in Berlin von einem mittelmäßig bezahlten Job in den nächsten schlittert und zwischen zwei Tinder Dates und ein paar Flaschen Rothaus über das Gefühl philosophiert, dass sich da politisch „irgendwas“ anbahnt, hätten die Menschen in Görlitz oder Bochum überhaupt mal wieder gerne irgendeinen Job, der sie aus der Demütigung namens Hartz4 rausbringt. Während man sich in Hamburg fragt, wie man denn nun Gender schriftlich so ausdrückt, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt, fühlen sich andere Menschen überrollt von Ausländern und bunten Gesellschaften. Am Ende herrscht auf beiden Seiten Angst.

Das man in den Metropolen nach 20% AfD, Brexit und Trump erschrocken ist, liegt vor allem daran, dass man in einer Filterblase lebt. Was wiederum auch daran liegt, dass man in den letzten Jahren im Netz alles weggeblockt, was irgendwie anderer Meinung war.

Alles, was auch nur ein bisschen vom eigenen Welt- und Meinungsbild abrückte, wurde verbannt, so dass man es nicht mehr sehen musste. Damit die eigene Comfort Zone nicht gestört wurde. War ja eh klar, dass nur völlige Ignoranten, Trottel, Sexisten usw. nicht der eigenen Meinung sein konnten. Und wenn man sich mal jemand in die Timeline verirrte, dann wurde die Person darauf hingewiesen, dass man mit so einer Meinung halt ein Arschloch sei. Man solle doch bitte „Demokratie, Kurs 1“ belegen und die Augen öffnen.

Aber so zu tun, als gäbe es die andere Realität nicht, ist gefährlich. Zumal der neue Rechtskonservatismus eben nicht klassisch Rechtsradikal ist. Er besteht aus einer merkwürdig breiten Melange aus Kritik am Neoliberalismus, Kritik am Bankensystem, gegen die meritokratischen Eliten, für mehr Egalitarimus, aus Theorien über Isolationismus, Nationalismus, christlichen Fundamentalismus bis hin neuen und alten völkischen Theorien.

Da ist ein bisschen etwas für alle. Für diejenigen, die vom Neoliberalismus überrollt wurden, für die neuen Konservativen und für all jene, die einen autoritären Staat bevorzugen, in dem es klare, einfache Regeln gibt, die das eigene Weltbild zementieren. Wer sich überraschen lassen will, wie breit die „Alt-Right“ aufgestellt ist, der liest diesen Text von Bernie Sanders. Ausgerechnet der schält die durchaus vorhandenen Gemeinsamkeiten seiner Bewegung mit Trump mal raus.

Wer also verstehen will, was sich da zusammenbraut, der muss aus seiner Filterblase raus. Der muss aufhören jeden zu blocken, der die eigene Wohlfühlblase ansticht (Ich rede hier nicht von Trollen, die nur beleidigen). Auch sollte man sich mit den Medien beschäftigen, die die neuen Konservativen produzieren und lesen. Ob die Compact, die Junge Freiheit oder gemäßigt-konservative Magazine wie Cicero – es hilft zu verstehen, was gedacht wird.

Der erste Schritt um zu verhindern, dass die „Alt-Right“ noch mehr Zulauf bekommen, ist der Schritt raus aus der eigenen Filterblase. Aber es muss auch mehr passieren. Es braucht zum Beispiel auch eine Art „Bildblog“, dass sich mit den genannten Medien beschäftigt und auseinandersetzt. Dass die Denkfehler, Verdrehungen der Wahrheit und Lügen darstellt und verbreitet. Und die klaren rechtsradikalen Tendenzen aufzeigt. Aber egal, was man macht, es muss klar sein, dass die Zeiten einer Mitte/Links-Liberalen heilen Wohlfühlblase vorbei sind.

„Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden.“ Sunzi

9 Gedanken zu “Get out of your fucking Filterbubble

  1. Kann ich nur unterstreichen.

    Mal ein Beispiel aus der „Provinz“ – Heidelberg. Jede Menge Studenten, multikulti und nicht ansatzweise rechts. Bekannte von uns lassen ihre Töchter abends nicht mehr mit der S-Bahn fahren. Sie holen sie mit dem Auto ab, weil der Weg zum Bahnhof an einem Asylantenheim vorbeigeht und die Mädels dort regelmäßig blöd angemacht werden.

    Klavierschülerinnen meiner Frau trauen sich nicht mehr zum Sonnenbaden auf die Neckarwiese, weil dort Gruppen junger Männer fremdländischen Aussehens (wie nennt man die politisch korrekt?) nicht gerade leise herumgehen und – wie soll ich sagen – gaffen und herumschreien. Die Mädchen trauen sich auch nicht mehr allein in die Straßenbahn.

    Ich könnte mir vorstellen, dass dort nicht mehr alle Einwohner „Refugees welcome“ rufen.

