Month: September 2009

Update aus meinem Leben

– Es gibt mehrere Gründe, warum es in letzter Zeit hier so ruhig ist. Zum einen ist da dieses neue, nicht mehr ganz so geheime neue Projekt namens next247.de, das Arbeitszeit und Gedanken verschlingt. Zum anderen bin ich seit Monaten angekränkelt. Acht HNOs, eine Klinikeinweisung und eine 24 Stunden vorher abgesagte OP später weiß ich, das in meinem linken Ohr eine Entzündung hockt, die man jetzt nicht operieren kann, aber vielleicht später. Mit dem Tinnitus muss ich jetzt halt leben, ich habe mich allerdings an ihn gewöhnt. Vielleicht gebe ich ihm noch einen Namen.

Und zum dritten habe ich dringend mal eine Pause benötigt. Auch um das Konzept „Blog“ noch mal zu überdenken.

– Das mit den Blogs ist nämlich so eine Sache. Ich sage in meinem Schulungen gerne, dass Blogs zwar das Rückgrat des eigenen Selbstmarketings im Netz sind, aber ich stelle mehr und mehr fest, dass gerade WordPress Blogs mittlerweile ganz schön schwerfällig geworden sind. Da ist zum Beispiel das Problem, dass man sie von unterwegs über das WP-Admin nur bedingt füllen kann. Da hilft dann eher so ein Dienst wie posterous mit dem man ein Blog mit Fotos uns Texten bestücken kann. Aber es fehlt WP doch in vielen Dingen noch die Einfachheit, mit der man beim Tumblr unterwegs ist (Tumblr Post), oder mit der Seiten bei Facebook einstellen kann. Scribefire ist zwar ganz nett, aber immer noch nicht das, was ich will.

– Jedenfalls unterliegen Blogs im Moment einer erneuten Wandlung. Sie sind nicht mehr der zentrale Kommunikationspunkt. Stattdessen bündeln sie Informationen, man schreibt weniger, aber längere Texte und der Rest läuft über Twitter und Facebook. Fast könnte man meinen, dass Blogs die neuen Printmedien sind. [Ironiedektektor on/off]

– Ich weiß auch gar nicht, ob ich mit der Wahl so unglüklich bin. Es ist ja nicht so, als hätte es unter Schwarz/Gelb in den 80er Jahren die große Intellektuellen-Verfolgung gegeben. Ich hatte eher den Eindruck, dass es der Kunst und dem Kabarett hilft, wenn man weiß, an wem man sich reiben kann. Ist halt auch leichter über Partien zu spotten, die man noch die gewählt hat, anstatt die SPD mit schwerem Herzen fertig zu machen.

– Dazu kommt: 2009 hat gezeigt, dass man nicht einfach mal mehr so über die Köpfe der Menschen hinweg regieren kann. Das Internet hat auch dafür gesorgt, das Themen eben nicht untergehen und das sie kritisch begleitet werden. In Zukunft wird das mehr denn je der Fall sein, denn die rauchenden Reste der SPD werden sich wohl in vor allem hier aufhalten, um Stimmung zu machen. Und wenn sie klug sind, diese Reste, dann machen sie nicht nur Stimmung, sondern tun auch was. Schwarz/Gelb wird vor allem mit Widerstand aus dem Netz rechnen müssen, es wird (sollte es stritig werden) Petitionen geben, und große Onlineportale werde, wenn sie minimales Rückgrat haben, die Themen aufgreifen. Ich bin da schon sehr gespannt, ob das Netz ein stärkeres partizipatives Element in die Politik bringt, als es Bürgerbefragungen je sein könnten.

– Überhaupt die SPD. 17% Verlust bei den Wählern unter 30. Das sagt schon alles. Da fragt man sich, wie man als Partei so blind werden kann, dass man das nicht merkt. Und jetzt? Kehrtwende? Zurück auf 1969 und dem „Willi wählen“ Pathos? Wenn sie denn einen hätten, der das verkörpern würde. Weder Wowereit noch Gabriel noch Nahles sind auch nur im entferntesten das, was man braucht. Das Problem der SPD sind aber nicht nur die Köpfe, sondern auch die Struktur. Parteien sind schon seit langem in sich geschlossene Systeme, die nur wenige verstehen und an deren Demokratie-Prozess kaum einer teilnehmen möchte. Die Stammtisch und Hinterzimmer-Diskussionen haben sich vor allem bei den jungen Wählern ins Netz verlegt, nur da hat die SPD wegen ihrer lächerlichen Haltung zu den Sperrgesetzen, der Vorratsdatenspeicherung etc. jegliche Glaubwürdigkeit verloren.

