Month: März 2010

Werbung und Wirklichkeit

Zur Diskussion „Adblocker“: Ich habe mich ja schon gewundert, wann die Diskussion mal los geht, aber es scheint es ja jetzt so weit zu sein. Ich nutze auch einen Adblocker, vor allem wenn ich unterwegs bin, weil ich keine Lust habe meine UTMS Brandbreite mit irgendwelchen Flashbannern abzuarbeiten. Im Büro schalte ich den Adblocker bei der ersten Netzrunde morgens ab. Zum einen, weil ich Werbung unterstütze (ich leben um zwei Ecken davon) zum anderen weil ich beruflich wissen muss, was gerade so an Werbung läuft. Meist nervt mich das Geblinke aber irgendwann zu sehr und ich schalte ihn dann im Laufe des Tages wieder an. Und da sind wir schon mitten im Thema, liebe Werbetreibende, denn vermutlich würden weniger Menschen einen Adblocker nutzen, wenn man folgendes beachtetet würde:

1. Nie, und ich meine das so, wie ich das sage, also wirklich nie, nie, nie, egal wie verzweifelt man auch sein mag, niemals Banner machen, in denen sich dauernd etwas bewegt, angeblich lustige Dinge passieren oder kleine Filmchen laufen.

2. Noch weniger nie als in Punkt 1 beschrieben: Banner mit Geräuschen oder Ton. Nein, sie sind nicht lustig. Oder anders gesagt: Wenn ihr wollt, dass man ein Produkt in so richtig schlechter Erinnerung behält, dann macht man ein Banner, dass animiert ist und los plärrt, möglichst bevor die gesamte Seite geladen ist.

3. Wenn es geht, sollte man auf Flash verzichten. Flash nervt, kostet unterwegs Bandbreite und zu Hause geht mancher Rechner in die Knie. Ich hab nichts gegen sanft animierte Banner, die einmal ablaufen, bzw. aktiviert werden, wenn ich sie explizit ansurfe.

4. Eine Layer-Werbung. Zumindest nicht, wenn ich sie nicht anfordere (siehe unten)

5. Keine Popups, – under, oder -closing.

Natürlich gibt es das Argument: „Aber dann fällt Werbung ja gar nicht auf“, wenn es nicht blitzt und dingst.“ Mag sein, oder auch nicht. Werbung in Zeitschriften hat das jahrzehntelang nicht gestört, dass sie sich nicht bewegen konnte. Vielleicht geht es ja auch mal ein wenig kreativer, als immer nur Werbung zu gestalten, die einen anbrüllt. Ich hätte zum Beispiel nichts dagegen, in einem Text auf ein aussagekräftiges Bild zu stoßen, etwas was mich neugierig macht, was spannend ist. An dem steht: „Werbung“ und „Klick mich“. Mache ich das, geht ein Layer auf, ich sehe das Bild groß samt der Werbebotschaft. Nur mal so als Beispiel.

Das Argument: „Ihr müsst Werbung ertragen, sonst geht der Journalismus kaputt“ halte ich auch für arg kurz gegriffen. Davon abgesehen, dass es ungesund ist und jeder Unternehmer weiß, dass man sich nicht nur eine Einnahmequelle verlassen sollte, missfällt mir der Ton. Werbung muss nicht schlecht sein, im Gegenteil. Sie kann anregen, unterstützen, helfen, Spaß machen oder lustig sein. Dann muss man sie auch nicht „ertragen“ sondern man nimmt sie gern wahr. Aber die Allianz zwischen dem Journalismus und der Werbung hat sich in den letzten 20 Jahren immer mehr als unheilvoll heraus gestellt, weil die Werbekunden immer mehr Einfluss auf die redaktionellen Inhalte genommen haben. Das fängt bei der Seitenplanung an und hört bei PR-Texten und unterdrückter kritischer Berichterstattung auf. Man darf sich da keinen Illusionen hingeben, schon gar nicht wenn es um journalistische Nischen geht, wie ich neulich drüber im racingblog mal festgestellt habe.

