Month: Juli 2013

LSR: Ein unkontrollierbares Monster

Da ist es also, das Leistungsschutzrecht. Und es hat Auswirkungen auf alle, die sich im Netz bewegen. Drüben im Racingblog musste ich, bis auf ein paar Ausnahmen, alle Links zu deutschen Verlagsseiten verbieten. Nun ist der Motorsport eh meist eine internationale Sache, ich habe genügend gute Quellen außerhalb der „Sportbild“. Immerhin habe ich mit dem größten deutschen Motorsportportal, Motorsport-Total.com, eine Regelung finden können. Was daran lag, dass ich den Chefredakteur kenne und alles „auf dem kleinen Dienstweg“ erledigen konnte. Mit dieser Abdeckung kommen wir drüben gut klar, die Leser werden sich dran gewöhnen. Ich kann das auch alles machen und in die Wege leiten, weil ich mich im Medien-Bereich etwas auskenne.

Aber es gibt so viel ungelöste Fragen zum LSR. Was ist mit SEO gepimpten Links, in Blogs oder auf Twitter? Was ist, wenn man die Links in eine Short-URL packt? Was geschieht mit Zitaten, die Rahmen einer Berichterstattung anfallen? Wie ist es, wenn ich den Link eines Verlages retweete? Die Liste der Fragen, die vor Gericht geklärt werden müssen, ist sehr lang.

Die Dummheit und Absurdität des Gesetzes haben schon viele versucht in Worte zu fassen. Noch absurder wird es durch die Tatsache, dass viele Verlage sich nun wieder bei Google ankuscheln. Jahrelang argumentierte man, dass man unbedingt gegen diesen Raubbau am deutschen Verlagswesen namens Google News vorgehen müsse. Jetzt ist es soweit und mit den Erklärungen der Verlage, sich doch weiter bei Google listen zu lassen, bricht das gesamte Argumentationsgebäude zusammen.

Was die Verlage offenbar haben wollten, ist ein möglichst schwammiges Gesetz, mir dem man Rechtsabteilungen und Abmahnanwälte füttern kann. Wie die Musikindustrie vor etlichen Jahren hat man sich einen eigenen Rechtsraum erschaffen, in dem man nun erst einmal schalten und walten kann, wie man das will. Die Massenabmahnungen der Musikindustrie, mit denen diese lange sehr viel Geld verdient hat, scheinen Begehrlichkeiten geweckt zu haben, das LSR dient dabei als Übergangslösung, bis man vernünftige Bezahlmodelle im Netz hat, oder der Mediashift komplett ist.

Wenn man das LSR als reines Abmahninstrument sieht, macht es tatsächlich auch Sinn. Es gibt jetzt schon Verlage, die absurd hohe Summen fordern. Würde ich gerne verlinken, geht aber nicht. Im Artikel der Berliner Zeitung geht es um denn Fall einer Musikerin, die nach Absprache mit einem Autor dessen positive Konzertkritik auf ihre Webseite genommen hatte. Nun soll sie 7600 Euro bezahlen.

Man sieht, da wartet ein Eldorado auf Abmahnanwälte. In Facebook, Foren, auf kleinen Webseiten, in Blogs usw. dürfte sich das LSR kaum rumgesprochen haben, also wird man weiter zu den üblichen Zeitungen und Magazinen verlinken, was das Zeug hält. Da wartet eine Menge Geld auf die Verlage.

Ich glaube den Verlagen nichts mehr. Weder, dass sie auf Abmahnungen verzichten, noch, dass die Autoren, von deren Texten die Verlage ja leben, am Ende beteiligt werden. Die Konsequenz ist, dass ich weder hier, noch in meinen anderen Blogs und Magazinen Links zu deutschen Verlagsseiten setzen werde. Um rechtssicher verlinken zu können, müsste ich von jedem Verlag eine Freigabe erbeten, das mache ich sicher nicht. Absichtserklärungen, dass man keinen Gebrauch vom LSR machen will, zählen dabei nicht. Wer weiß was passiert, wenn der Geschäftsführer in einem Verlag mal wechselt?

Die Verlage haben sich mit dem LSR ein Monster erschaffen, das nicht zu kontrollieren ist. Dagegen hilft nur eine Abschaffung des Gesetzes, aber das wird nicht passieren. Weder die CDU noch die SPD, mit deren Stimmen im Bundesrat das Gesetz schließlich in Kraft treten konnte, werden an diesem Gesetz etwas ändern.

Bleibt zu hoffen, dass die Verlage mit ihrer Abschottungsstrategie komplett scheitern werden.

