Month: Januar 2011

Al Jazeera und das Versagen der deutschen Medien

In der Welt ist heute ein bemerkenswerter Artikel erscheinen, der sich kritisch mit der Rolle des Senders im Rahmen der Aufstände in Ägypten auseinandersetzt. Dass der Autor nicht so ganz frei von jeglicher Wertung ist, bemerkt man schon im ersten Absatz.

Der Emir von Katar hält, zum Ärger der arabischen Regime von Ägypten bis Saudi-Arabien, seine Hand über al-Dschasira, das unverhohlen Sympathie zeigt für Hisbollahstan, früher Libanon, und für Hamastan, früher Gaza genannt.

Nun kann man Al Jazeera durchaus kritisch betrachten. Der Sender ist nicht unabhängig, sondern wird von der Regierung in Katar finanziert. Katar selber ist nicht gerade ein Land, das ganz weit oben auf der Liste der demokratischen Staaten steht. Es gibt eine absolute Monarchie, der Islam ist Staatsreligion und Amnesty International spricht von Menschenrechtsverletzungen im Land. Dazu kommt, dass Katar auf Grund seiner Größe und geographischen Lage einer politisch schwierigen Situation steckt. Die Chancen, dass der Emir großen Einfluss auf den Sender nehmen kann, sind also groß.

Auf der anderen Seite hat sich Al Jazeera in den letzten Jahren kräftig verstärkt. Man hat für den englischen Ableger etliche gute Journalisten der BBC und von sky news eingekauft, die im Moment teilweise auch die Berichterstattung aus Ägypten tragen. Deren journalistische Unabhängigkeit ist zumindest auf Grund ihres Namens gegeben (David Frost usw.)

Warum der Sender sich so ausführlich, und zum großen Ärger der ägyptischen wie anderer Regierungen in der Region, mit den Aufständen beschäftigt, ist schwer zu beantworten. Länder wie Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien werden die Berichterstattung mit Sorge beobachten, denn die Aufstände in Tunesien und Ägypten könnte sich zu einem Flächenbrand in der Region ausweiten. Aber der Sender, und damit auch der Emir, macht sich nicht zum ersten Mal in der arabischen Welt unbeliebt. In den USA mag man Al Jazeera auch nicht, da diese den Krieg im Irak lange sehr kritisch begleitet haben. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Sender in den USA praktisch nicht zu sehen ist.

Aber zurück zum Text in der Welt. Dort beklagt Michael Stürmer:

Das Medium appelliert durch seine Bilder mehr an die Gefühle als durch Kommentare an den Verstand. Es ist kein Kanal wie andere. Schon die Preisgabe der – teuer bezahlten – Dokumente aus dem Friedensprozess, der damit praktisch ans Ende kam, zeigte den Sender als aktiven Gestalter der Nachricht, die er dann ausstrahlte. Der Sender und seine Dirigenten greifen ein ins politische Geschehen, sie erzeugen ihre eigenen Fakten und lassen es an kritischer Betrachtung fehlen

Das mag alles richtig sein, auch wenn der Vorwurf, das Al Jazeera den Friedensprozess in Israel quasi im Alleingang gestoppt hat, dann doch von einer gewissen Unkenntnis der Lage geprägt ist. Es mag aber durchaus sein, das Al Jazeera zu viel Demonstrationen und zu wenig offizielle Stellungnehmen bringt. Aber das Problem ist nicht Al Jazeera, sondern es sind die anderen Medien. Die BBC berichtet mit angezogener Handbremse, ebenso CNN. Und die Berichterstattung der deutsche Sender ist ein absolutes Desaster. Während sich die Situation über das Wochenende zuspitzte, kam auf allen deutschen Sender kaum etwas. Anne Will diskutierte gestern auch lieber über Verteidigungsminister zu Guttenberg, anstatt über die Situation zu reden. Die Konsequenzen, die aus einem destabilisierten Ägypten entstehen können waren offenbar unwichtig. Und leider ist mit Patrick Leclercq ausgerechnet vor ein paar Tagen leider einer der besten deutschen Journalisten gestorben, der Ägypten wie seine Westentasche kannte.

