Foursquare – Selbstmord oder geniales Konzept?

Ich bin zwar relativ spät auf den Foursquare-Zug aufgesprungen (ca. 2 Jahre her) und täglich nutze ich es auch nicht, es sei denn, ich bin außerhalb von Berlin unterwegs. Aber Spaß hat mir der Dienst dennoch gemacht. Vor allem, seit dem auch die Datenbanken mit Restaurants, Bars usw. in Deutschland gut gefüllt war. Ich habe Foursquare vor allem wie folgt genutzt:

– Einchecken
– Tipps für Bars, Restaurants suchen
– Listen anlegen oder abonnieren
– Fotos von neuen Location hochladen
– Mayor in meiner Lieblingsbar sein (Hat mir einen Wodka eingebracht, danke Natalia)
– Leute stalken

Die Kombination aus Gamification (Mayor, Badges) und interessanten Hinweisen in einer App war für mich perfekt. Tatsächlich hat sie sich, nach anfänglichen Zögern, in die Top 5 meiner Lieblingsapps hochgearbeitet. Nun stellt Foursquare sein Geschäftsmodell um. Das alte basierte zum Teil auf dem Verkauf von Badges (die waren teuer), teilweise auf Werbung, Userdaten usw. Das neue Geschäftsmodell basiert einerseits auf Userdaten andererseits will man Yelp Konkurrenz machen. Um das zu erreichen, hat man die App aufgespalten. Für Restaurantkritiken, Fotos und Listen gibt es weiter Foursquare, für Checkins mit sozialer Interaktion gibt es Swarm.

Man kann jetzt zwar auf Swarm einchecken, aber keine Fotos hinterlassen oder Tipps geben. Auf Foursquare kann man dafür nicht mehr einchecken und der Gamification-Krempel ist weg. Laut dem Unternehmen hat man sich die Nutzerdaten angeschaut und festgestellt, dass die User sowieso entweder nur das eine, oder das andere machen. Entweder nutzen sie die App für Tipps oder sie checkten ein. Die Trennung mache also Sinn, weil man sich schärfer positionieren kann, vor allem mit Foursquare. Man erwartet, dass User-Located-Search (Hyperlocal) in den nächsten zwei Jahren einen Sprung machen wird. Den Hintergrund dafür liefert die Technologie namens iBeacon, im Grunde eine Bluetooth Sache. Ist iBeacon auf meinem Smartphone installiert, sendet es ein „Hallo hier bin ich“ Signal. iBeacons in Geschäften senden dafür ein „Huhu, ich bin iBeacon 342004rkklf44“ und speichert dabei Erkennungsmerkmale des Handys. Komme ich beim nächsten Mal am Geschäft vorbei, sagt es „Huhu, ich bin iBeacon 342004rkklf44 und wenn Du jetzt einen Kaffee kaufst, bekommst Du 20% Rabatt“. Grob erklärt, genauer habe ich das mal hier aufgeschrieben.

Es geht darum personalisierte Angebote zu erstellen und die Theorie ist, dass jedes Geschäft daran ein Interesse hat. Dazu kommt, dass Einzelhändler dann so langsam auch begreifen, dass hyperlocal Werbung durchaus etwas bringen kann. Foursquare, die immerhin über laut eigenen Angaben knapp 50 Millionen User weltweit haben, will über diesen Markt Yelp angreifen. Vielleicht nicht, was die Userzahlen angeht, aber was den Umsatz betrifft.

So weit so verständlich, zu mal das bisherige Geschäftsmodell des Unternehmens, sagen wir mal, nebulös war. Unverständlich ist allerdings, warum einen Großteil der User nun mit der Aufsplittung der App verschreckt. Noch unverständlicher ist es, warum die Dienste überhaupt aufteilt. Warum zwei Apps, wenn man beides bequem in einer App erledigen kann? Die Aufteilung von Apps scheint im Moment ein Trend zu sein. Google macht es. Facebook hat gerade den Messenger von der Hauptapp getrennt. Bei Facebook kann man die Aufteilung in einem gewissen Rahmen nachvollziehen. Die Userdaten werden ergeben haben, dass viele User (den ja mittlerweile teilweise eh nutzlosen) Nachrichtensstream sowieso nicht nutzen und stattdessen chatten. Vielleicht überlegt man bei Facebook auch auf lange Sicht den Messenger mit WhatsApp zusammenzulegen. Google bietet wiederum so viele Dienste an, dass es wenig Sinn macht, diese alle in eine App zu quetschen.

