Jetzt mach doch mal lauter

Baller-Otto und Stoff-Ede

Ich habe aufgeräumt. Das kommt vor. Selten, zugegebenermaßen, aber immerhin. Dabei bin ich in Gefilde meiner Wohnung vorgestossen, in die ich selten komme. Zum Beispiel im Regal ganz unten Staub wischen. Ich habe auch hinter dem Herd sauber gemacht, da dachte ich, man könnte ja auch mal schauen, was sich im Regal ganz unten so tut. Vielleicht wohnt da mittlerweile jemand, man weiß es ja nie so recht. Entdecken tat ich sehr viel Staub. Sehr, sehr, sehr viel Staub. Und ein paar Vinyls. Es ist mir durchaus bewusst, dass ich sowas habe, ich mag zwar selten ins Regal ganz unten schauen, aber ich bin ja nicht verkalkt. Ich weiß zum Beispiel, dass ich eine Bootleg-Vinyl eines Rolling Stones Konzertes aus Atlantic City von 1989 habe, das auf dem legendären Swinging Pig Label erschien und damals™ unfassbar viel Geld kostete und nur unter der Hand zu bekommen war. Ich dachte mir „Das behalte ich und pflege es wie einen Schatz, denn es wird bestimmt mal wahnsinnig viel Geld wert sein und dann bin ich reich, reich, reich!“. Da wusste ich nicht, dass das Label sage und schreibe 60.000 Stück davon verkauft hatte. Nun ja. In 100 Jahren vielleicht.

Was ich aber nicht wusste, bzw. offenbar erfolgreich aus meinen Hirn gesoffen verdrängt hatte, ist Tatsache, dass ich aus Nostalgie-Gründen offenbar auch etliche Schallplatten aus meiner Kindheit und Jugend irgendwie durch sämtliche drölfzig Umzüge quer durch die Republik mitgeschleppt habe. Und ja, es sind peinliche Sachen dabei. Das macht aber nichts, ich blogge seit 15 Jahren, was kann da noch peinlich sein. Es geht aber erst nach dem Klick weiter, weil sich hinter dem Klick etliche Bilddateien verbergen. Mobile User seien gewarnt, die hinter den Vorschaubildern schlummerenden Aufnahmen sind alle extra groß, damit man die Details der Cover besser erkennen kann.

Fangen wir also an und ich verspreche, es wird… interessant.

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Mehr Jazz I

Als ich 26 war saß ich mit einem der großem A&R der damaligen Zeit zusammen. Einer der Angestellten der Musikindustrie, die alles, wirklich alles mit gemacht hatten. Ein Mensch, der in den 60ern mit den Beatles, den Rolling Stones und den Doors groß geworden war war, einer der wenigen, die den Aufstieg von Led Zepplin und Roxy Music hautnah, weil im Business beschäftigt, erlebt hatten. Er war damals bei einem leider schon lange untergegangenen Label angestellt und seine Vinyl-Sammlung war legendär. Es hieß, dass er alle B-Seiten, alle Sonderdrucke und alle, der damals sehr seltenen Radio-Edits seiner Zeit gesammelt hatte. Seine LP-Sammlung war angeblich so groß, dass das Haus, in dem er damals lebte, dem Einsturz nahe war, weil er die schweren Vinyls alle im ersten Stock sammelte. Nach dem das Haus Risse zeigte, empfahl ihm ein Statiker seine Sammlung teilweise auszulagern, was er dann schweren Herzens in einer angemieteten Garage tat.

Ich hatte das Vergnügen einmal bei ihn zu Besuch zu sein, das war nachdem er die Garage schon gemietet hatte, und nur noch seine größten Schätze im Haus waren. Wir sprachen viel über die Doors, Richie Blackmoore und andere Größen, aber irgendwann meinte er, völlig unvermittelt, dass man nichts, aber auch gar nichts, von Musik verstehen würde, wenn man nicht Miles Davis, John Coltrane oder Art Blackey gehört habe.

Für mich war damals Jazz, egal welcher Epoche, ein unhörbares, langweiliges, teilweise schreckliche atonales Gespiele. Unhörbar, unempfindbar und völlig unpassend in mein damaliges Musikgefühl. Es stand überhaupt nicht zur Debatte, dass ich mich jemals, auch nur annähernd mit dem Thema Jazz auseinandersetzen würde. Deutscher Schlager, Easy Listening, Jazz. Das war für mich damals ein und dasselbe.

