Month: März 2009

Warum wikileaks blöd ist

Im Lawblog von Udo Vetter, der die Verteidigung des betroffenen Domaininhabers von wikileaks.de übernommen hat, las ich dann heute, dass es nun eine Begründung für die Durchsuchung gibt. Udo schreibt:

Theodor R. wird vorgeworfen, Beihilfe zum Vertreiben von kinderpornografischen Schriften zu leisten. Und zwar dadurch, dass er seine Domain wikileaks.de schlicht und einfach auf die Internetseite wikileaks.org umleitet.

Nun ja, die Diskussion um die eigene Haftbarkeit bei Links hatten wir ja nun schon ein paar Mal. Wenn ich einen Link in meiner Blogroll habe, und jemand, der vorher nur Blümchenbilder veröffentlicht hat, plötzlich schreibt, dass er die Regierung stürzen usw. wird man mir kaum die Bude auf den Kopf stellen. Wenn ich aber in einem Bericht, bzw. Eintrag bewusst auf eine Seite verlinke und sage „Da gibt es unvorstellbaren Dreck“, sieht die Sache halt anders aus. Das ist spätestens bekannt, seit man nicht mehr direkt auf Software verweisen darf, die einen Kopierschutz aushebeln können.

Der Fall ärgert mich aber nicht nur wegen der fadenscheinigen Begründung für eine Hausdurchsuchung, sondern weil sich eine Seite, die gerade dabei ist/war, ein durchaus wichtiger Teil der Mediendemokratie zu werden, selber schädigt.
Ich halte aber die Veröffentlichung der ungeschwärzten Filterlisten, auf denen sich Links zu Kinderpornographie befinden, zumindest für selten dämlich. Ja, ich finde Filterlisten nutzlos. Ja, ich sehe ich auch, dass Filterlisten ein grober Keil sind, der Begehrlichkeiten von anderen Seiten schafft. Als nächstes kommt die VG Wort und verlangt das Google Books ausgesperrt wird, weil dort deutsche Bücher zu lesen sind, die nicht vergütet werden und am Ende steht die Gefahr, dass eine zukünftige, wenig kritikfreundliche Regierung Seiten sperrt, die nach irgendeinem schwammig formulieren Paragraphen den Staat und seine Ordnung gefährden. Aber man dokumentiert den Unsinn einer Filterliste nicht dadurch, dass man KP-Links offen zeigt. Es geht eben nicht um Kinderpornographie, sondern um die anderen Links die sich auf der australischen Liste befinden und die dokumentieren, wie leicht man sich selber „aus Versehen“ auf so einer Liste wiederfinden kann. Demnächst gibt es dann wieder eine staatliche „Zensurstelle“ bei der man Webseiten anmelden muss, bevor sie vom Provider freigeschaltet werden können.

Man kann die aber KP-Links unkenntlich machen, ohne dass man sich einen Zacken aus der Krone bricht, oder die Sache, um die es eigentlich geht, verwässert. Das Gegenteil ist der Fall. Die Veröffentlichung der KP-Links sind in diesem Zusammenhang mehr als kontraproduktiv.

Dennoch hoffe ich, dass ein Gericht die Rechtmäßigkeit der Hausdurchsuchung nachträglich verneint. Wenn man in Zukunft wegen eines Links, der auf einen Link verweist, der auf eine Seite mit Links verweist mitten in der Nacht die Wohnung durchsucht bekommt, kann man praktisch halb Deutschland durchsuchen. Und mit jeder noch so dünnen Argumentationskette im Sinne von „zu eigen machen“ und „Gefahr im Verzuge“ praktisch jeden Bürger unter einen Generalverdacht stellen. Was ja offensichtlich gerade Mode ist.

[Nachtrag] Kollege plomlompom wirft per Twitter ein:

Zensieren der KiPo-Links = durch Reproduktion zumindest eines Teils der Zensur wenigstens dessen Angemessenheit unterschreiben.

Uhhhh – schwieriges Argument, vor allem wenn es um Darstellungen geht, die die körperliche und seelische Zerstörung von Kindern darstellen. Unterschreibe ich einen Teil der Zensur, wenn ich die Links soweit unkenntlich mache, dass sie nicht mehr klickbar sind? Oder mache ich damit zum Teil genau des Systems, dass ich gerade versuche umzustimmen?

Ich sehe das weiterhin anders, denn es geht eben nicht nur um Kinderpornographie, sondern um Filterliste. KP wird, ähnlich wie Terrorismus, immer wieder gerne als Argument genommen, wenn es um Sperrungen, Überwachung etc. geht. Das Nichtschwärzen der Links führt in meinen Augen eben auch dahin, dass ich die KP zu etwas instrumentalisiere, was nicht so nicht sein sollte. Zudem reduziere ich die Sichtbreite auf dieses eine Thema. Es aber geht darum Filterlisten als sinnlos zu entlarven, nicht um KP. Dafür ich muss keinen klickbaren Link ins Netz stellen.