Während man in Deutschland bei mittelschweren Schneefällen und Tintenfischen namens Paul Sondersendungen ohne Ende zeigt, verschont man den Zuschauer im Falle von Ägypten fast vollständig. Es sei denn, man kann in Frankfurt braun gebrannte Urlauber filmen, die mitteilen, dass sie nichts gesehen haben. Dass man keine 24/7 Liveberichte im Hauptprogramm zeigen kann, ist verständlich, aber wofür hat man diese ganzen hübschen Digitalsender, die kaum einer schaut? Und über n-tv oder N24 muss man eh nicht reden. Da könnte man fast auf den Gedanken kommen, dass man nichts zeigen möchte. Deutlich wird aber auch, dass den meisten deutschen Sendern das Geld und die Journalisten fehlen, die vor Ort berichten können. Dabei haben sowohl die ARD als auch das ZDF eigene Studios in Kairo, die mit Jörg Armbruster (ARD) und Dietmar Ossenberg sehr gut besetzt sind.

Wenn aber kaum andere Stimmen aus Ägypten zu hören sind, und wenn keine Sender den Aufwand betreiben, den Al Jazeera zeigt, bzw. sich nicht trauen gegenüber der Regierung trotz Arbeitsverbot weiter zu senden, dann bleibt eben nur diese Quelle. Dass Al Jazeera eine eigene Politik mit ihrer Berichterstattung betreiben könnte mag sein, aber möglich wird das dann auch, weil die anderen Sender untätig sind und Al Jazeera das Feld komplett überlassen.

Das einem die Berichte des Senders suspekt vorkommen, dass man sie, wie im übrigen bei jedem Sender, immer wieder nach ihren Motivationen und Hintergründen untersuchen sollte, ist eine völlig richtige Einstellung. Aber sich darüber beklagen, dass es nur eine Stimme gibt, wenn alle anderen Anbietern kläglich versagen, und dann dem Sender auch noch vorwerfen, er würde einseitig berichten, ist ebenso so dumm wie engstirnig.

Ägypten und das Internet

Natürlich ist es bemerkenswert, was da in Ägypten gerade passiert. Aber ebenso spannend wie die Proteste gegen ein ziemlich marodes Regime, fand ich gestern folgende Aussage von US-Präsident Barack Obama. Der sagte:

I also call upon the Egyptian government to reverse the actions that they’ve taken to interfere with access to the Internet, to cell phone service and to social networks that do so much to connect people in the 21st century.

Twitter ist 4, Facebook knapp 6 Jahre alt. Und doch sind beide Dienste innerhalb von kürzester Zeit zu so wichtigen Instrumenten der Kommunikation geworden, dass sie sogar in einer offiziellen Stellungnahme einen US-Präsidenten genannt werden, der sie als wichtigen Teil einer Demokratie definiert. Es hat noch keine Technologie gegeben, die in derartig kurzer Zeit so wichtig geworden ist.

Das Fernsehen und Printmedien hat er nicht erwähnt.

Tsunami im Wasserglas

Nur kurz ein paar Anmerkungen zu dem „Tsunami“, den Sascha Pallenberg meint ausgelöst zu haben. Zur Erklärung: Es geht darum, dass einige, nicht genannte Blogs, offenbar gegen Geld Links zu bestimmten Seiten eingebaut haben.

1. SEO war und ist meiner Meinung nach in vielen Bereich Quatsch und ein Tummelfeld von halblegalen Aktivitäten. Mein Blog hier hat ein Pagerank von 5, und ich mache nichts in Sachen SEO. Nicht mal vernünftige URLs. Das Racingblog, dass ich mit kleinen SEO-Tricks (Überschriften, XML usw) mal versuchsweise getunt habe, hat PR4. Ja, ich weiß, das Pagerank nicht gleich Positionierung ist. Ich bin aber weiterhin der Meinung, dass man eine Seite bei Google am besten damit promotet, in dem man regelmäßig lesenswerte Sachen schreibt oder anbietet. Scheiße wird nicht besser, wenn man Zucker in Form von gekauften Links drauf streut. Mittlerweile hat sich um den ganzen SEO-Bereich eine quasi-esoterische Industrie entwickelt, die offenbar nicht davor zurückschreckt, ihre Kunden zu halb- oder illegalen Handlungen zu bewegen.

2. Die Blogs nicht zu nennen mag rücksichtsvoll sein, hilft der Sache aber nicht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der „Tsunami“ ausschließlich kleine Nischenblogs betrifft, die kaum jemand kennt. Damit kann man natürlich nicht so doll angeben, das verstehe ich. Wäre eines der wirklich großen Blogs dabei gewesen, hätte Sascha Pallenberg vielleicht weniger Skrupel. So arbeitet das Netzwerk weiter, ohne das etwas passiert.