Aber wenn man wirklich ein Ohr für die Musik hat, wenn man immer wieder neue Künstler sucht, die genau das ausdrücken, was man empfindet, und die das viel besser ausdrücken als all die Popstars, die die Industrie so hervor bringt – wenn man vermeintlich alles gehört hat, wenn man durch die Epochen gesprungen ist, wenn man Pink Floyd, Beirut, Kaiser Chiefs, Blumfeld, Genesis, Kings of Leon, Led Zeppelin, Calexico, Jimi Hendrix, die Doors, die Pixies, Beatles, Guru, Tom Waits, Air, Bauhaus und durchaus auch Coldplay gehört hat, dann stellt man fest, dass dahinter eine Leere bleibt, Es wiederholt sich, in modernisierten Zyklen alles, was man so kennt. Und wenn auf den Grund gehen möchte, wenn man verstehen möchte, was all die großen Menschen, die die Popkultur geprägt haben, einmal angetrieben hat, wenn man die Wurzeln entdecken möchte, dann landet man bei Jazz der 50er und frühen 60er Jahre. Bebop ist so ein Schlagwort, im wahrsten Sinne des Beats, das viele angetrieben hat. Und schon ist man bei Miles Davis, John Coltrane, Thelonius Monk, Dave Brubeck oder Sonny Rollins. Es gibt viele Namen aus der Zeit, viele davon sind in Vergessenheit geraten, aber sie alle waren und sind dafür verantwortlich, dass wir heute R&B, Blues, Rock und Pop hören.

Der A&R hat am Ende Recht behalten. Ich bin irgendwann beim Jazz gelandet. Nicht weil er mich interessiert hat, sondern weil ich wissen wollte, wo die Musik her kommt, die ich heute höre. Man findet Jazz Anleihen im Pop, im Country, im Techno und in vielen anderen Bereichen der Musik. Man muss den „puren“ Jazz nicht mögen, aber er ist da, man hört ihn überall, gerne und viel auch im Rap. Aber einer der Punkte, die mich zum Jazz gebracht haben war, dass die Musiker wirklich Musiker waren. Sie beherrschten damals ihre Instrumente perfekt. Egal ob man Davis, Monk, Brubeck, Coltrane, Hancock, Tjader oder anderen zuschaut, es ist ein unfassbar großer Schritt, den man beobachtet. Sie alle haben ein Instrument klassisch gelernt, das heißt auf Grund der Vorlagen der klassischen Musik – aber was haben sie selber, aus eigenem Antrieb daraus abstrahiert, wie schwer muss gewesen sein, die Improvisation zur Kunst zu erheben.

Ich will niemanden bekehren. Jazz ist am Ende wie eine Religion, von der man weiß, dass man sie nicht erklären kann, sondern dass man sie für sich selbst entdecken muss. In der Überschrift steht eine Zahl, vielleicht wird aus dem Artikel eine Reihe, mal sehen. Erst einmal zwei Stücke, die einen guten Einstieg bieten.

Miles Davis – All Blues – 1964

September 1964 in Los Angeles

Miles Davis – trumpet
Wayne Shorter – tenor sax
Herbie Hancock – piano
Ron Carter – bass
Tony Williams – drums

Thelonious Monk: Blue Monk

Oslo, April 1966

Thelonious Monk – Piano
Charlie Rouse – Tenor Sax
Larry Gales – Bass
Ben Riley – Drums.

Zoe Keating & Hakon Kornstad

Ist ja mein Blog! Da kann man auch mal diese neumodischen Musikvideos posten, soll ja modern sein. Das ist auch viel leichter, als zu schreiben: „Boah, super. Müsst ihr kaufen.“ Ich bin sowieso der Meinung, dass Plattenkritiken CD… mp3 Reviews entweder ganz wegfallen können, weil sie eh viel besser über ein Empfehlungsmanagement zu mir kommen, oder nichts mit der Musik zu tun haben dürfen (Der „Diedrichsen-Effekt“).

Als erstes Hakon Kornstad. Wobei ich direkt einschränken möchte, dass er live um drei Klassen spannender ist, als so auf Vinyl CD mp3. Das liegt daran, dass er live sehr viel mehr improvisiert. Und zu sehen, wie er diese Sachen aus seinem Saxophone raus wringt, ist dann noch mal was ganz anderes. Da steht einer alleine auf der Bühne, mit nichts anderem als seinem Saxophone und ein paar Samplern und improvisiert, dass Keith Jarrett ganz feucht wird. Es gibt auch erstaunliche Kritiken an erstaunlichen Stellen. Das neue Album kann man auf seiner Webseite komplett hören, kaufen kann man es hier.

Zoe Keating dürfte vielleicht einigen etwas sagen, die die Band Rasputina kennen, weil sie da eine für eine kürzere Zeit mit gespielt hat.. Zoe Kaeting macht ungefähr das, was Kornstad macht, nur mit einem Cello und etwas energetischer. Letztes Album: One Cello x 16: Natoma.