Werbung per Twitter

Das es irgendwann passieren würde, war klar, aber dennoch ist mir heute morgen etwas der Kamm geschwollen, als ich las, dass Peter Turi seinen normalen Twitter-Account auch mit Text-Anzeigen belegen möchte. Bzw. es auch macht. Ich habe ihn daraufhin entfollowt, bin mir dabei aber durchaus über die sinnlose Dramaturgie meines Handelns bewusst. Genauso gut hätte ich auch theatralisch zu Hause allein in Ohnmacht fallen können.

Dennoch beschäftigt mich die Sache durchaus. Denn ich lebe letztlich auch von der Werbung. Würde zum Beispiel die Blogwerk AG, die mein Auftraggeber ist, unter anderem nicht Umsätze durch die Werbung generieren, hätte ich den Job bei neuerdings.com nicht. Ich bin also weit davon entfernt, Werbung als „böse“ zu verteufeln. Auch sehe ich die dringende Notwendigkeit, neue Einnahmequelle zu erschließen, damit man seine Arbeit in einem vernünftigen Umfang unabhängig leisten kann. Irgendwie muss die Butter ja aufs Brot kommen. Bei meinen Auftraggebern und bei mir.

Zwei Dinge nerven mich aber an dieser Sache:

1. Es ist in meinen Augen höchstgefährlich, wenn man seinen persönlichen Twitter Account für Werbung nutzt. In Turis Fall ganz besonders, denn er schreibt nicht nur über Verlage, sie werben auch einen Tweet bei ihm. Es kann also passieren, dass die Werbeeinahmen per Twitter Teil seiner monatlichen Einnahmen werden, was dazu führen kann, dass er seine Objektivität verliert. Also genau in die Werbefalle läuft, in der große Teile des Journalismus sowie schon stecken.

2. Es muss Bereiche im Leben geben, die von Werbung verschont werden. Twitter war aber bisher eine kleine Oase der Werbefreiheit, die ich genossen habe.

Die Frage, ob man im eigenen, nicht oder nur schlecht abgrenzbaren, social stream Werbung schalten kann, ist spannend und nicht leicht zu beantworten. Denn man darf nicht vergessen, dass gerade für Leute, die eng mit dem Netz verzahnt sind und über einen gewissen Bekanntsheitgrad verfügen, jeder Feed (sei es Twitter oder Facebook) eine Werbeplattform ist. Ist es schon Werbung, wenn ich per Twitter automatisiert verkünde, dass ich einen Blogeintrag geschrieben habe, oder fällt das noch in die Grauzone erlaubte Eigenwerbung/soziales Hintergrundgeräusch?

Beim Massenpublikum wird die Sache anders betrachtet. Hier freut man sich, dass sich endlich einer traut, Twitter als Werbeplattform zu nutzen und es wird gefeiert, dass man nun auch hier einen weiteren Kanal für Werbung aufmachen kann.

Natürlich ist ein Tweet Werbung pro Tag von Turi2 kein Beinbruch. Immerhin habe ich bei Twitter die Entscheidungsfreiheit per „unfollow“ Werbung aus meinem Leben zu verbannen. Das Problem wird allerdings größer, wenn noch mehr solche Mischaccounts haben. Im Gegensatz zu einem Blog, wo ich Werbung per Adblocker ausschalten kann, muss ich bei Twitter die Werbung ertragen, oder eben auf „unfollow“ klicken. Bei einem Account mag das gehen, bei 30 sieht das schon anders aus. Die Accounts aber voneinander zu trennen macht keinen Sinn, denn wer würde schon einem „Turi2 Werbung“ Account folgen? Das sich Direktwerbung per Twitter auch lohnen kann, hat Andreas Goeldi heute bei Netzwertig ausgerechnet.

Die Frage ist aber, wie sehr ich einen Kommunikationsraum mit Werbung vollstopfen kann und ob das überhaupt erwünscht ist. Rein intuitiv meldet sich bei mir da ein klares „Nein“, einfach aus dem Grund, dass Werbung sich noch weiter aufreibt und nutzloser wird, je weniger werbefreier Raum mir zur Verfügung steht. Dazu kann das oben erwähnte Problem des Glaubwürdigkeitsverlustes kommen. Ebenso könnte man argumentieren, dass wenig nett ist, einen kostenlosen Dienst zur Verfügung zu haben, und diesen dann zur Werbung nutzt. Das wäre in etwa so, als würde ich für den Download von Firefox 20 Euro verlangen. Die Gefahr ist auch, dass Firmen auf die Idee kommen, Twitter-User 11,3 Cent pro (unmarkierten) Werbetweet mit passendem Hashtag zahlen und dass es genügend User gibt, die das auch machen würden.

Interessant fand ich allerdings diese Meinung in den Kommentaren beim Massenpublikum:

Aber das heißt nicht, dass gleich jeder Kanal mit Werbung bestückt werden muss, zudem noch unzureichend gekennzeichnet. Auf lange Sicht schadet sich turi2 selbst. Ich kann aus meiner eigenen unternehmerischen Tätigkeit sagen: Der Verzicht auf manchen Umsatz lohnt mehr als das Bücken nach jeder Münze.

