Month: Dezember 2012

2012

Beste Entscheidung: Mit dem Rauchen aufzuhören
Schlechteste Entscheidung: Mit dem Rauchen wieder anzufangen

Beste Anschaffung: Canon D60 samt 18-135mm
Dämlichste Anschaffung: Keine gemacht, ausnahmsweise

Schönster Absturz: Viele Rotweinflaschen in Italien, meherere im EKA, ein langer Abend auf der Republica
Schlimmster Absturz: Ein gefrusteter Abend mit mir und einer Flasche Brandy

Bestes Getränk: Brandy (Trotzdem)
Ekelerregendes Getränk: Orangennektar mit 10% Fruchtsaft. Warm.

Bestes Essen: Das Mittagessen bei Emilio & Maria, nachdem ich nicht mehr gehen konnte
Schlimmstes Essen: Das Aldi-Essen, als ich mal sparen musste.

Beste Musik: Schwierig, dieses Jahr. Obwohl ich dank Spotify so viel Musik, wie seit Jahren nicht mehr höre, hat sich nicht wirklich etwas ins Ohr festgesetzt. Kein Album, dass mich mehr als ein paar Tage wirklich begeistert hat.
Schlimmstes Gejaule: Dank hartnäckiger Weigerung in Sachen Radio und TV um alles herum gekommen, toll.

Eigene, schönste musikalische Wiederentdeckung: Three Mile Pilot
Peinlichster musikalischer Faux-Pas: M83

Beste Idee/Frage: Mal wieder die Wohnung umzuräumen und sich dann deutlich wohler zu fühlen
Dämlichste Idee/Frage: Dieeeessse Flascheee Weein drinke ich noch

Beste Lektüre: Volker Kutscher – Vaterland
Langweiligste Lektüre: Diverse Artikel zum Leistungssschutzrecht in den Tageszeitungen

Bester, dreckigster, geilster Sex: Mit jemand anderem
Langweiligster Sex: Mit mir alleine

Zugenommen oder abgenommen?
Leicht abgenommen, das soll aber noch mehr werden. (Also wie jedes Jahr)

Haare länger oder kürzer?
Alles wie immer.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Weitsichtiger. Brauche tatsächlich neue Brillengläser.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Deutlich weniger, aber dafür festgestellt, dass ich nicht unglücklicher werde.

Der hirnrissigste Plan?
In zwei Wochen vier Autotests und dann auch noch nebenbei krank werden. Krankheit ignorieren. Dann umfallen.

Die gefährlichste Unternehmung?
Mit dem Audi R8 am Drehzahlbegrenzer über unbekannte wahnsinnig kleine Landstrassen rauschen.

Der beste Sex?
Oh ja!

Die teuerste Anschaffung?
Canon D60.

Das leckerste Essen?
Da gab es einiges. Aber ich glaube das selbst gemachte Ossobuco steht ziemlich weit vorne. Und am nächsten Tag die aufgewärmten Rest mit Nudeln einer winzingen Manufaktur aus Italien.

Das beeindruckenste Buch?

Der ergreifendste Film?
Ein paar schöne Filme gesehen, aber erfreifend? Eher nicht.

Die beste CD?

Das schönste Konzert?
Keins gesehen.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Karla und Momo.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Den vielen neuen Freunden aus England, Holland, den Philippinen und Deutschland in Valencia, Florenz und Spa. Und J.

Vorherrschendes Gefühl 2011?
Puuh, so geht es auch nicht weiter.

2012 zum ersten Mal getan?
Autozug gefahren.

2012 nach langer Zeit wieder getan?
Single sein.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Diverse Krankheiten
Diverse Autopannen
Großes Auftragsloch im Sommer

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

2012 war mit 1 Wort … ?
Naja.

2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 2002

Shitstörmchen

Der rasant wachsende Schnappschnussdienst Instagram, der seit dem Frühjahr Facebook gehört, hat seine AGB geändert. Die User regen sich dabei über diese Passage auf:

„Some or all of the Service may be supported by advertising revenue. To help us deliver interesting paid or sponsored content or promotions, you agree that a business or other entity may pay us to display your username, likeness, photos (along with any associated metadata), and/or actions you take, in connection with paid or sponsored content or promotions, without any compensation to you.“

Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur der c’t meint auf Google+, dass das alles halb so schlimm sei:

„Da geht es, wenn ich das richtig verstehe, doch lediglich darum, dass Instagram personalisierte Werbung verkaufen will, bei der Anzeigenschalter auf Instagram oder anderen Facebook-Firmen die Daten der Instagram-User benutzen.“

Aber die Diskussion um die in englischer Juristensprache verfassten AGBs wird damit nicht beendet, zu mal der Satz einiges an Interpretationsmöglichkeiten lässt, was die Nutzung der Bilder zu Werbezwecke angeht. Ob Instagram die Bilder im Sinne einer Fotoagentur verkaufen kann und möchte, ist dann wieder eine andere Frage. Die Instagram allerdings auch nicht klar beantwortet.

