Month: März 2011

Twitter Missverständnisse

Das grandiose Protokoll, in dem ein Teil der deutschen Hauptstadtjournalisten sich darüber empört, dass der Regierungssprecher jetzt twittert, ist nicht nur lustig zu lesen, es ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie man Twitter auch nach fünf Jahren immer noch falsch verstehen kann.

1. Twitter ist keine Agentur und kein gefilterter Nachrichtendienst, der mich mit zu 100% wahren und richtigen Informationen versorgt.
Das wird gerne anders gesehen. Nach dem Motto: „Wenn es irgendwo geschrieben steht, muss es wahr sein“ fällt es vielen schwer innerhalb des Twitterstreams zwischen „echt“ und „Lüge“ zu unterscheiden. Das ist, zugegebenermaßen, auch nicht immer einfach, wenn man nicht die Spielregeln kennt. Aber gerade Journalisten sollten die eigentlich kennen, denn einer der wichtigsten Regeln lautet: „Traue nie nur einer Quelle“. Es ist lächerlich, wenn man sich hinstellt und sagt, dass man Twitter nicht vertrauen könne, weil dort nur kopierte Unwahrheiten gesagt werden. Genauso gut kann ich mir am Bahnhof eine beliebige Frauenzeitung aus dem Regal zerren und auf den Mangel an Glaubwürdigkeit der gesamten Presse hinweisen. Genauso, wie man innerhalb des gesamten Presseangebotes gelernt hat, die Zeitungen zu finden, denen man vertrauen kann, lernt man auch bei Twitter Accounts zu folgen, die meist richtig informiert sind.

2. Aber auf Twitter werden oft Unwahrheiten verbreitet, das kann man nicht stoppen, weil sich jeder als „Bundeskanzlerin“ oder sonst wen ausgeben kann.
Natürlich werden Unwahrheiten auf Twitter verbreitet. Wie in jeder Kommunikation. Man muss jetzt auch nicht so tun, als würde man zum ersten Mal in seinem Leben damit konfrontiert. Man wird deswegen also kaum theatralisch zusammenbrechen und das Riechsalz verlangen müssen. Twitter bedeutet nicht nur eine uneingeschränkte Kommunikation mit all ihren Schwächen, sondern auch, dass ich meine eigenen Filter verbessern muss. Es ist eben kein vorgekautes, aufbereitetes Informationshäppchen, sondern ungefilterte Sprache und Information. Manchmal werden bewusst Spekulationen verbreitet, nicht mal um etwas Böses tun zu wollen, sondern um möglichst viele Informationsbits in einem Pool zu haben, um von dort aus zu sehen, was denn nun stimmt. Nicht der Sender ist allein verantwortlich für die Richtigkeit der Information, sondern auch der Empfänger, in dem er jede Information zumindest skeptisch betrachtet.

Damit liegt es dann in meiner Verantwortung, wie ich damit umgehe. Man kommt nicht drum herum, sich selber mit den Dingen zu beschäftigen und Informationen permanent zu hinterfragen. Stimmt es, dass XXXX Mengen an Radioaktivität in Japan gemessen wurden? Oder weniger, wie ein anderer Account behauptet? Ich muss versuchen es selber rauszufinden. Als Leser kann ich die Zahlen ignorieren, als Journalist muss ich halt was tun. Eine Variante wäre dann zum Beispiel, dass ich über die Twittersuche versuche zu filtern, ob andere Menschen in der Gegend etwas ähnliches twittern, oder ob die Aussage isoliert bleibt.

Twitter zwingt einen also, eigene Filtersysteme zu entwickeln, auch wenn man ein Laie ist. Der positive Nebeneffekt ist, dass man auch andere Nachrichtensysteme mit diesen neuen Filtern betrachten kann, was offenbar auch schon viele machen.

3. Microbloggingsysteme werden nicht mehr verschwinden.
Twitter mag irgendwann implodieren, Facebook, das im Prinzip nichts anderes als Twitter ist, nicht. Vielleicht kommt auch was komplett neues, wie color zum Beispiel, aber die Idee der schnellen, vernetzten und offenen Kommunikation wird nicht einfach wieder weg gehen.

Vermutlich empören sich viele Journalisten aus der Bundespressekonferenz aber auch weniger darüber, dass sie jetzt auch Twitter auf ihrem Nokia Handy installieren müssen, sondern mehr darüber, dass sie nicht mehr alleine Empfänger mancher Nachrichten sind.

Shanghai/London/Berlin – Tag 7

Rückflug. Um acht verlasse ich das Hotel, eine Stunde später bin ich am Flughafen. Das Flugzeug ist voll mit Spaniern, selbst weiter hinten gibt es keine freien Plätze neben einem, was den 12.5 Stunden Flug insgesamt in Richtung „Unerträglich“ schiebt. Im Grunde sind alle „Economy“ Klassen für Menschen über 185cm komplett unerträglich. Ein Trick ist, dass man versucht via Online-Check in einen Tag vor dem Abflug einen der wenigen brauchbaren Sitze zu bekommen. Davon gibt es in den meisten Flugzeugen aber nur vier oder sechs Stück. Eine Lösung ist noch, dass man ganz hinten sucht. Meist versuchen die Airlines die Plätze verstreut zu buchen, damit man keinen Sitznachbar hat, und das von vorne nach hinten. Wenn das Flugzeug nicht ausgebucht ist, kann man viel Glück hinten eine ganze Sitzreihe bekommen. Ebenfalls brauchbar: die letzte Reihe außen, da die oft nur zwei und nicht drei Sitze hat. Die Enge ist jedenfalls nicht schön, wenn man auch noch eine sich laut unterhaltende Reisegruppe aus Spanien neben sich hat, kann das schon mal Mordgelüste auslösen.