Die Konsequenz wäre, dass man Werbung nur dosiert einsetzt und andere Formen der Mischfinanzierung findet. Was aber, zumindest im Moment nicht geht. Die Variante, dass Konzerne sich Zeitungen halten, sie quasi nebenbei mit finanzieren, geht nicht so wirklich Hand in Hand mit der Vorstellung eines unabhängigen Journalismus. Die Frage, wie man den Journalismus, außer mit Werbung finanzieren, könnte, ist nicht gerade neu, eine Antwort hat es bis nicht gegeben und ich kenne sie auch nicht. Aber sie lautet sicher nicht, dass man Webseiten betritt und sich dort vor lauter Flashgebrüll wie auf der Reeperbahn vorkommt, unter all der Neonbeleuchtung und den Kobereren.

Das Komitee, das Komitee

Aus einem total anderen Zusammenhang, aber vermutlich übertragbar auf die parlamentarische Politik, Hartz IV Diskussionen und viele, viele Firmen.

The BBC had a rowing competition with the Japanese and lost. So John Birt [former BBC Director General] set up a working party to try and find out why. They found that while the Japanese had eight people rowing and one steering, the BBC had one rowing and eight steering. The working party decided to employ consultants to devise a solution. They decided that what the BBC really needed was three steering managers, three deputy steering managers and a director of steering services. The rower, meanwhile, should be made to row harder. When they faced the Japanese and lost again, the director of steering services decided to sack the rower, sell the boat and give himself a pay rise.

Zoe Keating & Hakon Kornstad

Ist ja mein Blog! Da kann man auch mal diese neumodischen Musikvideos posten, soll ja modern sein. Das ist auch viel leichter, als zu schreiben: „Boah, super. Müsst ihr kaufen.“ Ich bin sowieso der Meinung, dass Plattenkritiken CD… mp3 Reviews entweder ganz wegfallen können, weil sie eh viel besser über ein Empfehlungsmanagement zu mir kommen, oder nichts mit der Musik zu tun haben dürfen (Der „Diedrichsen-Effekt“).

Als erstes Hakon Kornstad. Wobei ich direkt einschränken möchte, dass er live um drei Klassen spannender ist, als so auf Vinyl CD mp3. Das liegt daran, dass er live sehr viel mehr improvisiert. Und zu sehen, wie er diese Sachen aus seinem Saxophone raus wringt, ist dann noch mal was ganz anderes. Da steht einer alleine auf der Bühne, mit nichts anderem als seinem Saxophone und ein paar Samplern und improvisiert, dass Keith Jarrett ganz feucht wird. Es gibt auch erstaunliche Kritiken an erstaunlichen Stellen. Das neue Album kann man auf seiner Webseite komplett hören, kaufen kann man es hier.

Zoe Keating dürfte vielleicht einigen etwas sagen, die die Band Rasputina kennen, weil sie da eine für eine kürzere Zeit mit gespielt hat.. Zoe Kaeting macht ungefähr das, was Kornstad macht, nur mit einem Cello und etwas energetischer. Letztes Album: One Cello x 16: Natoma.

Die Angst vor Google

Gestern Helmut Schmidt im BR gesehen (Video kann man hier downloaden), der im Interview meinte, dass die Deutschen, geprägt durch zwei verschuldete Weltkriege, das Zulassen des Holocaust und die deutsche Teilung ängstlich geworden seien. Man würde hinter allem das Schlechte sehen, warnen und zu sehr jammern.

Ob das für alle Bereiche des Lebens stimmt, kann ich nicht sagen, aber in Sachen neue Technologien und Internet scheint es so zu sein. Die Schirrmacher-Debatte hat deutlich gezeigt, dass große Teile der deutschen Intelligenz (oder was davon übrig geblieben ist) in einer Art Kanninchenstarre verfallen, wenn es um Technologie geht. Es scheint, als ob eine Beharrungs-Philosophie Einzug gehalten hat. Bloß dem Neuen keinen Raum geben, es argwöhnisch beobachten und wo es geht, mit allen Mitteln bekämpfen. Das führt dann zu absurden Dingen, wie der Formulierung, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei. Dass innerhalb der deutschen Grenzen das Strafgesetzbuch auch für das Internet gilt, wird nicht erwähnt. Und mittlerweile sehen manche Gerichte ja auch, dass das deutsche Recht im Internet keine Grenzen mehr hat und man alles und jeden weltweit vor ein deutsches Gericht zerren kann. Was auch etwas absurd ist.