Muss man also wirklich jede Möglichkeit nutzen, oder ist es auf lange Sicht nicht vorteilhafter, in bestimmten, vor allem den direkten Kommunikationskanälen, auf Werbung zu verzichten? Ich denke, dass zumindest im Moment noch jede Anzeige oder groß angelegter Werbeversucht bei Twitter als eine Art Spam betrachtet wird. Ebenso, wie ich meinem Mails keine nicht angeforderte Werbung sehen möchte, weil sie meine Kommunikation unterbricht, will ich das auch nicht per Twitter.

Update aus meinem Leben, Nummer irgendwas

– Eine Woche geschult. Ich vergesse immer, wie anstrengend das eigentlich ist, sechs Stunden frei und konzentriert zu reden und gleichzeitig die Schulungsgeschwindigkeit von „Ach, Yahoo Pipes, das kann doch jeder“ auf „Was ist ein Hyperlink“ zu reduzieren. Dazu halt noch den nur leicht eingeschränkten Arbeitsalltag, der ja auch nicht wartet. Auf der anderen Seite tun mir die Schulungen selber auch immer wieder gut, weil ich dadurch mal wieder ein wenig geerdet werde. Man vergisst so schnell, dass man selbst die Entwicklungen es Netz seit 14 Jahren mit macht, während andere Menschen in der Zeit was sinnvolles gemacht haben andere Dinge zu tun hatten. Manchmal kommt mir das vor, als würde in eine andere Welt wechseln, was den Schöllerrrn vermutlich genauso geht. Das gegenseitige, gedachte „Was will der denn von mir“ auf deren Seite und bei mir „Kann doch nicht sein, dass man nicht mal die einfachsten…“. Die Schulungen bringen mich dann wieder (kurz) zurück aus dem digitalen Elfenbeinturm und machen mir klar, dass man immer wieder mal innehalten und schauen sollte, wo sich das Netz, bzw. die User eigentlich gerade tatsächlich befinden. Man ignoriert ja gerne, dass Blogs seit acht Jahren in Deutschland präsent sind, aber gerade mal rund 200.000 aktive Nutzer haben, während sich Millionen User bei StudiVZ und WKW rum treiben.
Und noch eine Kleinigkeit habe ich durch die Schulungen gelernt: Ich habe Hochachtung vor vielen Lehrern bekommen, die das jeden Tag mit bockigen Schülern machen müssen.

– Jetzt hab ich das Zweite vergessen, was ich schreiben wollte.

– Mein Diät- und Sportprogramm hat unter der vielen Arbeit böse gelitten.

– Ach ja, als zweites wollte ich was wegen Urlaub schreiben. Eigentlich mehr eine Noitz an mich selber: Man muss auch mal ne Pause machen. Ich habe gerade so ein ungutes Tretmühlengefühl bei der Arbeit.

– Neulich hat mich jemand angerufen, um mir ein Aktiendepot anzudrehen. Habe lachend aufgelegt. Dabei fällt mir gerade auf, dass es überhaupt keinen Aktien-Spam mehr im Mailfach gibt.

– Brauche dringend so ein Batterietelefon, mit dem man auch in dieses Internet gehen kann. Mein Nokia N70 ist jetzt doch etwas betagt und tauche ich auf diesen Nerd-Treffen auf (i.e. Pressekonferenzen, Produktvorführungen), die ich meiner Eigenschaft als leitendender Redaktor (so heißt das in der Schweiz) von neuerdings.com dann doch öfter besuche, werde ich immer etwas schief angeschaut. So wie einer, der auf einer LAN-Party mit einem Amiga-Computer ankommt. Allein die Tatsache, dass ich nur ein Handy habe… Das Problem ist, dass ich mich nicht entscheiden kann. Das G1 hatte ich für ein paar Wochen, und es ist gut, mit dem iPhone habe ich auch schon oft gespielt, und das Nokia E71 glitt ebenfalls durch meine Finger. Alles nette Handys, aber irgendwie auch nicht so, dass ich den irren Blick bekomme. Das G1 nervt mit dem Akku, das iPhone, weil es so an iTunes gebunden ist, ein Programm, dessen Schlechtigkeit ich gerne abendfüllend beklage, das E71 ist jetzt auch nur ein aufgebohrtes N70 und hat keinen Touchscreen. Das HTC nervt mit Windows, ebenso das Sony Xperia. Aber ich merke, dass ich ohne ein vernünftiges Handy, dass mehrere Mailaccounts abrufen kann, GPS und Push kann, nicht mehr sein möchte. Also doch das G1 und mindestens drei Ersatz-Akkus? [Nein, kein Blackberry. Das kommt höchstens, wenn ich einen Rollaktenkoffer habe und auf Flughäfen lebe]

– ProSiebenSat1RTL usw. nach ganz hinten im Fernseher verbannt. Schaue ich eh nie. Kabel Eins Classic hat noch eine letzte Chance. ARD und ZDF bleiben auch nur aus Nostalgiegründen auf ihrem Platz. Am Wochenende aus Versehen in „Wetten dass“ geraten. Zweimal. Einmal bei der Hoden-Nummer, ein mal als irgendwelche Autos über irgendeinen Mann gefahren sind. Schnell einen Schnaps getrunken. Wenn das so weiter geht, dann schaue ich nur noch History, Discovery Geschichte, Discovery, Planet und US-Serien und kauf mir ein Buch von Luhmann.