British Airways bietet immerhin noch eine „Premium Economy“ an, eine etwas aufgepimpte Eco-Klasse, auf die ich gerne upgegradet hätte, aber dummerweise hatte mir das Reisebüro ein Ticket gebucht, dass man nicht mit Meilen upgraden kann, was ich auch erst ein paar Tage vor der Reise festgestellt habe. Auf der anderen Seite – 12 Stunden Flugzeit bis Shanghai und knapp 24 Stunden von Haustür zu Haustür sind doch immer wieder eine erstaunliche Sache. Eben steht man noch neben Garküchen, wird von hupenden Elektrorollern umkurvt und etwas später liegt man wieder im heimischen Bett. Eventuell kann man sich den nervigen Flug aber in ein paar Jahren sparen, wenn die Chinesen ihre Idee mit dem transnationalen Zug wirklich umsetzen.

Shanghai war toll. Ich war noch nie in einer Millionenstadt, die derartig pulsiert und wächst, in der es derartig ein so anderes, und doch dann irgendwie auch westliches und sehr positives Lebensgefühl herrscht. In China geht es gerade ab. Rund 10% Wachstum pro Jahr sind spürbar und die nächsten Jahre wird es so weiter gehen. Was da gerade an Kaufkraft entsteht ist unglaublich, dass der Westen aufpassen muss, steht mittlerweile in jeder Provinz-Zeitung. Dazu kommt, dass die fast die gesamte Infrastruktur Chinas erst neu gebaut wird. Was hier 20, 30 oder 40 Jahre alt ist, wird dort gerade neu gebaut. Das reicht von Brücken über Straßen, Industrie usw. bis hin Autos. Und Shanghai ist mitten drin. Wie sehr sich die Stadt in den letzten 20 Jahren geändert hat, lässt sich an diesem Vergleichsfoto erahnen.

In einer gewissen Weise ist Shanghai schon jetzt der „place to be“ für alle, die sich für offene, explodierende Städte interessieren, in der vor allem gearbeitet wird. Touristisch ist Shanghai, meiner Meinung nach, eher schwierig. Es gibt zwar einiges zu sehen, aber jetzt auch nicht so viel wie in Paris, London oder Berlin. Zu dem ist die Stadt durchaus anstrengend. Der irrsinnige Lärmpegel kann einen schon wahnsinnig machen, auch das sich die Chinesen scheinbar bei jeder Unterhaltung anschreien führt auch nicht gerade dazu, dass es leiser wird. Es ist dreckig, laut, es gibt einen höllischen Smog und man läuft permanent Gefahr überfahren zu werden. Aber dann ist Shanghai auch spannend, weil es kaum Regeln gibt und die Stadt einem im Moment noch das Gefühl gibt, dass alles möglich ist. Geschäfte entstehen im Minutentakt, die Lust am Vergnügen ist sehr groß, dementsprechend wird Abends auch gefeiert.
Gut, politisch ist die Sache bekanntermaßen schwierig, aber die meisten Expats, die dort schon lange leben, berichteten mir, dass sich von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen um die KP kümmern und die sich auch weitesgehend aus dem Leben der Menschen raus hält. Menschenrechte sind und bleiben ein Problem für viele politisch engagierte Chinesen, aber zumindest in Shanghai merkt man wenig von Unterdrückung oder Willkür. Das es aber auch schnell anders sein kann, erfuhr ein Deutscher, der ohne Pass in der Stadt unterwegs war. Ein Polizist hätte ihn um ein Haar mit genommen, weil er auf Nachfrage nicht den Pass und das darin befindliche Visum vorzeigen konnte. Aber diese Dinge scheinen nach und nach immer seltener zu werden. Man merkt den Chinesen auch an, dass sie (zu Recht) stolz auf das sind, was sie bisher geleistet haben und dass sich fast alle auf die Zukunft freuen. Diese positive Grundhaltung ist eine Sache, die einem sofort an der Stadt auffällt, die andere ist, dass das Land im Gegensatz zu Europa trotz KP usw. angenehm unreguliert ist.