(Update 18.12.2012, 23:47h: Mittlerweile hat Instagram auf die Kritik reagiert und verspricht „nicht böse zu sein“, sondern nur ein Unternehmen, dass „innovative Werbeformen“ ausprobieren möchte. Die Fotos der User sollen nicht für Werbezwecke verwendet werden.)

Die Diskussion um veränderte AGB bei Umsonst-Diensten ist nicht neu. Facebook und Google haben da schon einiges einstecken müssen, teils zu Recht. Geändert hat sich deswegen aber nichts. Und interessieren tut es am Ende offenbar dann auch niemanden mehr. Teils aus reiner Ignoranz, teils, weil sich rausstellt, dass die Dienste dann soooo böse am Ende dann doch nicht sind. Man wird wohl kaum massenweise Bilderlizenzen verkaufen, ohne die User in irgendeiner Form daran zu beteiligen.

Das Problem mit Shitstorms dieser Art ist, dass sie keine sind. Ein Shitstorm führt meist zu einem Ergebnis. Die angegriffene Firma entschuldigt sich oder ändert etwas, die User lehnen sich zufrieden mit einem „dem hamwas aber gezeigt“ Blick zurück. Nur bei Facebook und Co passiert nichts.

Das hat meist zwei Gründe:

1. Der Dienst ist umsonst, wenn ich mich morgen verabschiede, passiert der Firma erst mal gar nichts.
2. Nur ein Bruchteil der User interessiert das alles überhaupt.

Wenn ein Unternehmen innerhalb der kritischen Wachstumsphase plötzlich böse werden kann das unschön enden. Denn vor allem Early Adopter nutzen den Dienst früh, und sind wiederum äußerst aufmerksam, was Änderungen der AGB angeht. Meist stürzen sich Blogs auf das Thema, wenn einflussreiche Seiten wie Techcrunch den Daumen senken, war es das meist. Posterous war so ein Fall.
Hat ein Dienst die aber kritische Masse an Usern erreicht und weit überschritten, passiert gar nichts. Ich schätze mal, dass 98 % der angemeldeten Instagram-User die AGB weder lesen, noch sie verstehen wollen. Von den anderen 2 % werden mehr als 80 % laut schreien, am Ende aber bleibt man, weil ja alle da sind und man sich sowieso daran gewöhnt hat. Der Rest geht, ein Teil kommt dann vielleicht später wieder zurück.

Verpuffte Shitstorms sind auch nichts Neues. 2007 hatte Flickr in Deutschland ein kleines Problem, weil sie ihre Jugendschutzeinstellungen für den deutschen Markt generell auf „darfst du nicht“ gestellt haben. Wollte man nackte Haut sehen, musste man sich einen US-Account besorgen. Der Aufschrei war groß, einigen gingen (ich auch). Kathrin Passig hat das elegant bei Facebook zusammengefasst:

„Naja, ich habe Flickr ca. 2007 türenschlagend verlassen wegen irgendwelcher neuer Nacktheitsverbote, es aber seitdem hin und wieder bereut, denn anderswo war es auch nicht so toll. Türenschlagendes Verlassen, hat es je was gebracht?“

Nichts. Und Flickr hat sich auch nicht geändert. Als ich in diesem Jahr meinen Flickr-Account auftauen wollte, stellte ich fest, dass ich meine Bilder nicht per WordPress usw. teilen kann. Mein Account war, trotz Bezahlung, für solche Sachen gesperrt. Grund: Ein Bild, auf dem eine entblößte Brust zu sehen war. Mehr nicht. Das reichte den gestrengen Flickr-Moderatoren aber schon aus. Erst als ich das Bild aus der öffentlichen Ansicht nahm, wurde die Funktion freigegeben.

Shiststorms gegen Dienste, die einen Monopol darstellen, bringen nichts, weil die User meist nicht den Kontakt zu ihren Freunden abbrechen wollen. Die soziale Verbindung ist deutlich wichtiger als die Frage, ob Instagram oder Facebook vielleicht mal ein lustiges Katzenbild aus der persönlichen Timeline verkauft. Und selbst wenn es Konkurrenz gibt, ändert das wenig. Während der kleinen Flickr-Revolte verzeichneten Angebote wie „Ipernity“ einen deutlichen Zuwachs, eine neue Community bildete sich aber nicht, weil die Reichweite fehlte. Mittlerweile sind die meisten zu Flickr zurückgekehrt.