– Neulich das Fensterbrett hinter den beiden Monitoren mal aufgeräumt. Das erste Mal nach zwei Jahren, oder so. Offensichtlich hatte mal unbemerkt eine Katze heimlich in die Ecke hinter den Nachschlagewerken gekotzt. Unter einem Stapel Papier vier CDs von Morphine wieder gefunden, die ich jetzt als Wieder-Neuentdeckung des Frühjahrs anpreisen möchte.

Die Sache mit den Konten

Jetzt dürfen also die Finanzämter auch dann aktiv werden, wenn sich Kontobewegungen „aus dem Kreis der alltäglichen und banküblichen Geschäfte hervorheben“. Also praktisch immer, wenn plötzlich große Summen auf dem Konto auf- und wieder abtauchen. Wegen mir, bitte. Ich liefere jedes Jahr meine Kontoauszüge komplett bei meiner Steuerberaterin ab. Wenn das Finanzamt meint, ich hätte was nebenbei verdient und nicht angemeldet, können sie gerne nachschauen. Das mache ich allerdings freiwillig.

Natürlich ist der nun praktisch vorbehaltslose Zugriff auf Kontodaten ein weiteres Mosaiksteinchen in der Überwachung. Ich kann nicht mehr freiwillig entscheiden, welchen Daten das Finanzamt von mir sieht, sondern der Staat nimmt sich mal wieder, was er will. Auf der anderen Seite – Hartz IV Empfänger kennen das schon länger. Jeder „Leistungsempfänger“ muss sich heute bis auf die Knochen ausziehen, gleichzeitig wird man das Gefühl nicht los, dass jeder, der ein wenig mehr verdient und einen kreativen Steuerberater hat, sein Geld irgendwie versucht am Staat vorbei zu schleusen. Man könnte also auch argumentieren: Schön, dass sich jetzt alle ausziehen müssen.

Und gleichzeitig fahren die europäischen Finanzminister große Geschütze in Richtung Schweiz auf. Steueroase! Steuerflucht! Unsolidarisch! Indianer??

Die Schweizer wundern sich nicht wenig über den Druck und die kreativen Beschimpfungen aus dem Ausland, besonders aus Deutschland. Denn in der Schweiz gibt es kaum Probleme mit Steuerflucht. Im Gegenteil. Sehr zahlreich zieht man gerne in die Schweiz. Und das nicht nur, weil es dort so hübsch oder gar preiswert ist, sondern weil es offensichtlich mehr Sinn macht, sein Geld dort zu versteuern. Ein Ökonom aus der Schweiz brachte es eben im D-Radio auf den (polemischen) Punkt, als er sagte, dass die Schweiz ja nun auch nichts dafür kann, wenn man dort mit den Steuergeldern sinnvoller umgehen würde, als das in Deutschland der Fall sei.

Und es heißt ja auch nicht umsonst Steuer-„Flucht“. Das Geld flieht vor einem völlig abartig komplizierten Steuersystem, das nicht mal mehr Steuerberater völlig durchschauen. In diesem Internet habe ich neulich mal gelesen, dass 60% der weltweit(!) erscheinenden Steuerliteratur auf Deutsch ist. Das deutsche Steuersystem ist eine Katastrophe und zu dem ungerecht. Ich könnte, ganz legal, 40% einer geplanten Ausgabe, z.B. einen teuren Computer über drei Jahre „abschreiben“, also von meinen Bruttoeinnahmen abziehen. Ich brauche dafür nur einen Kostenvoranschlag. Sind die drei Jahre rum, müsste ich das einbehaltene Geld zurück zahlen, könnte aber gleichzeitig wieder was anders abschreiben. Und genauso machen es Firmen. Geplante Ausgaben abschreiben, und, sehr vereinfacht gesagt, keine Steuern dafür zahlen. Man muss als Konzern schon sehr bescheuert sein, zahlt man in Deutschland den vollen Steuersatz. Und das ist von der Politik ja auch so gewollt, weil es „Investitionsanreize“ schafft. Was anderes macht die Schweiz auch nicht. Sie schafft Investitionsanreize für Bürger. Anders ausgedrückt: Was kann die Schweiz dafür, dass es in Deutschland so ein erbärmliches Steuersystem gibt? Muss sich die Schweiz jetzt das deutsche Steuersystem zulegen, damit Peer Steinbrück glücklich ist?