Eine der Dinge, auf die ich mich persönlich sehr gefreut habe, war das essen. Und ich wurde nicht enttäuscht. An manche Dinge habe ich mich nicht heran getraut. Da ich ja nicht zum Spaß in China war und arbeiten musste, hatte ich etwas Bedenken, einfach alles aus zu probieren. So habe ich, schweren Herzens, einen weiten Bogen um all die Garküchen auf der Straße gemacht, obwohl es wirklich verlockende Dinge zu sehen und riechen gab. Meist habe ich mich an etwas „besser“ aussehende Restaurants gehalten, die Vorsicht teilen allerdings auch die, die schon länger in China leben. Wenn man die Ecken und Läden nicht wirklich kennt, kann es schnell ungesund werden. Ein Problem (über das man besser nicht zu lange nachdenkt) ist die Massentierhaltung in China. Auch Kühlketten sind so eine Sache und wie teilweise mit Fleisch umgegangen wird, kann man ja bei den Fotos sehen. Je billiger das Essen ist, desto größer auch die Chance, dass etwas nicht stimmen kann. Das gilt wohl insbesondere für Garküchen, die weit vom nächsten Markt entfernt sind. Auf den Märkten selber gibt es die Probleme seltener. Man sollte einfach schauen, wo viele Chinesen stehen. Dort, wo die Sachen gut und schnell weggehen, müssen sie auch nicht lange gelagert werden. Auf jeden Fall sollten Fleisch und Fisch durch gegart sein. Aber wenn man darauf ein wenig achtet und seinem Magen ein paar Tage Zeit gibt, dann kann geradezu fantastisch essen. Gewürze und vor allem Gemüse, dass man noch nie gegessen hat, findet man sehr oft. Ich hab allein fünf verschiedene Spinatsorten probiert, die auf der englischen Karte alle unter der Bezeichnung „Grünes Gemüse“ liefen.

Aber ich will auf jeden Fall noch einmal nach Shanghai, am besten so schnell wie möglich. Allein wegen des Essens.

Shanghai – Tag 6

Gut, das war zu erwarten, dass der Tag etwas zäher sein würde (Siehe Eintrag eins drunter). Nachdem ich aber schon am Vortag mein eh sehr schmales Touriprogramm eingedampft hatte, muss ich heute dann doch was machen. K., seine Freundin und ich schleppen uns durch das warme Shanghai, mitten durch den Park und dem sich dort befindlichen Heiratsmarkt. Dort bieten Familie ihre Töchter an, die sie los werden wollen, aber auch Männer zeigen sich auf den DIN-A4 großen Blättern in lässiger David Hasselhoff Pose vor ihrem Import-Wagen. Und natürlich stehen hier die Menschen zu tausenden in der Gegend rum. Es werden Familienfotos ausgetauscht und offenbar verhandeln die meisten Eltern untereinander aus, wer da wen heiraten soll.

Danach holen wir die maßgeschneiderten Hemden ab, die ich am Montag noch bestellt habe. Fünf Stück für zusammen 480 RMB, was ungefähr 45 Euro sind. Hand genäht, fantastische Qualität. Leider schaffe ich keinen Anzug, weil zu wenig Zeit bleibt, dass der für gut befundene Schneider noch ein paar Anzüge hin bekommt, die so um die 500 RMB kosten. Das nächste Mal…

Danach dann endlich in den Technikmarkt. Man kennt das ja, dass in China alles gefälscht wird, aber überrascht war ich dann doch, dass ich ein neues iPad2 mit 512 GB Speicher hätte kaufen können. Gibt es natürlich nicht, aber offenbar weiß das nicht jeder. Die Chinesen fälschen alles. Wirklich alles. So gar Cola. Man sollte nur die in der Dose kaufen, auch im Supermarkt, hätte mich K. gewarnt, denn Dosen fälschen ist wegen des Verschlusses nicht so einfach und günstig. Flaschen seien einfach, ganz besonders Wasserflaschen wie „Evian“ usw. würde gerne mal nachgemacht. Es gibt nichts, was nicht gefälscht wird und die Qualität der Fälschungen ist mittlerweile so gut, dass man die Sachen teilweise schon wieder teuer werden.

Der Markt, der wie ein offizielles Kaufhaus aussieht, platzt jedenfalls vor lauter „Authorized Apple Dealer“ aus allen Nähten, deren „Authorized“ – Schilder selbstverständlich auch alle gefälscht sind. Sonst würde es ja auch keinen Spaß machen. Leider verkaufen sie dort tatsächlich nur nachgemachte, oder (Schock!) echte Ware, die dann genau so teuer ist wie in Deutschland. Noch mehr interessiert hätte mich der Markt, auf dem der „Schrott“ angeboten. Zum Beispiel diese 800 mW Laserdinger. In Deutschland ist die Stärke von Laserpointern auf 1 mW beschränkt. Mit 800 mW kann man Streichhölzer anzünden und kommt in Sachen Reichweite gefühlt bis zum Mond. Leider habe ich keine Fotos vom Markt, hatte die Kamera vergessen, und auf die Idee, mir da für 20 Euro eine nach gemachte Casio zu kaufen, kam ich auch erst auf dem Weg nach Hause.

Abends schlägt dann die lange Nacht samt Kater zurück und außerdem möchte ich nicht komplett müde den nächsten Reisetag angehen. Wir bleiben im Hotel, genießen die fantastische Aussicht auf die Stadt und K. bestellt etwas zu Essen. Das funktioniert auch anders, es gibt einen Lieferdienst, der die Sachen bei dem Restaurant abholt, bei dem man bestellt. Der Lieferdienst kocht also nicht selber, sondern nimmt die Bestellung entgegen, gibt das an die Restaurants weiter, holt es ab und liefert es ins Hotel. Praktisch, sollte man hier auch mal einführen.