Eine andere Sache ist der Umgang mit Google. Ich finde es durchaus bedenklich, dass Google als Suchmaschine in Deutschland einen Marktanteil von 90% hat. Das ist mehr als zu viel, die Hälfte täte es auch. Und es würde vermutlich auch mehr Schwung in den Laden bringen, wenn Bing etwas erfolgreicher wäre. Problematisch ist die monopolitische Stellung von Google auch alleine deswegen, weil man nur schwer Filtersysteme entdecken kann. Aber das ist ein anderes Problem. Nun kann Google auch nichts dafür, dass man offenbar ein Produkt hat, das erfolgreich ist. Auch muss man sich nicht schuldig fühlen, nur weil man ein Werbemodell entdeckt hat, das erfolgreich ist. Dennoch muss sich Google vor allem von den Verlagen diesen Vorwurf gefallen lassen.

Print und Musik sind die Segmente, die als Erste unter den aufgebrochenen Sender/Empfänger Grenzen leiden. Die ehemals exklusiven Vertriebsstränge, die man schön unter Kontrolle halten konnte, stehen eben nicht mehr alleine. Sie werden nicht abgelöst, aber sie verlieren an Wichtigkeit. Warum man sich ausgerechnet Google als „Hauptfeind“ ausgesucht hat, ist mir nicht so ganz klar, aber der Kampf gegen Google wird offenbar an allen Fronten geführt. Ich glaube kaum, dass die Angriffe auf Analytics und Street View zufällig sind, während man versucht mittels merkwürdiger Kampagnen Google als Buhmann darzustellen, der mittels Google News den deutschen Journalismus zerstört. Das Wort „Journalismus“ scheint von den Verlegern auch nur noch ein Feigenblatt zu sein, mit dem man die eigene wirtschaftliche Misere bedecken möchte, aber das nur am Rande. Wie bescheuert manche Angriffe auf Google klingen, sieht man allein an folgender Aussage:

„Es kann nicht angehen, dass private Anbieter öffentliche Gebäude, Straßen, Wege und Plätze ohne Genehmigung der Kommunen fotografieren oder filmen und dann ins Internet stellen können!

Mal von solchen, eher ausgefallenen Argumenten, abgesehen, versucht man Google offensichtlich auch über die politische Schiene unter Druck zu setzen (Leistungsschutzgesetz) damit diese Zugeständnisse machen und die Verlage, wie gewohnt in den letzten Jahren, über das Hinterzimmer ihre Macht und ihr komplett veraltetes Geschäftsmodell behalten. Am besten wäre es sowieso, wenn Google und allen anderen Suchmaschinen weltweit verbieten würde auf alternative Medien zu verlinken. Vielleicht wäre ja so ein deutsches Intranet nach chinesischem Vorbild genau das richtige für die deutschen Verleger. Das wäre dann auch keine Zensur, sondern „wirtschaftlicher Schutz“. So was wie ein Zoll. Bis es soweit ist, bemüht man sich halt Google klein zu halten.

Selbst wenn das gelingt, ist ein Pyrrhussieg, denn um die Ecke warten Microsoft/Bing, Apple und andere. (Und was Bing Maps in nächster Zeit so vor hat, dürfte machen Deutschen komplett panisch werden lassen.)
Zwar versuchen die Verleger über Kooperationen mit beiden Firmen etwas besser dazustehen, aber Apple hat schon klar gemacht, dass man sich keinesfalls in die App-Politik reinreden lassen will. Wie ich neulich schon mal irgendwo schrieb: Wenn die Verleger jetzt auf Paid-Apps beim iPhone/iPad setzen, verlieren sie komplett die Kontrolle über den Vertriebsweg. Was Apple macht, wenn sie sich gerade mal über jemanden ärgern, hat man in den letzten Wochen ja gesehen. Wer sich mit Google anlegt, den interessieren deutsche Verleger nicht mal am Rande.
Je länger die BWL-Betonköpfe in den Verlagen sich weiter an PIs usw. klammern, desto größer werden die eigenen Probleme.

