Kommunikationskonflikte

Ich will gar nicht erst auf die Streitigkeiten der letzten Wochen in verschiedenen Social Media Bereichen eingehen. Die gegenseitigen Vorwürfe, egal ob von „Femtrollen“ oder „Masku-Arschlöchern“ gesprochen wird, oder „Spaßlose Körnerfresser“ und „Tiermörder“ sich an den Hals gehen oder ob sich Menschen beschimpfen, die bei einem internationalen Konflikt Partei für die eine oder andere Seite einnehmen – bei all diesen Vorfällen kam mir immer der Gedanke auf: Geht es nicht auch eine Empörungsstufe niedriger?

Es scheint so, als gäbe es, zumindest in Online-Medien, nur noch zwei Zustände. Latent angespannt oder Empörungslevel auf Anschlag. Dazwischen gibt es nichts mehr. Es mag mit dem Medium zu tun haben, dass man einem, so vor dem Bildschirm, jegliche Form von Empathie abhanden kommen lässt.

Wer länger in diesem Medium unterwegs ist, und selber schon mal den ein oder anderen Shitstorm am eigenen Leib erfahren hat, kennt es vermutlich. Die Wucht, mit der plötzlich der Hass auf einen einschlägt, ist enorm. Und sehr verstörend. Es scheint manchmal so, als habe die Person, die einem da eine Mail, Kommentar oder Tweet schreibt, nur darauf gewartet, dass man genau diese Formulierung, diesen Satz, diesen Wortfetzen benutzt, um einem dann endlich mal zu sagen, was eigentlich von ihm/ihr, dem Lebensstil, der Einstellung den Gedanken hält. Schmerzhaft ist es auch, weil man nicht damit rechnet.

Natürlich ist Wut etwas, dass man nicht verhindern kann. Ärger staut sich an, ebenso Frust über ganz andere Dinge. Es bildet sich eine Kette aus Frustrationen verschiedenen Ursprungs und irgendwann passiert eben diese Kleinigkeit, die das Fass zum überlaufen bringt und man explodiert. Dann lässt man es halt an jemanden aus, der nichts dafür kann. Ist uns allen schon mal passiert.

Aber im richtigen Leben sieht man das Gesicht des/derjenigen, den man da unfair angeht. Man sieht den Moment des Erschreckens, der Verwirrung und der Verletzung. Und wenn es einem auch im in dem Moment völlig egal ist, es brennt sich doch das Gefühl ein, dass man einen Fehler begangen hat. Manche Menschen können sich dann entschuldigen, manche nicht. Aber auch jene, die sich nicht entschuldigen wissen, dass sie über das Ziel hinaus geschossen sind, dass bei einem anderen Menschen zu weit gegangen sind.

Online scheint diese menschliche Eigenschaft völlig zu fehlen. Selten liest man nach einer lautstarken Auseinandersetzung, dass der eine oder andere zu weit gegangen sei, dass es ihm leid tut. Was auch daran liegt, dass viele anonym unterwegs sind, weil sie einfach verletzen wollen. Eine Art Sadismus, bei dem man seine eigenen erlittenen Verletzungen vermeintlich abbauen kann.

Es ist nur allzu bekannt, dass sich das Online-Medium für gepflegte Auseinandersetzungen nur so mittel eignet. Was der eine nett ironisch meint, kommt beim anderen als schlimmste aller Beleidigungen an. Der innere Flammenwerfer wird aktiviert – und damit ist jegliche Diskussion beendet. Es ist dabei egal, ob man schreibt „Vielleicht hat Israel ja auch ein bisschen Mitschuld an dem Schlamassel“ oder „Nicht jeder Mann, der mal einen Witz über Frauen macht, ist ein unkontrollierbarer Triebtäter“ oder „Print ist Online halt doch überlegen“. Die Reaktion ist, wenn man das richtige Wespennest erwischt hat: Empörung und sofortige Absage an jedwede Kommunikation.

