Meine zehn Alben der 80er

Ah – Listen. Torsten Dewi hat angefangen und so ein verregneter Sonntag eignet sich ja super um mal darüber nachzudenken, welche Alben mich in den 80er Jahren geprägt haben. Das war im übrigen gar nicht so leicht, denn ich habe in den 80er wirklich sehr, sehr viel Musik gehört. Aus allen Richtungen. Die Liste hatte in der ersten Version mehr als 25 Alben und es war schwer mich auf zehn Stück zu beschränken.

10. Tom Waits – Raindogs
tom-waits-rain-dogsIch hatte neben „Raindogs“ noch „Swordfishtrombone“ und „Franks Wild Years“ auf der Liste, aber „Raindogs“ fasst die Arbeit von Waits in den 80er vermutlich am Besten zusammen. Beim ersten Anhören wirkt das Album, vor allem im Vergleich zu den Alben aus den 70er Jahren, ziemlich sperrig. Ich erinnere mich, dass ich damals ziemlich irritiert war und das Album erst einmal wieder weg gelegt habe. Auf der anderen Seite war da etwas in dem Album, das mich nicht los ließ. Und nach und nach wurde es zu einem Dauerbrenner. Das Tape mit dem Album war in jedem meiner Autos im Handschuhfach. Tom Waits ist ja so einer, den man eher Nachts hört, also begleitete „Raindogs“ meine sehr häufigen Nachtfahrten über deutschen Autobahnen. Heute ist es bei mir Klassiker, wenn ich Abends/Nachts am Schreibtisch sitze.

9. Kate Bush – Hounds of Love
Im Gegensatz zu Tom Waits höre ich Kate Bush heute nur noch vereinzelt. Vermutlich, weil ich mich an „Running Up That Hill“ und „Hounds of Love“ ein wenig überhört habe. „Cloudbusting“ ist aber immer noch auf meiner „All-Time“ Liste relativ weit oben. Das Album löste in meinem Freundeskreis damals eine Art Kate-Bush-Hysterie aus. Über Monate verging kaum ein Abend, an dem man es nicht hörte (und irgendwann hören musste). Ich verbinde mit dem Album eine Menge schöner Erlebnisse, was auch damit zu tun hatte, dass wie die zweite Seite des Album immer beim Kiffen gehört haben. Tolles Video von Terry Gilliam.

8. Talk Talk – Color of Spring
talkIch war ja ein sehr großer Talk Talk Fan und auch enttäuscht, dass die Band sich Ende der 80er wieder auflöste. Selten konnte man einer Band so kondensiert dabei zu schauen, wie sie sich über ein paar wenige Alben weiter entwickelten. Im Grunde könnte man alle Alben von Talk Talk nennen, aber „Color of Spring“ liegt genau zwischen der klassischen 80er „British New Wave“ und der späteren Post-Rock Phase der Band. Wäre sicher spannend gewesen, wenn Mark Hollis und Tim Freese-Green weiter gemacht hätten, aber Hollis hat sich 1998 komplett aus der Musikbranche zurück gezogen und lebt von seinen Tantiemen irgendwo in London.

7. Police – Ghost in the machine
Ghost_In_The_Machine_coverMit Police hatte ich immer so meine Schwierigkeiten, und das „Ghost in the machine“ Album hat es erst sehr, sehr spät in meine Top Ten geschafft. Wenn ich ehrlich bin, erst 2008. Da habe ich die Band zufällig auf ihrer „Reunion/Abschieds“ Tour in Los Angeles im Hollywood Bowl gesehen und habe danach noch mal die fünf Alben, mehr waren es ja nicht, allesamt durch gehört. Das hat meine Sichtweise auf die Band am Ende sehr verändert und „Ghost in the machine“ ist ein auch so ein Album, dass zwischen den späten 70er Jahre Rock und den ersten erfolgreichen New Wave Sachen lag. Manche Alben findet man halt erst 30 Jahre später.