Shanghai – Tag 5

Obwohl ich ausnahmsweise mal knapp sieben Stunde geschlafen habe merke ich schon auf der Rückfahrt Richtung Shanghai, dass ich nach 5 Tagen China inkl. mörderischen Jet Lag und zwei sehr intensiven Schulungstagen dann doch etwas platt bin. Eigentlich, sage ich mir, sind heute die Technikmärkte dran, uneigentlich versinke ich nach der Ankunft um 13.00 Uhr auf dem Hotel-Sofa um dann beim Durchzappen vom Erdbeben in Japan zu erfahren, das live über sämtliche News-Kanäle läuft. Ich gehe kurz runter um mich mit etwas zu Essen zu versorgen und sehe dort, dass in dem alten Viertel vor dem Hotel nach und nach Fernseher raus gestellt oder lauter gestellt werden. Die Menschen versammeln sich und unterhalten sich aufgebracht über das, was da zu sehen ist.

Gegen Abend kommt K., in dessen Hotel-Appartement ich wohne, und mein Körper sagt auch nach einem halben Tag auf dem Sofa: „Ich will zu Hause bleiben, ich will schlafen.“ K. sieht das für sich und seinen Körper ähnlich und er meinte „Nur ein Bier, was Essen und spätestens um 23.00 Uhr sind wir wieder im Hotel.“ In der Nachschau kann ich sagen, dass wir um 23.00 Uhr überall waren, aber nicht im Hotel. Kann sein, dass wir im „Manhattan“ waren, kann sein, dass wir schon in einem der drei oder vier anderen Dingse waren, die danach folgten. Jedenfalls lagen wir nicht im Bett sondern zerstörten die restliche Kondition mit Tsing-Tao. Das wäre am Ende vielleicht auch nicht so schlimm gewesen, weil das Tsing-Tao schwer an Heineken erinnert: Ganz ok, und sehr dünn. Dummerweise kamen aber noch andere Dinge dazwischen, darunter die Jägermeister (!) aus dem „Manhattan“, die uns die Besitzerin namens „Lucy“ mit auf den Weg gegeben hat.

Der Laden gehört, wie viele, viele, viele andere in Shanghai zu einer Gattung Kneipe, die ich mal „Animier-Club“ nennen möchte. Man geht rein, ca. 3447 Chinesinnen, Filipina, Mongolinnen, Vietnamesinnen usw. stürzen sich auf den Gast und belabern ihn. Evtl. wird man auch betascht, wer möchte darf auch im geringen Umfang zurücktatschen, aber mehr ist nicht. Sex gibt es nicht, die Damen sind nur dazu da, dass man ihnen Getränke ausgibt und sie einen mit sinnlosen Fragen bombardieren. Ich kann das Geschäftsmodell nicht so ganz verstehen, aber offenbar läuft es gut, denn in der Nacht merkt man, dass die ganze Stadt voll mit diesen Clubs ist. Los wird man die Damen nur schwer, immerhin gelang K. und mir das Kunststück uns lange genug und intensiv zu unterhalten, so dass die Damen sich woanders umschauten. Thema der Unterhaltung: Das deutsche Steuersystem. Hätte ich auch nicht gedacht, dass das mal für etwas gut sein würde.

Nun sind Asiatinnen auch nicht mein Fall. Liebe, nette Menschen, aber nicht wirklich meine Liga, was die Sache mit den Animierdamen auch nicht leichter macht. Lustig ist allenfalls die Besitzerin, die ganz und gar nicht chinesisch aussieht und die mit einem Ami verheiratet ist. Ein blasser, stiller Mensch um die 60, der in einer Ecke sitzt und die Playlist mittels Computer steuert.

Wir ziehen dann weiter und verlieren auf dem Weg E. mit dem wir essen waren und der jetzt in irgendeinem Club hängen bleibt um am nächsten Tag, laut Auskunft eines anderen Bekannten, einen langsamen Tod auf dem Sofa zu sterben. Wir ziehen weiter, noch so ein Animierschuppen, dann eine Art Irish-Pub, in dem ich tanze, was alleine schon ein deutliches Anzeichen dafür ist, dass ich SOFORT nach Hause gehen sollte. Wir treffen aber weitere Menschen, mir werden in ziemlich hektischer Reihenfolge Biere in die Hand gedrückt und ich höre mich reden. Sort of. Der krönenden Abschluss liefert dann eine irrsinnig lauter Club namens „Mao“, in der ich einer Prostituierte von den Philippinen ausfrage, was sie so verdient (1000 RMB für die Nacht, 50% gehen an den „Manager“).

Im Grunde ist das nämlich so, erklärt mir K. am nächsten Tag: Während man in den Bars kaum Prostitierte trifft, sieht das in den Clubs anders aus. Hier sei die käufliche Damen-Dichte derartig hoch, dass auf 40 Männer 60 Frauen kommen und an manchen Abend könnten die Frauen mehr Geld verdienen, wenn sie sich gegenseitig abschleppen würden. Oder anders ausgedrückt: ein nicht unbeträchtlicher Teil der weiblichen Jugend verdient sein Geld damit, Expats je nach Laune ins Bett und das Geld aus der Tasche zu ziehen. Dabei ist die Prostitution angeblich größtenteils unorganisiert. Ich stelle es mir schwer vor, wie man bei all den Frauen in den Clubs feststellen kann, wer Geld will und wer nur zum Spaß da ist. Die Antwort ist aber einfach: Die kein Geld haben wollen, sprechen einen höchstens einmal an.