Es gibt selbstverständlich Momente, bei denen die Einstellung der Kommunikation richtig ist. Ich diskutiere nicht darüber, ob Ausschwitz existiert hat, um mal ein Beispiel zu nennen. Mir scheint aber, dass die Kriterien für die Einstellung immer kleiner werden. Ein müder Witz und zack – gesperrt. Warum soll man sich auch Internet mit Dingen auseinandersetzen, die einen a) nicht interessieren oder b) aufregen?

Das Problem dabei ist nur, dass man dabei Gefahr läuft sich nur noch in Filterblasen zu bewegen, die der eigenen Meinung entsprechen. In der es keine Widerworte mehr gibt, höchstens das gemeinsame Aufregen über eine Person, die irgendwas gesagt/behauptet hat und die man nun sperren/blocken löschen kann. Um sich danach darüber aufzuregen und zu fordern, dass „solche“ Leute ja eigentlich wegen „so einer Meinung“ ins Gefängnis gehören. Oder nach Sansibar. Und die Online-Medien helfen dabei die Filterblase aufrecht zu erhalten. Wenn ich Facebook einen Post einer Person mit einer mir passenden Meinung/Aussage like, bekomme mehr von dieser Person angezeigt. Die Chance, dass jemand, den ich oft like, etwas schreibt, mit dem ich nicht einverstanden bin, sinkt dementsprechend. Taucht dann in meiner Timeline etwas auf, was meinen Überzeugungen, Meinungen oder Gedanken nicht entspricht, rege ich mich a) darüber auf und b) empfinde ich die Meinung als abseitig und gehe mit gewaltvoller verbaler Empörung dagegen vor. Dann gibt es auch keine Zwischentöne mehr, sondern nur die komplette Breitseite, bestehend aus Attacken, Sperrung und Beschimpfung.

Dabei kann man tatsächlich etwas lernen, wenn man auch mal Sachen und Meinungen liest, die nicht dem eigenen Überzeugungen entsprechen. Was im übrigen ein großer Vorteil von Zeitungen ist, zumindest von jenen, die das Wort „Meinungsvielfalt“ auch noch genau so verstehen. Der leider verstorbene Frank Schirrmacher war so einer, der die Diversität von Meinungen, und zwar einer eigenen, durchdachten Meinung, immer wieder unter Beweis gestellt hat. Mal monierte er die Gefahren der Schwarmintelligenz, mal postulierte er, dass das Netz das einzige ist, was die Postdemokratie in ihre Schranken weist. Die Empörungswellen schwappten dann eben mal auf der einen, mal auf der anderen Seite hoch.

Es ist unbequem, wenn man etwas liest, was einem gegen den Strich geht. Ich habe nicht wenige Zeit damit verbracht wutschnaubend einen Artikel zu lesen um danach zum Schreibtisch zu stapfen um eine Replik in mein Blog zu schreiben. Was mir dabei aber immer wieder auffiel: Im Prozess des Schreibens setzte eben auch die Reflektion ein. Manchmal verstand ich plötzlich besser viel besser, aus welcher Position ein Text geschrieben wurde, manchmal erkannte ich die zwischen den Zeilen verborgenen Intentionen. Und selbst wenn ich damit immer noch einverstanden war, so setze dann zumindest der Prozess des Verstehens ein. Nicht des Akzeptieren, aber des Verstehen dessen, was der oder die Autor/in aus ihrer Überzeugung da schreibt. Und damit entstand dann auch oft (nicht immer) ein gewisse Sanftheit, weil ich zumindest oft (nicht immer) die Welt, die hinter dem Text stand, ein wenig besser verstanden habe. Was dann folgte, was nicht mehr die Empörung, der ich in Versalien Ausdruck geben wollte, sondern die fragende, manchmal auch mahnende Auseinandersetzung mit einer anderen Meinung, einem anderen Gedanken. Und sehr gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, so einen Text dann mal einen Tag liegen zu lassen, statt ihn wutschnaubend online zu stellen. Aber das nur nebenbei.

