Tempelhofer Freiheit vs. Metropole

Ich denke, dass die dann doch deutliche Mehrheit gegen die Bebauungspläne auf dem Tempelhofer Feld sich weniger gegen eine sanfte Umstrukturierung richtet (auch durch eine wie auch immer geartete Bebauung) sondern eher mit der Bau- und Mietpolitik des Wowereit-Senats der letzten Jahren abrechnet.

Man darf nicht vergessen, dass die teilweise unregulierte Gentrifizierung ganzer Stadtteile schon seit langem für Unmut quer durch alle Bevölkerungsschichten gesorgt hat. So sinnvoll eine vorsichtige Entwicklungspolitik auf dem Tempelhofer Feld vielleicht gewesen wäre – die Berliner haben offenbar mehrheitlich in Sachen Bau- und Wohnungspolitik einfach die Schnauze voll. Dass selbst in Zehlendorf und Charlottenburg 61% der Bürger gegen die Pläne des Senats gestimmt haben, macht das nur noch deutlicher.

Die Abstimmung ist auch ein Aufruf an die Berliner Politik, sich mal ernsthaft mit dem Problem des Wohnungsmarktes auseinander zu setzen. Wenn die SPD jetzt behauptet, die Berliner hätten gegen „billigere Mieten“ gestimmt, ist das eine ziemlich unverschämte Verdrehung der Tatsache. Es ist ja die SPD, die die Verantwortung für den sich teilweise absurd entwickelten Wohnungsmarkt des letzten Jahrzehnts trägt. Auch die Aussage, es sei in Berlin immer noch günstiger als in Hamburg, München, Paris oder London ist ja nun wirklich kein Argument. Nur weil andere europäische Metropolen eine teilweise absurde Wohnungspolitik umgesetzt haben, muss Berlin ja nicht den gleichen Fehler machen. Ich kann auch keinen Vorteil erkennen, wenn sich die Mieten in Berlin wie in New York, San Francisco oder Zürich entwickeln.

Und, Weltkompakt…

Vielleicht kommen ja auch deswegen so viele Pariser und Londoner in den letzten Jahren nach Berlin, weil sie hier eben noch verhältnismäßig günstige Mieten vorgefunden haben.

Die Abstimmung zeigt auch, dass die Berliner, trotz eines quasi Bevölkerungsaustausches in den letzten 20 Jahren, gar nicht so verschieden sind. Sie sind eigensinnig, sie beobachten sehr genau, was vor sich geht, wie die Politik auf Probleme reagiert.

Und ja, Weltkompakt…

Es mag provinziell sein, wenn die Berliner quer durch alle Bezirke keine Lust auf ein Metropolen Dasein wie in den oben genannten Städten haben. Aber genau das hat Berlin in den letzten 20 Jahren überhaupt erst zu der international geachteten Metropole gemacht, die sie jetzt ist. Vielleicht ist das Festhalten und Beharren an Dingen wie familienfreundliche Kieze, bezahlbare Miete auch für Rentner usw. provinziell und nicht das, was man manche Menschen von einer internationalen Metropole erwarten. Vielleicht ist es aber auch genau das, was Berlin halt so lebenswert macht.

Und die schmale Hoffnung bleibt, dass der Senat aus dem Volksentscheid etwas lernt. Nämlich die einzigartige Vielfalt der Bezirke in Berlin zu fördern, den vorhandenen Wohnungsmarkt besser zu regulieren damit Familien auch weiter bezahlbare Wohnungen innerhalb des S-Bahnrings haben und vielleicht an anderen Stellen Neubauten zu fördern. Platz ist ja genug.

7 Gedanken zu “Tempelhofer Freiheit vs. Metropole

  1. Tatsächlich haben die Berliner genau registriert, das auf dem Tempelhofer Feld ja gerade nicht Wohnungen für normale Menschen sondern neue Luxusquartiere erstellt werden sollten, an denen nur sehr weniger verdienen, für die aber alle arbeitenden Berliner die Kosten tragen müssen.

    Wer übrigens nach New York fährt besucht normalerweise den Central Park. Warum die den wohl noch nicht zugebaut haben?

  2. Sollte der Berliner Senat tatsächlich etwas aus einem Volksentscheid lernen, würde das Berlin in der Tat zu einer ganz besonderen Metropole machen. Hier in HH lautet die Konsequenz dann nämlich; wenn das Volk nicht so will wie wir, müssen wir Volksmitbestimmung eben runterregulieren. Und die SPD ist da immer weit vorn…

  3. .

    In Tempelhof wäre nicht eine Wohnung entstanden, die ein ALG-II-Bezieher für die 411,— Euro Richtwert Warmmiete hätte beziehen können. Nicht eine! Aber das wäre dann sozial Bauen gewesen – und nur das.

    Die MoPo hat gerade einen netten Artikel veröffentlicht, wo man in Berlin im gesamten Stadtgebiet prima bauen kann. Zum Beispiel mit einem leichten Tritt gegen die Discounter, die viel mögliche Wohnfläche für einstöckige Gebäude im Stadtbild „verprassen”. Es gäbe so viele Möglichkeiten, man kann Tempelhof so belassen.

    Und ja, volle Zustimmung zum zweiten Absatz. Ich würde dieser Berliner Bau- und Wohnungspolitik keinen Cent mehr anvertrauen.

  4. Sehr geehrter Herr Don Dahlmann, ich sehe die Sache genauso wie Sie, hätte das aber nich so schön formulieren gekonnt.

  5. „In Tempelhof wäre nicht eine Wohnung entstanden, die ein ALG-II-Bezieher für die 411,— Euro Richtwert Warmmiete hätte beziehen können.“
    Man könnte natürlich dazu anmerken, dass beim Umzug eines wohlhabenderen Bewohners dessen alte Wohnung natürlich entsprechend frei wird. In der Gesamtheit betrachtet hätten diese neuen Wohnungen an anderer Stelle also durchaus Wohnungen auch für ALG-II-Bezieher öffnen können.

  6. @Vinzenz Diese Vermutung hat 1000 Pferdefüße, ich fange mal mit dreien an: 1. Die Wohnung die der „wohlhabende Mieter” noch bewohnt, ist die Wohnung aus die der Soziallieistungsbezieher seinerzeit schon ausziehen musste, weil für ihn zu teuer oder zu groß, jedenfalls vom Amt als nicht „angemessene Unterkunft” bedacht. Sehr wahrscheinlich. 2. Zieht so ein wohlhabender Mensch um, ist das 2a) keine Wohnung, die sich Menschen mit Sozialleistungsanspruch überhaupt leisten können 2b) wird es eher keine Wohnung sein, deren durchschnittliche Wohnungen Menschen Sozialleistungsanspruch zugebilligt werden. 3. Wohnungen, die heute in Berlin frei werden, werden morgen mit einem Aufschlag von im Schnitt 30 % teurer vermietet.

    Kurz: nette Idee. Aber pures Phantasiedenken.

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