Verschlüsselung

Also habe ich mich mal wieder mit PGP, Truecrypt, VPNs und Tornetzwerken auseinander gesetzt. Ich habe konfiguriert, Schlüssel erstellt, so komplizierte Passwörter ausgedacht, dass ich sie sofort wieder vergessen habe. Ich habe mal durch meine Mails (Google, was sonst) geschaut, was sich da so alles an Missverständlichkeiten verbirgt. Ich habe mir meine Suchhistory angeschaut und war erstaunt. Denn ich schreibe ab und an für Security-US-Blogs zum Thema Sicherheit in Datenzentren, DDos-Angriffe per DNS-Attacken usw., Social Media Sicherheit usw. Wenn man meine Aktivitäten dort auf bestimmte Parameter eingrenzt, bin ich voll im Raster. Also müsste ich zur Sicherheit eigentlich alles verschlüsseln, was ich verschlüsseln kann.

Das Problem mit der Verschlüsselung ist nicht mal, dass ich keine Lust dazu habe, weil es mir zu viel Aufwand ist (auch). Das Problem ist eher, dass ich nicht wahrhaben will, dass “mein” Internet zu einem Ort geworden ist, dem ich nicht mehr vertrauen kann.

Natürlich gilt das Argument, dass ich ja auch meine Wohnungstür abschließe. Aber ehrlich gesagt: wenn nicht dauernd jemand sagen würde, dass ja draussen Einbrecher rumlaufen, die meine Sachen klauen wollen, würde ich meine Haustür auch nicht abschließen. (Viel größer, als die Angst vor Einbrechern, ist die Angst, dass mögliche Einbrecher die Tür auflassen würden und meine Katzen darob verschwinden könnten).

Mein Internet ist eins, in dem jeder sagen kann, was er will, ohne dass er über Metadaten und die Kombination von Worten nachdenken muss. Aber mein Internet ist tot und es wird auch nicht mehr zurückkommen. Ich habe keine Lust, meinen inneren Zensor anzuwerfen, der mich bei jedem Satz denken läßt, ob dieses oder jenes jetzt oder in Zukunft vielleicht eventuell irgendeinen Geheimdienst irgendwo auf der Welt aufhorchen lässt. Ich muss mir schon am Flughafen schale Witze über die Bombenstimmung am Gate verkneifen, jetzt muss ich das auch im Netz. Es sei denn, ich verschlüssle meine Kommunikation.

Der Aufwand, den ich betreiben muss, um “sicher” zu sein, um allen möglichen politischen Eventualitäten in Zukunft aus dem Weg zu gehen, ist mir zu hoch. Und im Grunde, da machen wir uns mal nichts vor, ist die Verschlüsselung ja erst recht ein Grund für manche Geheimdienste ein Auge drauf zu werfen. Verschlüsselte Kommunikation ist zu dem nicht unknackbar, sie macht den Geheimdiensten die Arbeit nur etwas schwerer. Und wer sagt, dass in den verfügbaren Programmen, VPNs usw. nicht doch eine Backdoor steckt? Wer sagt, das in jedem Betriebssytem schon eine Backdoor steckt? Oder im Intel/AMD/Qualcomm Prozessor (alles US-Firmen), den 99.999999 % aller Menschen nutzen? Und warum sollte Linux da besser sein, als Microsoft oder Apple, die ja beide knietief mit drinstecken? Wie man merkt, man wird paranoid.

Die Konsequenz daraus ist, dass ich meine Kommunikation im Netz auf das Banale und die Arbeit reduziere. In privaten Dingen mache ich das allerdings schon etwas länger. Freunde, Beziehungspartner usw. finden in meiner Online.Kommunikation schon länger nicht mehr statt. Das hat nichts mit der Überwachung zu tun, sondern mit dem Schutz der Privatsphäre von Geschäftspartnern und Freunden. Ich blogge lange genug um zu wissen, dass manche nett gemeinte Bemerkung viele Jahre auch in den falschen Hals gelangen kann. So ist meine Vorsicht weniger der Überwachung geschuldet, sondern mehr dem Seelenfrieden mir bekannter Menschen.