Dass es genug Idioten gibt, die Steuern im großem Maße hinterziehen, ist mir klar, dass denen auf die Finger gehaut hört, auch. Aber man muss sich zusätzlich mal fragen, warum das Geld abfließt und ob das bestehende Steuersystem nicht komplett abgeschafft gehört. Es sind nicht wenige in den letzten Jahren mit der Idee gescheitert, ein „Bierdeckel“ Modell zu entwickeln. Die Merkel hatte hatte es ja mal vor, damals, als sie Bundeskanzlerin werden wollte, nur um vor der Industrie- und Finanzlobby einzuknicken. Aber vermutlich wird man noch viele Jahre mit dem bescheuerten Steuersystem leben müssen, weil keiner den Mut hat, mal über „Flat-Tax“ und andere Modelle nachzudenken. Derweil werden Steuergelder weiter ins Finanzsystem gepumpt, was vielleicht sogar Sinn macht, aber soll man die Unternehmensbesteuerung und deren weit verzweigte Einnahmen im In- und Ausland argumentieren, wenn man den Bürger komplett auszieht? Da braut sich eine Menge Unzufriedenheit und gefühltes Unrecht zusammen.

Abofalle via Facebook?

Facebook ist ein ziemlich umfassender Dienst mit knapp 200 Millionen User, und das Geschäftsmodell ist nicht wirklich klar. Vielleicht Userdaten, vielleicht Werbung. Vielleicht einfach noch größer werden als Google und auf dem Weg dahin die Welt „verfacebooken“. Im Internet ist man dank „Facebook Connect“ ja schon auf gutem Weg und dabei OpenID ernsthaft zu gefährden. Das man trotzdem irgendwie Geld verdienen muss, ist klar. Aber auf dem Weg?

Bei Facebook gibt es die Möglichkeit die Geburtstage von Followern in einen Kalender zu übertragen, so diese denn zustimmen. Nette Sache, vor allem für einen so notorisch schusseligen Menschen wie mich. Dieser Kalender ist eine Applikation, die nicht von Facebook stammt (soweit ich das eruieren konnte), und ist harmlos. Es werden keine Daten ungefragt abgeholt, sondern man muss zustimmen. So weit, so ok.

Heute blinkte über einer Anfrage die Werbung für eine weitere Applikation auf. Ein IQ-Test. Eingeblendet wird das nicht als Werbung, sondern als Hinweis auf eine andere Applikation.

iq1

Aus Neugierde drauf geklickt und auf dieser Seite gelandet -> hxxp://intl.yixe.com/index2.php?tid=34

Der „Test“ besteht aus ein paar Fragen, die sehr leicht zu beantworten sind. Doch am Ende erwartet einen nicht das Ergebnis, sondern die Aufforderung, seine Handynummer anzugeben. Dachte ich während des „Test“ schon an eine eine Falle, war das mit der Bitte um die Handynummer klar. Ein kurzer Blick nach unten genügte um folgendes zu lesen:

1. Es handelt sich um einen Service, welcher abonniert wird. Jede Woche senden wir Dir einen WAP-Push-Link, der Dich zu einer Seite führt, auf der Du wöchentlich 6 Downloads plus 4 BONUS Downloads in der ersten Woche herunterladen kannst. Du hast die Wahl aus mehr als 10.000 aktuellen Klingeltönen, Spielen, Videos und Wallpapers. Die Kosten betragen EUR 4,99 pro Woche (+Transport).

Mit anderen Worten – schicke ich meine Nummer, habe ich ein Abo in Höhe von knapp 20 Euro/Monat oder 240/Euro Jahr am Hals (Das, dass steht im nächsten Punkt, jederzeit gekündigt werden kann). Der Anbieter hat im Impressum eine Adresse in England angeboten.

Nun sind diese Lockangebote ja nichts neues. Ganze Musiksender haben sich mit Werbung für diese Angebote über Jahre finanziert.

Was mich aber wundert: verdient Facebook an diesen, sagen wir mal, etwas dubiosen Seiten mit, oder reitet da einer die Facebook-Welle und greift sich die User von Facebook? Immerhin leitet die Seite nicht auf eine Applikations-Seite von Facebook, sondern man landet auf einer externen Seite, die mit Facebook, zumindest nach Außen, nichts zu tun hat.

Und genau diese Frage (bzw. diesen Eintrag) habe ich gerade an den Facebook Support gemailt. Es wäre eine Sache, wenn Facebook zu „Premium Apps“ leiten würden, eine andere, wenn sie das Portal zu solchen, ich sag mal, Fremdanbietern mit merkwürdigen Angeboten werden. Mal sehen, was die Antwort ist.