Und was hat sich Facebook nicht schon alles geleistet? Da wurden Accounts von politischen Aktivisten gelöscht, AGB so verändert, dass die Firma mit den Daten machen kann, was sie will und seit Neustem sieht man nicht mal mehr alle Postings seiner Freunde, weil Facebook zu wissen meint, was wir gerne lesen wollen. Sind die Menschen deswegen scharenweise weggelaufen? Nein, die meisten interessiert es gerade so lange, bis ein jemand „Oh, ein neues Katzenvideo“ ruft.

Angebote wie Facebook, Google, Twitter oder Instagram haben sich zu unverzichtbaren Diensten im Netz gemausert. Man kann nicht mehr ohne sie, selbst wenn man will. Entweder brauche ich diese Sachen beruflich, oder der soziale Druck im Umfeld ist so hoch, dass man nicht verzichten will. Natürlich kann man sich von einem Dienst zurückziehen, aber von allen? Und genau dies ist der Grund, warum diese Dienste so schnell keinen Massenexodus erleben werden, seien die AGB noch so hanebüchen.

Verlieren können diese Dienste vermutlich nur, wenn sie die User anfangen zu langweilen. Dann verliert man die Reichweite vermutlich schneller, als bei jeder noch so schlimmen Änderung der AGBs.

Bookmarks vom 15.12.12 bis 17.12.12

Gesammelte Links aus dem Google Reader:

  • | Happy Schnitzel – Resignierte Kinderhasser und Pultsadisten aus Leidenschaft, wahrscheinlich nicht mal das, nur erkrankt am System, aber in keinem anderen Fach schien das so durch wie in der Mathematik.
  • Katzen auf Plattenhüllen (Meawsome!) bei Glaserei – Muss man mehr sagen? Nein.
  • Welcome To Berlin, Now Go Home | The Awl – Robert F. Coleman recently wrote a piece for The New York Times Magazine about his own disastrous encounter with Berlin. He describes how, when faced with the city's unstructured hedonism, his grand creative plans fell apart. Like Coleman, I figured my newly expanded free time would allow me work on a big project, a book proposal I'd been thinking about for years. Initially, I threw myself into it: I went to Prague on a reporting trip, interviewed American experts over Skype, read books from the university library. But as my friend Charly, who's lived here for five years, put it, "It's always fun when new people arrive because they still have their energy and ambition and the rest of us can suck it up like vampires. But don't worry, pretty soon you'll be just like the rest of us, feeding on the young."
  • Krise in Griechenland: Eine Gesellschaft stürzt ins Bodenlose – Debatten – FAZ – Griechenland stehe kurz vor einem Bürgerkrieg. Es scheint lediglich noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die kollektive Verzweiflung der Menschen in Gewalt entlädt und über das Land ausbreitet.
  • The Web We Lost – Anil Dash – This isn't our web today. We've lost key features that we used to rely on, and worse, we've abandoned core values that used to be fundamental to the web world. To the credit of today's social networks, they've brought in hundreds of millions of new participants to these networks, and they've certainly made a small number of people rich.

    But they haven't shown the web itself the respect and care it deserves, as a medium which has enabled them to succeed. And they've now narrowed the possibilites of the web for an entire generation of users who don't realize how much more innovative and meaningful their experience could be.

Bookmarks vom 03.12.12 bis 11.12.12

Gesammelte Links aus dem Google Reader:

