Month: November 2009

Brender vs. Journalismus

Die Hintergründe über die Sache mit dem Brender, dem Koch und den ebenso zahn- wie rückgratlosen Vertretern im Verwaltungsrat des ZDF will ich jetzt nicht noch mal durch kauen. Aber ein paar Dinge nerven mich schon.

Ich habe keine Ahnung, ob Herr Brender ein guter, investigativer, die Unabhängigkeit der Presse und der Meinung vertretender Mensch ist. Er ist mir in seinem journalistischen Wirken bisher nicht so aufgefallen. Er hat mal „Herr Schröder“ statt „Bundeskanzler Schröder“ gesagt, was von den Medien als „Hohoho-Ding gewertet wurde. Und was viel über die Verstaubt- und Verknöchertheit über den Umgang zwischen Journalisten und Politikern aussagt. Da war Ernst-Dieter Lueg („Herr Wöhner…“) schon mutiger. Mir ist in den letzten Jahren auch nicht aufgefallen, dass sich das ZDF in seinen Nachrichten oder Informationssendungen in irgendeiner Form kritisch mit den Internet-Sperren und sonstigen Bürgerrechtsfragen auseinander gesetzt hat. Eine klare Kante habe ich jedenfalls nicht bemerkt. Aber, da bin ich ehrlich, ich schau den Sender auch zu selten.

Das man Brender zum „Freiheit für den Journalismus“ Dings aufgejazzt hat hat mich auch die gesamte Zeit befremdet. Das ZDF, wie alle Öffentlich-Rechtlichen Anstalten, haben nun mal nicht seit gestern den parteiischen Verwaltungsrat und irgendwie ist das auch gut so, denn auf der anderen Seite will auch niemand, dass aus dem den GEZ-Sendern ein zweites RTL mit Daily Soaps…. hmmm. Moment, ich fang noch mal von vorne an.

Das mit dem Verwaltungsrat ist irgendwie auch gut, weil man nicht möchte, dass aus den GEZ-Sender ein komplett Profit-orientiertes Unternehmen wird. Die Parteien lähmen sich schon gegenseitig, was irgendwie ja ein generell ein Garant für den Bestand der Demokratie und eines pluralistischen Journalismus war. In der ARD gibt es halt auch den „Report München“ und den „Report Mainz“. Ich komme zu dem noch aus einer Zeit, in der man das „ZDF Magazin“ (Hier das Intro) als ausgewogene Sendung betrachtet hat. Zudem ist es ja auch keine so große Neuigkeit, dass die Parteien in den Sendern Einfluss ausüben. Vergleiche dazu den lesenswerten Artikel Modellfall politischer Repression im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (pdf).

Was ich eigentlich sagen wollte: das man schon aufbegehrt, von „Berlusconi-TV“ redet (was totaler Quatsch ist, sei denn Roland Koch gehört die RTL-Gruppe), wenn ein Chefredakteur des ZDF, der vor neun Jahren ohne die Stimmen der Parteien gar nicht erst an die Stelle gekommen wäre, vulgo sich im Spiel also gut auskennt, von eben jenen Parteien wieder abserviert wird, ist schon interessant. Das sagt wohl auch etwas über die Geschwindigkeit aus, mit der der klassische deutsche Journalismus gerade untergeht.

Und das sich die Politik nicht mal die Bohne um die Meinung der Creme des deutschen Fernsehjournalismus schert, sollte zudem genug darüber aussagen, wie viel Spielraum Journalisten haben, die sich in hohen Positionen im ÖR befinden. Oder was die Creme angeht.

Natürlich ist das Aufbegehren gegen die Hinterzimmerpolitk der CDU richtig. Natürlich ist es richtig, dass man Flagge zeigt und klar macht, was man von der Scharade hält. Natürlich ist die medusenhaftigkeit eines Roland Koch in gewisserweise ekelerregend. Aber die fehlende Mimosenhaftigkeit, mit der weite Teile des deutschen Journalismus auf die Gutherrenart der Politik reagiert haben, reicht eigentlich schon wieder aus, um festzustellen, dass auch eine Wiederwahl Brenders nichts geändert hätte.

Im Gegenteil. Seine Abwahl und vor allem die Umstände die dazu geführt haben, sollten im besten Fall dafür sorgen, dass so etwas nicht wieder passiert. Aber da bin ich doch eher skeptisch.

Leistungsschutzrechte vs. Google vs. ARD/ZDF

Bei Carta gibt es einen laaaangen Artikel von Burda-Rechtsvorstand Robert Schweizer, der versucht den gedanklichen Ansatz der Leistungsschutzrechte zu erklären. Dafür muss man schon mal dankbar sein, denn bisher konnte man ja nur rätseln, wofür die Verlage diese Rechte überhaupt benötigen.

Im Grunde macht er klar, dass es einen Unterschied zwischen den Leistungsschutzrechten und dem Copyright gibt. Letzteres, so der Justitiar, bezieht sich auf den Schutz des Urhebers eines Textes, das Schutzrecht auf die Verbreitung. Und dies sei ungeschützt. So führt er unter anderem auf, was alles nicht abgesichert ist:

– kreativ Redaktionen mit Netzwerken zielgruppengerecht aufbauen, finanzieren und erhalten,

– jedes Heft und jeden Auftritt im Rahmen eines Ganzen mit einer bestimmten Tendenz gestalten,

– Mitarbeiter betreuen,

– Themen suchen, kreieren, auswählen und sonst initiieren sowie mit möglichst guten Mitarbeitern die Beiträge erarbeiten und aufbereiten,

– verwalten, steuern und sonst organisieren,

– Rechte erwerben und insgesamt vielfältig juristisch in allen Bereichen agieren,

– die Produkte technisch herstellen,

– werben und sonst für eine möglichst gute Verbreitung sorgen.