6. Grauzone ?– Grauzone
Keine 80er Liste ohne deutschsprachige Alben. In diesem Fall die Schweizer Formation Grauzone, die vermutlich jeder wegen ihres Songs „Eisbär“ kennt. Dabei hat Stephan Eichner zusammen mit seinem Bruder 1981 mit dem Debütalbum einen echten Meilenstein in Sachen Synth-Pop/Minimal/NDW geschaffen. Dummerweise hat es damals kaum einer mitbekommen. Ich bin auf das Album erst in den 90ern auf Grund eines Tipps aufmerksam geworden und seitdem krame ich es regelmäßig raus. Großartige Texte, richtungsweisender Minimal-Pop. Kann ich jedem nur ans Herz legen. Wenn man das aufmerksam hört, stellt man auch fest, dass so einige andere deutsche Bands in den 80ern von Grauzone geklaut haben.

5. The The – Soul Mining
soul_mining_1382395148_crop_560x550.0Matt Johnson, Gründer von „The The“, ist ein ziemlicher Kontrollfreak und Pedant. Ich habe ihn Anfang Mitte der 90er Jahre mal interviewt. Er saß vor einem (damals) irrsinnig teuren und riesigen Laptop und tippte während des Interviews immer irgendwas. Am Ende des Gesprächs eröffnete er mir, dass er jeden Journalisten einem komplexen, von ihm entwickelten Bewertungssystem unterzieht. Ich hätte den Test bestanden und dürfe ihn wieder interviewen. Ich erzähle das, weil es irgendwie auch typisch für die Musik von „The The“ ist. Die Alben, damals eine kleine Sensation, wirken manchmal etwas überladen, aber im Grunde ist alles an seinem Platz, egal wie wild die Arrangements auch scheinen. Johnson ging es (wie Paddy McAloon von Prefab Sprout oder Ian Broudie von den Lightning Seeds) immer darum, den perfekten Pop-Song zu schreiben. Das Problem von Johnson war dabei allerdings, dass er sich sehr vom Zeitgeist hat leiten lassen, weswegen fast alle „The The“ Alben heute etwas zu typisch nach den 80ern klingen. Aber das Album gehört definitiv in meine Liste.

4. Rheingold – R.
Auch so eine unterschätzte NDW-Band, die so viel mehr konnte, als „Dreiklangsdimensionen“ vermuten lassen. Aus der frühen „Düsseldorfer Schule“ stammend waren sie mit ihrer New Wave/NDW Interpretation teilweise auch etwas früh dran (siehe oben „Grauzone“). Das Album „R.“ stammt aus dem Jahr 1982 und enthält teilweise den Soundtrack zu dem wirklich schrecklichen und zu Recht in völlige Vergessenheit geratenen Film „Der Fan“ mit Desiree Nosbusch und Rheingold-Sänger Bodo Staiger himself. Dafür ist die Musik des Albums wirklich sensationell schön, vor allem das Stück F.A.N. Wegen meinem Hang zu elektronischer Musik mein NDW-Album der 80er. Und ja, in dem Film ist Desiree Nosbusch nackt. Das war auch der einzige Grund warum alle damals da rein gelaufen sind.

3. The Smiths – Meat is murder / The Queen Is Dead
the-smiths-queenKann mich nicht entscheiden, welches der beiden Alben denn jetzt das „wichtigere“ für mich war. Über die Jahre hat sich „The Queen is dead“ durch gesetzt, aber „Meat is murder“ hat mich durch die gesamten 80er begleitet.Jedenfalls so lange, bis ich den leiernden Morrissey Gesang nicht mehr hören konnte. Aber „The Smiths“ waren dann schon sehr, sehr prägend für die 80er. Einerseits, weil diese depressive britische Stimmung der 80er Jahre (Thatcher, Zerschlagung der Gewerkschaften, Massenarbeitslosigkeit) destillierten, andererseits, weil wirklich jeder „The Smiths“ hörte. Es gab kein Entrinnen, wenn man so will. Insbesondere bei Frauen war die Musik (oder Morrissey, je nach dem) extrem beliebt. Übte man Kritik an der Band, konnte man auch gleich wieder nach Hause gehen. Ich persönlich finde ja mittlerweile, dass „The Fall“ und „Bauhaus“ auch nicht schlechter waren, aber die Songs von „The Smiths“ haben am Ende einfach die längere Lebenszeit und klingen nach 30 Jahren auch noch einigermaßen frisch.

