Month: März 2014

März 2014 – Bilder

Viel zu Hause, ein wenig unterwegs. Alle Bilder sind mit dem Nokia 1020 gemacht. Es ersetzt in 70% der Zeit die DSLR.

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Vor 10 Jahren – Teil 1

Ich blogge ja schon ein wenig länger (so seit 2001), da sammelt sich das ein oder andere an. Warum nicht ein wenig alte Texte entstauben, dachte ich heute in meinem (mittelprächtig verkaterten) Kopf. 10 Jahre, das ist im Internetzeitgefühl quasi Gurkenglas ganz unten. Also gibt es jetzt in ab und an einen Blick in die Vergangenheit.

Eine der merkwürdigsten Frauen, die ich jemals kennengelernt habe, war eine Frau aus Ostfriesland. Also, ich glaube, dass sie aus Ostfriesland war. Muss auf einer Sause in der „Daniela Bar“ in Hamburg gewesen sein. Auf jeden Fall tanzte sie irgendwann barfuß auf der Theke und kickte mit ihrem großen rechten Zeh, der wirklich sehr groß und lang war, die Aschenbecher runter. Der riesige Zeh stand in überhaupt keinem proportionalen Zusammenhang zu den anderen Zehen, die daneben verkümmert wirkten. Aber ich finde solche kleinen Fehler der Natur ja erotisch.

Die Thekenmannschaft nahm alles begeistert zu Kenntnis, und die drei Sinti mit dicken Bäuchen, die gerade was Ungarisches spielten auch. Sie sägten sich den Teufel aus dem Leib und sie da oben machte das Gleiche, nur tanzend. Ich war völlig fasziniert von diesen beiden riesigen großen Zehen, die vor mir auf der Theke tapsten. Wir kamen ins Gespräch, mir war nach mehr, ihr nicht. Küsschen links, Küsschen rechts, gute Nacht.

Zwei Abende später tanzte sie mit dem Besitzer einer Sofakneipe zu Aznavour und Gainsbourg und bei „Bönnie änd Kleide“ ließ sie ihren Pullover über den Kopf kreisen. So exaltiert sie schien: Reden war nicht so ihr Ding. Sie saß/stand lieber rum, saugte an einem halben Liter Jever, beobachtete über den Bierflaschenhals die Leute, strich sich eine Strähne hinters Ohr, keckerte plötzlich los, verschwand an die Bar, oder zog sich die Schuhe aus, um zu tanzen. Wir trafen uns immer nur in den Läden, nie davor. Wenn wir uns sahen, sagten wir „Hallo“, „N Bier?“, „Super hier“ und „Noch n Bier?“ Wenn sie betrunken wurde, sagte sie in einem Anfall von Wortschatzfund „Boah, muss nach Hause. Sehen wir uns morgen? Oder SMS, ja? Schüss.“

Deswegen hab ich mich nie getraut mir ihr Essen zu gehen. Ich hatte immer Angst, dass kein Gespräch entstehen, und ich mich vor lauter Fremd- und Eigenscham um Kopf und Kragen reden würde. So hab ich leider verschiedene Dinge nie rausbekommen: zum Beispiel ihren Nachnamen. Oder wie alt sie eigentlich war. Oder was sie so im Leben machte. Oder warum sie sich mit mir dauernd im Mojo traf. Gut, manche Menschen finden andere Menschen bei sich im Bett wieder, von denen wissen sie noch viel weniger. Noch nicht mal die Handynummer.

Manchmal schrieb sie nachts eine SMS, die ging dann so:

Sie: Noch wach?
Ich: Ja. Alles gut bei Dir?

Antwort bekam man selten. Sie wollte nur wissen, ob man es einem gut geht. Dass einem gut ging, leitete sie wohl aus der Tatsache ab, dass man antwortete. Wenn man nachmittags eine SMS bekam, dann waren das immer Anweisungen. „Heute Mojo 11“. Telefonieren hatte ich bei ihr nach zwei Versuchen aufgegeben.

Nach einem langem Mojoabend passierte dann mal was. Sommer, die Sonne war auch schon da. Mit Bier bewaffnet saßen wir auf einer Mauer über dem Hafen nebeneinander und sagten Sachen wie „Guma, Schiff“ oder „Geil son morgen“. Das erschien mir insgesamt der richtige Zeitpunkt unsere Kommunikation mal auf ein höheres Niveau einzupegeln. Nach vier oder fünf gemeinsam durchfeierten Nächten und mindestens zwei Kisten Jever hatte ich das Gefühl, dass man die Zeit, die man miteinander verbringt und in der man nicht miteinander redet, vielleicht auch knutschend verbringen könnte.