Diese Dinge verursachen Kosten, die Einnahmen sein dadurch gefährdet, dass man die Verbreitung von Texten im Netz nicht kontrollieren könnte. Noch schlimmer: Aggregatoren sorgen dafür, dass der Content aus dem eigenen Umfeld heraus gerissen wird. Aggregatoren (oder User, die Inhalte komplett kopieren) schalten eigene Werbung um die Texte und nehmen so mit dem Content Geld ein, der ihnen nicht gehört. Die Werbeeinnahmen gehen dem Verlag flöten.

Das ist nachvollziehbar, auch wenn die Liste eher Dinge nennt, die unter das normale unternehmerische Risiko fallen. Ich könnte ja auch so eine Liste aufmachen, mit Miete, Internetkosten usw. und dann fordern, der Staat solle eine rechtliche Regelung finden, die diese Kosten absichert. Das Problem der Verlage ist nicht die Erstellung und Pflege der Inhalte, sondern deren ungehinderte Verbreitung. Während man früher eine Zeitung oder ein Magazin kaufen musste (z.B. Der Stern-Titel mit Barschel) wenn man etwas sehen und lesen wollte, tauchen die Artikel und Fotos heute innerhalb von Minuten als Kopien im Netz auf. Die Exklusivität ist hin, damit auch ein Teil des bisherigen Erlösmodells.

Als einzelner Urheber mag die ungezügelte Verbreitung hilfreich sein. Wenn ich einen oder mehrere gute Artikel schreibe, und die im Netz, auch als Volltext verbreitet werden, hilft das meiner Popularität. Die sorgt dann wieder dafür, dass ich Aufträge bekommen, meine Preise erhöhen kann usw. Ich bediene ich mehr oder weniger bei den Großen. Genau das können Verlage aber nicht, weil es niemanden mehr über ihnen gibt, bei denen sie sich bedienen können, wenn man mal vom Staat absieht. Es ist nicht bewiesen, dass es eine freie Verbreitung von Inhalten den Verlagen mehr Einnahmen garantiert, weil viele Klicks eben nicht gleich bedeutend sind mit einem Mehr an Werbeeinnahmen. Wobei Mario Sixtus neulich zur mir meinte, dass die Preise für Printwerbung einfach überzogen seien, weil sie immer danach berechnet würden, dass nicht nur eine, sondern mehrere Personen eine Zeitung/ein Magazin lesen würden. Bei Banner, mit ihrer Klickverfolgung, würde man erst mal sehen, was Werbung eigentlich tatsächlich bringen würden. Der „pay per lead“ sieht dann, weil er nachvollziehbar ist, eben ganz anders aus.

Die Verlage hätten also gerne mehr Kontrolle über die publizierten Inhalte und die Möglichkeit, Geld zu verdienen, sollte jemand gegen das Leistungsschutzrecht verstoßen. Gleichzeitig will man sehen, wie man Inhalte zum Beispiel der Wissenschaft, kostenlos zur Verfügung stellen kann.

Soweit, so nachvollziehbar, auch wenn die ganze Sache immer noch den Beigeschmack hat, dass man an althergebrachten Einnahmequellen weiter fest klebt. Es erinnert allerdings auch daran, dass kurz nach der Erfindung des Buchdrucks die Kirchen mit einem ähnlichem Problem belastet waren. Denn plötzlich tauchten in allen deutschsprachigen Gebieten „Raubkopien“ der Bibel auf. Das war der Kirche aus zwei Gründen nicht geheuer: zum einen belastete es die Einnahmen, zum anderen verlor man die Kontrolle über den Inhalt. Jeder konnte in der Bibel streichen und ergänzen, wie er wollte. Man löste das Problem, in dem man die Städte dazu zwang Druckereien nur noch dann zu zu lassen, wenn ein von der Kirche vorliegende Lizenz vorliegen würde. Gegen Geld, versteht sich.

Was ähnliches machen die Verlage nun auch. Die Kirche hat damals zum ersten Mal eine Art Copyright durch gesetzt, die Verlage erweitern das bekannte Copyright um das Verteilungsrecht. Dabei sind Verlage selber eigentlich nichts anderes als Aggregatoren. Sie sammeln und sichten Meldungen auf Papier, andere Seiten machen das halt automatisch im Netz.

Es gibt mindestens zwei Punkte, die problematisch sind: zum einen die Kontrolle, zum anderen kommen die Einnahmen den Verlagen, nicht aber den eigentlichen Urhebern zu Gute. Die Verlage kassieren im Prinzip doppelt. Einerseits durch die „total buyout“ Verträge, die dazu führen, dass ein Autor/Fotograf nicht mehr pro Veröffentlichung sondern pauschal bezahlt wird, der Verlag also über Jahrzehnte Texte und Fotos profitabel in verschiedenen Publikationen einsetzen kann, ohne dass der Autor zusätzlich etwas verdient. Zum anderen bringt das Leistungsschutzrecht die Verlage in die Position selber als Urheber auftreten zu können.

Es gibt eine Menge Gerede, dass mit einem Leistungsschutzrecht Links und Zitate kostenpflichtig werden. Robert Schweizer verneint das in seinem Artikel mehrfach:

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Schon mehrfach wurde in diesem Referat dargelegt, dass mit dem Leistungsschutzrecht keine Erlaubnispflicht verbunden sein soll. Am ehesten kommt in Betracht, dass jemand der gewerblich aus der Leistung der Verlage Nutzen zieht, von seinem Nutzen teilweise etwas abgeben muss. Mit einer Erlaubnispflicht und dem Ende des Internet hat ein solches “fair share” nichts zu tun.

Allerdings: es ist Sache der Verlage, diese Ausnahmen zu bestimmen. Sie könnten auch zurück gezogen werden.