2. Kraftwerk – Computerwelt
Das ich Kraftwerk so früh entdeckt hatte, verdanke ich meinem Vater. Der hatte die Alben „Autobahn“ und „Radioaktivität“ in seinem Plattenschrank (ja, ein Schrank voller Schallplatten), so dass ich schon früh ziemlich fasziniert von der Band war. „Computerwelt“ ist in meinem Musik Universum das beste Album von Kraftwerk. Musikalisch, aber auch von Texten. 34 Jahre nach der Veröffentlichung könnten die Textzeilen genauso gut von heute sein. Es besteht ja kaum ein Zweifel daran, dass Kraftwerk zu den wichtigsten Wegbereiter der modernen elektronischen Musik, vom frühen Techno bis zum Minimal usw. Eines der wenigen Alben, die ich auch physisch (als mp3, nicht als Schallplatte) auf jedem transportablen Endgerät hatte, dass ich bis heute besessen habe.

1. FGTH – Welcome to the pleasure dome
Ich hatte hier schon mal den folgenden Text veröffentlicht und kopiere ihn der Einfachheithalber hier rein.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich „Relax“ hörte. Ich war ein wenig verwundert, aber jetzt nicht überaus angetan. Netter Song, ein wenig „over the top“ für meinen damaligen Geschmack. Die 12″ Version gefiel mir schon besser, weil sie insgesamt ein wenig komplexer und komponierter erschien, als die 3.30min Radio Version. Sie sprach mich an und berührte mich dann nicht genug, um mich weiter für FGTH zu interessieren. Ja, die „skandalösen“Anspielungen in Sachen Sex, waren natürlich ein Thema, aber musikalisch war dann doch zu wenig Substanz für mich vorhanden. Eine Single macht dann eben noch keinen Sommer.

„Two Tribes“, die zweite Single, die ich dann von FGTH wahrgenommen habe, weckte mein Interesse dann schon mehr. Vor allem mal wieder die 12″, die deutlich besser war, als die Single Auskopplung. Ab dem Moment war FGTH dann in meinem Bewusstsein verankert und ich wartete auf die nächste Single.

Meine Musik besorgte ich mich mir damals entweder bei einem winzigen Laden in Bad Godesberg oder bei einem Plattenladen in Linz, was auf der anderen Rheinseite von Remagen liegt, wo meine Eltern damals wohnten. Der Besitzer des Ladens hatte einen ziemlich guten Geschmack und brachte mich auf einige Musiker, darunter Johnny Guitar Watson, Alan Parson und andere. Als das „Welcome to the Pleasure Dome“ Album erschien, zog er mich bei einem Besuch direkt zur Seite und meinte „Das wird dir gefallen“. Er stülpte mir einen angeranzten, aber immer noch gut klingenden Kopfhörer von „Pioneer“ über die Ohren und legte die erste Seite mit dem Titelstück „Welcome to the Pleasure Dome“ auf. Ich hörte die ganze erste Seite durch und war verwirrt. Das Album, und es war ja nur die erste Seite, überforderte mich. Das hatte ich von FGTH nicht erwartet. Es war komplex, quasi ein Konzeptalbum. Was damals nicht ungewöhnlich war. Jede Band, die nicht ganz blöd war, hatte in den 70er Konzeptalben gemacht, Deep Purple, Led Zeppelin, Roxy Music, Kraftwerk, Can, Alan Parson, ELO und sonstige. Selbst frühe Punk-Sachen von den Bollock Brothers gingen in die Richtung, Mike Oldfield hatte mit dem „QE2“ Album 1980 durchaus eine Messlatte für die Konzeptalben der 80er Jahre gelegt (Natürlich unübertroffen in Sachen Komplexität war „The Wall“ von Pink Floyd).