  2. „raus aus der Filterbubble“ liest man ja in letzter Zeit öfter. Wenn die „Debattenkultur“ aber ganztägig nur aus Beleidigungen, Hetze und Propaganda besteht, frage ich mich, wie man da ohne psychischen Schaden rausgehen soll. Die Probleme bestimmter gesellschaftlichen Schichten sind doch offenkundig, aber ernstzunehmende Lösungen (oder auch nur Ansätze, über die es sich nachzudenken lohnt) sind doch aus pöbelnden Facebook-Accounts nicht zu erwarten. Trolle sind an einer Debatte nicht interessiert, es sind einfach Trolle. Wollten sich die entsprechenden politischen Lager ernstgenommen fühlen, würden sie sich klar von dem distanzieren, was ihnen Tag für Tag nützt und nach dem Maul redet.

  3. Das mache ich zwar selten, aber trotzdem: Was nk sagt. Eine „Diskussion“ findet allein schon deswegen nicht statt, weil man sofort angepöbelt wird. Ein Beispiel: Als ein Bekannter eine längst widerlegte Lügengeschichte über Flüchtende über Facebook weiterverbreitet hat, habe ich ihn freundlich und mit einem verlässlichen Artikel belegt darauf aufmerksam gemacht. Ich habe ihn nicht lächerlich gemacht oder sowas, denn auf eine Falschmeldung kann nun mal jeder reinfallen. Die Antwort war, ich solle nicht alles auf die Goldwaage legen, es gehe ja schließlich um was ganz anderes. Lügengeschichten werden akzeptiert, um eine ominöse „gefühlte“ Wahrheit zu unterstützen und zu verbreiten. Eine Diskussion ist unter diesen Umständen ganz und gar unmöglich.

  4. Das ist eine meiner Befürchtungen, dass es für Diskussionen längst zu spät ist. Manchmal hat man den Eindruck, die alt-right Anhänger denken ebenso sektenartig wie jene, die an die flache Erde glauben. Die haben offenbar keine Lust mehr zuzuhören. Vielleicht, weil sie man sie zu lange nicht gehört hat und sie jetzt das Gefühl haben, das sie jetzt mal an der Reihe sind, das sie Oberwasser haben und die Diskussion leiten.

  5. Demokratie ist harte Arbeit. Langwierig, komplex und zermürbend. Kein Wunder, dass die Alt-Right soviel Zulauf hat. Gaukelt bzw lügt sie ja vor einfache Lösungen parat zu haben.

    Und das hängt auch mit Gewaltbereitschaft zusammen. Wenn ich bereit bin Gewalt anzuwenden, wenn mir die Argumente ausgehen oder mindestens damit drohe, dann dampfe ich die Diskussion auf die schlechteste aber eben einfachste Lösung zusammen: Wenn mir was nicht passt: Klopp ich drauf. Erst verbal, dann mit der Faust.

    Ich weiß leider nicht, was wir dagegen zu setzen haben.

  6. Wie wahr. Ich habe im persönlichen Umfeld genau sowas schon ein paarmal erlebt. Plötzlich wird mit Compact und PI argumentiert. Angesagt sind Broder, Tichy, Elsässer und was sonst noch so meinungsbildend in dunklen Gewässern unterwegs ist.
    Es wäre unredlich zu sagen, dass das erst in den letzten zwei Jahren so gekommen ist, das läuft schon viel länger und ich habe viel zu lange gedacht „Ach, der/die hat wieder mal so eine Phase, das legt sich von selber.“. Dieser verschwörungstheoretische Sondermüll hat extrem lange Halbwertzeiten und wir dürfen uns darauf einrichten, dass es lange dauern wird, bis das wieder ins Reine kommt und halbwegs normale Gespräche mit allen Menschen möglich sind.
    Meine Erfahrung ist, dass Menschen, die sich nicht mehr verständlich für jeden ausdrücken können, früher oder später in der Blase gefangen sind. Wer wissen will, was „normale“ Menschen so denken, der kann Sonntags auf den Sportplatz oder abends in die Kneipe gehen. Wenn mich alle nur noch entgeistert und leer anschauen, wenn ich was sage, dann stimmt mit mir was nicht. Nicht mit den anderen.

  7. Ich weiss beim besten Willen nicht, was du uns mit diesem Text sagen willst. Es gibt weniger Nazis, wenn ich keine Trolle mehr auf Twitter blocke?

  8. Ich schreibe ja ausdrücklich, dass ich nicht Trolle meine. Es geht mir nicht um die, die im Kanal ganz unten schwimmen, sondern um die um die rechten Vordenker, Meinungsverbreiter, Lautsprecher. Da gibt es ja so einige, die sich auch lautstark auf Twitter melden. Generell bin ich der Überzeugung, dass man seinen „Feind“ erst verstehen muss, wenn man ihn bekämpfen will. Dazu gehört eben auch, dass man Texte, Artikel usw. liest, die aus der Ecke kommen.
    Des Weiteren glaube ich auch, dass ein großer Teil der Überraschung, wie weit verbreitet das Phänomen des rechten, sexistischen, xenophoben Nationalismus wirklich ist, eben daher kommt, dass man in einer Filterblase lebt. Natürlich weiß man, dass da draussen Menschen rumlaufen, die irgendwie anders denken. Hat man ja bei Pegida usw. gesehen. Aber wie tief das Problem in die Gesellschaft eingedrungen ist, war glaube ich (mich eingeschlossen) den meisten nicht klar, denn in meiner Filterblase finden die einfach nicht statt. Obwohl ich so bei Twitter oder Facebook so gut wie niemanden blocke.

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