Das klingt alles sehr nebulös, vor allem weil nicht klar ist, wen die Verlage da eigentlich zur Kasse bitten wollen. Gemeint sind, vermutlich, vor allem Aggregatoren wie Google News und andere Seiten, die Texte von Verlagen im Volltext oder als Auszug einstellen. Wer die Texte nutzt, vor allem gewerblich, also wenn eine Anzeige daneben steht, der soll dafür zahlen.

Da gibt es viele Fragen

– Wie wollen die Verlage ihre Rechte gegenüber einem Aggregator aus Burkina Faso durchsetzen? Wenn sie nicht mehr wollen, dass die Texte raus gehen, müssten sie den RSS-Feed abstellen. Und selbst das würde nichts bringen, weil man sich mit Yahoo Pipes einfach selber einen basteln kann. Die Lösung wäre ein zweiter Schritt nach der Einführung des Leistungsschutzrechtes: Paid Content.

– Von wem genau wollen die Verlage Geld? Den Suchmaschinen? Den Providern, die die Technologie bereit stellen? Den Usern?

– Wie sollen die Autoren beteiligt werden? Selbst wenn die Verlage ihr Leistungsschutzrecht bekommen, sehen die Autoren keinen Cent mehr, die rechtliche Position des Autors wird sogar noch weiter geschwächt, weil der Verlag selber als Urheber (der Verteilung) auftritt.

– In welchem Zusammenhang steht die Idee des Leistungsschutzrechtes mit den ACTA-Verhandlungen und der weiteren Verschärfung des Schutzes für Rechteinhaber?

– Würde das neu geschaffene Recht wirklich so viele neue Einnahmen generieren? Die Verlage haben es bisher versäumt auch nur eine Zahl auf den Tisch zu legen. Also wie viel Geld ihnen pro Jahr durch die Lappen geht, weil ihre Inhalte unkontrolliert verbreitet werden.

Ich habe den Eindruck, dass die Verlage zweierlei im Sinn haben. Zum einen wird an einem ehemals funktionierendem Geschäftsmodell fest gehalten, zum anderen versucht man das Gatekeeping-Modell zu reaktivieren.

Tatsächlich ist es ja weiterhin so, Twitter hin, Blogs her, dass zumindest in Deutschland die Verbreitung von Nachrichten und Analysen immer noch zu über 95% den großen Portalen obliegt. Die User setzen nur Links oder retweeten etwas, wenn es bei Sponline, Stern oder Focus zu lesen ist. Der Leitmedien-Index von Rivva zeigt zwar viele Blogs in den Top Ten, aber zum einen erfasst Rivva nicht alle Blogs und schon gar nicht die Aggregatoren-Blogs die nur aus einem eingelesenem RSS-Feed bestehen, zum anderen sieht das bei Twitter wieder anders aus. Und zum dritten sollte man nicht vergessen, dass die digital citizens sich gerne mal untereinander verlinken, aber keineswegs repräsentativ sind.

Der Kanal, durch den die Nachrichten laufen ist weiterhin sehr eng. Ein handvoll Agenturen weltweit, eine handvoll Verlage in Deutschland. Die Verlage wollen diesen engen Kanal gerne beibehalten, in dem sie einer freien Verteilung von Texten einen Riegel vorschieben. Erst kommen die Schutzrechte, dann der paid content. Wer deutschsprachige Nachrichten lesen möchte, der soll dafür zahlen, eine Verbreitung ist nicht mehr nötig, weil die User gezwungen sind zu bezahlen.

Das alles funktioniert aber alles nur so lange, wie Google und andere Aggregatoren nicht direkte Deals mit den Agenturen schließen. Yahoo hat das ja schon gemacht. Gerade Google könnte eine deutsche Nachrichtenseite nebst Redaktion vermutlich aus der Portokasse bezahlen. Das ist zwar nicht gerade die Kernkompetenz von Google, aber bei Android und anderen Dingen hat man ja schon gezeigt, dass man zur Not die Sache eben selber in die Hand nimmt, wenn man glaubt, dass man aus einem Geschäftsfeld raus gedrängt wird.

Das zweite Problem der Verlage sind die Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten. Die haben einerseits die Redaktionen, andererseits aber auch die Verteilungsmacht (Reichweite). Wenn ich meine Nachrichten nicht mehr bei der Welt, beim Focus oder sonst wo bekommen, dann wandere ich halt zu tageschau.de oder sonst wohin ab. Dazu kommt, dass durch die regionalen Landesmedienanstalten sogar eine gute Lokalberichterstattung gewährleistet werden kann.

Sollte ein global player wie Google oder Microsoft auf diese Idee kommen, und die Sachen auch unter eine CC-Lizenz stellen, sollten ARD und ZDF ihr Angebot verbessern, dürfte bei den deutschen Verlagen eine Art Götterdämmerung einsetzen. Das Leistungsschutzrecht bringt den deutschen Verlegern also nichts.

Soll ja keiner sagen, er sei nicht gewarnt worden

So richtig das folgende Video auch ist, die Realität sieht dann doch anders aus in den meisten Marketing-Etagen. Da wird Social Media als Kampagne verstanden, etwas, was man an- und wieder abschalten kann. So was wie ein großes Banner, das man an ein Hochhaus hängt, sich danach auf die Schultern klopft und sagt: „Das haben wir aber toll gemacht.“ Hauptsache, es ist groß, teuer und sieht gut aus. Dummerweise funktionieren Kampagnen im social web nur begrenzt. Entweder man macht es, oder man lässt die Finger davon. Man braucht viel, viel Atem, oder man wird immer wieder an ein eingeschlafenes Blog, einen toten Facebook Account oder sonstiges erinnert, und, was viel schlimmer ist, an der eigenen, mit dem Engagement verbundenen Glaubwürdigkeit gemessen.

