Month: November 2016

Die Sache mit den falschen Verbrauchswerten

Ein bisschen wundern kann man sich ja schon. Seit ein paar Tagen haben ein paar Politiker, darunter Bärbel Höhn (Link via Kai Schmalenbach)entdeckt, dass die Verbrauchsangaben der Autohersteller aber auch so gar nichts mit der Realität zu tun haben. Da tauchen dann jetzt Grafiken auf, die belegen sollen, dass manches Automobil bis zu 40% mehr verbraucht, als der Hersteller angegeben hat. Dabei ist das Problem wirklich schon sehr, sehr lange bekannt. Ich habe im letzten Jahr bei der Gründerszene dazu schon mal geschrieben, aber hier ein Update.

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Der NEFZ-Zyklus ist ein von Industrie und Politik ausgehandelter Weg, einen einheitlichen Maßstab für die Messung des Spritverbrauch zu finden. Eingeführt wurde der NEFZ in den 90er Jahren, seitdem hat man hier und da leicht angepasst. Aber im Grunde hat der NEFZ nichts, aber auch wirklich gar nichts mit der Realität zu tun.

Die Messung findet auf einem Prüfstand statt, also in einer Halle. Die Temperatur in der Halle darf bis zu 30 Grad betragen, ebenso darf das Auto auf diese Temperatur vorgeheizt werden. Man darf des Weiteren: Die Reifen bis zur Grenze des Erlaubten aufpumpen. So reduziert man den Rollwiderstand, weil die Reifen so weniger Auflagefläche haben. Fugen und Spalten können abgeklebt werden, so senkt man den Luftwiderstand. Ebenfalls kann man die Lichtmaschine abklemmen, eine Klimaanlage muss nicht laufen. Für eine gesamte Modellreihe (mit einem Motormodell) kann für die Messung das leichteste Basismodell nehmen, der Tank muss nicht voll sein. Das ist noch nicht mal Betrug, wie manche Medien nun verkünden, sondern alles erlaubt.

Der Zyklus selber besteht aus einer simulierten 11 km lange Strecke, 60% davon wird als Stadtverkehr ausgegeben. In der Stadtfahrt steht das Auto mehr als vier Minuten. Beschleunigt wird so gut wie gar nicht, man braucht ca. 20 Sekunden um 50 km/h zu erreichen. Das ist ein bisschen mehr als der Leerlauf des Motors. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 120 km/h.

Noch bescheuerter sind die Verbrauchsmessungen bei Plugin-Hybriden. Die müssen den Zyklus zweimal fahren, einmal mit vollen, einmal mit leeren Akkus. Die Reichweite der meisten Plugins liegt zwischen 25 und 50 km (nach NEFZ), man fährt also eine Strecke komplett mit dem E-Motor. Über eine komplexe Formel fasst man beide Verbräuche zusammen, wobei der Wert des Verbrauches des E-Motors bei Null liegt. So kommt es dann, dass Plugin-Hybride mit Verbrauchswerten von 2 bis 3 Litern angegeben werden, auch wenn es 2.5 Tonnen schwere SUVs sind.

Ich habe bei meinem diversen Testfahren über die letzten Jahre immer wieder versucht den NEFZ-Verbrauch einzuhalten. Tatsächlich bin ich zweimal rangekommen. Einmal bei einem Audi A3 TDI, einmal bei der S-Klasse (S 500). Meine Fahrweise bestand dabei daraus, den Wagen auf der Landstrasse möglichst rollen zu lassen, nicht schneller als 80 km/h zu fahren und das Gaspedal habe ich nur vorsichtig angehustet. Man kommt also ran, aber die Fahrweise ist völlig unrealistisch.

Das Problem mit dem NEFZ ist nicht allein, dass man niemals die Verbrauchswerte der Hersteller erreicht. Damit könnte man leben. Schwierig ist die Tatsache, dass im NEFZ logischerweise auch der CO2-Ausstoss berechnet wird. Je weniger man verbraucht, desto weniger CO2 kommt hinten raus. Wenn man aber mehr in der Realität mehr verbraucht, dann steigt auch der CO2-Ausstoss. Das ist aus zwei Gründen dann fragwürdig.