Geradezu ekelhaft ist auch die gespielte Empörung über die Datenkrake Google. Mal davon abgesehen, dass Google tatsächlich etwas transparenter sein könnte, was die gesammelten Daten angeht, so werden die Daten von ihnen zumindest nach 18 Monaten gelöscht. Und ich kann mich mittels Cookie-Blockern auch vor weiterer Verfolgung schützen.

Gleichzeitig sammeln die Verlage bzw. deren beauftragte Firmen weiter fleißig Adressen, damit man Abos verkaufen kann. Und nicht nur das: Die gehandelten Datensätze enthalten mitunter Adresse, Geburtsdatum, Kontodaten und die umstrittenen Scoringdaten. Als die ehemalige große Koalition voriges Jahr den unkontrollierten Adresshandel unterbinden wollte, wehrte sich nicht nur die Direktmarketing Branche. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und der VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger) höchst selber veröffentlichten eine gemeinsame Presseerklärung, in der man die Bundesregierung darum bat, das Gesetz in der Form nicht zu verabschieden. Natürlich durfte das Totschlag-Argument nicht fehlen, dass die Pressefreiheit gefährdet sei:

Angesichts der ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Situation träfen die Einschränkungen bei der Gewinnung neuer Abonnenten die Verlage hart und drohten in der Folge, die Pressevielfalt in Deutschland zu gefährden

Das Gesetz wurde dementsprechend geändert. Der Handel mit Adressdaten kann also weiter gehen, denn wenn man schon mittels Leistung keine neue Kunden mehr erlangt, dann wenigstens auf diese Art.

Dabei könnte man sich eigentlich das Leben doch etwas einfacher machen. In dem man neue Technologien nicht erst mit dem „Braucht doch keiner“ Argument ignoriert um sie dann, wenn sie erfolgreich sind, mittels Gesetze und Verbänden so tot zu regulieren, dass sie für die bestehende Ordnung auch keine Gefahr mehr darstellen. Warum die Deutschen immer erst „Untergang“ schreien statt „Oh, mal sehen, ob das brauchbar ist“ – ich kann es nicht verstehen. Vielleicht hat Helmut Schmidt mit seiner Analyse ja doch Recht.

Best of Twitter – Februar

Wie üblich aus meiner Favoritenliste, die diesen Monat was dünner ist, weil ich kaum dazu gekommen bin, etwas zu faven.

the_maki
Der Haltbarkeitshitler tobt durch den Kühlschrank, Massaker im Asiabereich. „Wozo fönf Sojasoßän?“ Immerhin, süßer Senf als Kollateralopfer.

katjaberlin
bei getränke hoffmann die verkäuferinnen um weinempfehlungen zu bitten, war rückblickend vielleicht doch ein wenig zu abenteuerlustig.

mediumflow
Meine Möglichkeiten bekommen einen Schock von meinen Wünschen.

DieWucht
Ich kaufe ein Bier und möchte lösen

i_need_coffee
wenn es bloß nah genug neben dem laptop liegt, esse ich so ziemlich alles

silenttiffy
Ich wäre gern weniger egoistisch. Aber was hätt‘ ich denn davon?

Anousch
Wild at Hartz.

somemercy
Warum liegt da Stroh? #4wordsonafirstdate [Erklärung für alle, die in den letzten vier Jahren nicht online waren]

bangpowwww
„den döner mit alles?“ „nein, ohne blöden kommentar!“

klingeltonk
Aber: Was würde Margot Käßmann jetzt an meiner Stelle trinken?