Murdoch

Ich weiß gar nicht, ob die Idee von Murdoch, die Schotten dicht zu machen, so schlecht ist. Er denkt darüber nach, so heißt es, ein Teil seiner Angebote hinter Paid Content Schranken zu stellen und gleichzeitig die Suchmaschinen und Aggregatoren-Bots vor der Tür stehen zu lassen. Mit anderen Worten: er verschwindet quasi aus den Suchmaschinen und kann nicht mehr verlinkt werden. Und verstösst damit gegen zwei Grundsätze der letzten 10 Internetjahre. Wachse und mach SEO.

Bisher beruhte ein Grundgedanke im Netz auf zwei Dingen. Das ist Reichweite (also PIs) und der Grad der Verlinkung. Beides ist Quatsch, wenn es um den Grundgedanken der Qualität geht. PIs sind sowieso himmelschreiender Unsinn. Die IVW listet für zum Beispiel für SchülerVZ im Oktober 2009 sage und schreibe 6.444.226.130 PIs aus. Also 6.4 Milliarden Pageimpressions. Theoretisch könnte also jeder Mensch der auf der Erde lebt, im Oktober einen Klick beim Netzwerk hinterlassen haben. Wie man weiß, kann seine PIs mittels billigen Tricks (Klickstrecken usw.) beliebig nach oben treiben. Das treibt dann die Werbepreise in die Höhe, weil man mit diesen irrsinnigen PI-Zahlen angeben kann. Media-Agenturen haben dann schöne große Zahlen und Balken, mit denen sie auf Kundenfang gehen können. Aussagekräftiger sind zwar die Besuche pro IP-Adresse, ob jemand einen Adblocker einsetzt und vor allem die Verweildauern auf einer Seite, aber das interessiert ja im Moment keinen.

Verlinkungen sind auch nicht mehr so wichtig, jedenfalls nicht für große Medien. Links sind für kleine Seite wichtig, also Blogs, kleine Magazine, Shops usw. weil sie das Google Ranking beeinflussen und damit dann Massen an Besuchern vorbei geschwommen kommen. Große Medien brauchen das nicht, denn die haben auch genug Geld sich Keywords zu kaufen um jederzeit aktuell vorne auf der ersten Seite auftauchen zu können.

Verlage, auch in Deutschland, brauchen nicht die Suchmaschine Google um gefunden zu werden, sondern sie brauchen sie, damit sie Keywords und damit Werbeplätze kaufen können. Man traut sich nur deswegen nicht Google raus zu werfen, weil es einen die PI-Zahlen runter fährt. Was, ganz grob gefasst, die Einnahmen und Preise weiter drückt.

Was würde in einer (zugegeben) perfekten Welt wichtiger sein? Da wäre zum einen die Qualität der Artikel, zum anderen eine andere Vermarktungsstrategie. In der perfekten Welt habe ich eine Zielgruppe die ich kenne, der ich Artikel liefere, die sie lesen wollen und die dafür auch bereit sind, etwas zu bezahlen. Ich weiß, wer mich liest. Ich kann dann folgendes machen, um Geld zu verdienen: Entweder erhebe ich Abogebühren, oder ich schraube meine Werbepreise so hoch, dass ich davon leben kann. Ich kann das machen, weil ich dank der Abo-Struktur sagen kann, wer meine Leser sind, also kann ich Firmen genau sagen: „Wenn sie hier werden, bekommen sie diese Leser mit solchen Interessen“. Die Streuung wird reduziert, die Klickraten erhöht. Man hat sich ein komplett neues Einnahmemodell gesichert, dass gegen alle bisher propagierten Gesetze des Netzes funktioniert.

Murdoch hat mit dem „Wall Street Journal“ und der „New York Times Post“ zwei Blättern, die das liefern könnten. Aber wir sind ja hier nicht in der perfekten Welt und schon gar nicht bei „Wünsch Dir was“. Im Moment gibt es auch in den USA niemanden, der nicht auf PIs und Reichweite setzt.

Die Frage ist aber auch, was Journalismus und die Portale in Zukunft leisten sollen? Wenn die reine Berichterstattung mehr und mehr bei den Agenturen liegt, die selber aktiv Portale bestücken, dann braucht kein Mensch 150 weitere Portale, die die wortgleichen Meldungen weiter verbreiten. Interessanterweise baut sich per Twitter und anderen Echtzeit-Portalen gerade auch ein komplett andere Struktur des Agentur-Journalismus auf.

Aber Murdoch ist auch nicht blöd und keiner, der kurzfristig denkt, er könne mit ein paar Tricks seine Einnahmen aufbessern. Stattdessen liegt der Gedanke durchaus nahe, dass er damit beginnt, sein Imperium aufzuteilen. Die tages/stundenaktuelle Berichterstattung kanalisiert er über zum Beispiel über FOX News und ein paar weitere Portale. Die qualitativ hochwertige Berichterstattung, die Analysen usw. verschließt er. Es wäre zumindest eine Möglichkeit, wie man einen neuen Ansatz zur Finanzierung suchen könnte.

Ich vermute ja, dass er spätestens ein halbes Jahr nach dem er Google raus geschmissen hat, bei MSN landet. Er verkauft den Zugang zu seinen Portalen dann exklusiv an „Bing“, also kann man dann auch nur per „Bing“ seine Seiten finden. Warum das noch keiner gemacht hat, verstehe ich sowieso nicht, aber egal. Das mag auch schon moralisch gegen eine bestimmte Form der Netzneutralität verstoßen, aber das dürfte ihm komplett egal sein.