Bullfighters Beef

Es gibt zwei Dinge, die mir bei schlechter Laune relativ zuverlässig wieder auf die Beine helfen. Das eine ist die Aussicht auf eine Fernreise, das andere ein Einkauf in einem Feinkostladen. Da eine Reise an mehr oder weniger entfernte Orte gerade nicht mal ansatzweise in Aussicht ist, hilft also nur ein Besuch beim Frischeparadies Lindenberger. Nicht nur, dass der Laden ein kleiner Tempel in Sachen guter Zutaten ist, er erinnert mich teilweise auch an den „Spanischer Garten“ ein winziger, bis unter die Decke vollgepackter Feinkostladen in meiner Heimatstadt Bad Godesberg, den es leider schon lange nicht mehr gibt. In Sachen Fleisch, Fisch und Käse kann man es hier längere Zeit aushalten. Klar, KaDeWe geht auch immer, aber so sehr ich die Lebensmittelabteilung da mag, so sehr überfordert sie mich manchmal auch. Es ist einfach zu viel im Angebot und die Entscheidung wird dann eher zur Qual.

Gemüse gibt es beim meinem Gemüse-Vietnamesen um die Ecke, den Rest bei Goldhahn und Sampson. Jedenfalls ist es meiner Laune sehr zuträglich, in solchen Läden ohne Rücksicht auf Verluste auf das Konto einzukaufen. Damit das nicht komplett ausartet, mache ich mir vorher immer einen rudimentären Plan über die Dinge, die ich zu essen gedenke, und erinnere mich scharf daran, dass ich a) meist leider alleine bin (Fernbeziehungsdings) und b) nicht alles gleichzeitig essen kann. Geht oft nur ein bisschen schief.

Exemplarisch also folgendes. (Den Schwertfisch mit Fenchel, Paprika in der Sherry-Soße hab ich vergessen zu fotografieren).

Hier zu sehen: teilweise die Zutaten für ein „Bullfighters Beef“. Klingt gefährlich, ist aber letztlich nur eine Variante des guten, alten Gulasch, dieses Mal allerdings aus Frankreich, genauer gesagt der Camargue. Da heißt es dann auch „Daube de taureau“.

beef_1_small

Man benötigt für 2 Personen:

700 gr. Rindersteak. Ich hatte Kalsbgulasch genommen und zwar, weil ich es so wollte. Rotes Fleisch sollte es aber schon sein
2 kleine Zwiebeln bzw. Schalotten
2-3 Knoblauchzehen
2 Karotten, mittelgroß, nicht diese Atom-Möhren
Kräuter komma frisch: Thymian, Rosmarin und was sonst noch so passt
2 Lorbeerblätter
4 Nelken
1 Zimtstange
1 Flasche Rotwein

Und später dann:
50 gr. Parma Schinken
50 gr. schwarze Oliven
Olivenöl, Salz, Pfeffer

Zwiebeln würfeln, Karotten schälen und in eine der eigenen Ästhetik entsprechenden, aber essbaren, Form schneiden. Knoblauch fein schneiden. Je frischer der Knoblauch ist, desto besser. Ein Bouquet Garni Bondage erstellen. (Hint: wenn es keine frischen Kräuter gibt, kann man auch getrocknete nehmen. Die einfach in ein Tee-Ei stopfen). Zusammen mit dem Fleisch, dem Knoblauch, Nelken, Lorbeerblättern und der Zimtstange in eine Schüssel werfen und mit dem Inhalt der Flasche (minus ein Glas für den Koch) auffüllen. Zudecken, und 24 Stunden in den Kühlschrank stellen. Beim Wein sollte man a) nicht sparen und b) aufpassen, dass er nicht zu trocken ist. Wichtig: nicht pfeffern, nicht salzen. Ab und an mal umrühren

Am nächsten Tag sich wundern, dass der Kühlschrank penetrant nach Knoblauch riecht. Ignorieren. Schüssel rausholen, den Inhalt in ein Nudelsieb schütten, die Marinade aber unbedingt auffangen.

Großen Topf oder Kasserolle nehmen. Fleisch portionsweise kurz scharf in Olivenöl anbraten, so dass es leicht braun wird. Fleisch raus, klein geschnittenen Parma kurz anbraten, jetzt das Gemüse und die Oliven hinzu. Wenn die Zwiebeln weich werden, Fleisch wieder rein und die aufgefangene Marinade hinzu. Kurz aufkochen, dann die Hitze runterstellen und mit Deckel simmern lassen. Und zwar noch mal zwei bis drei Stunden. Das hängt ein wenig davon ab, wie mürbe das Fleisch ist. Bei meinem Kalbfleisch dauerte es nur zwei Stunden. Sollte die Flüssigkeit während des Kochens zu schnell verdampfen, einfach noch was Wein nachkippen.

Am Schluss die Soße abschmecken, Salz und Pfeffer nutzen. Wenn der Wein doch zu trocken war, kann man mit ein oder zwei Teelöffeln Honig den gewünschten Geschmack erzielen. Soße entweder mit Beurre manié (aus gleichen Teilen Butter und Mehl eine Paste machen), oder sonst wie andicken. Ich habe ganz am Schluss noch etwas frischen Koriander drüber gegeben, was ziemlich gut passte.