Zum einen bemisst sich die Steuer u.a. auch nach dem CO2 Ausstoss, aber da kann der Verbraucher ja nichts für, was der Hersteller angibt. Zum anderen berechnet sich aber auch der Flottenverbrauch und CO2-Ausstoss der Hersteller nach dem NEFZ. Wenn es sehr, sehr böse formulieren würde, könnte man sagen, dass die Hersteller (und zwar alle, weltweit) einerseits Brüssel bescheissen, andererseits entgehen dem Finanzamt Einnahmen, weil die Kunden weniger bezahlen, als sie eigentlich müssten, wenn man einen realistischen Verbrauch berechnen würde.

Der NEFZ wird Ende 2017 abgeschafft und durch den Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure (WLTP) ersetzt, der angeblich 25% höhere Verbrauchswerte auswerfen soll. Aber hier kann man die Klimaanlage abschalten etc.

Das Problem mit realistischen Verbrauchsangaben ließe sich im übrigen sehr leicht lösen. Zur Vorstellung eines neuen Motors/Modells gibt der Hersteller einer seiner Meinung nach realistische Angabe zum Verbrauch. Innerhalb des ersten Jahres müssen die meisten Neuwagen zur Inspektion in eine Vertragswerkstatt. Die Motorelektronik speichert schon jetzt den Gesamtverbrauch. Man müsste einfach alle Verbräuche eines Modells erfassen und einen Mittelwert ausrechnen. Bei mehreren 10.000 Fahrzeugen müsste mal alle Fahrertypen dabei haben. Vom Rasen bis zum Sparer. Nach einem Jahr hat man dann eine verlässliche Angabe, Steuer und Flottenverbrauch werden, wenn der Verbrauch in einem Rahmen von sagen wir mal 15% die Erstangaben übersteigt, mit den neuen Angaben justiert. Aber das wäre vermutlich zu einfach.

Get out of your fucking Filterbubble

„Ja, aber wieso…“ und dann bricht der Satz meistens ab und endet in einem Fragezeichen. Das war die Reaktion auf den Brexit, auf die Wahlerfolge der AfD und nun auf den Wahlsieg von Trump. Und jetzt kommen die Analysen. Vom „angry white man“ zum Beispiel, der zu 64% Trump gewählt hat. Von Rechtsradikalen, von Sexisten und „dummen Menschen“, die einfach nicht verstehen, was los ist.

Ja, aber was ist denn los?

Eine Fehleinschätzung ist los, die vor allem getrieben wird aus den europäischen Metropolen. Eine zwischen Yoga-Klasse, Starbucks, Wegbier, Agenturen, MacBook, Carsharing, und Burgern lebende, sich dem Neoliberalismus verschriebene Meritokratie versteht nicht mehr, was sich außerhalb ihrer Lebenswelt abspielt. Ich nehme mich da überhaupt nicht raus. In den letzten 30 Jahren sind zwei Parallelgesellschaften entstanden, die sich jetzt unversöhnlich gegenüber stehen. Und das nicht nur in England, den USA und Deutschland, sondern fast überall in der westlichen Welt.

Während man in Berlin von einem mittelmäßig bezahlten Job in den nächsten schlittert und zwischen zwei Tinder Dates und ein paar Flaschen Rothaus über das Gefühl philosophiert, dass sich da politisch „irgendwas“ anbahnt, hätten die Menschen in Görlitz oder Bochum überhaupt mal wieder gerne irgendeinen Job, der sie aus der Demütigung namens Hartz4 rausbringt. Während man sich in Hamburg fragt, wie man denn nun Gender schriftlich so ausdrückt, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt, fühlen sich andere Menschen überrollt von Ausländern und bunten Gesellschaften. Am Ende herrscht auf beiden Seiten Angst.