Murdoch kann es sich leisten, so eine Sache mal auszuprobieren. Deutsche Verlagen hingegen nicht, dafür produziert man einfach zu wenig exklusive Inhalte und der deutschsprachige Markt ist einfach zu klein für so was. Statt zu jammern, Google zu beschimpfen (aber nicht auszusperren) und bei der Politik Leistungsschutzrechte zu fordern wie viele deutsche Verleger, hat Murdoch immerhin die Eier auf einen Konfrontationskurs mit Google zu gehen. Einer muss es ja mal ausprobieren. Allein dafür gebührt ihm Respekt, wenn er es denn macht.

Digital Natives – Ein Selbstgespräch

Von Felix geklaut, der woanders geklaut hat.

Don, deine Generation wird als „Digital Natives” bezeichnet. Sagt dir dieser Begriff etwas?

Das mit den Generationen ist ja schon so eine Sache. Ich bin 42 und muss bei den meisten Drop-Down Menüs schon ganz weit nach unten scrollen. Danach kommt meist „60 und älter“. Ich glaube nicht, dass der Begriff „digital natives“ etwas mit dem Begriff „Generationen“ zu tun hat. Das würde bedeuten, dass man in einem bestimmten Alter etwas macht, und dann nicht mehr. Aber das Internet, bzw. seine Nutzung ist ja nicht so wie das Kiffen. Oder vor Clubs anstehen. Für beides wird man irgendwann meist zu alt (Husten, Rheuma). Die „richtigen“ digital natives, also jene, die das schon seit den 80er machen, bewegen sich stramm auf die 50 zu oder haben die Schwelle schon übersprungen. Genauso kenne ich unter 30 jährige, die dreimal die Woche nach den Mails schauen und das Internet so anfassen, wie andere Leute eine schmutzige, alte Socke. Es ist also keine Frage von einer Alters-Generation, sondern mehr eine Einstellung zu Dingen. Also wie neugierig man auf diese Welt ist, und was man selber damit anfangen möchte. Ein schönes Beispiel dafür ist auch mein Vater. Der ist 67, hat dieses Jahr seine erste Firmenwebseite auf WordPress eröffnet und kommuniziert per Mail und Handy.

Du bist 42 Jahre alt und hast natürlich auch einen eigenen Computer. Seit wann besitzt du ihn und musst nicht mehr den Familien-PC benutzen?

Mein Vater hatte in den 80er Jahren mal einen Rechner. Na ja, Rechner. Ein Gerät mit zwei Floppy-Laufwerken. In die seine musste man die Diskette mit dem Betriebssystem stecken, dann starte der Rechner. In die andere kamen die Floppys mit den Programmen. Der Rechner war mit einer elektrischen Schreibmaschine verbunden und wie von Zauberhand konnte man Texte drucken. Später habe ich bei einem Freund einen Rechner ab und an nutzen dürfen. Meinen ersten eigenen Rechner hatte ich Anfang der 90er. 286er, irgendwas. Seit dem halt den üblichen Zyklus mit gemacht, und alle drei bis fünf Jahre einen neuen Rechner gekauft. 1997 kam ISDN, 1999 (nach acht Monaten Wartezeit) DSL. Erster Laptop irgendwann dazwischen, mittlerweile zwei Rechner, zwei Laptops, zwei Handys.

Wo bewegst du dich denn im Internet? Hast du eine eigene Homepage bzw. einen Blog?

Angefangen hat es mit BBSen, dann die ersten Webseiten usw. Heute leiten mich mein RSS-Reader (ca. 800 Abos) und sämtliche social media Aggregatoren durchs Netz. Man mäandert halt so rum und läßt sich im Strom der Webseiten treiben. Ich nutze mittlerweile den Rechner wie das Handy für diese Bewegung.

Meine erste Webseite hatte ich irgendwann 1995. AOL (shame on me) oder Yahoo, wo weiß ich nicht. Dann kamen ein paar verschiedene Webseiten, die erste eigene Domain ca. 1998. Gleichzeitig trieb ich mich in diversen Foren rum. 2000 entdeckte ich die ersten Blogs. Das erste bei blogger.com auf- und nach vier Monaten wieder zu gemacht. 2001 dann wieder bei blogger.com, 2002 zu Antville umgezogen. Mittlerweile befülle ich zwei eigene Blogs regelmäßig. Twitter seit 2007, Facebook glaub ich auch. Ich nutze aber nur Twitter und Facebook wirklich regelmäßig. Den Rest der social media Seiten fülle ich per ping.fm über Twhirl.

Und wie schaut bei dir ein normaler Tag – in Bezug auf das Internet – aus? Kannst du deinen Tagesablauf beschreiben, also wie oft du am Tag E-Mails, Facebook- oder Twitter-Mitteilungen checkst?

Ich lasse mich vom Handy wecken. Im Bett schaue ich dann schon mal per Handy, was so an Mails eingegangen ist. Badezimmer, Rechner. Dort dann weitere Mailaccounts, spiegel.de, RSS, dabei Frühstück. Oder, wenn ich ins Büro gehe. Mails auf dem Weg, dann dort den Rest.

Wie ich den Tag verbringe, hängt sehr von der Arbeit ab. Wenn ich viel schreiben muss, dann ignoriere ich den RSS-Reader und schalte oft auch Twitter aus. Ich lasse mich eh leicht ablenken, da hilft Twitter nicht. Wichtige DMs bekomme ich eh per Mail. Den Rest des Tages verbringe ich entweder im Netz oder vor einem Text.

Das geht, in der Woche, immer bis zum Abend. Es gibt dann zwei Varianten. Entweder stecke ich knietief in der Arbeit, dann geht es so lange, bis ich fertig bin. Oder ich schaffe es, dass ich zumindest den Rechner in der Woche so gegen 20.00 Uhr ausknipse. Mails kommen eh auch übers Handy rein und ich schaue Abends regelmäßig nach. Wenn mir langweilig wird, starte ich die Twitter App im Handy. Ich nutze das Netz aber auch, wenn der Rechner aus ist. Wenn ein Film im Fernsehen läuft, den ich nicht kenne, dann schaue ich per Handy auf imdb.org um was es geht. Das Netz ist bei mir eigentlich immer an, allerdings dosiere ich meinen Zugriff auf Arbeitszeiten.