Kurz gesagt: Das Nachtleben in Shanghai erinnert schwer an eine einzige, riesige Party. Ein bisschen wie Berlin in den 90ern, abzüglich der Prostituierten.

Wie dem auch sei – laut allgemeiner Schätzung müssen wir so gegen halb sieben im Hotel gewesen sein. In einem letzten, kurzen Moment der Klarheit nehme ich noch zwei Aspirin bevor ich einschlafe.

Shanghai – Tag 4

Arbeit. Arbeit. Arbeit. Heute sieht man dann auch mal was von Wuxi, denn gestern versank die Stadt in einer Mischung aus Dunst und Smog. Die Sichtweite betrug vielleicht 800 Meter, dahinter gab es nur noch einen grauen Schleier. Heute scheint die Sonne, man kann einen blauen Himmel erahnen. Schöner wird die Stadt dadurch aber auch nicht. Die Innenstadt besteht, wie wohl die meisten Städte in der Gegend, aus riesigen Baustellen und vielen, vielen neuen Hochhäuser. Unter 20 Stockwerken tun es die Chinesen einfach nicht. Das sieht man vor allem, wenn man die Stadt verlässt und in die Gewerbeparks fährt. Auf dem Weg sieht man riesige Baustellen, auf denen teilweise 15 und mehr Hochhäuser mit mehr als 20 Stockwerken hoch gezogen werden. Und davon sieht man nicht eine, oder zwei. Es sind Dutzende, allein in Wuxi, und auf der Strecke von Shanghai nach Wuxi sind die Baustellen kaum noch zu zählen. Gleichzeitig reißt man die alten Wohnsiedlungen, die teilweise erst vor 10 oder 20 Jahren gebaut wurden, wieder ab. Die Wohnungen in den neuen, riesigen Siedlungen sind extrem begehrt. Keiner will mehr in den alten, engen und unmodernen Siedlungen untergebracht werden.

Um behaupten zu können, das Wuxi schön sei, muss man sich schon arg betrinken. Laut der teilweise seit Jahren in China lebenden Europäer, mit denen ich gesprochen habe, sieht es überall in der Provinz so aus, Wuxi sei sogar noch wegen der Nähe zu Shanghai noch ein klein wenig besser dran. Im Inneren von China gibt es wohl tausende von Städten, deren Einwohnerzahl die Millionengrenze sprengt und die schneller wachsen, als man sich das vorstellen kann. Das man nicht mehr in Shanghai ist, merkt man vor allem daran, dass nun überhaupt keiner mehr Englisch spricht, wenn man das Hotel verlassen hat. In Shanghai ist es schon schwierig, in Wuxi geht nicht viel, wenn man nicht ein paar Brocken Chinesisch kann. Man kommt aber mit den Händen und Füßen einigermaßen klar, die Eigenart, alle Speisekarten zu bebildern ist eine große Hilfe für beide Seiten.

Zu dem sind die Chinesen meist ziemlich freundlich. Nicht alle, das ist klar, aber die meisten sind sehr offen und hilfsbereit. Ein netter Mann verstand mein Gewedel mit einer Zigarettenpackung nach einer Minute und bedeutete mir ihm zu folgen. Er führte mich 300 Meter zu einem Kiosk und übernahm dann auch noch die Bestellung.

Die Kantine hält heute dann doch eher unangenehme Überraschungen bereit. Die schlecht gelaunt in irgendeiner Soße herum schwimmenden Hühnerteile, sehen aus, als hätten sie schon zwei bis drei andere Gerichte vorher verziert. Und riechen auch so. Das essen wir also nicht. Bedeutet dann allerdings auch hungern bis zum Ende des Workshops.

Abends versuche ich mit einem Kollegen, einer App mit chinesischer Sprachausgabe und vielen Bildern auf der Karte Essen zu bestellen, was erstaunlich gut klappt. Oder anders ausgedrückt: Wir bekommen Dinge, die wir irgendwie erkennen. Nur als plötzlich ein „hot pot“ ankommt, in dem was längliches schwimmt bin ich kurz unsicher. Hund, Katze, Maus? Wasserschlange? Aal? Nachdem ich meine Gabel rein gebohrt habe, kann ich Entwarnung geben – kunstvoll geschnitzte Aubergine.