Und das sah dann so aus:

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Wie bei alle Gulasch kann man mit den Zutaten rumspielen, vor allem mit den Kräutern und dem Gemüse. Man könnte zum Beispiel gegen Ende auch ein paar Cocktailtomaten reinwerfen, damit es etwas Süße bekommt. Oder Paprika hinzufügen. Wie erwähnt – sehr wichtig ist der Wein, weil an das Fleisch sonst nichts ran kommt. Abgesehen von der Zubereitungszeit, ein sehr einfaches Rezept.

Geklaut habe ich das Rezept aus dem sehr, sehr wunderbaren Buch „Rick Stein – French Odyssey„, das es auch auf DVD gibt.

Kleine Presse- und Blogschau I

In den letzten 24 Stunden ist viel über Twitter und auch über die Nutzung von Twitter durch die Medien geschrieben worden. Ich will das nicht wiederholen und weise da einfach noch mal auf meinen Artikel vom 26. Februar hin, in dem ich schon mal versucht habe meine Sicht klar zu machen. Twitter darf nicht mit einem berichtenden Journalismus verwechselt werden, sondern ist nicht mehr als weiterer Nachrichtenkanal neben den Agenturen. Aber bevor ein paar sehr intensive Artikel im Rausch der nächsten Meldungen untergehen, möchte ich die doch in einer Art Blog- und Presseschau zusammenfassen:

Zunächst mal mitten rein in die Diskussion, wie und ob man bei so einem Ereignis überhaupt twittern sollte. Der Focus hatte gestern extra für die Morde in Winnenden einen Twitterkanal eingerichtet, was nicht ganz reibungslos lief. Stefan Niggemeier schreibt:

Ich finde es falsch, angesichts des Unglücks so vieler Menschen über die eigene Anreise zu schreiben. Ich finde es falsch, in der Hektik dieser Berichterstattung noch über die Hektik dieser Berichterstattung zu berichten, auch wenn es nur zehn Sekunden dauert. Und ich finde es falsch, die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken.

Diese Kritik nahm Jochen Wegener, Chefredakteur von Focus Online zum Anlass, eine Replik zu schreiben und dem Branchendienst Meedia ein Interview zu geben, in dem er sagte:

Wir haben zum Fortgang der Ereignisse getwittert, auf neue Beiträge bei FOCUS Online hingewiesen, und die Reporter vor Ort haben einige Details zu ihrer Arbeit und ihren Erkenntnissen eingestreut. Ich kann verstehen, dass Einträge zum Entstehen einer Geschichte von manchen in dieser Situation als pietätlos empfunden werden, ich selbst habe dies nicht so empfunden.

Gert Blank setzt beim Stern sehr kritisch mit Twitter auseinander. Und schießt deutlich über das Ziel hinaus:

Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf, erfährt man bei Twitter schnell, wie der mutmaßliche Täter heißt. Das Elternhaus wird in aller Pracht gezeigt, und damit man es auch findet, gibt es den Link zur Adresse dazu. Der Pressekodex gilt halt für die Presse, und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.

Abermals antwortet Niggemeier:

Und der Pöbel nennt direkt den ganzen Namen des Amokläufers? Jenen Namen, der heute auf den Seiten eins, zwei und drei der „Süddeutschen Zeitung” steht?

Ebenfalls per Blog diskutieren Harald Martenstein und Sascha Lobo ihre Ansichten über Twitter. Martenstein schreibt:

Mir ist aufgefallen, dass die finsteren Visionen von Romanen wie 1984 und Schöne neue Welt allmählich Wirklichkeit werden. Da herrscht auch permanente Beobachtung. Ich halte es für widersprüchlich, wenn man gegen Videokameras in Umkleidekabinen ist und gleichzeitig die totale Vernetzung als Fortschritt feiert.

Sascha sieht das naturgemäß deutlich anders:

Diese Passage ist aber vor allem falsch, weil sie die selbstgesteuerte Vernetzung und das freiwillige Einstellen von Daten vergleicht mit Videokameras in Umkleidekabinen. Der Unterschied ist der gleiche wie zwischen “sich im Klo einschliessen” (toll, manchmal) und “im Klo eingeschlossen werden” (untoll, immer). Das Entscheidende ist die informationelle Selbstbestimmung, und zwar sowohl was die Veröffentlichung der eigenen Daten angeht wie auch deren Auswertung.

In der Netzeitung schreibt Maik Söhler über die erstaunliche Fixierung mancher Medien auf Twitter:

Schnell stellte sich aber auch die Enttäuschung darüber ein, das Twitter der Erwartung nicht gerecht wurde. Viele Falschmeldungen wurden auf diesem Weg verbreitet, darunter auch jene, der Täter sei von der Polizei gefasst worden. Ansonsten fand sich auf Twitter weitgehend das, was auch im Fernsehen zu sehen, im Radio zu hören und in Zeitungen zu lesen war: Trauer, Entsetzen, Wut, Fassungslosigkeit.