Das hat was damit zu tun, dass ich zu 80% mein Geld mit dem Netz verdiene. Um abschalten zu können, muss ich es auch mal abschalten. Komischerweise ist das Wochenende, wenn ich alleine bin, anders. Zum einen nutze ich das Netz dann auch Abends länger, vor allem weil ich TV-Streams schaue.

Allerdings – die Frage ist schon merkwürdig. Internet ist so etwas wie ein Stromanschluss. Ohne kann und will ich nicht leben. Und ich betrachte den Zugang zum Netz auch genauso – als etwas völlig normales, etwas zum Leben gehört. Man fragt ja auch nicht: „Und? Wie oft hast du heute deinen Stromanschluss genutzt? Und wie lange? Hast du das Gefühl, dass du von deinem Stromanschluss abhängig bist?“

Welche Rolle spielt das Internet auf der Arbeit? Habt ihr auf der Arbeit Computer mit Internetzugang und lernt ihr gezielt mit dem Internet zu arbeiten, also beispielsweise darin zu recherchieren? Und werdet/wurdet ihr auf der Arbeit von euren Vorgesetzten darüber aufgeklärt, was ihr im Internet dürft und was nicht?

Ich arbeite teilweise zu Hause, teilweise aus einem Büro. Da mach ich auch was mit dem Internetz und muss also surfen. Wenn ich kein Internet habe, kann ich nicht arbeiten. Neulich hatte ich zu Hause mal einen Stromausfall. „Macht ja nix,“ dachte ich, „ich hab einen Laptop, dessen Akku mit viel Streicheln vier Stunden hält.“ Dann fiel mir ein, dass der DSL-Router ja auch Strom braucht. Dann fiel mir der UMTS-Stick ein. Sieger.

Einige Gerichte haben entschieden, dass Eltern haften und Schadensersatz bezahlen müssen, wenn ihre Kinder im Internet das Recht verletzen. Denn Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren können in vielen Fällen noch nicht belangt werden. Beaufsichtigst du deine Kinder, wenn sie im Internet sind? Und hast du deine Kinder über „richtiges Verhalten” im Internet geredet?

Ich habe keine Kinder, aber eine Katze. Die darf nicht auf die Tastatur, so lange ich davor sitze. Wenn ich nicht da bin, holt sie den Rechner aus dem Schlaf und schreibt auf dem Word.doc nicht lesbare Geschichten. Hätte ich Kindern, würde ich sie ins Netz lassen. Dosiert, allerdings. Es ist mir klar, dass das Netz ungefiltert ist und es Dinge dort zu sehen gibt, die ich meinen Kindern nicht zumuten würde. Aber ich würde meinen Kindern ja auch nicht zum achten Geburtstag ein Buch von Charles Bukowski schenken. Oder die „Bild“ lesen lassen.

Was verstehst du persönlich – unabhängig von der Meinung deiner Kollegen, Freunde oder anderen – unter „richtigem Verhalten” im Netz?

Das eigene Verhalten im Netz sollte sich nicht von dem unterscheiden, was man im „normalen“ Leben hat. Weder beleidige ich Menschen in diesem „draussen“ anonym, noch stelle ich Nacktfotos von mir ins Fenster. Wenn ich mich mit jemanden unterhalte, dann mache ich das nicht, um ihn zu beschimpfen. Das „richtige Verhalten“ orientiert sich auch im Netz an der guten Erziehung. Das ist ebenso simpel, wie einleuchtend.

Beziehst du Musik und Filme aus dem Internet? Kostet das Herunterladen dann etwas und machst du das auch schonmal illegal?

iTunes ist mein Groschengrab. Ich habe einen Hang zu seltener Easy Listening Musik aus den 60er und 70ern. Die gibt es teilweise nicht mal mehr auf Vinyl. Da helfen bestimmte Blogs.

Hast du eine Vorstellung warum das Kopieren von Musik und Filmen im Internet in vielen Fällen nicht erlaubt ist? Findest du es richtig, dass das Hoch- und Herunterladen in den meisten Fällen nicht erlaubt ist?

Ich weiß es sogar. Das hat der Papst die Unterhaltungsindustrie verboten.

Sollte man deiner Meinung nach alles, was im Internet verfügbar ist, auch frei nutzen dürfen? Oder kannst du auch die Urheber verstehen, die das nicht möchten?

Ich bin selber Urheber, ich kenne es auch, wenn eigene Werke ohne meine Einwilligung kommerziell genutzt werden. Aber ich mache einen Unterschied zwischen einer kommerziellen und nicht-kommerzillen Verwendung. Ich stelle meine Texte hier unter eine nicht-kommerzielle CC-Lizenz, also kann sie praktisch jeder auf dieser Basis nutzen. Meiner Meinung nach sollte der größte Teil, der jetzt unter Copyright steht, verfügbar sein. Allerdings mache ich hier einen Unterschied zwischen aktuellen und alten Content. Beispiel: eine neue CD sollte nicht im Netz auftauchen, wenn das nicht gewünscht ist. Die Labels könnten die Verteilung und Promotion von neuer Musik viel leichter und bessern steuern, wenn sie das Streaming nebst embedding Code und wegen mir DRM selbst übernehmen würden. Sie veröffentlichen einen Teaser Song, interessierte Blogger können sich einen embedded code beim Label besorgen und auf ihre Seite einbauen – fertig.
Für alte Alben, also alles was älter als drei oder fünf Jahre ist, sollte es komplett legal sein, dass man mindestens einen Song auf seine Webseite einbinden kann. Das ist letztlich Werbung, egal ob man damit einen Text unterlegen („aufwerten“ nennt die Industrie das), oder nicht.