Shanghai – Tag 3

Ich bin in Wuxi, eine Industriestadt, die etwas 120 km westlich von Shanghai liegt. Der Stadt kann man gerade dabei zu sehen, wie sie sich verändert. Die gesamte Innenstadt wird offenbar gerade nach und nach abgerissen, die alten Wohnviertel sind fast alle verschwunden. Dafür wachsen außerhalb der Stadt unzählige Wohnblocks. Laut einer Zeitung entstehen alleine 2011 in China 10 Millionen neue Wohnungen, 2012 noch einmal 10, zwischen 2013 und 2016 weitere 16 Millionen Appartements. Und das sind nur die staatlichen geförderten Wohnungen, die günstige Mieten haben. Angeblich sind das nur 20% der Neubauten, der Rest kommt aus privater Hand. Das da beim Bau schon mal geschludert wird, hat man neulich gesehen. Dennoch sind die Zahlen unfassbar und selbst die 40 bis 50 Millionen neue Wohnungen reichen hinten und vorne nicht aus. Zum einen, weil die alten ja abgerissen werden, die Leute also quasi nur umziehen, zum anderen weil immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Wohnraum, vor allem in Shanghai, ist wohl sehr knapp, die Mietpreise haben für Ausländer westliches Niveau aber auch die Einheimischen zahlen extrem viel, so dass viele Wohnungen doppelt belegt sind. Die einen schlafen Nachts, die anderen tagsüber.

Das Park Hotel in Wuxi hat einen guten westlichen Standard, vor allem das Frühstück ist erstaunlich reichhaltig. Man gibt sich wirklich Mühe eine Art kontinentales Frühstück zu bieten, aber es gibt auch die englische, die amerikanische und die chinesische Version. Letztere besteht aus süßen Dim-Sum und Dingen, die man sonst eher Mittags oder Abends essen würde. Mich reizt ein gefährlich scharf aussehendes Gericht mit unbekannten Zutaten in einer schwarzen Soße. Da ich hier ja zum arbeiten bin, verzichte ich auf Experimente und bleibe bei Obst und Toast. Das letzte, was ich bei einem Workshop haben möchte, ist ein verrenkter Magen/Darm-Trakt.

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Highlight während der Arbeit ist der Besuch der Kantine. Streng chinesisch organisiert und trotz einer langen Schlange, geht es wahnsinnig schnell. Man geht an vier Stationen vorbei, jede Station bietet in einer kleinen Essschale zwei verschiedene Gerichte an. Die Chinesen greifen schnell zu, zögern tun nur die Ausländer in der Schlange, die vom teilweise schwer zu identifizierenden Inhalt der Schale leicht überfordert sind. Dabei ist es im Grunde relativ egal, weil man sich nur zwischen „Könnte sein, dass ich einen marginalen Prozentsatz des Inhalts erkenne.“ und „Was ist das?“ entscheiden muss. 50% ist dann sehr lecker, 25% im Bereich „interessant“ angesiedelt und der Rest fällt unter den Aspekt „Das lasse ich meinem Magen zu liebe dann mal“.

Auf dem Foto sieht man folgendes: Hinten links ein leicht süßlicher Joghurt, erste Schale hinten links: irgendwas mit Tofu. Könnte Pak Choi gewesen sein, man weiß es nicht. Rechte Schale hinten: Ente in einer extrem leckeren, dunklen Soße unbekannter Herkunft. Rechte Schale vorne: Vermutlich Schwein mit Dings und Ingwer.

Abends gehen wir auf Empfehlung des Hotels in ein von Halogendeckenflutern taghell beleuchtetes Restaurant. Eine in Shanghai lebende Deutsche bestellt dann einfach mal Essen für uns. Nacheinander laufen 5 Vor-, 10 Hauptspeisen und 3 Nachspeisen über den Tisch, einen gefährlich aussehendes Fischgericht vergessen die freundliche Köche dann zu unserer Erleichterung. Zwischenzeitlich verlieren nämliche alle leicht den Überblick, was wir eigentlich bestellt hatten, da immer mehr komische Sachen auf dem Tisch landen. Aber die sind allesamt sehr lecker und auch der Quallensalat ist erstaunlich spannend. Am Ende zahlen sechs Leute für das gesamte Essen und mehrerererere Biere zusammen umgerechnet 36 Euro. Kann man also machen. Auch am nächsten Tag ist die Freude groß, dass das Essen keine weiteren Schäden verursacht hat.

Shanghai – Tag 2

Jet Lag war zwar einigermaßen überwunden, aber irgendwo steckte er doch in den Knochen. Die Aussicht aus dem Hotel Appartement, in dem K. seit zwei Jahren lebt, ist phänomenal. Tagsüber nicht so, weil über Stadt eine Dunstglocke hängt, dafür ist aber nachts wunderschön. Den Tag ruhig angehen lassen und erst gegen 9 das Hotel verlassen. Eigentlich hätte ich gerne ein chinesisches Frühstück probiert, aber in der Nähe war nichts zu finden, also doch einen Starbucks Ableger aufgesucht. Danach einfach ein paar Stunden los gelaufen und mir die Gegend angeschaut. Es gibt in Shanghai kaum noch „alte“ Viertel. Die hat man in den letzten 20 Jahre fast alle abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt. Die meisten Bewohner verlassen ihre alten Häuser gerne. Es gibt eine Abfindung, ein neues Appartement in einer der riesigen Wohnhaussilos, die über die Stadt verteilt sind und von oben aussehen, wie ein Tetrisspiel.

Die meisten, sehr engen Viertel haben zwar Charme, aber sind eine Welt für sich. Die engen Gassen laden nicht gerade ein, dass man einfach mal so rein geht, dafür findet das Leben draußen auf der Straße statt, wo gegessen, gearbeitet, geredet und geraucht wird. Überhaupt, das Rauchen. Angeblich rauchen über 70% der männlichen Bevölkerung. Zigaretten sind billig (80 Cent) und geraucht werden darf fast überall. Neulich hat man wohl verboten, dass man in Kaufhäusern nicht mehr rauchen darf, was zu kleinen Verstimmungen geführt hat. Ansonsten kann man überall rauchen und das wird auch gemacht.

