Month: November 2010

Wikileaks und die Medien

So amüsant die Lektüre der wenigen, bisher von den Medien aufgearbeiteten Dossiers aus der neuesten Veröffentlichungsorgie von Wikileaks auch ist, so sehr kommen mir da einige Dinge etwas zu kurz.

1. Die Quelle und deren Bewertung
So sehr sich Spiegel, NYT oder andere Zeitungen sich für die Veröffentlichung feiern lassen (und finanziell profitieren), es macht mal wieder deutlich, dass keines der Magazine bzw. der Zeitungen, in der Lage ist, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Man hat die Daten nicht mittels einer eigenen Rechercheleistung aufgetrieben, sondern über eine dritte Partei zu gespielt bekommen. Woher die Daten stammen? Keiner weiß es. Allerdings, ich hatte das an anderer Stelle schon einmal geschrieben, ist es ja durchaus wichtig, woher man seine Daten bekommt. Niemand glaubt (bisher), dass große Teile der Dokumente gefälscht sein könnten, die Reaktionen des US-Außenministeriums sprechen auch dafür, dass sie echt sind. Aber dennoch muss ein schaler Geschmack zurückbleiben, weil man die Quelle nicht kennt. Ebenso müssen sich die Medien die Frage gefallen lassen, welchen Grund es wohl haben mag, warum sich die Quelle nicht direkt an sie gewandt hat. Wenn es denn eine Quelle von außen gibt und die Sache nicht ein „Inside Job“ von Wikileaks war, scheint diese Quelle mehr Vertrauen zu Wikileaks zu haben, als zu irgendeinem Verlagshaus auf der Welt. Ich will nicht so weit gehen, dass dies etwas über den Zustand der Printmedien aussagt, aber offenbar glauben zumindest einige Quellen, dass es mit der redaktionellen Freiheit nicht so weit her ist.

2. Die Fixierung von Wikileaks auf die USA
Es ist auffällig, dass Wikileaks fast ausschließlich Daten und Materialen veröffentlicht, die aus den USA stammen. Das löst bei mir eine gewisse Skepsis aus. Sind die Amerikaner so blöd, dass sie ihre Netze nicht schützen können? Warum gibt es diese Dinge nicht aus England, Russland, Japan, Frankreich oder Deutschland? Ich glaube kaum, dass derartige Dossiers nur von den USA erstellt werden. Nun mag es sein, dass die USA sich in den letzten Jahrzehnten nicht gerade beliebt gemacht haben, aber es wirkt teilweise schon wie eine Privatfehde, die sich Wikileaks und die USA da leisten. Ich würde mir wünschen, dass Wikileaks diese Fixierung aufgibt und auch der „safe haven“ für Dokumente aus anderen Ländern wird.

3. Die Instrumentalisierung der Medien
Interessant ist es auch zu beobachten, wie schnell sich die Medien von wenigen Quellen instrumentalisieren lassen. Wikileaks gibt nicht nur die Daten heraus, die Organisation bestimmt auch wann diese Daten und an welche Medien weiter gegeben werden. Interessanterweise gehören dazu selten Fernsehstationen oder andere, reine Internetplattformen. Man poliert den eigenen Ruf damit auf, in dem man die Daten ausschließlich nur weltweit bekannten Printpublikationen zur Verfügung stellt, deren Ruf über jeden Zweifel erhaben scheint. Diese Medien halten sich dann offenbar an einen, offenbar mit Wikileaks abgesprochenen, Veröffentlichungsplan, was auch schon eine Menge aussagt. Einerseits ist es wichtig, das Wikileaks diesen, eher konservativen Weg geht, andererseits laufen die Medien dadurch auch Gefahr sich manipulieren/instrumentalisieren zu lassen. Wer ist im Veröffentlichungspool, wer nicht?