Kommunikation dieser Tage scheint aber oft nur noch auf den Konfliktfall herauszulaufen. Eben noch ein Katzenfoto gepostet, dann einen dümmlichen Tweet gelesen – zack – Empörungslevel auf Anschlag. „Sie lesen von meinem Anwalt, aber vorher aktiviere ich noch meine Filterblase, die jetzt wie ein Berserker über sie herfällt. Danke für nichts. Arschloch.“ Vielleicht liegt es daran, dass man nicht mehr zwischen den Zeilen lesen kann, sondern nur noch die Buchstaben betrachtet. Und man dem Schreiber sofort die schlimmsten aller denkbaren Absichten unterstellt, die dann nur noch eine Reaktion Marke „Stalinorgel“ als einzig mögliche Konsequenz erscheinen lässt.

Mich stört diese zunehmende Aggressivität immer mehr. Ironischerweise merke ich selber, dass mein Empörungslevel in Richtung Bluthochdruck anschwillt, wenn ich merke, dass bei anderen wegen irgendwelcher Nichtigkeiten das Empörungslevel auf „Atomkrieg“ ausschlägt. Und deswegen habe ich beschlossen, mich aus derartigen Diskussionen komplett heraus zu halten. Vor allem auf Twitter. Die Erfahrung sagt mir, dass es keinen Sinn macht als eine Art Diplomat aufzutreten, ein Supertopcheckerbunny, das sagt „Das kann man so oder so sehen, beides ist richtig, aber auch falsch.“

Ich würde mir nur wünschen, dass man merkt, dass man gerade auf Twitter immer nur winzige Ausschnitte aus einem Leben, aus der Gedankenwelt und dem Gefühlen eines Menschen sehen kann. Und das man sich auch einfach mal fragt, ob das, was da steht, auch so gemeint war. Ob der eigene Ironie-Detektor vielleicht falsch kalibriert ist. Oder man einen schlechten Tag hat. Oder vielleicht der andere. Und ebenso sollte man überlegen, ob die Formulierung oder Witz vielleicht auch mal schief angekommen kann. Und das man sich keinen Zacken aus der Krone bricht, wenn man sagt „Sorry“. Oder tief durchatmet und ein Katzenfoto postet.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Während meiner Zeit im occupy camp Hamburg, haben wir das Human Mic benutzt. Damit jeder hört was der da vorne ganz weit weg sagt, muss jeder es wiederholen und das schön laut, klar und deutlich.

    Das gilt auch für Dinge die einen selber mal so was von ankotzen.. großartig.. ehrlich. Man reflektiert die eigene Meinung viel mehr, erkennt warum der „Trottel“ so denkt und man selber anders.

    Leider funktioniert das online nicht, auch wenn ich mir das hin und wieder mal wünsche ..

  2. Sehr schön geschrieben, danke dafür.

    So traurig es ist, ich glaube mittlerweile, dass in sehr vielen Fällen nur noch hart moderierte Foren überhaupt funktionieren könnten. Dann kommen zwar immer noch Trolle, die was von „Zensur“ schreien, aber das Niveau bleibt dann wenigstens (im doppelten Sinne) halbwegs diskussionswürdig.

  3. Mir ging kürzlich ein kommentierter Retweet daneben (ich war mir dessen nicht bewusst), es kam eine leicht wütende Antwort der Geretweeteten. Hab’s gemerkt, zurückgetwittert, daß ich es gemerkt hätte, was eigtl gemeint war, daß ich den kommentierten Retweet löschen würde und über eine bessere Formulierung nachdächte. Sorry. Kam ein „no problem“ mit Smily zurück – geht doch. Das ist halt so ein weiteres Problem der „Empörung-zu-einem-Gate“-(Auf-)blase – die Empörung wird so übermächtig wahrgenommen.
    Was ich am Netz, wie wir es derzeit kennen, sehr schätze, ist tatsächlich die Vielfalt an Meinungen, Standpunkten, Ausdrucksweisen, Charakteren usw, die sich da offenbart. Angesichts dieses Geschenks und all des Guten, der Bereicherung, die davon oft kommt, sollten sich die Beschwerden über Information-Overflow und „Überfremdung“ doch in Grenzen halten. Mal drüber schlafen, bei Schnappatmung erstmal selber tief durchatmen. Jaja, genau, ich schreib mir das auch gerne vor allem hinter meine eigenen Ohren :-) Ab und an mal etwas launiger und konsequenter zu diskutieren, finde ich aber auch OK. Nur würde ich deswegen nie „meine“ Followerschaft auf andere Menschen hetzen. Wer so etwas tut, dem oder der folge ich konsequent nicht mehr – das empfinde ich als eine unerträgliche Instrumentalisierung anderer Menschen.