Aber traurig ist es allemal. Das Internet, als Hort der freien Meinungsentfaltung verschwindet mehr und mehr, weil sich über alles ein Schleier des Zweifels legt. Es wird sich auch nicht mehr erholen, weil das Misstrauen gegenüber allem und jedem zu tief sitzt. Wer sagt, dass der neue heiße VPN-Anbieter nicht mit V-Leuten der NSA, des BND oder sonst wem durchsetzt ist? Wer sagt, dass die die neue Verschlüsselungssoftware nicht über fünf Ecken durch Geheimdienste entwickelt wurde? Auch wenn es in diesem Zusammenhang etwas merkwürdig klingt: Man kann ja mal die NPD oder ehemalige RAF-Mitglieder fragen, wie das mit den V-Leuten so ist. Warum sollten solche Menschen nicht bei den Herstellern von Sicherheitssoftware, Prozessoren usw. sitzen?

Wenn man die Äußerungen von führenden Politkern und Geheimdienstlern so hört, dann scheint die fehlende Empörung nur daran zu liegen, dass die Überwachung für diese Menschen schon seit langem zum Alltag gehört. Ich hatte neulich schon den Gedanken geäußert, dass die Überwachung offensichtlich so weit gediehen ist, dass selbst mittelkleine Lichter wie Snowdon darüber Bescheid wissen. Das sie irgendwann rauskommen musste, war nur eine Frage der Zeit. Eine echte Empörung, eine echte Überraschung gibt es seitens der hohen Politik nicht. Eben weil es schon seit langem Usus ist, und wenn etwas in gewissen Kreisen normal ist, dann sind die Beteiligten auch nicht mehr überrascht. Höchstens darüber, dass es so lange niemanden aufgefallen ist. Wäre das alles ein Hollywood-Streifen, dann wurden weltweit Politiker und Geheimdienstler in Handschellen abgeführt. Die Medien würden nach rollenden Köpfen gieren. Stattdessen gibt es ein fast resigniertes Betrachten des Status Quo und den Hinweis, dass es ja schon immer so war.

Das Internet, so wie ich seit knapp 20 Jahren kannte, gibt es nicht mehr. Und keine Verschlüsselung der Welt kann das Gefühl von Freiheit wieder bringen. Im Gegenteil, eine zwangsweise Verschlüsselung macht mir jedes Mal nur deutlich, das die Freiheit weg ist und sich vielleicht noch in Nischen verkriecht, die immer kleiner werden.

Eine Lösung böte nur das komplette Verbot von ansatzloser Überwachung. Aber das ist vermutlich genauso utopisch, wie die Idee der totalen Informations- und Gedankenfreiheit im Netz.

Canada Roads

Dass Auto, eine Mercedes S-Klasse, hatte 4.7 Liter Hubraum, 455 PS und kann, wenn man will 250 km/h schnell unterwegs sein. Aber hat man es wirklich so eilig, angesichts der Strassen in Kanada? Nein, es reicht, wenn man Chet Baker lauscht und einfach dahin rollt. Die Strasse kann gar nicht lange genug sein. Schon gar nicht diese, auf denen man genau das machen kann, wofür Autos mal gebaut wurden, wofür dieses Auto gebaut wurde. Fahren, immer auf der Suche nach der nächsten, wunderschönen Strasse.

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Testbericht folgt drüben demnächst in der Testabteilung des Racingblog.

Paranoid

Die ganze NSA-Affäre hat mich erstaunlich kalt gelassen. Mehr als eine „Aha, na ja, war ja klar“ Gedankenblase hat sich da zunächst nicht geformt, nur ganz weit unten im Hinterkopf saß mein inneres Rumpelstilzchen und polterte ein wenig vor sich hin. Die Sache mit der Privatsphäre und der Post-Privacy-Diskussion plätschert ja schon ermattet etwas länger vor sich hin, dass verschiedene Geheimdienste verschiedener Länder auf ja nun zum großen Teil unverschlüsselten Daten zugreifen, ist ja eher eine Selbstverständlichkeit. Informationen zu sammeln ist ja genau das, was ein Geheimdienst machen per definitionem machen soll, warum sollte man ausgerechnet hier halt machen? Das wäre ungefähr so, als würde man zehn polyamore Berliner Blogger beiderlei Geschlechts mit einem Kasten Bier in einem Raum zu sperren, mit der Ansage, man dürfe weder die anderen noch den Kasten Bier anfassen. Also abwegig.

Aber mal ernsthaft: Seit Jahren werden Daten von Konto- und Flugbewegungen einzelner Menschen gespeichert und unter anderem auch in die USA geschickt. Einwohnermeldeämter verkaufen seit Jahrzehnten ihre Daten an den meistbietenden und wer glaubt, dass diese Firmen nur Adresshandel damit betreiben, sollte vielleicht noch mal nachdenken. Aber am Ende ist es nicht die Weitergabe und die Speicherung der Daten, die mir Sorgen macht. Es ist die Frage, welche Motivation eigentlich dahinter steckt. Warum hat die Versessenheit auf Kontrolle dazu geführt, dass man 200 Jahre Kampf um die Freiheit über Bord wirft?