  • Jägerschnitzel – Was ist ein gutes Jägerschnitzel? Es ist komplex. Am wichtigsten: Es muss scheiße aussehen. Das ergibt sich bei dem Rezept aber meistens von alleine. Grundlage ist die Jagdwurst, und jetzt wird es gleich richtig kompliziert. Wichtig, jedenfalls nach meiner Erfahrung, sind dabei die Senfkörner. Laut Wikipedia wird eine Jagdwurst mit Senfkörnern, für mich der Inbegriff der DDR-Lebenswurst, als „Stuttgarter" bezeichnet. Müssen Sie jetzt mal drauf klar kommen
  • 10 Amazing Buildings Designed By Oscar Niemeyer – Ich will immer noch dringend nach Brasilia.
  • HORIZONT.NET: "Hehlerbande", "Taliban": Der unnütze Verbalkrieg gegen Google – Die von Mathias Döpfner in der „Zeit“ zu Recht kritisiert Firmenmessage „Don’t be evil“ wurde auch an dieser Stelle schon als ideologisches Konstrukt eines global agierenden Konzerns kritisiert. Doch nicht nur Google ist „erzkapitalistisch“, wie Döpfner beklagt. Axel Springer ist dies auch. Nur ist Weltkonzern Google um ein Vielfaches größer als der ebenfalls nicht gerade kleine Medienhaus Axel Springer.
  • Herbert Maschke – Schöner Schein | Stadtaspekte – Schöne Farbfotos aus dem Berlin der 60er Jahre
  • Was passiert mit unseren Städten?: Stadt der Untoten – Debatten – FAZ – Die neuen Gebäude drängeln sich mit dem Selbstbewusstsein eines betrunkenen Kneipengängers bis auf fünf Meter an ihre Nachbarin, Schinkels berühmte Kirche, heran, in der während der Bauarbeiten der Putz von der Decke krachte. Aus Sicherheitsgründen, teilte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit, habe man während der Bauarbeiten nebenan sämtliche Skulpturen aus der Kirche auslagern müssen – was seine eigene metaphorische Logik hatte: Wo Culture kommt, muss Kultur einpacken.

Wer soll das bezahlen?

Wie geht es es mit dem Journalismus in Deutschland weiter? Klar ist, dass der Markt vor einer einer großen Konsolidierungswelle steht. Die FR und die FTD sind nur zwei Beispiele, weitere werden vermutlich in den nächsten Jahren folgen. Dabei stellt sich auch die Frage: „Wo von sollen eigentlich freie Journalisten leben?“ Denn der Markt ist dicht, es gibt zu viele freie Journalisten, und die Anbieter nutzen dies auch weidlich aus. Was keine Kritik an den Verlagen sein soll, die Preise machen sich die Freien schon untereinader seit Jahren kaputt, weil sie sich gegenseitig unterbieten.

Dennoch bleibt ganz grundsätzlich die Frage, welches Unternehmen mit den Änderungen des Medienmarktes in Zukunft zurechtkommen wird. Die klassischen Verlage haben da so ihre Probleme, vor allem im Tageszeitungsbereich. Aber auch der Special Intrest Bereich leidet.

Gleichzeitig nehmen Unternehmen die Kommunikation zunehmend selber in die Hand. Das machen sie über Blogs, Facebook und andere Methoden, wobei der Erfolg der alternativen Veröffentlichungsformen sich auch erst noch auf Dauer zeigen muss. Persönlich bin ich der Meinung, dass sich die Kommunikation per Social Media für die Unternehmen nur dann lohnt, wenn sich sich gleichzeitig auch den nötigen „Change Management“ unterziehen, sich also von einer geschlossenen Kommunikation nach innen und außen einer offenen zuwenden. Wer nur auf den Absatz zielt, wird nicht sonderlich glücklich werden. Viele haben aber begriffen, oder sind dabei, dass Kommunikation langfristig ausgelegt werden muss und man die Kontrolle über das was über einen gesprochen wird, leichter ausüben kann.

Aber zurück zu der Frage, wer guten Journalismus in Zukunft eigentlich noch bezahlen kann. Es gibt verschiedene Modelle, die im Moment ausprobiert werden, drei will ich mal kurz anreißen.

1. Das Abo-Modell/Paywall
Das im Moment vorherrschende Modell, von allen auch deswegen bevorzugt, weil man es kennt und weil man mit den Adressen dank Listenprivileg auch noch Handel betrieben kann. Man verdient also zweimal. Praktisch ist es so, dass das starre Abo-Modell unter Druck steht. Generelle Paywalls haben bisher noch nicht den Nachweis erbracht, dass sie sich in Deutschland rechnen, sieht man mal von sehr speziellen Fachmagazinen ab. Der Leser will aber kein starres Abomodell mehr, das ist zu unpraktisch. Die Atomisierung der Aufmerksamkeit im Netz passt nicht zu den Vollservice-Modellen der Tageszeitungen. Monats- und Wochentitel sind da auch nicht ausgenommen, denn hier stellt sich oft die Frage, warum ich zum Beispiel den ganzen „Spiegel“ kaufen muss, wenn mich nur die Titelgeschichte interessiert. Abos sind für Verlage praktisch, weil sie auch dann Geld einbringen, wenn die Zeitung ungelesen im Müll landet, bzw. das E-Paper nicht runtergeladen wird. Aber zeitgemäß sind sie nicht mehr, weil die Leser sich ihre Quellen mehr und mehr selber zusammenstellen.