Aber nach ein paar weiteren Gedanken habe ich alle Ambitionen fallen gelassen. Weil mir auffiel, wie angenehm sich das anfühlte, mit ihr, die ebenso schräg wie still war, durch die Gegend zu ziehen. Kein belangloses Reden, kein „Schau mal, was ich alles gemacht habe“ Gehabe. Jeder emotionale Vorstoß schien mir völlig unangebracht, und so, als ob ich etwas sehr Zerbrechliches kaputtmachen würde. Diese stille Sitzen auf der Mauer, das langsame, gemeinsame Abkühlen, das Knirschen der Bierflaschenböden, wenn man sie auf dem Mauerrand absetzte, das Schnappen des Feuerzeugs – all das war ein wundervoller, einzigartiger Moment. Ich hätte sie nicht küssen können, geschweige denn sie anfassen. Ihre Nicht-Kommunikation barg ein Geheimnis und ich war nicht gewillt es zu lüften. Aus Angst etwas zu zerstören vielleicht, oder aus Furcht, dahinter verberge sich am Ende doch nur etwas banales. Ich hab sie lieber noch zur S-Bahn gebracht und gewartet, bis ihre Bahn losfuhr, um dann langsam zu Fuß nach Hause zu gehen.

Wir sind über ein halbes Jahr immer mal wieder ausgegangen und irgendwann, als wir mal wieder völlig verschwitzt aus dem Mojo kamen, sagte sie „Ich zieh nächste Woche nach Bremen“. Pause. Dann: „Warst der netteste Kerl, den ich hier kennengelernt hab.“ Pause. „Schade“. Küsschen links, Küsschen rechts. Eine sehr lange, feste Umarmung. Und ward nicht mehr gesehen.

Enzensberger und die Weltrevolution

(Note: Ich hatte den Text als Kritik unter eine Kritik von Jürgen Kuri auf G+ gesetzt. Für diesen Artikel aber erweitert und bearbeitet. Während Jürgen die Sache differenziert angeht, greift mit der Tenor, vor allem auf Facebook mit diesen, „Haha, Enzensberger will das Handy verbieten, wie doof ist der denn“ Einwürfen einfach viel zu kurz. Es ist die typische Reaktion aus dem Netz, wenn einer mal was gegen das Netz und andere Technologien sagt.)

Jetzt fallen also alle über Enzensberger her, der sich die Freiheit genommen hat zu sagen, man sollte sein Smartphone wegwerfen. Rückwärtsgewand sei das, war noch die freundlichste Beschreibung für den Text. Das „Wehrt Euch“ in der Überschrift wird als Technologiekritik verstanden, Enzensberger fordert eine Rückkehr zur Schreibmaschine und zur guten alten Briefpost.

Ja, das Ding von Enzensberger liest sich im ersten Moment, als sei Karl Kraus kurz mal durchs 21. Jahrhundert gehüpft. Ja, da steht auch provokativer Quatsch drin, der knapp am Trollen vorbeischrammt, aber es ist ja auch nicht das erste Mal, dass er zu diesem Stilmittel greift. Und so ganz unrecht hat er auch nicht. Dafür muss man seinen empörten „Der will mir mein Handy wegnehmen“ Blick vielleicht für einen Moment mal erheben und selbigen über den Tellerrand schweben lassen. Dazu gehört auch die Frage, aus welchem gedanklichen Umfeld so Überlegungen kommen könnten, immerhin ist Enzensberger ja kein weltfremder Vollidiot.

Enzensberger sieht in der Technologie (Smartphone) eine Kontroll- und Repressionsapparatur, die den klassischen Freiheitsbegriff des liberalen Bürgertums untergräbt. Dass nämlich weder ein Unternehmen noch der Staat im Leben der Menschen etwas zu suchen hat, bzw. seine Freiheitsrechte gefährden darf.