Doch das ist nicht mal das gefährliche in China. Das wirklich lebensgefährliche ist der Verkehr. Die Themen „Verkehrssicherheit“ und „Rücksichtsnahme im Straßenverkehr“ sind nicht existent. Auf den Fußgänger warten hier verschiedene Herausforderungen.

1. Die Straße an einer Ampel überqueren.
Das ist gar nicht so leicht, wie es sich anhört, weil eine rote Ampel für viele nur eine grobe Empfehlung darstellt. Vor allem Taxen und Motorroller empfinden rote Ampeln grundsätzlich als lästig und fahren gerne weiter. Also auch wenn „grün“ angezeigt wird, heißt das noch lange nicht, dass auch keiner mehr kommt. Wenn einer ankommt muss man zur Seite springen. Die meisten Motorroller umkurven einen irgendwie, Autofahrer gehen aber davon dass man klug genug ist einzusehen, dass man als Fußgänger die schlechteren Karten hat.

2. Die Straße ohne Ampel überqueren.
Quasi der heilige Gral, der Grand Slam des Fußgängertums. Ein wenig hilft es, wenn man in Paris gelernt hat über die Straße zu gehen. Aus den Augenwinkel möglichst im 360 Grad Blick scannen, was der Verkehr macht und dann einfach los gehen. 95% aller Motorroller kann man so umgehen, beim Rest muss man halt springen. Autos muss man einfach umlaufen, oder hoffen, dass sie rechtzeitig hupen. Gehupt wird grundsätzlich immer und sehr viel. Der Lärmpegel in der Stadt ist extrem hoch. Das hat aber den Vorteil, dass man von einem heranrasenden Taxi darüber informiert wird, dass man gleich überfahren wird. Sehr vorsichtig sollte man wohl auch sein, wenn der Fahrer mittels Lichthupe freundlich Signale sendet. Es bedeutet nicht, dass er einem in einem Anfall ungewöhnlicher menschlicher Zuneigung die Vorfahrt gewährt. Es bedeutet natürlich das Gegenteil und das man unter gar keinen Umständen weiter gehen sollte, wenn man an der Unversehrtheit seiner Knochen interessiert ist.

3. Autobahnen haben noch andere Regeln.
Es gibt wohl kein Rechtsfahrgebot, und wenn, dann hat es wohl einen ähnlichen intensiven Empfehlungscharakter, wie die rote Ampel. Überholt wird dementsprechend überall und ohne Blinker. Man zieht einfach rüber und hofft darauf, dass der andere schon aufpassen wird. Dabei entstehen, zumindest wie ich gesehen und von anderen gehört habe, erstaunlich wenig Unfälle. Vermutlich, weil man weiß, dass sich alle anderen genauso bescheuert verhalten wie man selber. Ansonsten einfach mit allem rechnen, vor allem mit Dingen, mit denen man nie im Leben gerechnet hat, weil so bescheuert kann man ja nicht sein usw.

4. Neben den Autos sind die Motorroller offenbar Killer Nummer 1.
Das liegt nicht an der schieren Zahl (auch) sondern vor allem daran, dass die meisten Roller einen Elektro-Antrieb haben und nachts komplett unbeleuchtet sind. Man hört und sieht sie normalerweise nicht, es sei denn, der Fahrer nutzt die Hupe (gern) oder telefoniert (auch gern). Oder raucht (noch gerner), aber das hilft nur, wenn er einem entgegen kommt. Man muss also nicht nur nach rechts und links schauen, sondern auch nach hinten. Und nur weil man nichts hört, heißt das noch lange nicht, dass da auch nichts kommt. Auf der Diebstahlliste stehen im übrigen nicht Roller selber ganz weit oben, sondern laut Aussage der dort lebenden Menschen die Akkus, vor allem jene mit einer langen Reichweite.

Auf meiner Shanghai-Wunschliste ganz oben standen von Anfang an die Märkte, vor allem die Lebensmittel verkaufen. Dass das in China eine Sache für sich ist, hat sich herum gesprochen. Aber man will es sich ja mit eigenen Augen anschauen und vor allem riechen. So als verwöhnter Supermarktkunde und engagierter Tierschützer sollte man sich seelisch und moralisch vorbereiten. Auch wenn man etwas penibel in Sachen Hygiene ist, sollte man sich geistig abhärten. Was man sieht, ist dann auch eine Mischung aus faszinierenden, teilweise völlig unbekannte Gemüsesorten und Szenarien, die jeden Beamten eines deutschen Gesundheitsamtes augenblicklich in den Wahnsinn treiben.

Zum Beispiel Fleisch. Das wird auf offenen Holztheken ausgelegt und dem geneigtem Käufer präsentiert. Und das den ganzen Tag. Evtl. auch mit Fleisch, das vom Vortag stammt. Im Winter ist das eher unproblematisch, im Sommer, wo es in Shanghai gerne mal 40 Grad werden, packt man Eisblöcke drauf. Zumindest am Vormittag. Auf einem Bild von mir sieht man ein paar Enten an diversen Haken hängen, davor zwei Ventiltoren. Auf Nachfrage versicherten mir mehrere hier lebende Deutsche, dass das auch im Sommer genauso aussieht.