Der Vorwurf, dass es den Verlagen an Flexibilität in Sachen Bezahlmodell fehlt, ist leicht gemacht. Man darf aber nicht vergessen, dass ein Abrechnungsmodell für einzelne Artikel vom gesamten Handling her höchst kompliziert ist. Allein die Buchhaltung ist vermutlich ein Albtraum. Bestehende Systeme wie Flattr haben sich leider bisher noch nicht wirklich durchgesetzt, die taz konnte damit nie große Summen einnehmen. Die Gefahr, dass jeder Verlag ein eigenes Modell mit eigenen Guthaben, Abrechnungssystemen, Anmeldeprozessen usw. einsetzt, ist sehr groß und macht die gesamte Idee unattraktiv.

Zwischenlösungen, wie das Cookie-basierte „Freemium“ Modell, ab dem man ab dem soundsovielten Artikel zahlt, funktionieren auch nur so lange, wie der Leser nicht den Inkognito-Modus des Browsers entdeckt hat. Aber immerhin stellen sie eine relativ faire Möglichkeit dar, nicht alles hinter der Paywall verschwinden zu lassen.

Das bisherige Abo-Modell hat außerdem einen großen Vorteil: Es finanziert auch die Teile einer Zeitung, die nur selten oder wenig gelesen werden. Biete ich Artikel zum Einzelkauf an, wächst die eh schon große Gefahr, dass ich meine Redaktion nur noch Sachen schreiben lasse, die viel Geld bringen. Die Rezession eines Buches, einer Oper oder das Meinungsstück im Wirtschaftsteil kommt dann vielleicht nicht mehr rein, oder Autor wird schlechter bezahlt, weil er wenig Verkäufe generiert. Dass man mit dem Verkauf einzelner Artikel aber eine Gesamtausgabe finanzieren kann, scheint unwahrscheinlich.
Dennoch stehen dem Abo-Modell schwere Zeiten bevor. Ich kenne kaum jemand unter 40, der ein Tageszeitungsabo hat. Die Lesegewohnheiten der unter 30-jährigen sehen noch mal völlig anders aus. Es reicht nicht, wenn man am aktuell noch guten Abo-Bestand festhält, in der Hoffnung, dieser werde sich schon auffüllen.

2. Die Leser zahlen/spenden alles
Spot.us hat das System, dass die Leser entscheiden können, welche Rechercheprojekte sie mit Spenden unterstützen. Durchaus interessant, zu mal die Redaktion die Projekte vorgibt. Allerdings bedeutet dies für die Tageszeitungen auch den Abschied von kompletten Service. Man besetzt aber durchaus einträgliche Nischen, die guten Journalismus finanzieren können. Die Frage ist nur, ob sich so ein Modell im deutschsprachigen Markt durchsetzen kann. Die knapp 110 Millionen deutschsprachiger Leser reichten vermutlich gerade mal für zwei oder drei solcher Projekte. Zudem ist das System auf lokaler Ebene nicht durchsetzbar. Die Frage „Stimmen sie bitte hier ab, ob sie morgen für einen Bericht des Pfarrfestes aus Hintertupfingen lesen wollen, oder lieber einen Bericht aus dem Kreistag haben möchten“ werden nur wenige beantworten, es setzt dazu eine permanente Auseinandersetzung der Leser mit der Zeitung voraus.

Laufende Spendenmodelle, also der Leser zahlt monatlich regelmäßig, sind nichts anderes als Abo-Modelle unter einem anderen Namen. Das funktioniert vermutlich auch nicht und setzt zu dem voraus, dass die Zeitung sich stärker mit den Wünschen der Leser auseinandersetzt. Quasi ein offenes Redaktionsmodell, und so was hat auf Dauer auch noch nie funktioniert. Die Quer-Finanzierung über Anzeigen ist dann wieder schwierig, weil der Leser für seine Spenden auch weniger Werbung erwartet.