4. Wären die Dossiers ohne Wikileaks veröffentlicht worden?
Zumindest in Deutschland ist bekannt, dass der politische Journalismus und die Politik eng verzahnt sind. Zum einen wechselt man gerne und oft die Lager (z. B. Steffen Seibert) zum anderen liegt es in der Natur der Dinge, dass nur eine gute Vertrauensbasis dazu führt, an die wichtigen Informationen zu kommen. Spannend daher die Frage, was Spiegel, FAZ oder SZ gemacht hätten, wenn ihnen die Informationen ohne Wikileaks zugespielt worden wären. Hätten sie alles veröffentlicht? Oder nur die harmlosen Teile, während man brisante Teile in den Giftschrank gelegt hätte? Wäre man zum Beispiel auf die Idee gekommen, den ganzen Krempel online zu stellen?

Interessant ist das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von Wikileaks und den Medien schon. Einerseits zeigt es, dass Wikileaks ohne die Hilfe der Medien nicht in der Form existieren könnte, andererseits sieht man auch, dass die Medien ohne Wikileaks derartige Daten nicht bekommen würden, oder die Gefahr bestünde, dass sie aus politischer Rücksichtsnahme nicht an die Öffentlichkeit kämen. Gleichzeitig macht die Allianz aber auch deutlich, dass das Internet weit davon entfernt ist, dass die klassischen Medien ersetzen zu können. Hätte eine Veröffentlichung in der Huffington Post eine ähnliche, weltweite Resonanz verursacht? Vermutlich nur dann, wenn die HuffPost die Daten an andere Medien weiter gereicht hätte. Es zeigt auch, dass eine große, gut ausgebildete Redaktion nötig ist, die Daten überhaupt analysieren und einschätzen zu können. Solche Leistungen sind mit reinen dezentralen redaktionellen Netzwerken bisher nicht möglich. Zwar gibt es Beispiele, wo die „Netzbewohner“ bei Aktendurchsichten behilflich waren, aber bei derartig delikaten Informationen ist die genaue Einordnung in einen Kontext extrem wichtig und nur von jenen zu meistern, die sich in dem Bereich auch auskennen. Es böte sich hier aber auch die Möglichkeit, dass Redaktionen sich weiter öffnen und zusammen mit den, teilweise ja durchaus kompetenten Lesern, derartige Materialsammlungen durchforsten. Vielleicht würde man so auch die Vertrauensbasis zu den Lesern wieder vertiefen um so auch an eigene Geschichten zu kommen, die nicht aus unbekannten Quellen bei Wikileaks stammen.

Bookmarks vom 12.11.10 bis 19.11.10

Gesammelte Links aus dem Google Reader:

  • Another TSA Outrage – This is probably another good time to remind you all that all of us were carrying actual assault rifles, and some of us were also carrying pistols.

    So we’re in line, going through one at a time. One of our Soldiers had his Gerber multi-tool. TSA confiscated it. Kind of ridiculous, but it gets better.

  • Same, same, but very different – Weil ich endlich esse, was mein Körper haben will und was ihm gut tut und was mir schmeckt und was mir Spaß macht. Weil ich keine Selbstvorwürfe mehr zulasse und mich ärgere, wenn ich die ganze Tafel Schokolade gegessen habe, wo doch gestern nur ein Stück gereicht hat
  • Abschiedsbrief: Hamburg, keine Perle | Tom Hillenbrand – Du bist bestenfalls das Bielefeld unter den Weltstädten
  • Glücklich im Kopfgefängnis – christoph kappes' posterous – Sind 25% Umsatzrendite viel – oder vielleicht das Ziel vieler Unternehmen, von deutschen Banken bis Werbeholdings? Was ist eigentlich das Renditeziel der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), die 2002 immerhin knapp 20% erzielte und wie muss man die EBITDA-Rendite Axel Springers in Höhe von 26,3% im Segment Zeitungen national attributieren ?
  • Jon Stewart Stands By Criticism Of Cable News In Interview With Rachel Maddow (VIDEO) | TPM LiveWire – Jon Stewart sat down with Rachel Maddow last night, to defend some of the criticism he's been getting over his speech at the Rally To Restore Sanity, which has been derided as painting a false equivalence between Fox News and the rest of cable news.