3. Links gegen Geld in ein Blog zu nehmen ist dumm. Vor allem, wenn es so lächerliche Summen sind (Wobei 50 Euro mehr oder weniger für sehr viele im Monat viel ausmachen kann). Sein Blog zur Linkschleuder zu machen, hilft auch nicht wirklich. Allerdings:…

4. Viele kleinere Blogbetreiber haben ein völlig anders Verständnis von „Blog“ als diejenigen, die ihre Blogs als Kommunikationszentrale und Reputationsfahne betreiben. Für die meisten kleineren Blogger ist ihr Seite nicht mehr als eine bequeme Homepage, um die man sich technisch nicht kümmern muss. Vor allem betrachten sie ihr Blog auch als „Ihre Seite“ auf der sie tun und lassen können, was sie wollen. Manche Leute stellen sich Telefonmasten auf ihr Haus und bekommen dafür Geld. Andere packen nicht als Werbung gekennzeichnete Links in ihre Texte und lassen sich bezahlen. Die denken nicht mal ansatzweise darüber nach, dass Blogs eventuell eine neue Medienform sind, die die Verlage bedrohen (und haben damit Recht). Diese Diskussion findet bei den „Alpha-Bloggern“ statt, nicht bei der großen Masse der kleinen Blogs mit ein paar hundert Besuchern im Monat.

5. Pallenberg macht erstaunlicherweise den Fehler, den viele aus der Verlagsbranche machen. Er spricht von „den Bloggern“ als eine homogene Einheit. Die gibt es aber schon lange nicht mehr. Es gibt A-Blogger, Strick-Blogger, Mobblogger usw. Genauso gut hätte er hinschreiben können, dass das Internet korrupt ist. Es ist offenbar allerhöchsten ein Skandal in einem Bereich der Blogs, die kaum gelesen werden. Was die illegale Werbung allerdings nicht besser macht und bestimmten Leuten wieder nur als Vorwand dient, wenn man Stimmung gegen Blogs macht.

Ich will die Sache nicht klein reden, unkennzeichnete Werbung ist inakzeptabel, ein Hinweis unter einem Text tut nicht weh und ein bezahlter Link stört vermutlich die wenigsten Leser der betroffenen Blogs. Dennoch ist es vermutlich Alltag. Dass die Urheber dieses Netzwerks bekannt sind, ist nett, deckt aber nur einen Teil auf. Wenn ich jedes Angebot für „bezahlten Linktausch“ usw. das ich bekomme veröffentlichen würde, hätte ich viel zu tun. Das Problem sind nicht mal die kleinen Blogger, die für 50 Euro einen Link auf ihre Blogs setzten, sondern die dahinter stehende SEO-Industrie, deren Machenschaften man sich genauer ansehen sollte.

Siehe auch: (höhö)
Felix
Netzpolitik
Jakblog

Nachtrag 17:44 Uhr
Sponline behauptet, dass Pallenberg die Sache auch aus eigenem Interesse angegangen ist.

SPIEGEL ONLINE legte Pallenberg diese und andere Behauptungen vor. Der lehnte jede Kommunikation zu dem Thema ab: „Die ‚Qualitaet‘ des Contents (von SPIEGEL ONLINE, Red.) laesst mich einfach nicht ueber meinen Schatten springen, um sie bei ihrer Recherche auch nur annaehernd zu unterstuetzen.“

Bookmarks vom 14.01.11 bis 21.01.11

Gesammelte Links aus dem Google Reader:

Moderne Stigmata

Gleich zwei Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, machten heute im Netz die Runde. Zum einen ist da die Konfiszierung Übernahme der Domain nerdcore.de durch die Firma Euroweb. Laut meiner im Moment zur Verfügung stehenden Informationen hat die besagte Firma im letzten Jahr auf einen Text von René aus dem Jahr 2006 (!) reagiert und daraufhin eine Unterlassungserklärung von René verlangt. Warum René nicht reagiert hat (obwohl er viel Erfahrung mit so was hat) und warum Euroweb nicht einfach das Konto hat sperren lassen, kann ich nicht beurteilen.