3. Das Sponsormodell
Die Frage, warum einige Unternehmen (Google, Microsoft usw.) nicht schon längst selber auf die Idee gekommen sind, eine Onlineredaktion aufzumachen, stellt man seit einigen Jahren. Die Verlockung muss gerade für Suchmaschinen groß sein. Man schafft eigenen Content, der wiederum Leser auf die Seite zieht, die wiederum mit den eigenen Anzeigen vollgestopft sind. Zu dem erhält man durch das Leseverhalten sehr viele Informationen darüber, was die Leute interessiert und nach was sie suchen, was die personalisierte Suche wiederum verbessert. Google musste das bisher nicht machen, weil man durch die Klicks in den Suchergebnissen von Google News schon eine ziemlich genaue Vorstellung darüber bekommen hat, was den User so umtreibt. Aber wenn das LSR kommen sollte und sich immer mehr Zeitungen hinter eine Paywall verdrücken, sieht die Sache vielleicht anders aus. Google hat locker das Geld, sich eine hochkarätige Redaktion zusammenzustellen und niemand kann Google daran hindern, eine Online-Zeitung zu gründen, auch die deutschen Verleger nicht. Vermutlich ein Albtraumszenario der deutschen Verlage. Die Redaktion an sich dürfte Verluste machen, die Frage ist aber, ob das bei der Mischkalkulation eines Großkonzerns signifikant ins Gewicht fällt, oder ob man Leser durch ein „Umsonst-Angebot“ nicht zu anderen, kostenpflichtigen Diensten der Unternehmens locken kann (Apps usw.).

Natürlich würde die Frage aufkommen, wie unabhängig eine Redaktion sein kann, die von einem Konzern finanziert wird, der wiederum eigene Interessen hat. Redaktionelle Freiheit, die Unabhängigkeit der journalistischen Berichterstattung und durchaus auch die Pressefreiheit steht zur Debatte. Auf der anderen Seite: Murdoch, Berlusconi, Springer und Burda sind auch sehr große Unternehmen, die ihre eigene Agenda fahren und ihre Publikationsmittel dafür nutzen, diese durch zu setzten. Da stellt komischerweise keiner die Frage, ob der „unabhängige Journalismus“ (den es eh nur sehr selten gibt) in Gefahr ist. Siehe Umgang der Verlage mit dem LSR und anderen Dingen.

So kommt man schnell generell zur Frage, ob Unternehmen, die das Geld haben. nicht in Zukunft den Journalismus finanzieren können (oder müssen). Was wäre, wenn zum Beispiel die Daimler AG sich ein paar Autojournalisten zusammenkauft und ein Auto-Portal aufmacht? Kann man sich vorstellen, dass Nestlé ein kritisches Magazin über Kochen und Ernährung finanziert? Kann man sich überhaupt vorstellen, dass ein Unternehmen unabhängige Berichterstattung finanzieren kann und will? Nun ja, teilweise machen sie das schon. Mit ihren Anzeigen, zum Beispiel. Viele Konzerne bringen auch seit Jahrzehnten schon eigene Magazine auf den Markt, die sich allerdings nur ums eigene Produkt drehen. Der Schritt, das Magazin „unabhängig“ zu machen, ist da nicht mehr weit, die Infrastruktur steht. Zu dem werden die Magazine nicht im eigenen Haus hergestellt, sondern durch Agenturen. Anders ausgedrückt: Es gibt viele Unternehmen, die sich ihre Kunden- und Mitarbeitermagazine jetzt schon Millionen kosten lassen, ohne dass sie damit Einnahmen erzielen.

Es gibt allerdings auch ein aktuelles Gegenbeispiel für ein gescheitertes Projekt dieser Art aus dem Motorsportbereich. Red Bull hat vor ein paar Jahren die gesamte Redaktion der „Motorsport aktuell“ handstreichartig aufgekauft und das Magazin „Speedweek“ rauszubringen. Zu 100% finanziert von Red Bull, man wollte mit den besten Motorsportjournalisten den Markt erobern. In diesem Dezember ist die letzte Print-Ausgabe erschienen, das Online-Portal soll weiterlaufen, gleicht aber einem Grab. Es fällt also selbst einem Konzern wie Red Bull schwer, im Special Intrest Bereich erfolgreich zu sein. Wobei das globale „Red Bull Magazin“ wiederum gut läuft, aber auch nicht mehr macht, als Eigenwerbung.

Um es aber auch klar zu sagen: Ich kann nicht erkennen, warum ein Unternehmen (welcher Art auch immer) im Bereich der Tages- und Lokalzeitungen über den Anzeigenanteil hinaus investieren sollte. Dafür fehlt den meisten Zeitungen die Reichweite. Immerhin wird die Konsolidierung auf dem Zeitungsmarkt auch dazu führen, dass die Anzeigenpreise wieder steigen, weil es weniger Zeitungen damit weniger Fläche geben wird. Und die klassische Printwerbung ist immer noch zielführend und erzeugt mehr Aufmerksamkeit, als Onlinewerbung. Wäre es anders, hätte sich Google die Anzeigenkampagne neulich sicher gespart.