Sicher ist, dass man dringend das Copyright zugunsten der Künstler verändern sollte. Im Moment ist es nur für große Firmen sinnvoll.

Du hast erzählt, dass du ein Profil bei Facebook hast. Wie stellst du dich dort selber dar? Wer darf sich alles dein Profil anschauen?

Es gibt ein paar Fotos und ein paar Links zu meinen Seiten. Ansonsten fülle ich meine Timeline auf zwei Wege. Einerseits poste ich von Twitter aus rüber, andererseits laufen bestimmte Dinge (blip.fm zB) nur bei Faccebook ein, weil man da mehr mit anfangen kann. Mittlerweile nutze ich den Kalender und die Einladungen zu Veranstaltungen bei Facebook sehr intensiv.

Hast du das Gefühl, dass du dich zu anderen im Internet anders, vielleicht offener und direkter verhältst, als wenn sie in natura vor dir stehen?

Ich sage im echten Leben viel öfter „Fuck“ als sonst. Ansonsten bin ich halt so, wie ich bin.

Ein bekannter Wissenschaftler hat einmal gesagt: „Das Internet vergisst nie.” Was meinst du, hat er damit gemeint?

Das Internet hat ein gutes Kurzzeit, aber schlechtes Langzeit Gedächtnis. Klar, man kann, wenn man sich Mühe gibt, sehr viele, alte Sachen finden. Wenn man vergessen hat, dass man vor fünf Jahren mal ein peinliches Bild bei Flickr hoch geladen hat, dann kann man das finden. Aber gleichzeitig wird das Netz jeden Tag mit neuen Informationen voll gestopft, die die alten nach unten drängen.
Problematisch ist allerdings die Sammelwut des Staates, was Daten angeht. Die lassen sich, mittels Data-Mining viel leichter auch falsch zusammen zu setzen.

Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, dass dein Arbeitgeber dich dann vielleicht vor dem Bewerbungsgespräch googelt und dabei peinliche Fotos von dir findet?

Nein, ich überlege mir, was ich ins Netz stelle. Ich schreibe seit 10 Jahren nachweisbar ins Netz, das kann man finden. Darunter werden vielleicht auch Dinge sein, die nicht jedem gefallen. Auch potentiellen Arbeitgebern nicht. Aber ich habe noch nie bewusst deswegen Probleme gehabt, oder bin darauf angesprochen worden.

Die „Generation Internet”, der du ja angehörst, unterscheidet sich auch deshalb von früheren Generationen, weil es für sie ganz normal ist, Kontakte übers Internet zu knüpfen. Wahrscheinlich hast du auch schon Leute übers Internet kennengelernt. Wie kam es zu den Kontakten und habt ihr euch auch in der „realen Welt” schon einmal getroffen?

Meine erste „Offline“ Begegnung hatte ich Mitte der 90er. Das war dann gleich ein Forentreffen irgendwo im Ruhrgebiet. Nach dem ersten Schock war es ganz lustig. Es ist normal geworden, dass ich Menschen im Netz kennen lerne und dann auch treffe. Dazu kommen die ganzen Lesungen, Barcamps und sonstigen Dinge, bei denen man auf Leute trifft. Interessanterweise dreht sich auch schon mal. Man trifft Leute auf Partys, wirft sich zum Abschied „Auf Facebook/Twitter bin ich DonDahlmann“ zu, added sich und trifft sich dann manchmal noch mal wieder.

Hattest du vor Bloggertreffen Angst, dass sich in Wirklichkeit ganz andere Personen hinter den Bloggern verbergen als du erwartet hast?

Mittlerweile habe ich offenbar ein gutes Sensorium für die Menschen entwickelt, mit denen ich mich auch offline treffe und näher befreunde. Nach rund 15 Jahren online habe ich mehr Freunde, die ich durchs Netz kennen gelernt habe, als in der realen Welt. Ich habe sehr, sehr wenige schlechte Erfahrungen gemacht. Was ich immer wieder erstaunlich finde.

Du bist erstaunlich gut über Problemfelder im Internet und Verhaltensregeln informiert. Woher hast du dein Wissen, wenn du es nicht in der Schule oder von deinen Eltern gelernt hast?

Teh interwebs is mein Lehrer.

Don, herzlichen Dank für das Gespräch!

Immer wieder gerne, Don.

Schwarmintelligenz & Wikipedia

Das Netz und die damit verbundene Schwarmintelligenz wird seit ein paar Jahren gefeiert. Und in der Tat, es ist unglaublich wie schnell und präzise eine Horde übers Netz verbundener Menschen Sachen in Bewegung bringen kann. Sei es bei Thema Abmahnungen, sei es beim Thema Netzsperren. Es scheint so, dass die digital natives die kritische Masse erreicht haben und an Einfluss gewinnen. Dabei sind die Zahlen, die ich mir gleich aus den Fingern sauge, gar nicht mal so imposant.

Aus den Fingern muss ich sie mir saugen, weil es immer noch keine verlässlichen Zahlen zum Thema Blogs, Twitter und anderen Tools gibt. Klar ist: laut ARD/ZDF Onlinestudie, sind ca. 43 Millionen Menschen in Deutschland online. 8% nutzen ab und an Weblogs. Das waren also knapp vier Millionen. Aktive Weblog Inhaber (ein Update im Monat) gibt es aber vermutlich deutlich weniger, ich schätze so zwischen 100.000 bis 200.000 User. Bei Facebook sind zur Zeit ca. 3 Millionen aktiv, dabei ist aber nicht klar, wer dort wirklich kommuniziert und wer dort nur seinen Namen geparkt hat. Wenn man hier wieder die hoch gegriffene 10% Regel nimmt, dann wären das 300.000 die aktiv auf Facebook unterwegs sind. Ich tendiere allerdings eher dazu, die Zahl sicherheitshalber zu halbieren. Bei Twitter habe ich keine genaue Zahlen. Die grobe Schätzung sagt 250.000, von denen 90 bis 95% nur mitlesen oder einen Account geparkt haben. Macht ca. 15.000 aktive User.