Und auch der DJV hat in solchen Momenten auch etwas zu sagen:

Konken kritisierte: „Eine Berichterstattung, die den Journalisten in den Vordergrund rückt und gezielt die Sensationslust eines Teils der Nutzer bedient, ist pietätlos gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Sie geht über die Informationspflicht der Medien weit hinaus und birgt die Gefahr, die Glaubwürdigkeit der Medien nachhaltig zu beschädigen.“

Der Popkulturjunkie regt sich über die Kritik auf, die etlichem Twitter-User gestern über die Berichterstattung in den Medien geäußert haben.

Aber: Dieser Schmutz, der von einigen per Twitter über Journalisten ausgegossen wurde, die einfach nur ihren Job machen, dabei keinerlei Sensationsgier an den Tag legen und sich im stundenlangen Stress mal verhaspeln oder unglückliche Formulierungen wählen – das ist würdelos, tausendmal würdeloser als die kritisierte Berichtersatttung.

Dem gegenüber stellt Jörg Thoman in der FAZ seine Ansicht über das Verhalten der TV-Sender:

Tragödien wie jene von Winnenden beleuchten schlagartig den Zustand des Fernsehens. CNN berichtete früh und ausführlich, in jener Mischung aus professioneller Routine und empathischer Leidenschaft, die für deutsche Sender unerreichbar scheint. Bei einem solchen Drama schlägt die Stunde von Reportern, die nur deshalb vor der Kamera auftauchen, weil sie den kürzesten Anfahrtsweg hatten – und nicht jeder zeigte sich der Aufgabe gewachsen.

Soweit die Auseinandersetzung über Twitter und Medien. Ein paar andere Gedanken gab es aber auch noch. Franzi schreibt in ihrem Blog

Doch der Amoklauf von Winnenden zeigte: Twitter funktioniert nicht immer. Weil da keine Informationen unterwegs waren, die in irgendeiner Art und Weise weiter brachten.

lantzschi dagegen schreibt:

Ich klicke mich durch die Agenturen. Einige Fotos verstoßen gegen den Pressekodex. Ich frage mich, was Journalist sein eigentlich bedeutet.

Ich kann viele Argumente verstehen. Beider Seiten. Ich habe gestern auch zwei Stunden lang den Twitterfeed beobachtet und versucht, mir ein Bild zu machen. Es war schnell klar, dass Twitter bei dieser Sache keine Rolle spielen würde. Im Übrigen ähnlich wie letzte Woche in Köln, als das Stadtarchiv zusammen brach. Der Hype um Twitter entstammt zwei Zufällen, nämlich dass bei den Flugzeugabstürzen in New York und in Amsterdam zufällig gerade jemand vor bei kam, der Twitter und Twitpic kannte. Das ist bei knapp 8 Millionen Users ja nicht selbstverständlich.

Was Kritiker an Twitter vor allem nervt, ist der ständige, ungefilterte Daten- und Meinungsstrom. Die Meldungen liefen gestern so schnell durch Twitgrid, dass man nicht mehr hinter her kam. Stimmt die Meldung von User XY, dass es weitere Schießereien gegeben hat? Oder die von User AB, der sagt, der Mörder sei in einem Kaufhaus? Welcher Meldung soll man nach gehen? Und in der Zeit, in der man darüber nachdenkt, kommen schon 20 neue Meldungen.

Aber ich kann die Kritik, der „Pöbel“ würde hier rum brüllen, nicht nach vollziehen. Denn in solchen Krisensituationen ist es immer so. Bin ich vor Ort, ist das Stimmen- und Nachrichtengewirr zwischen Betroffenen, Anwohnern, Polizisten, Journalisten, Wichtigtuern und Trittbrettfahrern genauso dicht, Twitter (oder das Internet in dem Fall) bildet das letztlich nur nach. Als Journalist muss ich halt sehen, was ich damit anfange und ab diesem Punkt spielen Erfahrung und Bauchgefühl die entscheidende Rolle.

Natürlich neigt man in solchen Momenten auch zu Sensationsgier. Das geht Twitter-Usern so, das geht aber auch Journalisten so. Solche Momente sind aufregend, auch wenn man sich der Perversität des Grundes für Aufregung durchaus bewusst ist. Pia Röder hat einen kurzen Text geschrieben, dass sie die Aufregung in einer Redaktion in solchen Momenten vermissen würde. In den Kommentaren präzisiert sie:

Ich bin selbst erschrocken, akls ich ihn gestern nach Feierabend getippt habe. Die Tatsache, dass ich erst an den Stress in der Redaktion gedacht habe, anstatt an das Leid der Menschen dort, zeigt wie komplett durchgedreht diese scheiß Medienwelt ist. Und wie sie einen selbst, wenn man einmal drin steckt, komplett verrohen lässt.

Und das gilt vermutlich mittlerweile für uns alle, nicht nur für die Leute die direkt in den Medien arbeiten.