Dennoch ist es ein interessant darüber nachzudenken, ob und wenn ja, wie Verlags-fremde Unternehmen den Markt aufmischen könnten und was wiederum für den Journalismus bedeuten könnte. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass jemand da in nicht allzuferner Zukunft den ersten Schritt machen wird.

Zusammengefasst ist mein Eindruck, dass sich die Verlage vor allem mit dem Verkaufssystem für Einzelartikel beschäftigen müssen. Wenn man schon nicht auf Flattr usw. setzen möchte, täte man gut daran, ein eigenes System zu entwickeln, dass ähnlich unkompliziert über alle Plattformen und Angebote hinweg funktioniert. Ein gemeinsamer E-Kiosk wäre so eine Idee, dann würde man sich auch aus der Abhängigkeit von Apple winden. Es dürfte aber noch Jahre dauern und die Zustimmung des Kartellamts benötigen, so etwas aufzubauen. Und das „deutsche Hulu“ der RTL/ProSieben Gruppe ist ja gerade an eben jenen Kartellamt gescheitert.
Es bedarf einer Menge, sehr kreativer Ideen um den Journalismus in Deutschland weiter voran zu bringen.

Wir brauchen neue Verleger

Ich hatte es die Tage in meinem Artikel zum LSR schon mal angedeutet: Die deutsche Blogszene hat sich in weiten und überwiegenden Teilen nie aus ihrer eigenen Nische heraus arbeiten können. Das lag nicht an den handelnden Personen, einige haben ja durchaus die Blogebene verlassen und/oder arbeiten erfolgreich für Verlage. Es lag vermutlich an einer Mischung aus mangelnden Geschäftsmodellen und zu kleinem Markt, der wegen seiner Sprache zu regional begrenzt ist. Man kann jetzt noch Vermarktungs- und Mediaagenturen anführen, die Zersplitterung der Blogszene, die mangelnde Professionalität in Sachen eigener Vermarktung usw. Aber am Ende muss man dann doch konstatieren, dass in den gesellschaftlich relevanten Bereichen kein Blog, keine Autoren-Gemeinschaft existiert, die an die Reichweite und die Bedeutung einer überregionalen Tageszeitung heran kommt. Ob ein einzelnes Blog in Deutschland diese Aufgabe überhaupt erfüllen kann, ist dann eine andere Frage, aber ein erfolgreich redaktionell begleitetes Blogportal gibt es auch nicht. (Auch wenn es hierzu schon vor Jahren Versuche gegeben, einen habe ich auch mal versucht anzuschieben. Gescheitert am Finanzmangel)

Es gibt eine Menge Blogs, die sehr erfolgreich Sparten bedienen, es gibt einzelne Blogger die zu gesellschaftlich relevanten Themen, schreiben und deren Reichweite die eigene Leserschaft überschreitet. Aber auch oft nur dann, wenn andere Medien sie zitieren.

Ja, Blogs können als Schwarm etwas bewegen. Der Abmahnwahnsinn ist so eine Sache, wo es gut klappt. Die Netzgemeinde als solche kann politischen Druck aufbauen. Aber als rein publizistisches Gegengewicht zur überregionalen Presse sind Blogs für den Augenblick gescheitert. In 10 Jahren ist es nicht gelungen, diesbezüglich etwas in Bewegung zu bringen. Ich nehme mich da als jemand, der diese Zeit, teilweise nicht ganz unprominent, begleitet hat, nicht aus und ich empfinde dieses Scheitern durchaus auch als Niederlage.

Es mag Blogs geben, die Geschichten anstoßen, groß werden sie aber nur durch die publizistische Macht der Verlage. Und viele Tageszeitungen leisten, trotz Einsparungen, trotz politischer Gängeleien, immer noch eine gute Arbeit. Zum Beispiel der Tagesspiegel in Sachen Flughafen BER. Oder aktuell die gemeinschaftliche Arbeit vieler bayrischer Zeitungen in der Affäre Mollath. Da zeigt sich, was Redaktionen zu leisten imstande sind. Was sicherlich auch mit den seit Jahrzehnten gewachsenen Verbindungen in Ämter zu tun hat. Welcher Blogger kann es sich leisten, jahrelang Beamte zu bearbeiten, damit diese Informationen rausrücken?