Das lassen wir uns nicht bieten!

Auf der Tagung des VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger) hat sich die Branche gegen Angebote gewehrt, die die Inhalte der Verlage nutzen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. „Es kann nicht sein, dass wir teuren Qualitätsjournalismus betreiben, und andere einfach abkassieren“, beklagte sich Hubert Burda, Vorsitzender des VDZ. Seit Jahren liegt die Organisation mit dem Verband der Deutschen Kioskbesitzer im Streit. Diese würden zwar auch für eine Verbreitung der Inhalte sorgen, hätten aber auf Grund ihrer quasi-monopolistischen Stellung in Deutschland einen zu großen Einfluss auf den Absatzmarkt. „Die können sich ja quasi aussuchen, ob sie unseren Qualitätsjournalismus verkaufen und wie sie mit unseren Zeitungen umgehen.“ Fast alle Zeitungen leiden in den letzten Jahren unter einem massiven Rückgang bei der Zahl der Abonnenten. Man habe zu spät auf die Angebote der Kioske reagiert, teilweise auch falsch. Man wolle sich aber nicht aus der Hand nehmen lassen, wie die Druckerzeugnisse zum Kunden gelangen. Das Abonnement sei weiterhin die sicherste Variante für den Kunden. Kioske würden die Kunden mit ihrem unübersichtlichen Angebot nur verwirren. „Wir brauchen Edelmetall, den Schrott gibt es am Kiosk“, so der Schweizer Verleger Michael Ringier in seiner Rede.

Zu dem beklagt der VDZ die „Gratis-Kultur“ im Kiosk- und Zeitschriftenhandel. „Dort werden Zeitungen offen auslegt, so dass jeder Mensch, der zufällig vorbei kommt, einfach darin lesen kann, ohne zu bezahlen. Teilweise werden diese illegalen Angebote von den Kioskbesitzern nicht mal kontrolliert sondern sogar hingenommen.“ Der Verband der Deutschen Kioskbesitzer reagierte auf die Vorwürfe mit Unverständnis. „Es steht jedem Verlag frei, seine Zeitungen und Magazine aus dem Sortiment zu nehmen. Wir liefern unseren Kunden auch nur die Schlagzeilen und die Titelblätter. Ein Missbrauch der offen angelieferten Druckexemplare durch einzelne Kunden liegt weder in unserer Verantwortung, noch wollen wir jeden Kunden ohne Verdacht überwachen.“ Der Sprecher des Verbandes führte weiter aus, dass die kurzzeitige Betrachtung einzelner Zeitungen und Magazine auch ein Kaufanreiz darstellen kann. „Letztlich muss aber der VDZ wissen, wie er seine Kunden behandelt“, sagte der Sprecher.

Gleichzeitig kündigte der VDZ an, gegen die weitverbreitete Zweitleserschaft vorgehen zu wollen. „Wir freuen uns natürlich, wenn unsere Produkte in der Familie oder am Arbeitsplatz gerne gelesen werden. Aber wenn es Alltag wird, dass man eine Zeitung oder ein hochwertiges Magazin einfach weiter gibt, dann wird uns die Lebensgrundlage entzogen.“ Burda machte deutlich, dass die Verlage, wenn auch nach langem Zögern, Angebote für Familien geschaffen haben. „Fast alle unsere Mitglieder haben in den letzten Monaten ein Familienangebot gestartet. So bekommt man zu einem attraktiven Preis zwei Ausgaben der Druckerzeugnisse nach Hause geliefert. Kinder unter 16 Jahren können natürlich umsonst mitlesen.“ Das illegale Zweitlesen von Zeitungen stellt laut VDZ eine große Gefahr für die Pressefreiheit dar. „Die sinkenden Einnahmen haben schon zu einem Abbau innerhalb der Redaktionen geführt, einige unserer Mitglieder stehen quasi mit dem Rücken an der Wand.“ Ein Angebot für Firmen gibt es zurzeit noch nicht. „Da ist der Arbeitgeber gefragt, “ so Hubert Burda, „er muss darauf achten, dass seine Angestellten die Zeitungen und Magazine nicht einfach weiterreichen.“