Doch die Aufteilung in viele Apps hat einen großen Nachteil. Die Displaygröße der Smartphones mag zwar gewachsen sein, womit dann auch mehr Apps auf eine Seite passen, doch der Durchschnittsuser hat gerade mal 23 Apps installiert, von denen er elf wirklich sehr häufig nutzt. Es ist also recht eng auf dem Smartphone und wie jeder weiß, ist die Liste der Apps, die man nie bis selten nutzt, relativ lang. Schaue ich meine eigene App-Nutzung an, stelle ich fest, dass ich lieber Apps mit einem großen Funktionsumfang nutze, als welche, die mir nur einen Dienst erfüllen.

Foursquare war, zumindest für mich, auf dem Weg eine dieser „Eierlegendenwollmichsäue“ zu werden. Tipps, Vorschläge, soziale Interaktion, Fotos, Checkins, Gamification – alles da. Quasi ein „Facebook fürs Ausgehen“. Aber jetzt nicht mehr. Ich nutze Swarm zwar, aber bei weitem nicht mehr mit dem gleichen Spaß, den ich an Foursquare hatte. Im Grunde hat man für mich das Herz aus Foursquare gerissen und es zu einer langweiligen App gemacht, die mir nichts mehr bringt.

Das Unternehmen geht ein hohes Risiko ein in dem man einerseits die bisherigen User verschreckt, andererseits auf eine Technologie setzt, von der man nicht mal ansatzweise weiß, ob sie sich durchsetzen wird. iBeacon ist eine Datenkrake und das wird vor allem im eher sensiblen Europa schnell ein Thema werden. Will ich, dass mir irgendein Geschäft wegen 5% Rabatt auf irgendwas eine Push-Notification schickt und gleichzeitig meine Daten sammelt, die dann sonst wo verteilt werden? Und: ist der Markt für Hyperlocal wirklich in so einem Umfang vorhanden, dass sich die Investition lohnt? Bisher fehlt es da noch an allem. An der technischen Umsetzung, Agenturen, die das Modell vertreiben und an Usern, die das überhaupt haben wollen.

Meine Befürchtung ist, dass sich Foursquare mit der Aufspaltung sein eigenes Grab gräbt. Statt die Checkins usw. vielleicht auf die zweite Ebene zu verschieben, hat man sie ganz rausgeschmissen. Sie waren aber für viele genau der Grund, warum sie Foursquare genutzt haben. Jetzt ist die App nichts anderes als Yelp. Yelp wiederum ist langweilig, müht sich aber gerade lokal besser verankert zu sein. Man hat in allen großen deutschen Städten „Botschafter“ eingestellt, die wiederum eine Mischung aus CRM, BizDev und Marketing machen. Während Yelp also an einer engen Verzahnung mit den Einzelhändern, Tourismusverbänden usw. arbeitet, hofft Foursquare darauf, dass die Community das erledigen wird. Die man gerade mit der Trennung der Apps vor den Kopf gestossen hat. Ich habe schon deutlich bessere Ideen gesehen.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Moinsen. Ich denke nicht, dass sich Foursquare mit der jetzigen Strategie ein eigenes Grab schaufelt. Ja, es wurden viele Nutzer vor den Kopf gestoßen, aber hauptsächlich nur deshalb, weil sie keine Veränderungen wollen und akzeptieren. Aber es ist nun mal so, dass sich die Welt verändert und für mich macht die Aufteilung der App Sinn, auch wenn ich sie anders bewerkstelligt hätte.

    Zurzeit hört man viel Gemaule und Gemecker, viele wollen sich abmelden, einige tun das auch wirklich. Allerdings werden sich durch die Aufteilung auch viele neue Nutzer finden, für Swarm, wie auch für Foursquare. Das mögen hier im nicht relevanten Deutschland viele anders sehen, aber so ist das eben.

  2. Nutze Foursquare seit Jahren nur noch mit „Checkie“, ganz ohne social-Gedöns oder Empfehlungen. Reines einchecken zum später erinnern. Das dann wiederum auf der Website.

  3. „Checkie“ ist einfach und schnell. Ich nutze es, um Freunden zu zeigen wo ich gerade bin. „Wichtige“ Check-ins kann ich von dort mit einem Tap auch gleich auf Facebook posten. Und mit IFTTT wird jedes Check-In auch gleich mit dem Eintrag „I was at …“ In den Google-Kalender eingetragen.
    Schade, dass die Mayorships weg sind, aber Foursquare, bzw. jetzt Swarm bleibt für mich eine App, die ich gern nutze. Bin gespannt, wie’s sich weiter entwickelt.

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