Das man in den Metropolen nach 20% AfD, Brexit und Trump erschrocken ist, liegt vor allem daran, dass man in einer Filterblase lebt. Was wiederum auch daran liegt, dass man in den letzten Jahren im Netz alles weggeblockt, was irgendwie anderer Meinung war.

Alles, was auch nur ein bisschen vom eigenen Welt- und Meinungsbild abrückte, wurde verbannt, so dass man es nicht mehr sehen musste. Damit die eigene Comfort Zone nicht gestört wurde. War ja eh klar, dass nur völlige Ignoranten, Trottel, Sexisten usw. nicht der eigenen Meinung sein konnten. Und wenn man sich mal jemand in die Timeline verirrte, dann wurde die Person darauf hingewiesen, dass man mit so einer Meinung halt ein Arschloch sei. Man solle doch bitte „Demokratie, Kurs 1“ belegen und die Augen öffnen.

Aber so zu tun, als gäbe es die andere Realität nicht, ist gefährlich. Zumal der neue Rechtskonservatismus eben nicht klassisch Rechtsradikal ist. Er besteht aus einer merkwürdig breiten Melange aus Kritik am Neoliberalismus, Kritik am Bankensystem, gegen die meritokratischen Eliten, für mehr Egalitarimus, aus Theorien über Isolationismus, Nationalismus, christlichen Fundamentalismus bis hin neuen und alten völkischen Theorien.

Da ist ein bisschen etwas für alle. Für diejenigen, die vom Neoliberalismus überrollt wurden, für die neuen Konservativen und für all jene, die einen autoritären Staat bevorzugen, in dem es klare, einfache Regeln gibt, die das eigene Weltbild zementieren. Wer sich überraschen lassen will, wie breit die „Alt-Right“ aufgestellt ist, der liest diesen Text von Bernie Sanders. Ausgerechnet der schält die durchaus vorhandenen Gemeinsamkeiten seiner Bewegung mit Trump mal raus.

Wer also verstehen will, was sich da zusammenbraut, der muss aus seiner Filterblase raus. Der muss aufhören jeden zu blocken, der die eigene Wohlfühlblase ansticht (Ich rede hier nicht von Trollen, die nur beleidigen). Auch sollte man sich mit den Medien beschäftigen, die die neuen Konservativen produzieren und lesen. Ob die Compact, die Junge Freiheit oder gemäßigt-konservative Magazine wie Cicero – es hilft zu verstehen, was gedacht wird.

Der erste Schritt um zu verhindern, dass die „Alt-Right“ noch mehr Zulauf bekommen, ist der Schritt raus aus der eigenen Filterblase. Aber es muss auch mehr passieren. Es braucht zum Beispiel auch eine Art „Bildblog“, dass sich mit den genannten Medien beschäftigt und auseinandersetzt. Dass die Denkfehler, Verdrehungen der Wahrheit und Lügen darstellt und verbreitet. Und die klaren rechtsradikalen Tendenzen aufzeigt. Aber egal, was man macht, es muss klar sein, dass die Zeiten einer Mitte/Links-Liberalen heilen Wohlfühlblase vorbei sind.

„Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden.“ Sunzi

Warum Hillary Clinton verloren hat

Tja, wie konnte das passieren? Clinton hat in den Metropolen genau die Ergebnisse geholt, die sie hätten holen müssen. Sie war teilweise sogar stärker als Obama in den letzten beiden Wahlen. Aber Trump hat mehr Leute auf den Land mobilisiert, als viele dachten und vor allem in den wirtschaftlich verunsicherten Vorstädten ebenfalls mehr Stimmen geholt als McCain oder Romney. Es hilft nicht, dass Clinton dank der Wähler in Kalifornien insgesamt mehr Stimmen als Trump holen konnte. Wie schon 2000 haben andere Gruppen die Wahl entschieden.