Aber „Welcome to the Pleasure Dome“ war etwas besonderes. Es war eine Hymne an den Hedonismus der 80er Jahre. Und es war, vor allem durch das kurze, vorgelagerte, völlig überdrehte „The world is my oyster“ ein Schlag ins Gesicht der damaligen Popmusik, die sich völlig darauf konzentrierte knackige Popsongs abzuliefern. Die Alben bestanden aus einem meist langweiligen Mix von ein paar Hits und Füllmaterial. Egal, ob man Depeche Mode, Duran Duran oder sonst was hörte. Das erste Album von FGTH, bzw. von Trevor Horn, schmiss einem einfach ein großes „Fuck You“ ins Gesicht, was die Erwartungshaltung anging. Dabei war Horn klug genug eine Doppel-LP zu produzieren, die einerseits die Hits beinhaltete, die man erwarten durfte, andererseits eben auch „Welcome to the Pleasure Dome“ oder das völlig bescheuerte „Power of Love“, das auf Seite 4 auftauchte. Nachdem Horn auf Seite 3 zwei Stücke von Bruce Springsteen (Born to love) und vom „King of Easy Listenting“ Burt Bacharach (San Jose) verballhornt hatte, konnte „Power of Love“ nicht anderes sein, als eine großes „WTF“. Aber ein Schönes, immerhin.

Das Album alleine war es aber nicht, was FGTH und Trevor Horn für mich zu „der“ Band, bzw. dem Produzenten der 80er Jahre gemacht haben. Da waren zum einen die 12″, also die „Maxi“ Singles, die an Bescheuertheit und Genialität nicht zu übertreffen waren. Horn dekonstruierte, überraschte, verarschte, und verzauberte dabei gleichzeitig den Hörer. Es waren kleine Symphonien der elektronischen Popmusik, an denen sich alle, aber auch wirklich alle, bis heute die Zähne ausbeissen. Wenn man dachte, dass es nicht weiter „over the top“ gehen konnte, setzte Horn noch einen oben drauf und man blieb sprachlos zurück.

Aber Trevor Horn hat mit FGTH und „Relax“ die Messlatte für perfekten Pop und der klug gemachten und inszenierten Dekonstruktion derartig hoch gelegt, dass sie vermutlich nie wieder erreicht wurde. Derartige Alben, sowohl in ihrer Hörbarkeit, als auch in ihrer Komplexität, hat es dann leider nicht mehr gegeben. Auch weil es sie nicht mehr geben konnte. Es hat Hymnen gegeben, großartige Alben, aber keiner ist mehr soweit gekommen wie damals Trevor Horn, der einfach Pop Musik nahm, sie zerstückelte, etwas komplett Neues daraus machte und gleichzeitig am Ende alles wieder auseinander nahm und was epochales daraus konstruierte.

Notable Mentions:

Michael Jackson – Thriller
Keine 80er Liste ohne das Album. Man mag von Michael Jackson halten, was man will, aber „Thriller“ gehört zu den besten Alben der 80er Jahre, Das Titelstück ist bis heute eines der besten „Disco“ Stücke, die es jemals gegeben hat.

Midnight Oil – Diesel & Dust
Zwar hatte ich Midnight Oil über das bekannte „Bed are burning“ Stück kennen gelernt, aber die besseren Alben sind eigentlich „Place without a postcard“ und das schon 1979 erschiene „Head Injuries“. Aber „Diesel & Dust“ hat mich dann mindestens ein Jahr begleitet, daher hier unter den Erwähnungen.

Prefab Sprout – From Langley Park to Memphis
Paddy McAloon hat in den 80ern und frühen 90ern die wohl zärtlichsten Popsongs geschrieben. Auch das Album „Steve McQueen“ muss eigentlich in die Liste.

De La Soul 3 – Feet High And Rising
So gerade noch (1989) in den 80er erschienen, aber es ist eine schöne Brücke zu den 90ern, vor allem was Hip Hop angeht.

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