Weiterhin im Streit liegt der VDZ auch mit den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten. Hier beklagt man sich, dass vor allem im Radio teilweise ganze Passagen bestimmter Artikel öffentlich zitiert werden. „Es kann ja wohl nicht sein, dass wir die Arbeit machen, und die Damen und Herren vom Radio die Füße auf dem Tisch legen. Sie tragen ihren Hörern das vor, was sie in unseren Qualitätserzeugnissen für interessant befunden haben, weil ihnen selber nichts eingefallen ist“, so Burda wörtlich. Der Ärger des VDZ richtet sich vor allem gegen die Sendung „Presseschau“. In ihr werden lange Zitate aus Kommentaren und Artikeln verschiedenster Zeitungen vorgelesen, darunter auch aus ausländischen Blättern. Der VDZ sieht hier das Zitatrecht angegriffen. Eine Überschrift zu erwähnen sei in Ordnung, doch ganze Sätze würden den Rahmen sprengen, so verschiedene Verlagsvertreter. ARD und ZDF wiesen die Vorwürfe als unbegründet zurück. Es gehöre zum Bildungsauftrag der Sender, inländische wie ausländische Meinungen weiter zu geben. Der VDZ will vor dem Bundesgerichtshof nun gegen ARD und ZDF vorgehen.

Bookmarks vom 23.10.10 bis 12.11.10

Gesammelte Links aus dem Google Reader:

Best of Twitter – Oktober 2010

rawr_it
Manchmal seid ihr wie eins dieser ökologisch biologisch abbaubaren Gesundheitsfanatikerkinder, dass zum ersten Mal Zucker fressen darf.

Propinja
„Anfangsnervosität dauert 39 Minuten.“ Belá Rethy guckt mir beim Sex zu.

kathrinpassig
Bei der Obduktion meines Gehirns wird man feststellen, dass hinters Auge gewanderte Einweg-Kontaktlinsen den Kopf vollständig ausfüllen.

nadjatalent
Jetzt fotografieren einen die Touristen schon beim Currywurst essen.

monkeypenny
Peter Hahne: Glenn Beck auf Valium.

ohitsplastic
i love you but i´ve chosen dönerteller.

lajessie
Wenn Links aus dem Tokio-Hotel-Forum zu einem führen, hat man es geschafft.

luzilla
chinesische touristinnen mit blutdurst in den augen fragen mich am willy-brandt-platz,wo man „large amounts of german sausage“ kaufen kann.

scholt
ich habe Apple Technologie und Telekom Netz benutzt um auf dem Heimweg in der UBahn eine Viertelstunde auf einen Ladeindikator zu starren

Buddenbohm
„Blindgänger in Wilhelmsburg entdeckt“ – als ob man da lange suchen müßte.

RocketJane
Manche Pärchen teilen sich nicht nur das Bett, sondern scheinbar auch das Hirn.

Jettlein
Menschen, die wissen lassen, dass sie wissen, dass die Welt von Nietzsche-Zitaten zusammengehalten wird. Ich.

marthadear
und dann steht man wieder den ganzen tag am nerd…

hubertsrevier
Wo kommen wir bloß hin mit unserer Demokratie wenn jetzt alle mitbestimmen wollen?

Anousch
Bewegung ist toll. Nur dass die Krone dabei immer verrutscht, ist doof.