Ein weiteres schönes Beispiel ist Fisch. Der wird hier meist lebend auf der Straße verkauft. In Styroporkästen oder Plastikbadewannen hält man die zu verkaufenden Fisch. Manche haben eine Sauerstoffversorgung, manche halt auch nicht. Die Fische, die man kaufen will, klaubt man aus dem Wasser, oder sagt dem Verkäufer Bescheid. Mittels eines kurzen Schlag auf den Kopf wird der Fisch betäubt, geübte Hände entschuppen den Fisch, nehmen ihn aus und trennen den Kopf ab. Das geht so schnell, dass man fast zweimal hinschauen muss.

Lebende Tiere findet man selten. Die Chinesen haben zumindest in den touristischen Gebieten dafür gesorgt, dass die Tiere von den Märkten verschwinden. Man sieht zwar noch Kanninchen und Hühner in Käfigen, aber das ist wohl zumindest auf den Märkten in der Innenstadt extrem selten geworden. Eine Verkäuferin hat mich auch wüst beschimpft, als ich ihre Hühner fotografiert habe. Aber – keine Regel ohne Ausnahme. Direkt neben dem Hotel Hochhaus liegt noch ein winziges altes Viertel. Geht man dort rein, sieht man sehr viele Tierhändler, die zum einem fotografierende Touristen gewöhnt sind, zum anderen aber auch jede Menge Tiere anbieten. Von der Heuschrecke über Mäuse bin hin zu vermutlich seltenen Schildkröten gibt es alles. Darunter auch die klassischen Haustiere. In einem Laden sah ich mehrere, sehr junge Welpen in kleine Käfige eingesperrt, auch kaum wenige Wochen alte Katzen sieht in Glaskästen oder Käfigen. Das ist für Tierliebhaber nicht gerade schön anzusehen und man sollte die Märkte meiden, bzw. sich vor dem Besuch seelisch mal kurz abkoppeln.

Wer aber jetzt über „Diese Chinesen!“ echauffiert, sollte vorsichtig sein. In Los Angeles gibt es einen „Pet Shop“ im Beverly Hills Einkaufszentrum, in dem es genauso aussieht, nur dass er etwas sauberer und besser beleuchtet ist.

Ich bin ja nicht zum Spaß hier. Eine sehr großes deutsches Unternehmen hat sein internationales Redaktionsteam nach Shanghai geflogen und ich darf erklären, wie man eine dezentrale Redaktion führt und welche Grundlagen des Online-Journalismus es sonst noch so gibt. Dafür muss ich von Shanghai nach Wuxi, was 120 km weiter im Landesinneren liegt. Die Fahrt ist wegen des Verkehrs (siehe oben) spannend, aber auch weil es eigentlich eine Grenze mehr zwischen den Städten gibt. Wuxi selber ist schwer zu beschreiben. Zum einen, weil ich nur in Konferenzräumen gesessen habe, zum andern weil der Smog so dicht ist, dass man die Stadt nicht sieht (Siehe Fotos). Wuxi wird mir allerdings aus einem ganz anderen Grund länger in Erinnerung bleiben und daran ist die Postbank schuld.

Die stattet ihre neuen EC-Karten mit eimem Chip aus, der die Karten auch im Ausland gegen Skimming und andere Dinge sicherer machen soll. VPay heißt das neue Ding und dafür verzichtet man komplett auf Maestro. Letzteres ist das bisher bekannte Debit-System, mit dem man weltweit Geld abheben kann. VPay ist das Konkurrenz Debitsystem von Visa. Normalerweise sollte man jedem ATM auf dem „Visa“ steht, also Geld abheben können. Dass System ist allerdings aus Sicherheitsgründen auf den Chip angewiesen und nicht mehr auf den Magnetstreifen.

Als ich die Karte bekam, habe ich, auch gerade wegen meiner häufigen Reisen in die USA, bei der Postbank angerufen, wo man man versicherte, dass das neue System von allen Banken nach und nach übernommen wird, und Bargeld an ATMs weltweit überhaupt kein Problem sei. Dass das nicht stimmt, dass die Hotline mich angelogen hat, habe ich dann in Wuxi festgestellt. Das neue System arbeitet bisher nur in Europa, und das auch nur eingeschränkt. Ich hatte relativ viel Bargeld mit, was sich im nach hinein dann als Segen herausgestellt hat. Zum einen, weil ich dummerweise meine Kreditkarte vergessen hatte (deren PIN ich eh schon lange verlegt habe), zum anderen weil die ATMs in China auf das neue System überhaupt nicht eingestellt sind. Wenn man bei Google „Vpay“ und ein beliebiges Land eingibt, findet man dann tonnenweise Einträge von ebenso überraschten wie verärgerten Kunden, die irgendwo in der Walachei ohne Bargeld stehen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum eine Bank nicht in der Lage ist, zumindest übergangsweise beide Systeme anzubieten. Immerhin verdient man ja auch an jeder Transaktion im Ausland.