Die zweite Sache ist ein Text von Stefan Niggemeier, in dem er sich über die Problematik auslässt, dass ein ehemaliger freier Mitarbeiter der „Bild“ sich an ihn mit der Bitte gewandt hat, seinen Namen aus einem zwei Jahre alten Eintrag beim Bildblog zu nehmen. Er hat offenbar Probleme neue Aufträge zu bekommen, weil der Eintrag immer dann vorne bei Google auftaucht, wenn man seinen Namen googelt. Im Grunde ging es im Eintrag vom Bildblog wohl darum, dass der Journalist schlicht weg abgeschrieben hatte. Stefan kommt zum Schluss, dass er den Eintrag nicht löschen möchte.

Beide Beispiele tragen ähnliche Züge. Bei Nerdcore geht es um einen vier Jahren alten Text, dessen Inhalt vermutlich unbeachtet im deep web gelandet wäre, wenn Euroweb ihn nicht wieder hervor gezerrt hätte. Beim Bild-Text geht um ein unschönes, aber im Grunde harmloses Vergehen, das jemanden jetzt nachhängt. In den Kommentaren bei Stefan schreibt Creezy:

Haben wir nicht alle schon in unserem Berufsleben auch immer mal Bockmist verzapft? Von derartigem Ausmaß, dass wir heute sehr sehr froh sein können, dass es nicht in Öffentlichkeit getragen wurde (ja, natürlich auch weil wir das Glück gehabt haben, nicht in/für die Öffentlichkeit gearbeitet zu haben)?

Tom Kummer hat mal sehr viel erfunden, Künstler, Management-Firmen und Verlage belogen, aber da war das Kunst. Helene Hegemann hat vermutlich abgeschrieben, aber da war das auch Kunst. Ein freier Journalist hat abgeschrieben, die Beweggründe sind nicht ersichtlich, aber hier ist es halt keine Kunst, sondern schlampige Arbeit. Der Bildblog-Artikel, so richtig er in dem Moment war, hängt ihm jetzt, so wie es bei Stefan klingt, wie ein Mühlstein um den Hals. Und genauso hängt René eine leichtfertige Beschimpfung nach.

Die Frage danach, ob das Internet bestimmte Dinge nicht besser nach einer gewissen Zeit „vergessen“ sollte, stellt sich aber sowohl im Fall von René als auch in dem des Journalisten. Es klingt „unfair“ wenn ein Unternehmen nach mehr als vier Jahren auf die Idee kommt, dass man irgendwann mal in einem ganz anderen Zusammenhang beleidigt wurde. Es klingt auch unfair, dass man einen Journalisten, der an einem schlechten Tag mal was abgeschrieben hat, damit den Rest seines Lebens verfolgt. Aber es gibt noch eine weiter Facette in der Geschichte. Denn das „Nicht-Vergessen“ des Internets führt auch dazu, dass wir uns immer mehr auf verhärtete Positionen zurück ziehen, um unseren Standpunkt und das, was wir vertreten, nicht nach außen aufzuweichen. Im Grunde schwimmen wir auf Ego-Inseln, die wir uns mit unseren Ansichten und Argumenten selbst gebaut haben und wir verteidigen ihre Grenzen, sobald wir angegriffen werden oder es darum geht, eine argumentative Kehrtwendung zu machen.

David Foster Wallace schrieb mal:

Bei einer sozial verträglicheren Standardeinstellung kann ich meine Zeit im Feierabendverkehr natürlich auch damit verbringen, von all diesen riesigen, dummen, die Fahrbahn versperrenden Geländewagen und V12-Pick-ups angeekelt zu sein, die ihre verschwenderischen, selbstsüchtigen 120-Liter-Tanks leerfahren, und bei dem Gedanken verweilen, dass die patriotischen oder religiösen Aufkleber immer auf den dicksten, selbstsüchtigsten Autos kleben, die mit den hässlichsten, rücksichtslosesten, aggressivsten Fahrern, die üblicherweise in Handys reden, während sie Leuten den Weg abschneiden, um im Stau ganze fünfzig Meter zu gewinnen […]

So zu denken ist meine natürliche Standardeinstellung. Es ist der automatische, unbewusste Weg, die langweiligen, frustrierenden, überfüllten Teile des Erwachsenenlebens zu erfahren, wenn ich mit der automatischen, unbewussten Überzeugung operiere, die Mitte der Welt zu sein, und glaube, dass meine unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle in der Welt Priorität haben sollten.