  4. Kann es sein, dass schriftliche Kommunikation in sozialen Netzwerken einfach zu wichtig genommen wird? Es ist doch nun mal sattsam bekannt, dass bei reinem Text die Zwischentöne auf der Strecke bleiben. Ich diskutiere heute mit allen möglichen Leuten Dinge, die ich gar nicht kenne. Und dass bei 140-Zeichen-Tweets das Risiko besteht, dass nicht die ganze Intention rüberkommt, das ist doch ganz offensichtlich.

    Ansonsten: Prima Text.

  5. Schön auf den Punkt gebracht. Ich wundere mich auch immer wieder, wie schnell manche Leute bei Twitter an die Decke gehen, die in RL teilweise sogar recht umgänglich sind. Leider färbt dieses „(a)soziale Medienverhalten“ aber auch immer mehr auf’s RL ab – so zumindest mein Eindruck.

    Vielleicht fehlt es vielen Leuten tatsächlich an Konfliktfähigkeit und Kompetenz.

  6. Guter Artikel.

    Genau deshalb meide ich mittlerweile Twitter. Besser für meinen Blutdruck. Es ist schon bei E-Mail schwer genug, kein Fettnäpchen zu treffen.

  7. Besonders gut hat mir gefallen, wie Du den Prozess wertschätzt, der nebenher abläuft, wenn Du eine Missstimmung zu einem Blogartikel verarbeitest.
    Ich versuche, das was mich besonders ärgert, bewußt zu begrüßen und etwas daraus zu machen. Gelingt selten, aber schon öfter im Vergleich zu Zeiten, als ich noch jung war.
    Wenn online-Diskussionen aus dem Ruder laufen, kann ich mich heraus halten. Schwerer fällt es mir, falls ich anfangs, als noch alles rund lief, beteiligt war. Dann fühle ich mich mitverantwortlich. Ist vielleicht auch eine Generationssache. Unsereins hat in der Pupertät Erwachsenen verübelt, weggeschaut zu haben und das will man natürlich nie, niemals auch tun.

  8. Die Timeline immer schön bunt halten

    und

    Immer locker bleiben

    sag ich

    immer locker bleiben.

  9. Ein Kommentator vor mir stellte die Frage, ob Kommunikation in sozialen Netzwerken nicht zu ernst genommen würde.

    Meine Antwort darauf wäre: Nicht ernst genug. Denn es ist kaum noch anzuzweifeln. Das Internet und die sozialen Medien sind ein weiterer Lebensraum von uns Menschen geworden. Wir kommunizieren hier bereits auf einer höheren Ebene, nämlich in einem Kollektiv.

    Aber genauso, wie ich mir meine Bekanntschaften und Freunde im Off selbst aussuche, so möchte ich das und MUSS ich das auch im Space können. Ich frage mich überhaupt nicht nach einer Filterblase. Das ist natürlich und normal. Eine solche „Filterblase“ schaffe ich mir im Off genauso.

    Ich beschließe welche Meinung mir wichtig ist und vor allem: Welche Bedeutung ich einer Aussage gebe. Außerdem kann ich selbst entscheiden, mit wem ich über etwas diskutieren will und mit wem nicht.
    Eigentlich sehr einfach.

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