Dazu beigetragen haben die von der Globalisierung überrollten klassischen Arbeiter, deren Arbeitsplätze vom Neoliberalismus weg gefegt wurden, und um die sich keiner mehr gekümmert hat. Michael Moore hatte im Sommer schon darauf hingewiesen, dass der Sieg von Trump im „rust belt“ entschieden wird, also die ehemaligen Stahl- und Industriezentren in Michigan, Ohio, Iowa usw. Und genau da hat Trump die Wahl unter anderem gewonnen. Dabei hat man das das Drama um diese Staaten sogar kommen sehen. Im letzten März hat Bernie Sanders die Vorwahlen in Michigan gewonnen, im übrigen auch gegen alle Vorhersagen. Da hätte man sehen können, dass die Demokraten mit einer Politikerin, die für das Establishment steht, Probleme haben könnten.

Es wäre ein Fehler anzunehmen, dass sich hinter Trump nur weiße rassistische Kreationisten verstecken. Es sind viel mehr jene, die früher der unteren und mittleren Mittelschicht angehört haben, die nach 2008 in den USA stärker erodiert ist, als in vielen anderen Ländern. Die Bevölkerung in den kleinen Städten, weit weg von den Metropolen. Da wo die mittelständische Wirtschaft erodiert ist, weil Technologiefirmen eben in den großen Städten sitzen und nicht in Iowa. Es sind Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, die Hypotheken nicht mehr zahlen können, die sich seit Jahren fragen, wie es weitergehen soll.

Wie beim Brexit haben viele Menschen ihr letztes Geld auf die Karte „Lass uns mal was anderes ausprobieren“ gesetzt. Wenn man nichts zu verlieren hat, dann macht man so was. Das mag auf lange Sicht dumm sein, aber wenn man das Gefühl hat, dass es nur noch schlechter werden kann, wenn alles so weiter geht, dann schaut man nicht auf das, was in 10 Jahren ist, sondern auf das, was jetzt ist.  Allein dass Bernie Sanders während der Vorwahlen Clinton das Leben ausgerechnet in den klassischen Staaten der Demokraten so schwer gemacht hat, musste man als in Nachhinein als Warnung sehen. Auch innerhalb der Demokraten gab es offenbar genug Wähler, die keine Lust mehr auf das „Weiter so…“ hatten, die nach einer starken Alternativen suchten und sie ausgerechnet in einem Mann fanden, der sich als Sozialist versteht. Was in den USA fast so was wie ein Schimpfwort ist. Aber man dachte wohl, dass man gegen einen „Clown“ gewinnen würde, dass die Wähler in den Metropolen und die Minderheiten Trump verhindern werden.

Clinton und die Demokraten haben Trump völlig unterschätzt. Auch nachdem er alle Kandidaten der Republikaner weg gefegt hatte. Aber Trump ist ein kein Idiot. Er mag ein Psychopath sein, ein Egomane, eine außer Kontrolle geratene, cholerische Mittelstreckenrakete. Aber er ist kein Idiot. Er hat sich die richtigen Leute für seine Kandidatur ausgesucht, er hat darauf vertraut, dass er mit der „Ich bin halt so…“ Attitüde gegen die glatte, oberflächliche und Phrasen-dreschende Polit-Prominenz durchkommt. Er und seine Berater haben eine geniale Strategie entworfen und sie hat funktioniert.  

Erstaunlicherweise hat Trump die Republikaner damit gerettet, jedenfalls für den Moment. Aber mit Mitt Romney, Paul Ryan und vor allem Marco Rubio hat man drei hervorragende Kandidaten in petto, selbst wenn Trump während seiner Präsidentschaft scheitern sollte. Was ja bei den Fettnäpfchen, die er so gerne trifft, nicht unmöglich ist.  Die Demokratische Partei in den USA steht dagegen vor einem Scherbenhaufen. Man hat sich komplett der Familie Clinton ergeben und man hat alles verloren. Präsidentschaft, Senat, Repräsentantenhaus, Supreme Court. Und da ist im Moment niemand zu sehen, der in vier Jahren das Ruder rum reissen kann.