Allerdings kann man offensichtlich auch anders über diese Art von Situation nachdenken. Immerhin ist es nicht unmöglich, dass einige dieser Geländewagenfahrer in grauenhafte Autounfälle verwickelt waren und davon derart traumatisiert sind, dass ihr Therapeut ihnen die Anschaffung eines großen, schweren Geländewagens verordnet hat, damit sie sich sicher genug fühlen, um überhaupt fahren zu können; oder dass der Hummer, der mich gerade geschnitten hat, vielleicht von einem Vater gefahren wird, dessen kleines Kind auf dem Beifahrersitz verletzt oder krank ist, und er ins Krankenhaus zu rasen versucht und in weit größerer, gerechtfertigterer Eile ist als ich – eigentlich bin also ich es, der ihm im Weg ist.

Im Internet tendiert man gerne dazu, die Welt in Schwarz oder Weiß zu sehen. Ist einer nicht meiner Meinung, arbeitet er bei der falschen Firma, greift man gerne schnell ins große Säckchen der eigenen Vorurteile und sucht automatisch die passenden Argumente raus, die das eigene Weltbild bestätigen. Im Falle des Journalisten reicht „Bild“. Ob der Mann gerne für das Blatt gearbeitet hat, ob er es musste, weil seine Frau oder er selber krank – wir wissen es nicht. Die Stigmatisierung heißt „Bild“ und sie wirkt halt so lange, bis der Artikel am Boden des Gurkenglases angekommen ist.

Mir machen zwei Dinge der beiden Fälle Bauchschmerzen. Zum einen ist es die Stigmatisierung, die jedes, noch so kleine Vergehen im Netz, auf Jahre festhält und mit ungebremster Boshaftigkeit wieder raus zerrt. Zum anderen ist es die vermeintliche Festsetzung eines politisch korrektem „Konzerndenkens“. Nur wer dem, von wem auch immer festgelegten, Verhaltenskodex auch brav dauerhaft entspricht, wer sich nicht bei Fehltritt erwischen lässt, der muss keine Angst haben.

Ich bin kein Befürworter des digitalen Radiergummis, aber zumindest muss man darüber nachdenken, an welchen Punkten und in welchen Fällen ein „Vergessen“ einsetzen darf oder sogar muss. Darf man jemanden abmahnen, der vor vielen Jahren mal was geschrieben hat, was einen heute stört? In dem Fall (mal abgesehen vom gesamten Unsinn des deutschen Abmahnwesens) wäre ein „juristischer Radiergummi“ angebracht. Aber wann setzt der ein? Wenn ich heute schreibe, dass der Geschäftsführer der Firma XY eine Pottsau ist, wie lange hat er Zeit zu reagieren? Sechs Monate? Zwölf Monate?

Und wie lange sollen berufliche Fehltritte der kleinen Art im Netz ersichtlich sein? Ein Jahr? Zwei Jahre?

Es geht mir nicht um das Vernichten von Information, aber um das gnädige Vergessen. Das Internet speichert nur die Information, es wertet sie nicht. Das Rechtssystem und vor allem aber wir selber müssen vermutlich lernen, dass die Schönheit die ewigen Gedächtnis eben auch nur dann vollkommen ist, wenn das verwischen, verschwimmen und vergessen von uns kommt. Und vielleicht hilft es dabei, wenn man den eigenen Egoismus und moralischen Ansprüche von Zeit zur Zeit überprüft. Die Gefahr ist groß, dass man schnell selber zum Opfer seiner eigenen Ansprüche wird.

Bookmarks vom 04.01.11 bis 11.01.11

Gesammelte Links aus dem Google Reader:

Internet – I love you

Das erste Video mit dem Obdachlosen und der genialen Stimme kennt man ja mittlerweile. Obwohl erst am 3. Januar 2011 eingestellt, hat der kurze Film schon 11 Millionen Hits (Stand jetzt). Und weil gerade so eine Art „slow news day“ ist, haben sich auch die Medien auf die Sache gestürzt. Und das hat wiederum dazu geführt, dass Ted Williams auf dem Weg ist, wieder einen Job, Geld und eine Wohnung zu bekommen, was ihm vom NBA Team der Cleveland Cavaliers angeboten wurde. Und einen eigenen Wikipedia Eintrag hat er auch schon. Das Internet kann schon toll sein.

Zweites Video via Spreeblick.