Sicherlich, die Anschläge des 11. September waren in ihrer Monstrosität bisher (und hoffentlich auch in Zukunft) einmalig und haben in den USA einen Schock ausgelöst. Die daraus resultierende Ängstlichkeit vor weiteren Anschlägen ist nachvollziehbar. Dass man versucht, sich abzusichern, zu schützen, ist ein normales Verhalten. Die Überwachungsparanoia betrifft bei Weitem ja nicht nur die USA, sondern auch viele andere Staaten, auch in Europa. Nach den Erfahrungen der letzten Wochen würde es mich auch nicht überraschen, wenn inländische Geheimdienste ähnliche Programme haben. Oder auf Personen setzen, die Zugang zu diesen Informationen haben. Oder glaubt einer, dass V-Leute nur in der NPD sitzen?

Wenn man sich die Folien anschaut und schaut, wie viele Behörden in den USA in die Überwachung, Datenverwaltung und Analyse verwickelt sind, ist es eigentlich überraschend, dass es erst jetzt einen Whistleblower gegeben hat. Gemäß dem alten Satz, dass man nichts mehr geheim halten kann, wenn mehr als drei Leute eingeweiht sind, hätte die Überwachung schon viel früher herauskommen müssen.

Was mich neben der offensichtlich tiefsitzenden paranoiden Grundhaltung und der Erkenntnis, dass es ja irgendwann rauskommen musste an der ganzen Sache überrascht, ist die Heftigkeit, mit der reagiert wird. Schadensbegrenzung wird ja kaum oder nur marginal betrieben, stattdessen reagiert man so, als habe man irgendjemand anders beim Unrecht ertappt. Nicht man selbst ist der Angreifer, sondern man wurde angegriffen, weil jemand eine, zumindest nach außen hin, geheime Datensammelaktion verraten hat. Der Gedanke, dass die Sammlung der Daten vielleicht unrechtmäßig sein könnte, scheint dabei überhaupt keine Rolle zu spielen, weil das Unrecht ein gutes Recht eines Staates ist, da er sich ja gegen mögliche Angriffe wehren muss. Ich habe das Gefühl, als würde ich einem Hypochonder dabei zusehen, wie er langsam in den Wahnsinn abdriftet, weil er Angst davor hat, wahnsinnig zu werden.

Da schließt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel an, und wohin diese Verhältnismäßigkeit eigentlich gerutscht ist. Was passiert eigentlich, wenn wirklich mal was Ernstes passiert? Die Empörungsfähigkeit mancher Staaten (und ich meine damit nicht die USA alleine) scheint sich nur noch zwischen „Übermäßig durchdrehend“ und „Komplett wahnsinnig“ zu bewegen. Das ist in China so, dass hat Russland gezeigt, das sieht man in Ansätzen auch in der Türkei. Und es ist mir ein großes Rätsel, woher diese Hyperventilation eigentlich kommt. Was hat sich in der Wahrnehmung der letzten Jahre so verschoben, dass man so reagiert? Warum führen sich Behörden und Obrigkeiten in den letzten Jahren immer mehr auf, als seien sie ein cholerischer Übervater, der seine Schützlinge erst mal verprügeln muss, bevor er mit ihnen redet?

Eine andere Sache, die in diesem Zusammenhang interessant sein könnte, ist ein Gedankenspiel. Was wäre eigentlich passiert, wenn ein Russe oder Chinese gekommen wäre, der darüber berichtet, wie sehr Russland oder China den Internetverkehr abhören. Was wäre passiert, wenn ein Russe oder Chinese deswegen um Asyl gebeten hätte?

Dieses Gedankenspiel führt mich dann an den Punkt, dass die Unterschiede zwischen den Staaten und Systemen immer mehr zu verwischen. Auch so eine Erkenntnis, die vermutlich etwas braucht, bis man sie wirklich verstanden hat. Was am Ende bei mir im Moment bleibt, ist das dumpfe, kaum zu beschreibende Gefühl, dass sich gerade irgendetwas massiv verändert und mein Verständnis von „Recht“ und „Freiheit“ damit nicht klarkommt. Und es ist ein Gefühl dunkler Vorahnungen, dass die Dinge sich weiter zum Schlechteren verschieben können.