Selbst, wenn die Partei jetzt eine 180 Grad Kehrtwende macht und sich gegen ihre eigene Politik der letzten Jahre wenden würde – wer sagt, dass sie in vier Jahren, sollten sie wieder in die Nähe der Macht kommen, nicht plötzlich wieder umfallen? Und selbst, wenn man jetzt ein paar Köpfe aus der zweiten Reihe nach vorne schiebt, wird sie deswegen nicht glaubwürdiger. Die Erneuerung der SPD muss mindestens so hart und tiefgreifend erfolgen, wie 1959 in Bad Godesberg. Und das ist nichts, was man bis zum Parteitag im November einfach mal so auf die Beine stellt. Wenn die Verantwortlichen klug wären, würden sie die Philosophie der Partei renovieren, soziale Gerechtigkeit, Umverteilung, Bürgerrechte usw. auf ihre Fahnen schreiben um sich von der CDU, die sie in den letzten 11 Jahren so mittelgut imitiert haben, besser absetzen zu können. Wenn sie richtig klug wären, dann würden das Thema „Der Bürger ist der Staat“ auch weiter nach vorne bringen. „Glasnost“ scheint ja etwas zu sein, dass auch in der deutschen Politik und in den Behörden durchaus angebracht zu sein scheint. Also zum Beispiel die Offenlegung der Verträge mit privaten Firmen, Informationsfreiheit, Zugang des Bürgers zu all seinen gespeicherten Daten usw.

Das würde aber auch bedeuten, dass man 11 Jahre SPD-Geschichte mehr oder weniger unbesehen in den Orkus der Geschichte kippt. Und selbst nach Godesberg hat die SPD zehn Jahre gebraucht, um die neue Linie glaubwürdig vertreten zu können. Man hat also keine Zeit verlieren, zu mal die Linken mittlerweile auch im Westen aufschliessen. Aber irgendwie glaube ich nicht daran, dass die SPD das hinbekommt.

Die fehlende Brücke

Könnte ja jetzt auch darauf rumhacken, aber wie immer gibt es da ein Missverständnis. Den meisten geht die „Oberflächlichkeit“ und das eher redundante Dings im Manifest auf die Nerven. Das sei doch alles klar, das wisse man doch schon seit Äonen, heisst es da. Das ist aber genauso eine Fehlinterpretation, wie der Gedanke, dass sich die Vodafone-Werbung an Blogger gerichtet habe. So ein Manifest / Papier / Gedankensammlung richtet sich ja per se nie an die, die von einer Sache was verstehen. Sonst hätte Luther seine Thesen auch direkt auf Latein in Rom bei einer Kommission abgeben können.

Nein, es richtet sich an Menschen, die keine Ahnung davon haben. „Huch, Internet? Also, ich les Zeitung“ usw. Denen man also die Sache erklären möchte. Denen man zeigen möchte, was sich so in der Parallelwelt, die sie selten betreten, so abspielt.

Deswegen ist die Bezeichnung natürlich bescheuert. Manifest. Die Dinger sind spätestens seit dem Dada-Manifest nicht mehr so richtig ernst zu nehmen. Ich kann verstehen, wenn man das Wort „Erklärung“ nicht so recht nutzen mag, weil das ja etwas abgenutzt ist. Vielleicht Thesen?

Aber – so nett die Idee ist, so sinnlos ist es, wenn „nur“ die üblichen Verdächtigen drunter stehen. Die – seien wir mal ehrlich – außerhalb der Netzwelt keiner kennt, wenn man mal von Niggemeier* und Bunz* absieht. Wofür aber braucht es aber so ein Dings, wenn es keine Verknüpfung auch zu jenen gibt, an die man sich auch wenden möchten? Also all die Printredakteure, CvDs und Chefredakteure der großen Zeitungen? Wo ist deren Unterschrift? Mit der Unterschrift von 20 Chefredakteuren wären die Adressaten auch erreicht worden.

Ich weiß, dass man die nur schwer bekommt – also kein pauschaler Vorwurf an die Initiatoren, aber die Frage, warum zum Beispiel Thomas Knüwer nicht seinen Chef mal wegen einer Unterschrift angepingt hat, kann man doch schon mal stellen.

So bleibt der im Moment oft formulierte Verdacht, dass ein paar wenige sich mit ein paar Thesen in den Vordergrund schieben möchten, was natürlich auch Quatsch ist. Denn die, die da unterschrieben haben, stehen ja eh schon in der ersten Reihe. Eher, finde ich, bleibt die Enttäuschung, dass es nicht mehr Namen unter dem Manifest gibt. Das die Printler komplett fehlen oder sich nicht haben anschliessen wollen. Denn der Journalismus verändert sich gerade nicht nur im Netz, sondern auch auf anderen Gebieten. Ebenso, wie sich die Aufgaben des Journalismus gerade ändern und wie man erkennt, dass es einen Unterschied zwischen dem Verlag gesteuerten und dem freien Journalismus gibt, der sich den Postdemokratischen Bewegungen entzieht.

Dies klar zu machen, ist keine leichte Aufgabe, weil man gleichzeitig auch eine Neudefinition des Journalismus betreiben müsste, aber genau das wäre ja auch mal zu begrüßen. Dann auch gern mit einem Manifest.

*zufällig ausgewählte Namen