Beide Seiten haben sich rauszuhalten, der Staat ist dafür da, Übergriffe auf die Freiheit seiner Bürger abzuwehren, in dem er sich auf die Seite der Bürger stellt. Stattdessen, und das beklagt er ja nicht zu Unrecht, geschieht das Gegenteil, der Bürger wird alleine gelassen, soll zustimmen, aushalten und der Erosion der Bürgerrechte still zu sehen. Enzensberger vertritt die Sichtweise aus den 50er und 60er Jahren (Habermas u.a.) gemischt mit ein wenig 68er-Folklore, und alles ist auch aus dem Idealbild des Liberalismus des frühen 20. Jahrhunderts abgeleitet. (Es ist eine Form des egalitären Liberalismus, die er vertritt.) Der Mensch ist grundsätzlich frei und vor allem kann er über seine Wahlstimme kontrollieren, welchen Weg der Staat einschlagen soll.

Enzensberger scheint davon auszugehen, dass die Postdemokratie schon längst gesiegt hat. Dass also wirtschaftliche Interessen und Unternehmen den politischen Entscheidungsprozess dominieren. Die individuelle Freiheit ganzer Teile der Gesellschaft muss hinter diesen Interessen nachstehen. Er geht so weit, dass auch die Kontrolle über die wirtschaftliche Freiheit nicht mehr gewährt ist. Zum einen, weil Unternehmen mittlerweile mehr wollen, als nur unser Geld (Daten) zum anderen, weil sich Unternehmen mehr und mehr einer nationalen Kontrolle entziehen (Google, Apple usw.). Durch das Netz, so seine Kritik, schaufelt sich der Liberalismus sein eigenes Grab, weil er den Unternehmen und der Totalüberwachung (kritisiert er ja auch) quasi kampflos den Weg freiräumt.

Er verteufelt gar nicht die Technologie an sich, nur das, was andere damit anstellen, bzw. wie diese Technologie dazu genutzt wird, dass er seine Bürgerrechte nach und nach verliert. Er formuliert die Angst vor einer postdemokratischen Technokratie, in denen „seine“ Freiheitsrechte nichts mehr gelten, weil sie sich der Überwachung und dem wirtschaftlichen Fortschritt unterordnen müssen. Er wehrt sich gegen die Banken, die ihr Überleben und die Geldvermehrung über das Wohl ganzer Gesellschaften stellen und die mehr Kontrolle und Macht haben, als es ihm in seinem Verständnis von Bürgerrechten lieb ist. Er beklagt den Verlust von Kontrolle über sein Leben, seine Freiheit und sein Geld. (Parallel beklagt er auch die Doofheit der Menschen, die für „Umsonst“ Angebote sämtliche Freiheiten aufgeben.)

Er weiß wohl, dass derartige Rechte, sind sie einmal verschwunden, sich nicht so leicht wiederherstellen lassen. Der Artikel ist nicht zwingend der eines misanthropischen Technologie Verächters. Auch wenn er es sich ein wenig einfach macht, wenn er die Schuld nur bei Technik sieht und nicht bei den Menschen, die sie nutzen.

Und da setzt dann auch Kritik an dem Text an. Er macht es sich ein wenig einfach, wenn er die Schuld bei der Technologie sucht und nicht etwa im Versagen der Politik bzw. des Liberalismus, der Sozialdemokratie (damit meine ich nicht die Partei) und der ethischen Verantwortung der Wirtschaft. Er könnte auf Parteien, Wahlsysteme usw. einprügeln, aber er hat sich die Technologie ausgesucht.

Der Verzicht auf Technologie ändert aber nichts am Status quo, auch wenn er das gerne hätte. Er glaubt, dass man durch den Verzicht die Angriffe auf Bürgerrechte und die Postdemokratie trocken legen kann („Pleite gehen lassen“), versäumt aber den Blick etwas weiter zurückzuwerfen. Denn die Geburt der Probleme liegt nicht in den 2000er, sondern im Zusammenbruch des Kommunismus zu Beginn der 90er. Seit dem hat der Kapitalismus kein Gegengewicht in Form eines anderen Systems hat, hat er sich gewandelt und der Postdemokratie Tür und Tor geöffnet. Deswegen greifen die „Regeln“ von Enzensberger auch zu kurz, Sie sind ein trauriger Versuch, die Notbremse zu ziehen, um bestimmte Symptome zu bekämpfen, verbunden mit der Hoffnung, dass das „System“ dann schon wieder zur Vernunft kommen würde.

Das Bedauerliche an dem Text ist eigentlich, dass er so hilflos wirkt. Wenn selbst jemand wie Enzensberger nur noch zu symbolischen Mitteln auffordert, wenn ihm nicht mal mehr ein Angriff auf die Staatsphilosophie gelingt, wenn ihm keine andere Lösung einfällt, als die Technologie zu verbannen, dann ist das schon eine kleine Bankrotterklärung.