Zwei Zahlen fand ich in diesem Jahr interessant. Zum einen die 134.015 Menschen, die die Onlinepetition gegen die Netzsperren unterschrieben hatten, zum anderen die 229.464 Leute, die die Piratenpartei bei der Europawahl 2009 gewählt haben. Beides sind sehr netzaffine Themen und zum damaligen Zeitpunkt gab eine normale Berichterstattung über diese Themen. Wenn man alle Zahlen mal schüttelt, dann kommt man auf ca. 150.000 bis 180.000 User, die täglich und aktiv in Deutschland die Netzszene beobachten und an ihr teilhaben.

Multiplikatoren gibt es allerdings noch weniger. Das sind jene User, die über einen erheblichen Einfluss verfügen, weil sie entweder bei Twitter oder in der Blogszene über viele Leser, RSS-Abonnenten usw. verfügen, und sich über die Jahre einen guten und verlässlichen Ruf aufgebaut haben. Ich hatte ein paar Leute angesprochen, und sie gefragt, wie hoch ihrer Meinung die Zahl der Multiplikatoren innerhalb der digital natives wohl ist. Die Antworten streuten von 1000 bis ein paar Dutzend. Ich selber vermute, dass es keine 300 sind. [Wobei man die Gamerszene schwer beurteilen kann, weil sie noch unorganisierter ist, als die Blogszene, dazu die Hacker-, Gagdget,- usw. Szenen]

Wozu all diese Zahlen? Weil sie das widerspiegeln, was auch bei Wikipedia los. Es wird von vielen genutzt, aber wenige kümmern sich darum, dass auch was passiert. Das hat wenig mit Schwarmintelligenz zu tun, sondern eher damit, dass sich im Verlauf einer Zeit eine Anzahl von Leuten findet, die mittels Einsatz, Intelligenz und Wissen zu Multiplikatoren werden, oder, wie bei Wikipedia genannt, Administratoren. Die Multiplikatoren setzen keine Trends (höchstens mal ein Mem), aber sie beschleunigen die Verbreitung von Trends, bzw. setzen ihnen ein Ende.

Doch während die Multiplikatoren der Webszene weiter von den anderen Usern, also der Schwarmintelligenz, überprüft werden (Fehlinformationen etc.), passiert das bei Wikipedia nicht. Hier hat sich ein eigenes, extrem komplexes (Relevanzkriterien) und undurchschaubares System etabliert, dass auch auf sich selbst aufpassen soll. Die Öffentlichkeit wird zwar de facto nicht ausgeschlossen, kann aber am internen Prozess von Wikipedia nicht teilhaben. Nicht mal, wenn man sehr viel Geld spendet. Aber das kennt man ja von Wahlen.

Das Problem von Wikipedia ist ja nicht, dass sie zu schlecht wären. Im Gegenteil. Das Problem ist, dass sie enzyklopädisch besser sein will als Brockhaus und Co, und sich dafür aber die Maßstäbe der etablierten Lexika angeeignet hat. Das ist nicht zwingend ein Widerspruch in sich, aber offenbar hat man vergessen a) woher das Wissen, b) das Geld und c) der Traffic kommt. Nämlich von den Usern. Dazu kommt, dass Wikipedia mal das Weltwissen sammeln wollte. Dazu gehören kaum gelesene Einträge über Zwerg-Pinscher, aber eben auch Themen zur Zeitgeschichte wie „Zensursula“ usw. Das scheint man aber vergessen zu haben, auch weil die Kontrolle von außen nicht mehr als wichtig erachtet wird, sondern weil man einem Humboldtschen Anspruch hinterher hechelt.

Wikipedia hat dabei ein interessantes Problem mit der Schwarmintelligenz. Es gibt nicht wenige, die behaupten, dass sich innerhalb einer Schwarmintelligenz auf Dauer nur ein spießiges Mittelmaß durchsetzen wird, weil alle Spitzen nach oben, wie auch nach unten, gekappt werden. Klassischer Demokratieprozess, auch das kennt man aus der Gesetzesbildung. Wikipedia sei ein gutes Beispiel, weil sich ein Kontrollsystem etablieren würde, dass sich irgendwann verselbstständigt.

Interessanterweise scheint die Schwarmintelligenz durchaus auch über sehr feinfühligen Kontrollmechanismus zu verfügen. Denn sie schafft es, wie beim Beispiel Wikipedia, auf Probleme reagieren zu können. Eine grosse Masse schafft eine Instanz, überlässt diese Instanz dann wenigen Usern, verliert die Kontrolle, weil die Strukturen verkrusten, aber ab einem bestimmten Moment schaut man mal wieder rein und sorgt für einen Erneuerungsprozess. (Der allerdings noch kommen muss). Es ist also ein Unterschied, ob man etwas macht um der Masse zu gefallen (Politik, Wikipedia), oder ob die Masse etwas aus sich heraus macht, was ihr gefällt (Internet-Mem, Kontrolle, Kritik).

Das finde ich gerade extrem spannend zu beobachten, weil es durchaus etwas neues und so noch nicht vorgekommen ist. Bleibt allerdings abzuwarten was passiert, wenn die Masse an sich und damit auch die Menge an verlässlichen Multiplikatoren größer wird. Ich bin da recht positiv gestimmt, weil sich zeigt, dass es viele Multiplikatoren geben muss, damit Verkrustungen ausbleiben.