Aber eigentlich ist der Kanal, der für die Verbreitung einer Meldung genutzt wird, relativ egal. Wir brauchen guten Journalismus, egal ob auf totem Holz oder digital. Was wir nicht brauchen, sind Tageszeitungen, die zu 90 % aus ungeprüften dpa-Meldungen bestehen. Was wir nicht brauchen, sind Verleger, die Zeitungen als Profitcenter missbrauchen. Was wir nicht brauchen, ist der Umstand, dass Controller die Macht über die Inhalte bekommen. Dass sie entscheiden, was recherchiert wird, und was nicht. Dass Anzeigenabteilungen warnend die Hand heben, wenn es um eine große Geschichte über einen langjährigen Anzeigenkunden geht.

In einer Zeit, in der sich die Politik gefühlt immer mehr von der Bevölkerung abkapselt, in der Bezirksvorsteher wie kleine absolutistische Grafen handeln und scheinbar die Schere zwischen gefühlter richtiger Rechtssprechung und echter Rechtssprechung immer weiter auseinandergeht, braucht es eigentlich eine starke vierte Gewalt. Blogs haben diesen Stellenwert nie erreicht, weil sie nötige publizistische Reichweite verfehlt haben. Sie sind im Moment (manchmal) „Trüffelschweine“ des Journalismus, sie finden oft seltene und gute Geschichten, doch verkaufen kann sie nur eine Zeitung, ein Magazin, ein Portal mit einer großen Reichweite.

Ich mag die meisten Zeitungen im Moment nicht. Zu festgefahren ist der Kurs der Verleger, die es mit der Wahrheit nicht mehr so genau nehmen. Zu altväterlich ist oft der Ton im Blatt, zu wenig innovativ die Berichterstattung und die Nutzung der neuen Publikationsmöglichkeiten. Zeitungen reißen die Inhaltebarrieren, die das Internet gerade beiseite geräumt hat, nicht mit ein, sie versuchen sie verzweifelt aufrecht zu erhalten. Sei es aus Angst vor der Veränderung, sei es aus schierem Unwissen. Das Verharren hinter der Mauer aus Anspruchsdenken, früheren Erfolgen und herrischem Gatekeeping hat die meisten Zeitungen dahin geführt, wo sie jetzt sind: im Nirgendwo. Dass die Mauer bröckelt, wissen die Beteiligten selber schon länger, doch was tun, wenn Autokraten den Weg vorgeben?

Die Profiteure dieser postdemokratischen Entwicklung sind, teilweise, Politiker und die Wirtschaft. Wenn komplexe Vorgänge nicht mehr hinterfragt werden können, wenn Spin-Doktoren ihrer Arbeit in Ruhe und ungestört nachgehen dürfen, bleibt am Ende die Aufklärung auf der Strecke.

Leider sind die Verlage gerade dabei, den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit zu verspielen. Wenn, wie im Fall des LSR, so viel gelogen und falsches Wissen verbreitet wird, wie gehen Zeitungen dann mit anderen Themen um? Wie oft ist die Lüge bei welchem Thema auch immer in der Berichterstattung erlaubt, wenn es um die Durchsetzung der finanziellen oder machtpolitischen Interessen des Verlags geht? Das die „Bild“ die Wahrheit so verdreht, wie es dem Verlag in seine politische Agenda passt, daran hat man sich gewöhnt. Aber die FAZ, oder SZ? Die Glaubwürdigkeit eines elementar wichtigen Bestandteils der Demokratie steht auf dem Spiel.

Wir brauchen die Tageszeitungen, sonst würde Günter Mollath weiter unbeachtet in der Psychiatrie sitzen. Wir brauchen starke Regionalzeitungen, sonst würde Kurt Beck vermutlich immer noch sagen, dass der Umbau des Nürburgrings ein voller Erfolg war. Wir brauchen die Journalisten, die das alles möglich machen. Wir brauchen Verlage, die sich vor ihre Journalisten stellen.

Was wir nicht brauchen, sind Verleger, die Journalismus und Kampagne vermischen und nach Gutsherrenart entscheiden, welcher Politiker wann angegriffen wird. Oder ob es für Recherchen nur dann Geld gibt, wenn sie ins politische und wirtschaftliche Schachspiel passen.

Was wir brauchen ist nicht ein neuer Journalismus, was wir benötigen, sind neue Verleger. Unternehmer, die noch daran glauben, dass guter Journalismus die Demokratie schützt und für die sich die Stärke der Demokratie nicht allein in der Rendite widerspiegelt.

Best of Twitter – November 2012


https://twitter.com/beltenwummler/status/264067921913991168


https://twitter.com/ichichich/status/264667110163218433


https://twitter.com/patrickwollny/status/266237920766218242


https://twitter.com/zeitrafferin/status/274500540090703872

Bonus-Tweet